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 Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren

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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 25 Aug 2013, 21:01

Im ersten Moment hätte Morwe schwören können, dass das Messer ihm galt. Umso überraschter war er, als hinter ihm Geräusche erklangen und die Hintertür quietschend aufschwang. Zumindest war es das, was er interpretierte, denn sein Gehör war durch die Schimpftirade, die ihm seitens der Zwergin entgegenschlug, vollkommen ausgelastet. Wenn es denn tatsächlich Worte waren. Die hustend hervorgewürgten Laute schmerzten ihm in den Ohren. Sie waren kehlig, kratzig und rau, eher die Art von Sprache, die er aus dem Mund eines Trolls erwartet hätte, doch nicht von der Zwergin vor ihm.
Allerdings kam er rasch zu dem Schluss, dass es ihm lieber war, wenn sie ihn in ihrer Sprache anschrie. Wahrscheinlich war ihr Zetern bis ans andere Ende von Imladris zu hören. Und er wollte auch gar nicht wirklich wissen, als was sie ihn alles beschimpfte.
Jäh brach das Fluchen ab und machte rasselndem Atem platz. Die folgende plötzliche Stille bohrte sich unangenehm in Morwes Magen, es wäre ihm nun sogar lieber gewesen, wenn sie damit fortgefahren wäre ihn weiter zu verunglimpfen. Alles erschien ihm erträglicher zu sein, anstelle des eisigen Schweigens, das ihm entgegen brandete.
Beherrscht erhob sich die Zwergin. Ihr Gesicht war regungslos und ruhig, Zu ruhig. Allein ihre Augen verrieten lodernden Zorn und Morwes Mundwinkel zuckten nervös. Dennoch bemühte er sich seine Maske aus Unschuld und Betroffenheit aufrechtzuerhalten. Er wusste auch nicht mit welchem anderen Ausdruck er dem funkelnden Blick der Zwergin gegenübertreten sollte.
Aber was hatte er erwartet? Selbstverständlich war sie wütend auf ihn. Das war abzusehen gewesen. Letztlich war es besser, wenn sie einen Groll gegen ihn hegte, solange sie dafür nicht in ihrer Trauer versank. Ich werde sie ja wahrscheinlich ohnehin nie wieder sehen, sobald sie Imladris verlassen hat.
Trotzdem - der eisig starre Blick, mit dem sie ihn fixierte, ließ nichts gutes erahnen. In Morwes Brust kribbelte es unheilvoll. Er kannte diesen Blick nur zu gut. Bitterer Geschmack sammelte sich in seinem trockenen Mund. Und noch jemand, der mir nach dem Leben trachtet. Morwe schluckte. Er gab die Maske aus Betroffenheit auf und hoffte inständig, dass die unausgesprochene Morddrohung der Zwergin nur eine Art zwergischen Jähzorns war, der sich rasch wieder legen würde.
Auf einmal durchbrach zaghaftes Klopfen die Stille. Morwe fuhr zusammen. Sein Herz machte einen Sprung, gleichzeitig fühlte er dennoch sogleich Erleichterung bei der ihm vertrauten Weise des Anklopfens.
Ohne den Augenkontakt mit der immer noch still stehenden Zwergin zu unterbrechen, machte er einen großen Bogen links um sie herum in Richtung der Tür. Zu seinem Erstaunen blieb die Zwergin jedoch anstelle seinen Bewegungen zu folgen mit dem Rücken zu ihm stehen.
Morwe tat an der Tür ein Klopfzeichen, woraufhin ihm sein Freund auf der anderen Seite der Tür seinerseits mit einem antwortete. Erleichtert öffnete Morwe ihm.
„Wähnst du dich noch immer verfolgt, mein Bester?“, grinste ihm ein zum Glück scheinbar unversehrter Rínon entgegen.
„Um die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich bedrohter denn je.“, schnaubte Morwe, doch nicht ohne ein Schmunzeln. „Fehlt dir auch nichts? Ich hörte unschöne Kunde von meinen beiden Jägern, dass Menelo dich ergriffen hätte.“
Rínon zuckte leichtfertig die Schultern und trat ein. Rasch schloss Morwe die Tür wieder hinter ihm. Dabei entging ihm nicht, wie die Bewegungen seines Freundes weniger leichtfüßig wirkten als gewöhnlich.
„Die Valar scheinen mir hold zu sein. Herr Elrond stieß unerwartet zu uns, bevor Menelo handgreiflich werden konnte. ...Aber sag, weshalb flüstern wir? Und wo hast du Nîn versteckt?“, versuchte er einen heitereren Ton anzuschlagen und sah sich interessiert um.
“Nîn“... Das war den Name gewesen.
Irritiert kniff Morwe die Augen zusammen. „Warum wir flüstern verrate ich dir, wenn du mir sagst, wie du mich hier überhaupt gefunden hast und woher du weißt, dass unser Gast bei mir ist.“
„Der ehrenwerte Herr Elrond sieht alles und weiß alles.“, grinste Rínon kryptisch. ...„Aber sag du mir lieber: Ist das da Blut auf meinen Kleidern?“ Sein Freund musterte ihn mit offensichtlichem Unbehagen.
„Zum Ersten: Er sieht und weiß nicht alles, was wohl auch zu seinem Besten ist, und zum Zweiten: ... Nun...“, Morwe setzte eine Unschuldsmiene auf. „...es ist komplex... Aber sei dir versichert, ich werde dir die Kleider ersetzen.“
Mit gespielter Beleidigung verschränkte sein Gegenüber die Arme. „Das will ich auch hoffen!“
„Ich werde dir persönlich Neue schneidern.“
„Oh ja, das wirst du! ...Warte! Nein, wirst du nicht!“, fügte sein Freund mit panischer Miene rasch hinzu, woraufhin Morwe nur grinste.
Rínon trat aus dem Eingangsbereich in den Raum links. Verwirrt blieb er stehen und legte den Kopf schief, während er die immer noch regungslose Nîn besah. Er senkte die Stimme zu einem Wispern. „...Was ...genau tut sie da?“
„Sie ist gerade nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen.“, gestand Morwe. Ihm kam es nun doch ein wenig seltsam vor, dass sich die Zwergin nicht zu ihnen umdrehte, musste sie den Besuch doch bemerkt haben. Außerdem hatte sie Rínon schon kennengelernt. Ein flaues Gefühl meldete sich unwillkürlich in seinen Eingeweiden.
Auf Rínons fragenden Blick hin schilderte er ihm in aller Kürze, wie sie beide sich in der Gedenkstätte begegnet waren, wie Nîn ihn mit Elûdin verwechselt und zusammengestaucht hatte, ihr plötzlicher Zusammenbruch, die Flucht durch das Unterholz, ihr Zusammentreffen mit Calatar und Lómion bis hin zu seinem jüngsten Versuch sie aus ihrer Schwermut auf andere Gedanken zu bringen.
Sein Freund musste sich die Hand vor den Mund pressen, um nicht laut aufzulachen. Sein Gesicht lief rot an und er zitterte vor unterdrücktem Kichern am ganzen Leib.
„Ich würde dir vorschlagen dich um eine Medaille zu bemühen.“, feixte Rínon. „Gewiss hat noch kein Elb einen Zwerg  so weit auf Händen am Stück getragen wie du.“
Morwe schoss ihm einen verdrossenen Blick zu, sagte aber nichts weiter.
Dann wurde sein Freund plötzlich ernst. Er schaute erst nachdenklich auf Nîn, dann zu Morwes blutiger Schulter und murmelte: „Ich hoffe doch, sie hat sich nicht weiter verausgabt als das, was du mir gesagt hast. Immerhin ist sie erst heute Morgen erwacht und sollte eigentlich noch das Bett hüten. Dass sie so viel Blut verloren hat, ist schon bedenklich genug...“
Das Ziehen in Morwes Bauch wurde stärker.
Rínon fuhr zögerlich fort und tat einen weiteren vorsichtigen Schritt in Nîns Richtung. „Du hättest sie sich vielleicht nicht so aufregen lassen sollen... Vielleicht ist sie vor Erschöpfung im Stehen eingeschlafen...“
Vor Morwes geistigem Auge erschien das Bild wie die Zwergin sich hustend vom Stuhl gerollt hatte und schmerzhaft zusammengezuckt war. Seine Augen huschten über den merkwürdigen Handschuh an ihrer linken Hand. Dabei fiel ihm ein Fleck auf ihrer Seite auf, der vorhin definitiv noch nicht dagewesen war. Seine Hände schlossen sich angespannt zu Fäusten.
„...Was meinst du mit sie ‚sollte eigentlich noch das Bett hüten‘? Ist sie denn nicht... Ich meine, ... ihre verbliebenen Verletzungen sind doch bloß noch rein... oberflächlicher Natur. ...Oder?“
Die Gestalt vor ihm erstarrte. Langsam drehte Rínon seinen Kopf zu ihm. „...Morwe...“, seine Kiefermuskeln zuckten. „Gibt es da vielleicht etwas, dass du mir nicht mitgeteilt hast...?“
Sein Rücken fühlte sich plötzlich kalt und nackt an. Feine Nadelstiche zeichneten die Linie seiner Wirbelsäule nach. „Aber... sie ist doch aufgewacht. Und das heißt, ihr Körper ist innerlich wieder geheilt. ...Ist das denn nicht auch bei Zwergen so?“ War es denn nicht so, dass ihre Körper so zäh und standhaft waren, wie man sagte? Heilten ihre Leiber denn nicht wie die der Eldar, indem sie all ihre Kraft dafür aufbrachten ihre inneren Wunden zu schließen und erst wieder erwachten, wenn ihre Körper wieder kräftig genug waren?
Voll Grauen stellte Morwe fest, dass der dunkle Fleck größer geworden war. Ihm drehte sich der Magen um.
„Nein... Es ist leider nicht so....“, merkte Rínon mit spitzer Stimme an. In seinen Zügen breitete sich wachsende Panik aus. Auch er schien den Klecks registriert zu haben, der inzwischen im Feuerschein auf dem Leinengewand schimmerte. „Was in Manwes Namen hast du mit ihr gemacht?!“, zischte er.
Morwes Handflächen waren klamm vor Schweiß. „Sie hat sich vom Sessel gerollt, nachdem ich sie in Staub gehüllt habe und ist nicht sehr... sanft.... gelandet.“
Er kam sich furchtbar einfältig vor. Doch so wie sich die Zwergin gebärdet hatte, hatte er angenommen, sie sei wieder wohlauf und nur ihre oberflächlichen Kratzer und Schnitte müssten noch verheilen. „Ich dachte sie... sei fast wieder gesund. Sonst hätte ich sie doch unlängst zu Venyannen gebracht!“
Plötzlich packte ihn Rínon unsanft am Arm. „Zwerge sind aber nicht wie wir!“, fluchte er leise und eindringlich. „Sie heilen anders! Schneller als die Sterblichen, aber trotzdem viel langsamer! Und auch wenn sie aus dem Koma erwachen, meint das lange nicht, sie seien schon wieder wohlauf!“ Sein Freund krallte sich die Fingernägel seiner freien Hand in die Wange. „Was tun wir jetzt?! Wenn sie so schwer verwundet war, wie es heißt, können wir vielleicht nur noch beten, dass sie es überlebt, wenn ihre inneren Wunden wieder aufgerissen sind!“
Die Worte seines Freundes pochten seltsam dumpf in Morwes Ohren. Für einen Augenblick schwindelte es ihm. Wann hatte er das letzte Samenkorn zu sich genommen? Wann es auch war, er hatte das dringliche Bedürfnis nach einem. Und nach Ruhe. Erst diese verfluchte Fehde, die plötzlich über ihn hereingebrochen war, und jetzt auch noch das. Warum hatte er nicht besser auf die Zwergin aufgepasst? Weshalb war er so unaufmerksam und dumm gewesen? Aber er hatte wirklich angenommen, sie sei wieder körperlich belastbar. Woher hätte er wissen sollen, wie der Körper eines Zwergs sich regenerierte und wie lange so etwas dauerte? Wieso hatte die Zwergin nichts gesagt? Wieso war sie so schonungslos mit sich umgegangen?
...Und wieso konnte ihm ihr Schicksal nicht einfach egal sein? Wieso musste ihm ausgerechnet am Leben dieser dickköpfigen unverschämten kleinen Zwergin etwas liegen?
In seinem Kopf drehte sich alles.
Jetzt erinnerte er sich auch wie lange seine letzte Dosis Fahltau her war. Vor knapp einer Woche hatte er vor der notdürftigen Zusammenkunft mit seinem Großvater, Großonkel und Elûdin eine kleine Kapsel genommen, um seine Nerven zu schonen. Seitdem hatten sich die Ereignisse überschlagen und er hatte in ihrem Strudel nicht einmal genug Zeit gefunden sich genügend auszuruhen. An die Kapseln hatte er da erst recht nicht gedacht. Was auch erklärte, weshalb er sich seit gestern ungewöhnlich tumb und tollpatschig fühlte...
Rínons knochiger Zeigefinger stieß ihm unsanft gegen die Stirn und aus seinen Gedanken. „Lass du mich nicht auch noch alleine!“, die Augen seines Freundes waren weit. „Wir müssen etwas tun! Irgendetwas! Zu Venyannen - oder wem auch immer, ganz egal!“
„...Was?“
„Bei den Valar, ein Heiler! Bist du jetzt auch schon von Sinnen?!“, Rínon schüttelte ihn kräftig. „Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich hinlegt. Wenigstens fürs erste, bis wir jemanden geholt haben, der ihr hilft...“
Morwe rieb sich die pochenden Augen. „Besser du versuchst es. Sie hat mir eben noch mit Blicken nach dem Leben getrachtet...“, er sah zu Nîn. Verschwamm seine Sicht oder war sie es, die schwankte?
Behutsam trat Rínon an die Zwergin heran und stellte sich vor sie. Er brachte seinen Kopf auf ihre Höhe und versuchte ein Lächeln. Es wirkte furchtbar verkrampft.
„Nîn?“

Bis die zwei Quatschköpfe mal in die Pötte kommen ist Nîn schon drei mal verblutet... pale bin mal gespannt wie viel du sie von dem Gerede mitbekommen lässt ^^" ....mir fällt grade ein, dass Morwe seinen Stoff in seinen anderen Sachen hatte und ja jetzt in Rínons Klamotten rumrennt... schöner Mist. Was mir grade noch einfällt: Wenn sich die zwei ein Bild davon machen wollen, wie schlimm es ist, müssen sie Nîn ausziehen... zumindest etwas *pfeif*  jedenfalls einer, der andere kann ja in der Zwischenzeit Hilfe holen...
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 25 Aug 2013, 22:24

Feuer betrat Nîns Gesichtsfeld. Die Zwergin wunderte sich für einen Augenblick, warum Feuer so aufrecht laufen konnte, doch dann bemerkte sie einen Elbenkopf unter den Flammen. Zudem waren die Flammen gar nicht so feurig. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie unter den rotblonden Haaren das Gesicht des freundlichen Elben vom Vormittag erkannte. Mit den Haaren konnte er sicher ein gutes warmes Feuer machen. Er sprach ihren Namen aus.
Er hat ihn behalten...Ich glaube, Rínon war seiner gewesen...Oder ist es womöglich immer noch...
Er hatte ihr die Schuhe angezogen, war nett gewesen und hatte ihr die Kleidung gebracht.
Oh...
Betreten wich sie seinem Blick aus und schluckte schwerfällig, während sie den nassen Fleck auf ihrem Gewand mit den roten Handflächen zu verdecken versuchte.
Unzählige Varianten einer Entschuldigung schossen ihr durch den Kopf, bis ihr aus heiterem Himmel einfiel, dass Rínon ihre Gedanken ja gar nicht hören konnte. Sie warf ihn einige Male einen kurzen Blick zu, bis sie genug Kraft geschöpft hatte, um ihm nach einem Blick in einer ihr vollkommen fremden Stimme zu sagen: "Es tut mir Leid..." Und nach einer kurzen Erinnerung an ein paar Worte, die sie ihre Mutter vor langer Zeit hatte sagen hören fügte sie noch aufmunternd hinzu: "...ich werd den Fleck großflächig hinaus schneiden und was anderes drüber nähen, dann ist es wie neu..."
Rínon antwortet nicht sofort. Sicher war er einverstanden damit. Das war ein guter Plan. Als Stoff könnte sie etwas von den Vorhängen nehmen, die den grausigen Blick in den 'Garten' verdeckten. Sie war jetzt alt genug. Keiner der Ungeheuer aus den Wäldern konnte ihr jetzt noch etwas anhaben, also sollte sie vielleicht morgen den Garten etwas roden und statt dessen wieder ein paar nützliche Dinge anpflanzen. Einen Apfelbaum zum Beispiel. Der Geschmack von Äpfeln kam ihr in den Sinn und ihr fiel abermals auf, dass sie seit ihrem Erwachen noch keine Nahrung zu sich genommen hatte und nur Aule wusste, wie ihr Körper 2 Wochen schlafend überlebt haben konnte.
"Das ist schon in Ordnung, das... fällt kaum auf." Rínons Stimme riss sie wieder aus ihren Gedanken und sie war empört. Sicherlich war es als Kompliment gemeint, denn Rínon war jemand, der nur Komplimente im Sinn hatte, doch Nîn fand trotzdem, dass es gewaltig auffiel. "Mir fällt es aber immer öfter auf und als mein Magen geknurrt hat, wurde Morwe fast von diesen 2 Blechdosen gefunden."
Blanke Panik fuhr ihr durch die Glieder. Morwe war fast entdeckt worden! Ging es ihm gut?!
Erleichterung machte sich in ihr breit, als sie sich wieder daran erinnerte, dass sein Zustand egal war, weil sie schließlich nicht gut auf ihn zu sprechen war. "Morwe ist doof..."
"...Ja, das ist er in der Tat..." Rínon schien wegen irgendetwas absolut überfordert zu sein. Womöglich war er schon viel älter, als Nîn vermutete und hatte deshalb Probleme mit seinem Rücken. Es war wirklich ungeschickt von Elben so groß zu werden, dann mussten sie sich doch wegen allem um sie herum hinunter beugen. Sie erinnerte sich wage an ein Stechen in ihrem Gesicht und fasste mit der nassen Hand nach ihrer Verletzung, doch sie spürte kaum etwas. Erst, als sie die Hand wieder zurück zog um zu sehen, ob ihre Wunde Blut an den Fingerspitzen hinterlassen hatte, fiel ihr auf, dass ihre ganze Handfläche rötlich schimmerte. Sie war auch wirklich ein Idiot. Das war natürlich absolut sinnlos gewesen. Jetzt hatte sie die Hand umsonst auf den Blutfleck gehalten, weil Rínon den Fleck nun doch sehen konnte, als sie ihre Hand ans Gesicht geführt hatte, und zudem war es schwer nach Blut zu tasten, wenn sie Finger doch blutig waren. Womöglich ging es ihrem Gesicht absolut gut und nun hatte sie sich ein paar Streifen ins Gesicht geschmiert. Hilflos schaute sie in Rínons weit geöffnete Augen. "Sieht man da was?" Ein Spiegel wäre jetzt nicht schlecht gewesen. Die Stimme des Elben wirkte etwas hölzern, als würde er nicht vollständig die Wahrheit sagen. "Nein! Dein Gesicht sieht wunderschön aus, wie das strahlende Licht des Abendsternes, das auf Luthien persönlich hinab scheint." Nîn hatte absolut keine Ahnung, was Rínon damit meinte, aber es klang schön, also schenkte sie ihm ein Lächeln. Wie aus weiter Entfernung spürte sie die Berührung seiner Hand an ihrer Haut. Sie war so warm, als würde Nîn sich an ein harmloses Kaminfeuer lehnen. "Nîn, wie wäre es, wenn du dich etwas hinlegst? Es war ein langer Tag und du bist sicherlich erschöpft."
Natürlich bin ich erschöpft, was denkt er denn? Ein Wunder, dass ich mit so einem Loch im Bauch noch gerade stehen kann. Es dauerte einen Herzschlag lang, doch dann wurde Nîn sich über die Ironie der Umschreibung ihres Hungers bewusst und sie musste kichern. Kein Wunder, dass bsiher keiner ihr etwas zu essen gebracht hatte. Womöglich hatten das bisher einfach nur alle wegen ihrer Verletzungen falsch verstanden. "Ich hab Hunger und der Ork hat meinen Rucksack ausgeleert. Er hat alles zerstört, ich hab gar nichts mehr..." Ihre Augen wurden feucht. Rínon ging vor ihr in die Hocke um ihr von unten ins Gesicht schauen zu können, während seine Hand eine Bewegung über ihren Arm machte, als wollte er ihn mit Seife einreiben. "Du hast noch eine Menge... irgendwo...Und Herr Elrond hat mir sogar etwas mit gegeben, von dem er behauptete, dass du dich sehr drüber freuen würdest. Aber damit ich dir das geben kann, musst du dich erst etwas hin legen, in Ordnung? Und während du das tust, ist Morwe auch schon unterwegs um dir ein fantastisches Festmahl zu besorgen." Erst jetzt fiel Nîn Rínons kleiner Sehfehler auf. In seinen Sätzen betonte er einzelne Wörter recht merkwürdig und schielte dabei an ihr vorbei, sodass er mehr die Tür ansah, als sie. Doch Nîn sah großzügig darüber hinweg. Jeder hatte schließlich so seine Eigenheiten. Langsam setzte sich in Nîns Kopf die Botschaft von Rínons Aussage zusammen. Es ging um Essen und Geschenke und sie nickte lächelnd. Wie konnte man bei so einem Angebot nein sagen, wenn es dazu noch aus so schönen Augen zu ihr sprach. Sie sahen so aus wie... Verwirrt versuchte sich Nîn an die Farbe zu erinnern, doch sobalt Rínon vor ihr aufgestanden war und sie kaum wahrnehmbar zu der gepolsterten Liege buchsierte, die in der Mitte des Raumes stand, hatte sie seine Augen zu ihrem bedauern wieder vergessen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 26 Aug 2013, 18:09

Seine Gedanken überschlugen sich.
Ein Heiler! Denk nach!
Rínons eindringlicher Blick machte es nicht besser. Hilflos zuckte Morwe die Schultern und schüttelte den Kopf. „Wer denn?!“
Rasch huschten die Augen seines Freundes umher, das Gesicht zu einer angespannten Maske erstarrt.
Egal wer Morwe in den Sinn kam, sie alle waren entweder viel zu weit entfernt, als dass er sie auch nur erreichen konnte, bevor die Zwergin verblutet war oder sie würden ihnen nicht helfen. Jene aus seiner Familie brauchte er gar nicht erst zu fragen, Gastfreundschaft hin oder her. Aber jede Minute, die er zögerte, brachte Nîn dem Tod näher!
Mit sanfter Gewalt versuchte Rínon die benommene Zwergin zur Liege zu transportieren. Auf einmal hielt er wie vom Donner gerührt inne. „Vanye!“, rief er aus.
Morwe guckte ihn an als hätte er den Verstand verloren. „Jemanden in Imladris, du Irrsinniger!“
„Ist sie!“, entgegnete Rínon prompt. „Oder sollte sie zumindest. Sie hätte heute ankommen müssen, ich hätte sie vor der Dämmerung am Haupttor in Empfang nehmen sollen - vergib mir, dass du es erst jetzt erfährst!“, setzte er mit um Verzeihung heischender Miene nach. „Gewiss wird sie da sein! Los, geh und hol sie!“
Doch Morwe war wie versteinert. Das eben noch heiße flüssige Eisen in seinen Beinen war jäh erkaltet, unfähig seinen Verstand um einen klaren Gedanken zu schlingen, stand er mit offenem Mund da.
Los!!“
Instinktiv versetzte ihn der harsche Befehlston in Bewegung. Er wusste nicht wann er die Tür geöffnet und über den Platz gelaufen war, aber auf einmal fand Morwe sich auf dem Weg ins Tal zum Haupttor wieder. Dumpf hämmerte ihm der Klang seines Herzens in den Ohren. Die Welt um ihn gerann zu einem wirbelnden Farbschleier, Wind brauste ihm durch das Haar. Dass er den Leuten auf dem Pfad auswich oder vielmehr, dass dort überhaupt Leute vor ihm gewesen waren, bemerkte er stets erst, wenn sie schon wieder aus seinem Sichtfeld verschwanden. Er rannte als ob ein ganzes Bataillon Orks ihm auf den Fersen wäre.
Und doch stand die Welt still.
Vanye...
Zwischen seinem Körper und Geist tat sich ein Riss auf. Mit jeder endlosen Sekunde, die verstrich, klaffte er größer und größer. Glühender Schmerz quoll aus der Wunde. Morwe fühlte seine Füße den Boden nicht mehr berühren. Unaufhaltsam raste er in einen bunten Strudel. Erinnerungen durchsetzten die Wirklichkeit, füllten sie mit Bildern, Klängen, Worten wie von Geisterstimmen.
Ihre Augen glommen so klar wie das reinste Wasser. Blauer als der strahlendste Himmel. Was hätte er gegeben, um in ihre unergründlichen Tiefen eintauchen zu können und in ihnen zu versinken. Seine Hand fand zu der Strähne, die ihr ins Gesicht gefallen war. In einem Anflug von Zärtlichkeit strich er sie hinter ihr Ohr zurück. Vanye schaute zu ihm auf und plötzlich trat das Meer ihrer Augen über seine Ufer, floss ihre Wangen hinab. Ihre Lippen bebten. „...Etwas wird dir widerfahren und es steht nicht in meiner Macht es aufzuhalten.“ Wie wahr war ihre Ahnung doch gewesen. Er hatte ihr nie verraten, mit welcher finsteren Absicht er an jenem Abend auf das Fest gegangen war. Und er hatte ihr auch nie verraten, dass sein eigener Hass es war, der gegen ihn zurückgeschlagen war. Das Gift hatte seinen Weg zu Elûdins Lippen nie gefunden. Stattdessen hatte es die Morwes selbst benetzt.
Danach war nichts mehr wie früher gewesen.
Schwach krochen vereinzelte klare Gedanken in sein Bewusstsein zurück. Hoffentlich liege ich nicht irgendwo im Gebüsch und halluziniere... Morwe versuchte sich gegen die Flut aus Gefühlen zu wehren, die ihn zu übermannen drohte. Mein Körper ist ohne den Fahltau völlig überreizt, das ist alles. Mit aller Anstrengung, die er aufbringen konnte, quälte er sich über den klaffenden Abgrund zurück. Kalter Schmerz empfing ihn. Seine Brust brannte. Seine Lungen schrien. Blut pumpte donnernd durch seinen Leib. Irgendwo unter sich spürte er seine Beine, die noch immer rannten. Ihm war, als schlüge er mitten im Lauf die Augen wieder auf, ohne sie jedoch wirklich geschlossen zu haben. Seine Sinne kehrten ihm zurück und im abendlichen Dämmerlicht tauchten vor ihm die Säulen jener Halle auf, aus der er noch vor nicht allzu langer Zeit mit Nîn vor Lómion und Calatar geflohen war.
Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Reiter! Sie musste bei ihnen gewesen sein!
Aber wo mochte er Vanye jetzt finden? Ihr altes Haus war schon längst von jemand anderem bewohnt. Ihre Kammern bei den Heilstätten, die sie vor beinahe 100 Jahren zurückgelassen hatte, gehörten ihr nicht länger.
Jemand von der Wache wird sie gesehen haben und kann mir bestimmt Auskunft geben.
Inzwischen waren die Fackeln in den Gängen angezündet worden. Es war noch immer ungewöhnlich leer. So schnell ihn seine Beine trugen preschte Morwe den Korridor entlang und bog dieses Mal nach rechts in den mittleren Weg ein. Zu dieser Zeit musste der Torwächter vom Nachmittag in seinem Zimmer sitzen, um die Geschehnisse und den Verkehr zu protokollieren. Er würde wissen, wo die Neuankömmlinge untergebracht waren.
Doch so weit kam Morwe nicht. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie zwei Personen die schmale Seitentreppe zu seiner Linken hinabstiegen. Schlitternd bremste er ab und kam gerade noch am hinteren Geländer zum Stehen. Keuchend wandte er sich um. Es waren Lindir und - Vanye!
Seine Knie wurden plötzlich weich und er musste sich an den Podest des Treppengeländers klammern, um nicht zusammenzusacken. Die beiden waren in ihrer Bewegung verharrt und starrten ihn voller Entgeisterung an. Besonders Lindirs Miene war alarmiert. Er war seit dem Vorfall vor zwei Wochen immer noch schlecht auf ihn zu sprechen.
Ein paar himmelblauer Augen fing Morwes Blick ein und fixierte ihn aufmerksam.
Selbst der Marmor der Treppe wirkte dunkel im Kontrast zu Vanyes Haut. Mit ihrer zierlichen Statur und kindlichen kleinen Gestalt wirkte sie wie eine Puppe aus Porzellan. Rot-blondes Haar, das einzige Indiz ihrer Verwandtschaft mit Rínon, fiel lang über ihre schmalen Schultern. Ihre grazilen Finger umfassten den nachtblauen Rock, um ihn nicht über den Boden schleifen zu lassen, erschlafften jedoch plötzlich und blieben kraftlos hängen.
„...Morwe?“ Selbst ihre Stimme war so zart wie die eines Kindes.
Er tat einen tiefen Atemzug. „Ich muss gestehen, ich hatte mir unser Wiedersehen anders erhofft... Bedauerlicherweise fehlt mir die Zeit dir zu sagen wie Leid es mir tut, dich so in Empfang nehmen zu müssen und dir gleich noch dazu eine dringliche Bitte abzuverlangen-“, sprudelte er hervor. „denn das ist es, was ich jetzt tun muss. Ich - das heißt nicht nur ich, sondern auch Rínon und ... noch jemand... - benötigen deiner Hilfe. Und zwar leider ausgesprochen dringend!“
Benommenheit schlich sich in sein Bewusstsein zurück. Überall in seinen Gliedern kribbelte es, vor allem in seinen Fingerspitzen und Beinen. Vielleicht hatten die Wirrungen der letzten Woche zusätzlich dazu beigetragen, dass sein Körper die Wirkung der Samen rascher als sonst verbraucht hatte, denn so überreizt sollte er nach nur etwas mehr als einer Woche ohne die Substanz nicht sein. Hoffentlich hatte Vanye auch nur einen Bruchteil seiner Worte verstanden, die viel zu schnell aus ihm herausgebrochen waren.
Ihre schneeweiße Stirn legte sich in Falten und Vanye legte den Kopf schief. Ihre Augen musterten ihn von oben bis unten. Ein seltsam aufmerksames Glimmen schimmerte in ihnen.
...Sie ist eine Heilerin..., schoss es ihm unvermittelt durch den Kopf. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Sie wusste wie Abhängige aussahen...
Morwe schluckte.
Neben ihr schaute Lindir verwirrt zwischen ihnen hin und her. Gerade als er empört den Mund aufmachen wollte, kam Vanye ihm zuvor. „Führe mich hin.“, sagte sie entschlossen und schenkte dann ihrer Begleitung ein Lächeln, süßer als Honig. „Ich danke Euch für Euren gütigen Empfang. Entschuldigt mich jetzt bitte.“
Sie machte einen angedeuteten Knicks. Rasch war sie Treppe hinabgeglitten und folgte Morwe, der einen zügigen Schritt vorgab, durch den Korridor.
„Auch wenn unser Wiedersehen ein wenig unorthodox ist,“, merkte sie an. Entgegen ihrer geringen Körpergröße und schmalen Erscheinung, hatte sie keine Schwierigkeiten mit ihm mitzuhalten. „...freue ich mich sehr dich zu treffen.“ Morwe sah überrascht zu ihr hinab. Sie strahlte ihn an und er konnte nicht umhin seinerseits zu lächeln.
Kaum dass sie aus Lindirs Sicht entschwunden waren, beschleunigte Morwe wieder und rannte mit Vanye an seiner Seite den Weg zurück. Sie schien mehr zu schweben als zu laufen. Leichtfüßig folgte sie ihm, die halsbrecherische Geschwindigkeit schien ihr nicht einmal Mühe abzuverlangen, auch nicht der ansteigende Pfad.
„Ich nehme an, es ist nicht Rínon, der meiner Künste bedarf.“, meldete sie sich in unbekümmertem Tonfall hinter ihm. „Wer darf ich fragen ist dieser geheimnisvolle ‚jemand?“
Morwe lachte nervös. „Eine Zwergin.“


Musste mich mit dem Schreiben was beeilen =S hoffe es ist nicht zu großer Kuddel-Muddel, wobei..... das war Absicht! Jaaah, genau! ....um dem Leser Morwes Durcheinander im Kopf näher zu bringen.... :pfeif:er ist eigentlich echt schnell unten in der Halle gewesen, Zeit ist halt relativ und in seinem Entzugsdelirium kam ihm das länger vor...
...irgendwie hab ich Vanye ein bisschen wie.... Luna vor Augen... Neutral halt mit roten Haaren xD ..vergib mir Engel  
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 26 Aug 2013, 19:54

Nîn stöhnte. Rínon hatte sie mit sanfter Gewalt dazu gebracht, sich hin zu legen, doch kaum hatte ihr Körper eine waagerechte Position eingenommen, breitete sich eine fürchterliche Übelkeit in ihm aus. Doch sie wehrte sich nicht. Liegen war entspannend und Entspannung war gut. Lange Zeit hatte sie nicht mehr vernünftig Entspannen können. Angestrengt versuchte Nîn sich zu erinnern. Sie war damals in Bree angekommen, ganz alleine nur mit ihrem alten Pony, und begann sich dort einzuleben. Ein alter Schmied, dessen Schmiede lange Jahre von ihrem Vater geleitet worden war, hatte sich ihrer angenommen. Die Zeit war wundervoll. Der Mann war in den Jahren von Nîns Abwesenheit fürchterlich gealtert, doch er war noch immer so freundlich und nett, wie Nîn ihn in Erinnernung hatte. Sie hatte sich wohl und sicher dort gefühlt, jedenfalls, bis die Orks anfingen, Jagd auf sie zu machen.
Die Zwergin saß mit einem Mal kerzengrade auf der Liege. Rínon packte sie und versuchte sie zurück auf die Liege zu drücken. Er verstand es einfach nicht! Sie musste ihn warnen. Diese dreckigen Handlanger würden ihn umbringen! Nur weil er ihr einen Unterschlupf gewährt hatte. „Bitte! Er darf nicht auch noch sterben! Lass mich zu ihm!“
Trotz ihrer Benommenheit schafft sie sich immer wieder Rínons Griff zu entwinden. Würde er nicht sterben, wäre mit Sicherheit alles anders gewesen. Sie wollte ihn nicht auch noch verlieren!
Ein Ruck ging durch Nîns Körper und ihre Bewegungen erstarben.
Sie spürte die Wärme, die der Elb wie ein Hochofen ausstrahlte. Ihr war so furchtbar kalt. Beruhigende Worte drangen an ihre Ohren, während seine Hand sanft durch ihr Haar strich. Wohlig und geborgen war das Gefühl, dass seine Arme in ihr auslösten. Es war nicht so, dass Nîn keine Männer mochte. Vielmehr sagte ihr ihre Erfahrung, dass die Natur aller Rassen dahingehend programmiert war, bestimmte unschöne Charakterzüge in optisch ähnliche Hüllen zu verpacken, damit man sie schon von weitem erkennen und aus dem Weg gehen konnte.
Doch diese Umarmung war so angenehm, dass sie beschloss, sich einfach fallen zu lassen.
Es konnte schließlich nichts passieren...
Alles war in harmonischer Ordnung.
Keinem würde irgendetwas passieren.
Die Geräusche aus der Ferne waren wie Donnergrollen, das bis tief unter Wasser zu ihr vor drang.
Ein dunkles Meer breitete sich um sie herum aus.
Sie sank hinab.
Schwerelos.
Tief.

Feuer flutete Nîns Körper!
Kein angenehmes warmes Feuer, sondern brennender Zorn aus den tiefsten Hallen Morias.
Sie schrie.
Hände packten ihren sich aufbäumenden Oberkörper und drückten sie zurück auf den harten Untergrund. Der Schmerz lies so schnell nach wie er gekommen war. Die Zwergin war mit einem Mal hell wach. Sie war in Bruchtal; Es war Nacht; Ein Heiler hatte ihr gesagt, sie habe geschlafen; Eludin hatte sie zu Elrond befohlen; Elrond hatte ihr von ihren Eltern erzählt und ihr einen Brief gegeben, bevor Eludins Bruder aufgekreuzt war. Sie hatte den Brief noch nicht gelesen, wo war er? Sie öffnete die Augen und schaute in zwei funkelnde Saphire. Es waren Augen und ein kindliches Gesicht mit besorgten Zügen gehörte dazu. „Zähne zusammen beißen und an etwas Schönes denken!“ Ihre Stimme war weich und melodisch, doch der bestimmende Unterton und das Holzstück, dass der Zwergin von der Seite aus gereicht wurde, ließen die ganze Situation nicht im entferntesten angenehm erscheinen. Sie griff nach dem Holz, das Rínon ihr käsebleich entgegen hielt und schob es sich zwischen die Zähne. Routine und Instinkt übernahmen ihren Körper. ‚Wer so dumm war, sich von Pfeilen durchlöchern zu lassen, würde das nach der ersten medizinischen Behandlung danach nicht noch einmal geschehen lassen‘, hatte ein - wie Nîn fand - sehr weiser Mann einst zu ihr gesagt.
Sie biss zu, hielt sich an den starken Armen fest, deren Hände ihre Schultern zu Boden drückten und wandte entschlossen den Blick von der blutigen Nadel ab, die das Mädchen in Händen hielt.
Morwes Blick kreuzte den ihren, bevor sie die Augen schloss und gab ihr wieder etwas Halt. Er strahlte Zuversicht und Vertrauen aus, was wesentlich beruhigender war, als der Anblick des schockierten und bleichen Rotschopfes neben ihr. Die Zwergin atmete ein letztes Mal tief durch und nickte dann kurz.
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 28 Aug 2013, 15:24

Achtung hab nicht mehr drüber gelesen. Zu kaputt dafür...

Vanyes Augen weiteten sich verwundert, während sie das Innere des Hauses in sich aufnahm. Inzwischen war der Geruch von Staub und abgestandener Luft dem von verbranntem Holz und alles überlagernd dem schweren Dunst von Blut gewichen. Morwe sah Nîn nicht mehr in der Mitte des Raumes stehen, auch von Rínon fehlte jede Spur.
„Wer lässt so ein herrlich gelegenes Haus so verkommen?“, meldete sich Vanyes weiche Stimme neben ihm.
Hektisch suchten Morwes Augen den Raum ab. Das flackernde Feuer verwandelte alles in konturlose tanzende Schatten. Kurz angebunden erklärte er: „Nicht lange nachdem du fortgegangen bist, haben Ehrengäste von Herrn Elrond das Haus als festen Wohnsitz erhalten. Zwerge. Und nun ist es an unseren Gast hier übergegangen.“
Dann erkannte er den unförmigen Umriss, der über die Lehne der Liege vor dem Kamin aufragte. Er packte Vanye bei der Hand. „Rasch!“
In Morwes Kopf hatten auf dem Rückweg viele mögliche Szenarien Gestalt angenommen, was sie erwarten mochte, wenn sie zurückkamen. Die meisten von ihnen beinhalteten eine tote oder eine im Sterben liegende Nîn, der nicht mehr zu helfen war. Oder gar eine Nîn, die in ihrem Delirium noch so viel Kraft aufgebracht hatte, Rínon auszutricksen und zu fliehen. Oder ihn anzugreifen. Was er aber sah, als er atemlos um die Bank hechtete, kam in keiner dieser Befürchtungen vor.
Wie Rínon es schließlich geschafft hatte die Zwergin auf die Liege zu bewegen, war ihm schleierhaft. Und noch viel schleierhafter war ihm, wie er es fertig gebracht hatte in einer engen Umarmung mit Nîn zu enden. Der Kopf der Zwergin lag an Rínons Brust, seine Hand strich beruhigend durch ihr Haar, während er sie mit dem anderen behutsam an sich drückte. Nîns Augen waren halb geschlossen. Schlaff hingen ihre Hände um den Rücken seines Freundes. Jetzt, wo er nah an den beiden stand, konnte Morwe durch das Knistern des Feuers leise Worte vernehmen, die Rínon murmelte. Er schien ihre Rückkehr noch gar nicht bemerkt zu haben.
„Wie es aussieht hast du wohl noch einen Patienten...“, seufzte Morwe und tippte seinem Freund auf die Schulter, der kaum merklich zusammenzuckte und sich perplex umdrehte.
„Von den Valar geschickt, bin ich hier euch aus eurer Not zu erretten. - Wie so oft schon.“, grinste Vanye ihrem Vetter mit einer Verbeugung entgegen. „Das kann ich aber nur, wenn du mich an die Versehrte heranlässt.“, und als Rínon sich vor lauter Verwunderung immer noch nicht regte, fügte Vanye trocken hinzu: „Das heißt, du sollst deinen Hintern von der Liege bewegen, Fanuidhol!1“
Vorsichtig, als wäre der Leib in seinen Armen aus Glas, legte er Nîn auf die Polster und tat einen Schritt zur Seite. Vanye machte sich sogleich an ihrer Patientin zu schaffen.
Besorgt musterte Morwe Rínon dabei von der Seite. Sein Freund war aschfahl, gleich wenn er Morgoth persönlich begegnet wäre. Seine Kleider waren verfärbt von dunklen Flecken, an seiner rechten Hand, mit der er die Zwergin gehalten hatte, schimmerte ebenfalls Blut. Sie zitterte noch mehr als der ganze Rest seines Körpers. Morwe wurde sich schlagartig wieder bewusst, dass Rínon kein Krieger war. Was sein Freund kannte, waren Raufereien, kleine Scharmützel und Geschichten von Kämpfen, den Krieg jedoch hatte er nie erlebt. Und Morwe wünschte es ihm auch nicht. Sachte legte er eine Hand auf Rínons Schulter. „Willst du nicht lieber kurz etwas Luft schnappen?“
Rínons Gesichtszüge zuckten nervös, aber Vanye kam ihm mit einer Antwort zuvor. Sie hatte inzwischen begonnen sämtliche nützlichen Utensilien, die sie bei sich trug, auf der Liege und dem Tisch auszubreiten. Phiolen, getrocknete Kräuter, Nadeln, Garn, Scheren und andere Werkzeuge, deren Bezeichnung Morwe nicht kannte. „Nichts da! Ich brauche euch beide hier. Vor allem benötige ich noch ein paar Kleinigkeiten, bevor ich mich um die Gute kümmern kann.“ Sie begutachtete das Material, das sie hatte und sah dann auf Nîn hinab.
„Wie...wie schlimm ist es? ...Kannst du sie-?“, hätte sein Freund nicht neben ihm gestanden, Morwe hätte seine Stimme nicht als die seine erkannt, so heiser und tonlos war sie.
„Aber sicher doch.“, erwiderte Vanye beiläufig und stand von der Liege auf. Schon jetzt waren ihre zarten Finger voller Blut. Ihre muntere Stimmung täuschte über ihre eiserne Konzentration hinweg und darüber, dass sie wusste wie ernst die Lage war. Aber solange Vanye sich so verhielt, hatte sie alles unter Kontrolle. Wenn er vor einem Abgrund stünde und sie ihm raten würde zu springen, würde Morwe nicht zögern. Er vertraute ihr. Sie wusste, was sie tat.
„Was ich brauche, sind ein paar Schüsseln, heißes Wasser, ein paar Stängel Golddorn und Mondwuchs,“, begann sie an Rínon gewandt  aufzuzählen und mit ihrem Tonfall hätte sie sich selbst in einer Kaserne Respekt verschafft. „...Mörser und Stößel oder etwas ähnliches, Verbände, frische Gewänder für die Zwergin und ein Kleid und Hemd in meiner Größe.“
„...Was?!“, die Stimme seines Freundes hatte wieder etwas zu ihrem alten Klang zurückgefunden. Verdattert stammelte er: „Schüsseln, Wasser, Goldwuchs und Mond-was? Und ein... ein Kleid?!“
Vanye verdrehte die Augen. Sie schaute kurz zu Morwe. „Tirithin2, sei so lieb und leg die Gute für mich auf den Tisch. Aber vorsichtig! - und hol du mir anschließend die Kräuter. Etwas Golddorn und Mondwuchs, verstanden?“, kommandierte sie und wandte sich dann wieder ihrem Vetter zu. „Schüsseln, Wasser, irgendetwas, womit du das Wasser kochen kannst, Mörser, Stößel, Verbände, Kleidung! So schwer ist das nicht! Los jetzt!“
Während Morwe Nîn von der Bank auf den Tisch trug, hörte er Rínon einen Klagelaut hervorwürgen und kaum einen Moment später die zufallende Haustür.
Der Tisch war so niedrig, dass Morwe in die Hocke gehen musste, um die Zwergin abzulegen. Er hielt kurz inne. Der Unterschied zwischen dem Gefühl Nîn in den Armen zu halten, das er eben noch gespürt hatte, war frappierend. Um nicht zu sagen schockierend. Statt des warmen, wenn auch müden, Körpers, mit dem kräftig schlagenden Herzen, war sie jetzt kalt, leblos. So schwach pulsierte das Herz in ihrer Brust. Morwe überkam ein Schauer. Er stand hastig auf und stürmte durch die Hintertür in den Garten, um die Kräuter zu holen.
Der violette Himmel bot gerade noch genug Licht, dass er zwischen den wuchernden Gewächsen einzelne Nutzpflanzen ausmachen konnte. Aber was wollte Vanye ausgerechnet mit Golddorn und Mondwuchs? Morwe drückte Disteln zur Seite. Unter einer Hecke fand er, wonach er suchte. Skeptisch besah er sich die unscheinbaren breitblättrigen Blumen. Golddorn mit seinem spitz zulaufenenden Blütenkelch, war ein Hausmittel gegen Kopfleiden. Und Mondwuchs, der ihm zum verwechseln ähnelte, bis auf dass seine Blüten weiß und nicht gelb waren, hatte keine nennenswerte Wirkung, die Morwe bekannt war. Sie waren ganz hübsch anzusehen, aber nicht besonders nützlich. Was hat sie damit vor?
Morwe war nicht entgangen, dass die Besorgungen, die Vanye Rínon aufgebrummt hatte, allesamt eigentlich erst später von Bedeutung waren, wenn das Schlimmste überstanden war. Das war wohl ihre liebreizende Art ihren Vetter zu verschonen, das blutige Geschehen mit anzusehen, ohne ihm das Gefühl zu geben nutzlos oder ein Feigling zu sein. Hoffentlich war er lange genug beschäftigt.
Just in dem Moment, da Morwe sich wieder erhob, streifte ein Geruch seine Nase. Er erstarrte in seiner Bewegung. Süßlich kitzelte der Duft seine Sinne, Hitze schoss ihm in die Glieder. Caranlhût! Fast hätte er die Blumen in seiner Hand zerquetscht. Er stürzte durch die Hecke und sein Mund klappte ihm auf. Ich muss in Amans himmlische Gärten getreten sein...!
Unter dem feuchten wuchernden Dickicht breitete sich eine Wiese seltsam deformiert aussehender Pflanzen aus. Obwohl es dunkel war, gab es keinen Zweifel. Sie waren es! Am liebsten hätte Morwe einen Schrei innigster Freude ausgestoßen. Doch als er einen Schritt auf die Gewächse zu tat, meldete sich unverhofft der noch nicht eingetrübte Teil seines Verstandes.
Ein Samenkorn einzunehmen, bedeutete auch immer die Gefahr einer Nebenwirkung. Wenn er jetzt eines einnahm und Pech hatte, wäre er nicht mehr in der Lage Vanye zu helfen. Selbst wenn es nur starke Kopf- oder Gliederschmerzen waren und sie vielleicht auch nur kurz andauerten, im Augenblick zählte jede Sekunde. Jede Sekunde...
Anstatt noch weiter zu zögern, drehte Morwe sich schweren Herzens auf dem Absatz um und spurtete zurück. Er konnte die Kapsel auch noch gleich einnehmen, jetzt war es zu heikel.
Der Tisch hatte sich in seiner kurzen Abwesenheit in ein improvisiertes Krankenlager verwandelt. Auf Stoffstücken schimmerten aufgereiht Nadeln und Scheren, daneben lagen zerriebene Kräuter, diverse Phiolen waren geöffnet und verströmten einen beißenden Geruch. Scharf kribbelte er in Morwes Nase, der die Pflanzen auf die Liege neben Vanye legte. Sie kniete neben der Zwergin auf dem Tisch zwischen ihren Utensilien und verriebt gerade eine zähe stinkende Paste auf Nîns Bauch. Das Hemd war bis zum Brustansatz aufgeschnitten. Ihr Gesicht wurde von einem feuchten Tuch verhüllt, aus dem würzige Kräuterdämpfe aufstiegen. Sie hinterließen eine unangenehme Kälte nach dem Einatmen.
Ohne aufzuschauen sprach Vanye: „Ich hoffe der Wickel verhindert, dass sie aufwacht. Sei so gut und passe trotzdem ein bisschen darauf auf und halte sie wenn nötig.“
„Du hoffst?!“, gab Morwe beunruhigt zurück.
„Der Trank war schon etwas älter. Aber um Frischen zuzubereiten fehlen mir Mittel und Zeit.“, noch immer war ihr Tonfall leichtherzig. Gleich wenn sie sich hier zum Plaudern getroffen hätten und nicht gerade eine schwerverletzte Zwergin verarzteten.
Morwe schwindelte, derweil er Vanye beobachtet, die mit beachtlicher Geschwindigkeit und Präzision nach Phiolen, Tüchern und Instrumenten griff und an der Zwergin hantierte. Sein Staunen wurde allerdings von einem tauben Gefühl in seiner Magengegend etwas überschattet. Er konnte nicht umhin das Bild, das sich ihm bot ein wenig... grotesk zu finden.
Während Vanye arbeitete, summte sie eine heitere Weise, und ihre zierliche Statur ließ sie im Flackerlicht eher wie ein spielendes Kind erscheinen, als wie eine erwachsene Elbin. Dass sie bis zu den hochgekrempelten Ärmeln mit Blut beschmiert war, tat sein übriges, um der Szenerie einen makaberen Charakter zu verleihen.
„Venyannen mag ein weiser und fähiger Mann sein, aber er versteht sich nicht auf die Physiognomie von Zwergen.“, kam es plötzlich von Vanye. Sie seufzte kopfschüttelnd.
Morwe, der sich einen Schemel herangezogen hatte, sah verwundert auf. „Du hast Mut einen Mann seiner Fertigkeiten zu kritisieren.“
„Ich stelle lediglich etwas fest.“, entgegnete sie frech.
„Gewiss doch...“ Wie er ihr so bei ihrer Arbeit zusah, merkte er erst wie sehr sich ihre Bewegungen in den letzten 100 Jahren verändert hatten. Die etwas zögerliche Umsicht war gänzlich verschwunden und hatte unverhohlener Selbstsicherheit platz gemacht. Anscheinend hatte sie viel gelernt.
„Sag, weshalb bist du überhaupt zurück nach Imladris gekommen und fort von den Deinen. Heimweh kann dich wohl kaum getrieben haben.“, hörte Morwe sich auf einmal sagen und stutze. Sogleich biss er sich auf die Lippen. Der Mangel an Caranlhût hatte seine Hemmreaktion inzwischen massiv beeinträchtigt.
Vanye kicherte. Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete sie genüsslich und mit offenkundiger Selbstzufriedenheit:  „Um zu unterrichten.“
„Sag nicht...“, Morwe klappte der Mund auf, doch die kleine Gestalt vor ihm grinste nur keck und ließ die Nadel in ihrer Hand spielerisch durch die Finger tanzen.
„Ich habe viel gelernt im letzten Jahrhundert und meine Kenntnisse weit über die Heilkunde, die unser Volk betrifft, ausgeweitet.“, gestand sie ihm.
Bevor sich Morwe genug gefangen hatte, um sich nach dem ‚woher‘ zu erkundigen, ging quietschend die Haustür auf. Derjenige, der sie öffnete, tat es so zaghaft, dass es keinen Zweifel gab, wer der Besuch war.
Hätte er sich doch mehr Zeit gelassen..., dachte Morwe mitleidig. Sein Blick schweifte über den nun chaotisch aussehenden Tisch, an dessen Rand gerade ein paar Blutstropfen hinab perlten.
Rínons vor Anstrengung geröteten Wangen verloren in binnen einiger Sekunden jegliche Farbe, als er zu ihnen an das Krankenlager trat.  Der Wäscheberg mit den Schüsseln und Wasserschläuchen in seinen Armen begann zu beben. Geschwind stand Morwe auf und half ihm die Sachen auf der Liege abzulegen.
„Ist- ... wird sie wieder...“, die Stimme seines Freundes war mehr als nur eine Oktave höher als gewöhnlich. Seine Augen fixierten voller Bestürzung das weiße Tuch auf Nîns Kopf.
„Keine Bange, das Schlimmste ist schon geschafft. Ich muss sie nur noch vernähen. Hast du alles bekommen?“, lenkte Vanye rasch vom Thema ab.
Rínon nickte stumm.
Auf einmal ging ein Ruck durch den Körper der Zwergin. Der Stoff über ihrem Gesicht spannte sich, ihr Hals zog sich zusammen und ein gurgelndes Röcheln ertönte aus ihrer Kehle.
„Nimm ihr das Tuch ab!“, befahl Vanye und Morwe zögerte nicht. „Halte sie bitte fest. Und du Rínon fächele ihr Luft zu!“
Unter seinen Fingern konnte Morwe spüren, wie langsam Leben in ihre Muskeln zurückkam. Nîn zuckte. Ihre Lider flatterten. Dumpf drangen unartikulierte Laute aus ihrem Mund.
„Sie- sie- sie...!“, stammelte Rínon panisch mit hilflos zitternden Händen.
Seine Kusine griff zu einer unbenutzten Nadel und stach ihm unbarmherzig in den Hintern. Rínon gab ein Jaulen von sich, sein Fluchen wurde aber von Vanye übertönt. „Willst du, dass sie lebt oder nicht?! Du sollst ihr Luft zuwedeln, Dummkopf!“
Jammernd tat er wie ihm geheißen.
Das Zappeln wurde stärker, aber es schien, als hätte Nîn Schwierigkeiten zu atmen. Morwe biss die Zähne aufeinander.
Vanye beendete ihre Arbeit an der Wunde über dem Brustkorb der Zwergin und kramte in ihren Gürteltaschen. Sie reichte Rínon ein dickes Holzstück. „Gib ihr das zum drauf beißen, wenn sie aufwacht.“ Sie beugte sich nach vorn und verteilte eine dunkle Creme auf Nins Hals und Brustbereich. Es brauchte nicht lange bis sie zu husten begann. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und bäumte sich auf. Aber Morwe hatte es kommen sehen. Mit sanfter Gewalt drückte er die Zwergin auf den Tisch zurück. Sie riss die Augen auf. Verwirrung und Panik spiegelte sich in ihnen.
„Zähne zusammenbeißen und an was schönes denken!“, riet ihr Vanye.
Anscheinend war es nicht das erste Mal, dass die Zwergin so etwas erlebte, denn sie nahm das Holzstück, das ihr Rínon reichte, und biss fest in es hinein. Hände schlossen sich eisern um Morwes Unterarme. Sein Blick kreuzte den der Zwergin, bevor sie die Augen wieder schloss. Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Das Härteste hatte sie zum Glück längst überstanden und würde gleich vorbei sein.
Auf Nîns Nicken hin, fuhr Vanye damit fort die restlichen Wunden zu vernähen. Ersticktes Stöhnen gellte durch den Raum, binnen weniger Minuten glänzte die Haut der Zwergin vor Schweiß und ihr Atem ging stoßweise. Trotzdem hielt sie weitestgehend still. Morwe fühlte tiefe Beachtung für ihre Willenskraft. Und ebenso vor seinem kreidebleichen Freund, der das ganze mitansah und entgegen der Umstände noch nicht in Ohnmacht gefallen war.
„Das wäre es.“, flötete Vanye endlich. Sie wischte sich mit einem Lappen die verschmierten Hände und begann Wasser in einem  Kessel über dem Feuer aufzusetzen. Morwe tätschelte Nîns Schultern. Ihre Augen streiften ermattet und glasig durch das Zimmer. Dann spuckte sie den Holzpflock aus.
„Sei doch so gut und mach mir schon mal die Sachen hier sauber.“, wies Vanye ihren Vetter an, während sie dampfende Flüssigkeit in die Schalen umfüllte. Sie zerrupfte die Blüten, die Morwe ihr gebracht hatte und gab sie in das Wasser. Die Schalen stellte sie neben sie zu beiden Seiten von Nîns Kopf. „Das wird dir wohlige Träume bescheren.“, zwinkerte sie der Zwergin zu.
Morwe blieb bei ihr, bis sie vor Erschöpfung und Kräuterdunst eingeschlafen war. In der Zeit herrschte reges Treiben um sie. Vanye und Rínon säuberten das Besteck mit dem restlichen Wasser aus den Schläuchen im Garten und entsorgten die blutigen Tücher. Er trug die fest schlafende Zwergin zum Sessel, wo sie auf ein Laken gebettet wurde, damit sie den Tisch säubern konnten. Auf Vanyes Geheiß verließ er mit Rínon kurz den Raum, damit sie Nîn waschen, verbinden und ihr frische Kleider anziehen konnte.
Sein Freund hatte sich daran gemacht den Rest des Hauses zu erkunden. Morwe hingegen hatte andere Pläne.
Die ersten Sterne glommen schon am Himmel und eine laue Brise lag in der Luft. Der Abend war herrlich. Tief sog Morwe den Duft des Gartens in sich auf. Die Blätter, die Blumen, den schweren Dunst feuchter Erde. Rasch stahl er sich durch die Hecke. Lieblich umspielte der Geruch des Fahltaus seine Nase und Morwe löste umsichtig eine Samenkapsel aus von einer besonders großen Pflanze. Die kleinen Körner raschelten. Er nahm ein großes, schluckte es und verstaute die Kapsel in seiner Hose, die zum Glück eng genug saß.
Nicht lange und ein warmes Kribbeln breitete sich in seinem Hinterkopf aus. Es wanderte bis in seine Stirn und langsam durch seinen Körper. Ein leichter Druck in Morwes Kopf setzte ein. Aber spätestens morgen früh würde sich das wieder gelegt haben.
Mit deutlich leichterem Herzen machte er sich auf zurück ins Haus.
„Sollten... wir sie nicht vielleicht besser in ein Bett legen? Oben sind mehrere.“, hörte er die Stimme seines Freundes. Er und Vanye, sie trug ein frisches Kleid und Hemd, standen vor der gepolsterten Bank. Der Tisch war bis auf ein paar dampfender Schalen leer. Sie verströmten einen frischen Duft. Nur der blutige Boden deutete noch auf den Eingriff hin.
„Besser nicht.“, meldete Morwe sich zu Wort. Er besah die frisch eingekleidete verbundene und friedlich ruhende Zwergin. Erleichterung erwärmte seine Brust. „Als ich sie herbrachte, ging es ihr plötzlich gar nicht gut. Mir schien fast, sie würde diesen Ort kennen. ...Und als hätte sie nicht die besten Erinnerungen an ihn.“
Vanye reckte sich. „Dann lassen wir die Gute doch einfach hier ruhen und geben ihr noch Kissen und Decken. Und wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich ein Bett oben in Anspruch nehmen. Die Reise war anstrengend und der Abend mit euch etwas zu ...anregend ... für mein zartes Gemüt.“
Er hörte Rínon prusten, der unmittelbar einen Hieb in die Seite erntete.
„Hast du noch kein Gemach?“, erkundigte sich Morwe verwundert.
„Leider nein.“, Vanye bedachte ihn auf einmal mit einem verschmitzten Blick und wandte sich in Richtung Flur. „Ich hatte eigentlich vorgehabt in deinen Räumlichkeiten zu übernachten. Aber nun gut. ...Übrigens möchte ich morgen noch von euch die Geschichte hören, wie ihr dazu kamt eine Zwergin hier zu beherbergen.“
„Nun... so spektakulär und ungewöhnlich ist sie gar nicht.“, gestand Morwe. Etwas in seinem Bauch flatterte und er fühlte Hitze seinen Hals hinauf kriechen.
Sein Freund neben ihm kicherte. „...Jedenfalls nicht, wenn man ‚Morwe‘ heißt.“
Vanyes Lachen erklang aus dem Dunkeln des Flurs. Es hielt Morwe davon ab Rínon einen Schlag an den Hinterkopf zu versetzen.
„Willst du auch hier die Nacht verbringen?“, sein Freund klang auf einmal erschöpft. Der Tag hatte ihm zugesetzt.
Morwe sah zu Nîn hinab und zuckte die Schultern. „Ich denke ja. ...Sind die Betten oben in Zwergengröße?“
„Nein, zum Glück nicht. Und die Decken und dergleichen auch nicht. Ich hole ihr eben ein paar.“, doch er hielt inne und seine Augen gingen ins Leere. „...Glaubst du es stört sie beim Schlafen, wenn ich ganz vorsichtig wenigstens den Staub vom Boden zusammenkehre? Es reicht ja ihn zusammenzuschieben, dick genug ist er dafür...“
Morwe hob die Brauen. „Willst du dich nicht lieber ausruhen?“
„Nein. ...Ich möchte meine Gedanken lieber etwas ablenken.“
Die Schultern zuckend legte er seinem Freund die Hand auf den Rücken. „Tu, was du nicht lassen kannst. Aber gönne dir heute Nacht noch Ruhe. Ich für meinen Teil setze mich noch etwas in den Garten.“, an der Tür blieb Morwe noch kurz stehen. „Ach und Rínon?“
„Hm?“
„Hab Dank für deine Hilfe heute.“, doch Rínon winkte lachend ab und verschwand seinerseits im Flur.
Draußen ließ Morwe sich auf der kleinen Veranda nieder. Den Rücken an die Wand gelehnt blickte er zum tiefblauen Nachthimmel hinauf, auf dem die Sterne glitzerten und lachten. Ihm war leicht ums Herz. Nîn war gerettet und er hatte endlich wieder eine Kapsel zu sich genommen. Morgen würde ein besserer Tag werden.
Entkräftet sackte sein Kopf zur Seite. Erst jetzt merkte er, wie schwer seine Glieder waren. Seine Abhängigkeit vom Fahltau hatte sein Bedürfnis nach Schlaf über die Jahrzehnte verändert und seinen Träumen die Leichtigkeit genommen. Wenn er sich nun zur Ruhe legte, versank sein Geist in unendlichen Tiefen, aus denen er sich nicht wieder so leicht befreien konnte, bis er wieder erholt war.
Morwe legte sich lang auf die Holzbohlen und faltete die Hände auf der Brust. Seine Sicht verschwamm. Erinnerungen stiegen aus den Schatten. Aus dem Sternenlicht sanken Träume auf ihn herab. Ehe er sich versah, entschwand sein Geist der Welt und versank in endlosen Weiten.


Ich bin beim Schreiben einfach zu sehr auf Details fixiert...  ich kann nicht mehr.... sieht Sternchen  die Dämpfe von den Kräutern wirken auf Zwerge übrigens besonders heilsam Wink beschleunigt die Regeneration des Körpers. ....ich glaube morgen früh wacht Nîn mit einem Loch im Magen auf....
Hoffe Rínon macht nicht die Nacht durch und klappt dann irgendwo im Haus zusammen bevor er ins Bett kriechen kann. Morwe ist ja draußen eingeratzt. Rolling Eyes BTW denk dran, dass Elben mit offenen Augen schlafen... Wink 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 31 Aug 2013, 15:45

vor dem Lesen im Hintergrund starten Wink

Eine angenehme Brise streifte Nîns Gesicht. Vögel zwitscherten. Hinter den Brettern des verriegelten Fensters hatte sich eine Sperlingsfamilie angesiedelt und es klang, als wäre gerade Fütterungszeit, wie jeden Morgen.
Essen...
Nîns Magen war mehr als nur einfach leer. Schale Übelkeit machte sich in ihrem Mund breit und bei jeder Regung ihres Körpers sorgte die Luft in Nîns Bauch für ein leichtes Knurren. Sie blinzelte kurz und sah dabei zum Garten hinaus. Es war hell. Die Sonne war schon längst über die Baumwipfel getreten. Die Kissen waren so unfassbar gemütlich, dass Nîn noch einige Augenblicke mit sich rang, doch die Erkenntnis, dass sich ihr Magen nicht von alleine füllte, war unumstößlich.
Unmotiviert stand sie auf und schlurfte in die Küche. Die Zwergin grüßte die Kellerluke in der Ecke der Küche mit den üblich drohenden Blicken und packte mit einem herzhaften Gähner nach einem kleinen Topf unter der Arbeitsfläche. Sich die Augen mit den Handballen reibend, warf sie ihn hinüber zum steinernen Ofen und begann sich zu strecken. Warum musste sie auch Hunger haben? Nîn hatte einen wundervollen Traum gehabt und auch, wenn sie bereits keine Erinnerungen mehr an ihn besaß, wollte sie doch noch so lange wie möglich an diesem wohligen Gefühl festhalten. Das Feuer in der Nische des Ofens entzündete sie fast blind und stellte auch schon den kleinen Topf darauf, als sie seufzend die Stirn an die kalten Steine lehnte. Zum Denken war es offensichtlich noch zu früh. Die junge Zwergin nahm den Topf wieder aus dem Feuer und schlurfte zurück in ihr Wohnzimmer. Wage lösten sich die Bilder ihrer Träume aus ihrem Kopf und machten schleppend Erinnerungen Platz.
Auf dem Hinweg war Nîn eine Karaffe mit Wasser aufgefallen, die auf dem Tisch gestanden hatte. Vor Hunger auf ihrer Unterlippe herumkauend, peilte sie schläfrig das Wasser an und füllte den Topf.
Den Teppich sollte ich vielleicht doch mal wechseln bei all den Flecken..Aber die Blütenblättern in den Wasserschalen waren eine wirklich gute Idee... sieht gemütlich aus... sollte ich öfters machen... wie kam ich bloß auf so etwas?
So sehr sie sich auch halbherzig anstrengte, kam Nîn die Antwort auf diese Frage einfach nicht in den Sinn. Dafür aber die Erinnerung, dass sie von riesigen, weiten Wiesen geträumt hatte. Das wohlige Gefühl schlich sich in abgeschwächter Form zurück und mit einem Lächeln und einem Schürhaken bewaffnet, begab sie sich in den alltäglichen Kampf gegen den Garten. Die Kletterranken machten das Durchkommen mittlerweile fast unmöglich, doch zu Nîns Überraschung hatten sich die Kräuter, die sie für eine Brühe benötigte, fast bis zu dem Rand ihres persönlichen Urwaldes hervor gekämpft. Sogar einige wenige Mais Pflanzen rangen erfolgreich um ihr Überleben. Sie war zwar positiv Überrascht, doch das Gefühl, dass etwas nicht passte, nahm immer deutlicher Überhand in ihrem Selbst. Sie wandte sich zum gehen und warf Morwe dabei einen kurzen Blick zu, der auf der Veranda lag und gen Himmel starrte.
Nîn blieb im Türrahmen stehen und starrte auf den mit Blutflecken übersäten Teppich.
Warte...
Die Zwergin machte einige Schritte zurück.
Der letzte Schwung Erinnerungen, der auf sich hatte warten lassen, setzte sich zurück an seinen rechtmäßigen Platz und verformte ihre Umgebung zu einem vollkommen neuen Bild.
Zögerlich und beinahe ängstlich sah sie an sich hinab.
Sie trug ein gewöhnungsbedürftig geschnittenes, blaues Sommerkleid. Was Nîn schon eher ertragbar fand, war das langärmlige Oberteil, das aus sehr stabilem und warmen Material war und dadurch wenigstens weit entfernt an ihren alten Lederharnisch erinnerte. Die Zwergin betastete ihren Bauch und zuckte vor Schmerz zusammen, doch sobald sie die Hand wieder weg gezogen hatte, spürte sie die Wunde kaum noch. Ihre Stirn in Falten ziehend, knöpfte sie ihr Oberteil bis oben hin zu, da ein so freier Oberkörper ihr absolutes Unbehagen bereitete, und bemerkte dabei, dass sie ihre linken Finger wieder besser bewegen konnte. Jemand hatte sie von dem unsinnigen Handschuh befreit und stattdessen einen recht steifen Verband um ihr Gelenk gewickelt, sodass sie zwar gerade noch ihre Finger, jedoch nicht ihr Handgelenk bewegen konnte.
Ein Sperling flog dicht an Nîns Rücken vorbei und setzte sich singend auf die morschen Holzdielen. Der Zwergin wurde warm um‘s Herz.
So viele Jahre war sie fort und trotz allem schien sich nichts verändert zu haben.
Als sie das erste Mal alleine in diesem Haus geblieben war, hatte sie ein kleines Haus aus Holz gebaut. Sie hatte ein großes Projekt geplant mit geschnitzten Spielfiguren und einem kleinen Gärten. Damit der Leim in der frischen Luft schneller trocknete, hatte sie es dann an einem sonnigen Platz im Garten und eingeklemmt zwischen einige Dachstreben positioniert... und vollkommen vergessen.
Ihre Eltern waren zurück gekommen und Nîns Pläne waren allesamt hinfällig, denn in Gesellschaft ihrer Eltern brauchte sie keine Beschäftigung mehr.
Als sie bei der nächsten Reise den Hausbau fortsetzen wollte, hatte sich schon eine kleine Sperlingsfamilie dort eingenistet und Nîn hatte ihre ersten Freunde gefunden. Sie hatte noch einen Briefkasten für das Haus am Haus gebaut und ihn im Winter immer mit Nüssen und Kernen gefüllt, damit die Vogelfamilie bloß niemals weg fliegen musste, doch sie hatte es natürlich trotzdem getan. Zu ihrer großen Freude, war sie aber seit dem jedes Jahr wieder gekommen (Nîn war fest davon überzeugt, dass es jedes Jahr die gleiche waren), und so auch dieses Jahr. Wild zwitschernd tummelten sie sich auf dem Dach und hüpften vereinzelt hinunter auf die Veranda oder auf Morwes Oberkörper.
„Wie lange liegst du schon da?“
Von dem Elben kam keine Antwort.
Nîn ging in die Hocke und wedelte zweimal mit der Hand durch Morwes Sichtfeld, doch keine Reaktion.
Ist er tot? ...Vielleicht haben ihm seine Verfolger hier hinten aufgelauert und vergiftet...
Sie hob die Hand dicht über sein Gesicht und spürte warmen Atem.
Vollkommen verdutzt erhob sie sich wieder.
Was in Aules Namen...?
Ein Schock fuhr durch ihre Glieder, als sie sich an die Gruselgeschichten erinnerte, die sich die Waschweiber in den Dörfern regelmäßig erzählten.
Vielleicht bin ich ja gestorben! Das würde erklären, warum ich mich so gut fühle... bin ich... ein Geist?
Nîn beschloss diese Vermutung kurzerhand zu überprüfen, indem sie Morwe einen leichten Tritt mit der Fußspitze versetzte.
Sie traf, doch der Elb regte sich nicht, anders als ein leichter Schmerz in ihren Zehen. Fluchend hüpfte die Zwergin kurz auf einem Bein, bis der Schmerz wieder verflogen war. Zwerge sollen der Legende nach aus Stein geschaffen sein, doch aus was war Morwe bloß geschaffen worden? Stählernem Blei?
Nîn beherrschte sich augenblicklich, als bei ihrer Torkelei etwas Wasser aus dem Kesselchen überschwappte und klatschend auf den Boden vor ihren nackten Füßen fiel.
Sie hielt kurz inne und wägte Konsequenzen ab. Die Zwergin lächelte.
Unschuldig trat sie so nah wie möglich an Morwe heran und kippte dann kurz und unauffällig den Kessel ein Stück in Richtung seines Oberkörpers.
Prasselnd tanzte der dünne Wasserfall auf seinem Bauch und sog sich in den Stoff. Nîn wich einige Meter zurück um dem Zorn des Elben zu entgehen, doch abermals kam von ihm keine Regung. Sie legte den Kopf schief.
Doch vergiftet...?!
Egal was mit diesem komischen Kerl los war, mit leerem Magen konnte sie ihm nicht helfen, also machte Nîn sich mit dem verbliebenem Wasser, dem Büschel Kräuter und zwei Maiskolben unterm Arm auf den Weg zurück in die Küche.

Das Essen war Mager, doch es bekämpfte temporär die Übelkeit.
Die Zwergin fühlte sich barfuß und ohne anliegende Beinkleidung zwar etwas unsicher beim Laufen, doch das Ziehen in ihrem Brustkorb lies keinen Widerstand zu. Mit den Fingern über das alte Holz der Wände streifend, wanderte sie die Räume entlang. Jemand hatte hier über Nacht sauber gemacht. Instinktiv übersprang sie jede knarrende Diele und jeden hohlen Fleck und bewegte sich dadurch wie ein Geist in einem noch schlafendem Gemäuer.
Die Zwergin bog im Wohnzimmer vor der Tür links in den Flur ein und streifte mit ihren Fingern die massive Tür vor dem Fenster. Sie zuckte zurück. Ihr Vater hatte nie gewollt, dass sie diesen Raum betrat. Eine weitere Tür führte von ihm zurück in die Küche, doch sie war ebenfalls mit Eisen beschlagen worden und wurde zusätzlich noch von einem Schrank verdeckt. Neugierig versuchte sie einen Blick durch das Schlüsselloch zu erhaschen, doch mehr als Schwärze war nicht zu erkennen.
Wenn irgendwo ein Schlüssel in diesem Haus versteckt war, dann sicherlich in seinem Schlafzimmer, denn das war der einzige Ort, den sie nie auf den Kopf gestellt hatte. Sie folgte dem Flur um die Ecke und stieg leichtfüßig die Treppe ins Obergeschoss hinauf.
Die Bücherregale im Obergeschoss waren noch immer verhangen.
Nîn stöhnte. Sie spürte ein starkes Stechen unter dem Verband und nahm sich vor, Treppen in naher Zukunft zu meiden. Offensichtlich würde sie diese Verletzung trotz scheinbarer Wunderheilung wohl noch etwas verfolgen. Nervös begann die Zwergin mit den Zehen zu wackeln. Einen Moment lang stand sie einfach nur da, die Hand nach der Tür ausgestreckt, die zu dem Schlafzimmer ihrer Eltern führte.
Es lag direkt neben dem ihren und die Türen unterschieden sich nur dadurch, dass die ihrer Eltern weniger ramponiert wirkte und auch nicht mit einem abweisenden Schild behangen war. Die wenigen Male, die sie sich in diesem Zimmer vor lauter Sehnsucht versteckt hatte, war ihr aufgefallen, dass es das genaue spiegelverkehrte Abbild von ihrem Raum sein musste, nur wollte Nîn sich nicht ausmalen in welchem Zustand sie ihr eigenes Zimmer damals verlassen hatte, als sie aufgebracht aus Bruchtal geflohen war. Die Ähnlichkeit würde aktuell wohl nicht allzu gut erkennbar sein.
Sie gab sich einen Ruck und umfasste den Griff der Türe, was jedoch noch nicht dazu führte, dass sie auch Anstalten machte, diese zu öffnen. Ein innerer Widerstand blockierte ihre Muskeln und sie lies den Griff wieder los. Bilder stiegen in ihr auf, was dieser Raum als Kind für sie bedeutet hatte. Sie schloss die Augen und versuchte erst gar nicht, sich in ihrem Geist vor diesen Vorstellungen zu verschließen. Das Haus hatte schon lange über ihre innere Mauer gesiegt. Vielmehr versuchte sie sich nur die angenehmen Eindrücke in Erinnerung zu rufen. Den Duft des Haares ihrer Mutter, den Klang des festen Schrittes von ihrem Vater. Die Art und Weise, wie es klang, wenn sie einen Tisch deckten.
Nîns Herz setze einen Schlag aus, als mit einem Quietschen die Tür ihres Zimmers aufging.
Sie zuckte gleich mehrfach zusammen, denn nachdem sie instinktiv beim herumwirbeln nach ihrer fehlenden Waffe greifen wollte, riss ein mahnender Schmerz quer durch ihren Körper hindurch und sie krümmte ihren Oberkörper, damit sich die Haut an ihrer Verletzung aufhörte spannen. Lichter pulsierten hinter ihren Lidern und eine Schweißperle rann ihr über den Nacken.
Die hochgewachsene Person, die Nîn noch wage hatte erkennen können, bevor sie die Folgen ihres Handelns übermannt hatten, verharrte und stotterte dann mit Rínons Stimme ein leise Entschuldigung.
„Mach das...bitte... nie wieder!“
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 01 Sep 2013, 02:57

Es ist einfach zu spät um vernünftig zu schreiben... ich hoffe es geht so, aber ich hab das Gefühl ich hab ihn versemmelt =( konnte mich trotzdem nicht bremsen beim schreiben -.-

Sanfter Wind kitzelte sein Gesicht. Die Wogen der Träume verebbten langsam und ihre lieblichen Klänge machten den Stimmen vieler Leute platz. Rínon erkannte durch den Schleier aus verblassenden Bildern eine kassettierte Holzdecke. Für einen Augenblick noch hielt er die Erinnerungen fest, die sich wie ein Gespinst um ihn gewoben hatten, um die letzten Strahlen der lichten Gefilde zu genießen, in denen er diese Nacht gewandelt war. Es waren die weiten Wiesen seines Geburtsortes gewesen. Die Baumhäuser in den Wipfeln, die glitzernden Seen im Schein der untergehenden Sonne.
Rínon streckte sich. Wie wohl war ihm geworden, sich letzte Nacht endlich fallen lassen zu können, sich in schönere Erinnerungen zu hüllen wie in eine warme weiche Decke. Der Duft von Blumen hatte den des Blutes schließlich vertreiben können. Sein Rot war in ein dunkles Braun übergegangen, die edelsteingleichen Augen jener holden Frau, die er dort damals bei den Wasserfällen erspäht hatte.
Ein Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
Doch je mehr er sich das Mosaik ihrer Iriden in Erinnerung rief, desto rascher wandelten sich die erdenen Töne zu funkelnden Bernsteinen. Und es war nicht länger das Antlitz jener Elbin, das ihn ansah. Was ihm entgegenblickte, waren die trotzigen Züge einer Zwergin. Rínon tat einen tiefen Atemzug. Den Schleier des Schlafes abschüttelnd richtete er sich im Bett auf.
Langsam kroch ihm der Geruch alten Holzes und von Staub zurück in die Nase. Obwohl von draußen Vogelgezwitscher hereindrang und das Leben seine geregelten Bahnen zu gehen schien, spürte er nagende Unruhe in sich. Nervös fuhr sich Rínon durch das Haar. Seine Gedanken waren hektisch und sprunghaft und doch gleichzeitig inhaltslos. Der Frieden, der ihn umgab, drang nicht bis zu seinem Herzen vor, er konnte sich weder auf den Gesang der Vögel einlassen, noch auf die ihm sonst so lieben Melodien der Blätter im Wind. Selbst die gedämpften angeregten Unterhaltungen draußen auf dem Platz konnten seine Neugierde nicht wecken. Alles in ihm wand sich, quälte sich und wurde von einer einzelnen bohrenden Sorge aufgesogen: Ging es Nîn wieder gut?
Obwohl Rínon nur ein paar flüchtige Unterhaltungen mit ihr geführt hatte, konnte er nicht umhin festzustellen, dass er diese kleine Zwergin in sein Herz geschlossen hatte... Es war eigenartig. Während die anderen hier in Bruchtal hauptsächlich Neugierde bezüglich ihrer Erscheinung zu verspüren schienen, hatte ihr Wesen sein Interesse geweckt. Es war eine Sache über etwas zu lesen, aber es dann selbst zu erleben und aus nächster Nähe erfahren zu können, war etwas gänzlich anderes. Die Art wie sie so anders sprach, anders dachte, anders fühlte, sich anders bewegte, es war ihm alles gänzlich fremd. Es war faszinierend.
Helles Kichern riss ihn aus seinen Überlegungen. Rínon schwang sich aus dem Bett, um nachzusehen, was draußen vor sich ging, hielt aber nach wenigen Schritten inne. Vielleicht war er durcheinander aufgrund des gestrigen Abends. Doch er war nicht durcheinander genug, dass ihm entging, welchen Eindruck es erwecken würde, wenn er unbekleidet auf den Balkon des Hauses der Zwergin hinaustreten würde. Vorsichtig lugte Rínon an den Vorhängen des Fensters vorbei.
Allerlei Leute standen unten, die er sonst weniger in dieser Gegend vermutet hätte. In kleinen Grüppchen standen oder saßen sie und tuschelten, wobei besonders die Damen hin und wieder kicherten. Verständnislos beäugte er das seltsame Treiben der Schaulustigen, die offenbar nur gekommen waren, um einen Blick auf Nîn zu erhaschen. Wieso stellten sie sich so plump an? Wie schwer war es denn ein paar Tage unauffällig zu beobachten und sich einen Plan zu überlegen, wie sie die Zwergin am besten treffen könnten, ohne aufdringlich zu wirken? Wie schwer konnte es sein mit einem Gast ins Gespräch zu kommen?
Aber wahrscheinlich wollten sie gar nicht mit ihr reden. Diese oberflächliche Schaulust war etwas, das Rínon noch nie verstanden hatte. Er wollte es auch gar nicht.
Rasch duckte er sich hinter den zerschlissenen Vorhang, als einer der Untenstehenden zum Fenster aufblickte. Es kribbelte in Rínons Fingern und Gliedmaßen. Seine Nervosität war noch immer da, stellte er verärgert fest. Auch vorher schon hatte ihm dieses plötzliche Nervenflattern zugesetzt, denn es erinnerte ihn stets daran, dass sein Platz nicht das unmittelbare Geschehen war. Er war definitiv eher dafür gemacht die Dinge aus einiger Entfernung zu studieren und sie zu analysieren. Gerade der gestrige Abend hatte ihn schmerzhaft daran erinnert. Doch jetzt war es umso unangenehmer. Weder Morwe noch Vanye hatten auch nur annähernd so viel Angst gehabt wie er. Sie hatten scheinbar Erfahrungen mit solchen Situationen, wussten damit umzugehen und ruhig zu bleiben, während er nur hilflos hatte dastehen und zusehen können. ...Was trotzdem nicht hieß, dass er seiner Kusine gerne zur Hand gegangen wäre...
Rínon schauderte. Am Besten er würde seine Nerven ein wenig mit Wasser abkühlen, bevor er runter ging. Bestimmt war er ohnehin der letzte und die anderen hatten ihn schlafen lassen, um ihn zu schonen.
Da er seine Kleider nicht auf Anhieb in dem Durcheinander finden konnte, verschob er das Anziehen auf gleich, wenn er hoffentlich wieder etwas klarer im Kopf war. Quietschend öffnete er die Tür und trat in den Flur hinaus.
Das erste, was er unmittelbar aus den Augenwinkeln wahrnahm, war die zusammenzuckende kleine Gestalt zu seiner Linken. Ihm stockte der Atem, als er sie als Nîn identifizierte. Sie war tatsächlich schon wieder auf den Beinen! Ihre gekrümmte Haltung allerdings ließ unschwer erkennen, dass dies nicht zwangsläufig lange so bleiben musste. Reichte ein Schreck aus, damit Wunden wieder aufrissen? Sein Magen verkrampfte sich. Hastig stammelte er eine Entschuldigung, wagte es aber nicht sich zu rühren.
„Mach das...bitte... nie wieder!“, keuchte sie.
Rínon fiel augenblicklich ein Stein vom Herzen. Das klang schon wieder mehr nach der gesünderen Nîn, die er gestern vor Herrn Elronds Hallen getroffen hatte.
„Tut...mir Leid.“, versuchte er heiterer zu klingen, als er sich auch nur annähernd fühlte. „Aules Zorn soll mich treffen, wenn ich es je wieder wagen sollte, dich zu erschrecken.“ Mit aller Selbstbeherrschung hielt er sich davon ab Nîn mit Fragen, die ihre Gesundheit betrafen zu überschütten. Vanye hatte ja gewiss schon nach ihr gesehen. Und wenn sie ihr erlaubt hatte wieder herumzulaufen, würde wohl alles soweit in Ordnung sein.
Die Zwergin wandte sich ihm zu und erstarrte jäh. Nîn blinzelte einige Male. Ihre Augen trafen sich, dann wanderte ihr stirnrunzelnder  Blick langsam an ihm hinab. Die Konzentration, in der sich ihre Brauen zusammenzogen, versetze seinem Bauch ein flaues Gefühl. So als wäre der Boden unter seinen Füßen plötzlich verschwunden. In Rínons Wangen breitete sich Hitze aus.
Im Gesicht der Zwergin vermochte er nicht zu lesen, was sie gerade dachte. Oder was sie fühlte. War sie schockiert? Warum starrte sie ihn so eindringlich an? Es wäre eigentlich an ihnen beiden gewesen, sich sogleich voneinander abzuwenden. Gewiss gehörte es sich nicht, nackt vor einer Dame zu stehen, aber wenn sie unversehens auf einen traf, wenn man gerade baden oder sich waschen gehen wollte, war dies nichts ungewöhnliches oder beschämendes. Man nahm es hin, sah subtil darüber hinweg und ging seiner Wege.
Wieso starrte sie so?
Obwohl Rínon die Etikette kannte, fand er sich unter Nîns Blick unfähig sich zu bewegen. Wie sie ihn mit den zusammengekniffenen Augen taxierte, weckte ein mulmiges verwirrendes Gefühlschaos in ihm, das ihn noch mehr irritierte. Unversehens schoss ihm durch den Kopf, dass er von den Gepflogenheiten zwischen Männern und Frauen in der zwergischen Gesellschaft rein gar nichts wusste. Welche Signale sendete er Nîn gerade? Was hatte ihre Reaktion zu bedeuten? ....Er machte ihr hoffentlich nicht mit seinem Auftreten gerade irgendeine Art von... ‚Angebot‘...?
Rínon schluckte und eine einzige Schweißperle rann ihm die Schläfe hinab.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 03 Sep 2013, 12:46

Nîns Bauch beruhige sich und sie straffte wieder den Oberkörper. Mit Leben oder Sterben hatte sie kein Problem, aber diese Zwischenzone, in die sie die Elben katapultiert hatten, zerrte langsam aber sicher stark an ihren Nerven. Sie versuchte vorsichtig einen tiefen Atemzug zu nehmen und ... hielt ihn an.
Die Zwergin hatte die Augen geöffnet und war überrascht. Ob positiv oder negativ, blieb für sie noch abzuwarten, aber ‚überrascht‘ war wohl das einzig richtige Wort.
Rínon stand vor ihr in dem Durchgang zu ihrem alten Zimmer, regungslos, mit der Hand an dem Türgriff, leicht verschlafen, mit zerzausten Haaren und splitterfasernackt.
Sie blinzelte, obgleich dieser vollkommen abstrusen Szenerie, doch die Realität machte keine Anstalten, sich dadurch zu ändern. Es war wirklich Rínon, der nackt aus ihrem Zimmer kam.
Dieser Gedanke brauchte einige Anläufe, um von Nîns Gehirn verstanden und akzeptiert zu werden, doch je tiefer ihr Blick sank, desto mehr davon verstand sie. Interessiert zog die Zwergin die Brauen hoch und dachte nicht einmal daran, ein Schmunzeln zu kaschieren. Rínons Körper war faszinierend.
Es war nicht der erste nackte Mann, den Nîn zu Gesicht bekam, in Bree war es für einige Menschen ab einer gewissen Uhrzeit und einem gewissen Alkoholpegel nahezu modern, sich seiner Kleider zu entledigen. Dazu kamen noch zahlreiche Orks, die zum einen eh keinen Hehl daraus machten, sich großartig mit Kleidern zu bedecken und zum anderen von Nîn äußerst gründlich gefilzt werden mussten. Und dann noch diese andere Erfahrung, die Nîn im Keim ihrer Erinnerung gleich wieder erstickte.
Doch der Elbenkörper war anders als der von Menschen und Orks. Die Proportionen schienen sehr in die Schmäle und Länge gezogen worden zu sein, wie auf einer Streckbank. An durchaus sämtlichen Stellen, wie eine Stimme in Nîns Hinterkopf hinzufügte. Der Körper wirkte durchaus trainiert, wenn auch nicht muskulös und war von der Farbe her eher mit einer wundervoll gemeißelten Steinskulptur als mit einem wettergegerbten Landsmann zu vergleichen. Beim genauerem studieren seiner Haut, bemerkte Nîn, dass Rínon nicht nur wenig von der Sonne sondern auch noch weniger von Verletzungen und Kämpfen gezeichnet war. Die Zeit an der er das wahre Leben kennengelernt hatte, lies sich wohl an den Fingern abzählen. Selbst von einer Person, die davon einige gebrochen hatte. Allerdings lag eine dieser körperlichen Erfahrungen nicht allzu lange zurück. Ein dunkelblau bis blassgrüner Fleck prangerte knapp über seinem Gemächt und hielt Nîns Blick für einige Sekunden gefangen. Mit etwas Fantasie und einer leicht veränderten Sichtweise, war es durchaus möglich in ihm entweder Fingerknöchel, einen Stiefelabsatz oder eine Ente mit Genickbruch zu erkennen. In jedem diesen Fälle deutete es darauf hin, dass er sich wohl ähnlich wie Morwe mit den Falschen angelegt hatte. Sie dachte noch einmal an das unglückliche Zusammentreffen von Morwe und den Schneckenhaussuchern von letzter Nacht und versuchte die unbändige Neugier in sich zu bekämpfen, um möglichst beiläufig und gelassen mit dem Blick fest auf Rínons Bluterguss geheftet zu fragen: „Was ist das?“
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 03 Sep 2013, 18:17

Rínon fragte sich, ob dies wohl die Rache der Valar dafür war, dass er zu vielen Elbendamen in seinem Leben nachgestellt hatte. Falls ja, dann hatten die Götter durchaus Humor. Wenn auch einen, bei dem ihm gerade alles andere als zum Lachen zumute war. Er sah wie sich in Nîns erst ausdruckslosen Blick Irritation mischte. Ihre Augen fixierten seinen Körper und die Zwergin schien nicht einmal daran zu denken sich abzuwenden. Mit jedem Stück, dass ihre Augen tiefer glitten, sackte auch das Loch in Rínons Magen weiter hinab. Nervös knetete er seine inzwischen tauben Fingerspitzen, fand sich aber ansonsten unfähig sich zu rühren. Sein schwirrender Kopf lief endgültig zu einem Hochofen an, als Nîn ihre Brauen hob und ihre Lippen sich zu einem Schmunzeln verzogen.
Ihm wurde schwindlig. Was bei den Valar ging eigentlich im Kopf dieser Zwergin vor? Hatte sie keinen Anstand? Hatte ihr nie jemand gesagt, dass es sich nicht schickte, andere Leute so anzugaffen? Vor allem Leute, deren Bekleidung sich gerade in Grenzen hielt.... Wenn ihr Gesicht wenigstens regungslos geblieben wäre! Aber nein, statt ihm wenigstens einen Funken seiner Würde zu lassen, sog sie auch noch mit offenkundiger Belustigung jeden Bruchteil seiner Erscheinung in sich auf!
Geh doch einfach weg. Sag ihr, du wolltest bloß ins Bad und wende dich ab. Was ist denn schon dabei? Doch seine Beine fühlten sich an wie mit Blei ausgegossen. Seine Zehen tasteten unruhig über den Holzboden, kamen aber nicht nennenswert von der Stelle. Rínon biss sich auf die Zunge.
Wieso war er eigentlich so nervös? Es war doch das natürlichste der Welt nackt zu sein. Eigentlich war doch wirklich nichts dabei. Warum die Zwergin nicht gucken lassen, wenn sie so neugierig war? Was hatte er denn zu verbergen? ....Abgesehen von seiner zu hageren Gestalt, seiner peinlichen Sommersprossen und diverser Körperzonen, die er bisher noch keiner Frau gezeigt hatte...
Jammervoll sah Rínon ein, dass es keinen Sinn hatte seine Beschämung wegzuargumentieren. Sein Verstand brachte ihn hier nicht weiter.
Er atmete tief ein, um sich wenigstens etwas zu beruhigen.
Er würde Nîn nun sagen, dass er eigentlich nur ins Bad gehen wollte. Er würde ihr ein Lächeln schenken, sich abwenden und ins Bad gehen. Es war doch eigentlich ganz einfach.
Aber just als er den Mund öffnen wollte, um etwas zu sagen, fiel ihm auf, wo Nîns Blick hängen geblieben war. Ihre Augen wurden schmal. „Was ist das?“
Jeder Gedanke in Rínons Kopf erstarb augenblicklich. Nein, sie erstarben nicht nur, sie verflüssigten sich, um durch sämtliche seiner Körperporen entkommen zu wollen. Seltsamerweise waren seine Kniekehlen der erste Ort, an dem ihm der Schweiß herabrann. Rínon klappte der Mund auf, doch statt Worten würgte er nur ein heiseres Krächzen hervor.
Die Sekunden spannten sich wie eine Bogensehne. Aber sie hörten nicht an einem Punkt damit auf. Stattdessen streckten sie sich ins schier Unendliche und wollten und wollten nicht vergehen. Vage nahm Rínon Notiz davon, wie sich eine seiner Brauen langsam hob und sich seine Stirn kräuselte. Er wagte es nicht etwas anderes als Nîns feuerroten Haarschopf zu fixieren. Vielleicht weil er fürchtete zusammenzusinken, wenn er jetzt ihren Blick kreuzte.
Das hat sie doch nicht gerade ... ernst gemeint... oder?
Natürlich hatte er keine Ahnung davon, woher Nîn kam oder wie alt sie war oder ab welchem Alter ... bestimmte Dinge für Zwerge eine Rolle spielten, aber...
Hilflos baumelten seine Arme zu den Seiten seines Körpers und fühlten sich plötzlich an, als hätte jemand Gewichte an sie gebunden.
Es konnte doch einfach nicht sein, dass Nîn noch nie einen Mann oder wenigstens einen Knaben unbekleidet gesehen hatte! Rínon konnte sich nicht entsinnen in den Schriften, die er über Zwerge und ihre Kultur gelesen hatte, etwas von rigoroser Geschlechtertrennung gesehen zu haben. Aber vielleicht kam Nîn ja von einem sehr eigenen Zwergenklan. Aus einer Familie mit archaischen Traditionen und ganz eigenen Gesetzen. Ähnlich wie sein Freund Morwe. ...Doch selbst er war alles andere als weltfremd. Jedenfalls war er es nur in bestimmten Belangen und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren kaum etwas, dass man seinem Nachwuchs verschweigen sollte...
Nichtsdestoweniger war es ein Trost, dass Nîns eigentümliche Verwunderung nicht ihm persönlich galt. Da sie offenbar noch nie gewisse Details eines männlichen Körpers gesehen hatte, war ihre Neugierde nur verständlich. Bloß - wie sollte er ihr das jetzt erklären? Rínon glaubte nicht, dass er der Richtige für diese Art von Thema war. Ganz abgesehen von seiner eigenen noch mangelnden Erfahrung. Wobei diese sicherlich dazu beitrug, dass er etwas verschämt war, was derlei Dinge betraf...
Er atmete geräuschvoll aus und presste die Lippen zusammen.
Wo ist Morwe, wenn man ihn braucht?!, dachte er wehmütig. Obwohl... wollte er wirklich, dass sein Freund jetzt in diesem Moment hier aufkreuzte?
Ohne recht zu wissen, was er tun sollte, knetete er seine Hände und huschte nervös mit den Augen über die Wand hinter Nîn, die ihn noch immer fragend anstarrte. Er war definitiv nicht der Richtige, um Nîn über so etwas aufzuklären. Er konnte schlecht mit ihr über  eine so natürliche Sache sprechen, wenn er dabei selber völlig verklemmt war. Das fällt eindeutig in Vanyes Aufgabenbereich und nicht in meinen... Ich bin Gelehrter und kein- kein- ... Entnervt stellte Rínon fest, dass auch seine Wortgewandtheit sich vor lauter Scham verabschiedet hatte.
Na schön... Es hilft ja nichts...
„Nun....“, setzte er an und versuchte seinen Lippen ein Lächeln abzuringen. „Das... weißt du... Es...“, doch es half nichts. Er hob einen Finger, um Nîn zu signalisieren, er brauchte noch einen Moment. Dann tat er einen langen tiefen Atemzug und versuchte es erneut.
„Also... Es gibt gewisse.... Unterschiede zwischen dir und mir...wie du sicher schon bemerkt hast...“, druckste er. „...nicht nur hinsichtlich der Tatsache, dass du eine Zwergin bist und ich ein Elb, sondern... auch....- Die Natur, weißt du, hat uns so ausgestattet, dass wir... verschiedene Rollen... einnehmen... im Bezug auf...“, versuchte er händeringend einer immer verwirrter dreinschauenden Nîn zu erklären. Rínon sah ein, dass es so keinen Zweck hatte.
„Also... dass das da ist, hat ... einen Sinn... Nämlich, damit...-“, doch außer diffuser Bewegungen seiner Hände brachte er nichts weiter zustande. Außer noch stärker flatternder Nerven und heißer anlaufenden Wangen.
Oh ihr Götter, warum straft ihr mich so...?

das einzige, was mir dazu noch einfällt ist: Schadenfreude 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 03 Sep 2013, 19:41

Gerade als Nîn sich fragte, ob Rínon vielleicht kurzfristig halb gelähmt sein konnte, weil er womöglich von einer Hummel irgendwo an der Wirbelsäule gestochen worden war - nicht, dass sie an diesem Ort bereits Erfahrungen damit gemacht hätte -, begann er doch noch zu erklären. Zumindest versuchte er es. Er rang nach Worten, machte eine komische Gehste und rang noch mehr nach Worten. Die Zwergin hob die Augenbrauen. Sie war neugierig, ja. Aber wenn er nicht darüber reden mochte, warum sagte er es dann nicht einfach? Vielleicht war bei der Zufügung dieses Blutergusses zusammengebrochen und schämte sich nun dafür. Nur wäre das der Intensität der Farbe und dem klaren Umriss nach zu urteiteilen, definitiv keine Schande gewesen, für ein so unbeschriebenenes Blatt Papier, wie Rínon es anscheinend war. Sie rieb sich die Stirn und hörte das peinlich berührte Schweigen, was von dem Elben ausging. Nîn versuchte möglichst viel Feingefühl und ernstes Verständnis in ihren Worten mitklingen zu lassen, damit sie nicht herablassend wirkte, denn das hatte jemand nettes wie Rínon bei weitem nicht verdient. "Hör mal, ich hing auf dem Weg hier her lange genug in Morwes Armen um mehr davon zu verstehen, als du vielleicht denkst... Auch wenn du es wahrscheinlich nicht von mir vermutest, aber ich habe - wenn auch nur undeutlich und gedämpft - teilweise verstanden, was die beiden Männer hinter dem Vorhang zueinander geraunt haben... und wenn du nicht darüber reden möchtest, weil es um etwas privates zwischen nur dir und Morwe geht, dann musst du auch nicht-" Nîn sah auf und sah Rínons verkrampfte Haltung und rote Wangen.
Ihr Blick traf denen seinen.
... Und die Zwergin verstand.
Dafür musste Rínon kein weiteres Wort sagen.
In Rückwärtiger Reihenfolge spielten sich die letzten Szenen wieder in ihrem Kopf ab und Nîn verstand.
Wie ein kitzelndes Lauffeuer jagte diese Verständnis von ihren Zehenspitzen bis zu ihren Ohren. Blut schoss ihr in den Kopf, als sie merkte, wie sich ihr Körper spannte und sie alle Kraft aufbringen musste, um dem Verlangen nicht nachzugeben. Sie durfte nicht schwach werden, das hatte der arme, unwissende Rínon nicht verdient. Nîn bekam vor lauter Anstrengung keine Luft mehr. Sie lies in ihrer Anspannung kurz nach um einen kurzen, tiefen Atemzug nehmen zu können, doch genau in diesem Augenblick, traf den Elben die bitterböse falsche Erkenntnis über ihre Worte und sie konnte nicht länger an sich halten. Sie lachte. Unverholenes, lautes Gelächter flutete das Haus. Nîn griff nach dem Geländer der Treppe um sich zu halten, doch ihre Beine knickten weg, als wären sie aus Gummi. Die Zwergin konnte sich nicht mehr beruhigen. Zu lange war es her, dass sie sich so gefühlt hatte. Sie hielt sich die schmerzenden Rippen. Ihr ganzer Oberkörper bebte und ihr Bauch begann sowohl innen als auch außen zu Schmerzen, doch das dämpfte ihren Lachanfall keineswegs. Das würde sie sich nicht von einer so unwichtigen kleinen Schramme nehmen lassen. Sie kniete vorn übergebeugt auf dem Boden und besann sich wieder einigermaßen. Hastig befriedigte ihr Körper das verlangen tief durchatmen zu wollen, um wieder Sauerstoff in sich aufzunehmen und gegen den Schmerz anzuatmen, doch Nîn machte den Fehler und sah auf.
Rínons Gesichtsausdruch war jenseits jeder möglichen Erklärung. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch das beschwichtigte Nîns Lachen nicht, sondern entflammte es nur wieder von neuem. Sie lies sich rücklings auf den Boden sinken, mit einer Hand die vor Schmerz hämmernde Verletzung haltend und mit der anderen die Glückstränen aus den Augen wischend. Reue und bedauern mischten sich unter ihr schallendes Gelächter, doch durch mein als ein gequältes "Es tut mir Leid!" zwischen zwei besonders schweren Lachanfällen, konnte sie es momentan unmöglich zum ausdruck bringen.
Er hatte doch nicht wirklich denken können, dass sie darauf hatte hinaus wollen...
Rínon war am protestieren oder am erklären, doch Nîn konnte seine Stimme durch ihre eigenes Lachen kaum hören.
... Und selbst wenn, war seine offensichtliche Befangenheit viel zu amüsant gewesen. Ausgerechnet von einem Kerl, der Frauen gegenüber so geschickt versuchte mit Worten zu jonglieren.
Das Öffnen der Türe neben ihr, sorgte dafür, dass Nîn es langsam schaffte sich wieder ein wenig zu beruhigen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 12 Sep 2013, 21:57

WARNING: Graphische Beschreibung der Folgen von Drogenmissbrauch. O.o 

Er hörte weder die Geräusche der Nacht, noch erreichte ihn das Sternenlicht. Wo sich eben noch der Himmel über ihn gewölbt hatte, war nichts mehr als dunkles Nichts. Eine dunstige Hand hatte sein Gesicht umschlossen und ihn in einen Abgrund verworrener Träume gezerrt. In Morwes Ohren hallten Erinnerungsfetzen. Langsam trieben matte Bilder durch die Schwärze, dann wurden es immer mehr und mehr, bis er sich einem Strudel bunter wirrer Schlieren wiederfand, der gegen sein Gehör donnerte.
Nach und nach fühlte er wie ihm das Bewusstsein zurückkehrte. Der Nebel in seinem Geist löste sich allmählich dank des Fahltaus auf und mit ihm legte sich der Sturm um ihn gleichermaßen. Seine Nerven entspannten sich.
Morwe fühlte sich fallen wie eine Feder. Er lachte, streckte sich und glitt sanft die schwarzen Untiefen hinab zum Grund.
Wenn es eines gab, das er an diesem Kraut schätzte, dann, dass es ihn aus den seichten Gewässern, in die sich sein Volk während des Schlafes bettete, in ein Labyrinth tiefer Träume zu entführen vermochte.
Manchmal waren sie entsetzlich. Besonders verstörend waren sie, wenn er schon zu lange keine Kapsel mehr eingenommen hatte. Aber wenn er wie jetzt gerade erst eine zu sich genommen hatte...
Selig grinste Morwe in sich hinein. Er fiel und fiel. Wie weit wohl noch?, aber er fühlte sich zu erschöpft sich auch nur umzublicken oder einen Muskel zu rühren.
Aber ich schlafe doch.... Wie kann ich da Muskeln haben?
Ich kann mich ja auch nicht verletzen, während ich träume....
Aber ich kann noch erschöpfter aufwachen, als ich eingeschlafen bin...
Und wenn sich meine Glieder nach dem Schlaf noch kraftloser anfühlen als vorher, was ist dann im Schlaf mit mir passiert?
.....Ich sollte Vanye danach fragen...

Aber ihm fiel wieder ein, dass sie ja ganz normal wie jeder andere gesunde Elb auch schlief. ...Und dann müsste ich ihr ja erklären, was mit mir nicht stimmt....
Warum es ihr eigentlich nicht erklären? Sie hatte doch ganz bestimmt Verständnis dafür...
Ach nein..., das war ja der Grund, weshalb sie aus Imladris fortgegangen ist... um mein Elend nicht mehr mitansehen zu müssen...
Der Stich, dem ihm dieser Gedanke versetze, war jedoch stumpfer als erwartet. Anscheinend hatte sich der Nebel aus seinem Kopf nun wie eine Wolke um ihn gelegt. Wie ein Kokon hüllte er Morwe ein und dämpfte seine Wahrnehmung.
Dann verschluckte ihn auf einmal Finsternis.
Morwe schlug die Augen auf. Verwirrt betastete er seine Lider. Weshalb hatte er sie geschlossen? Wo war er?
Über ihm spannte sich aderblauer Himmel. Vögel zwitscherten munter im Geäst. Es war bereits morgen.
Wohin ist die Nacht verschwunden? Verdutzt setzte Morwe sich auf der Veranda auf. Er konnte sich nicht entsinnen, was den Rest der Nacht geschehen war. Normalerweise erinnerte er sich an seine Träume. Doch statt Bildern drang sich nur Schwärze in seinem Geist auf. Irgendwo sang eine Spatzenfamilie in den Büschen. Aus dem Innern des Hauses drangen Geräusche an seine Ohren. Jemand schien etwas herumzuräumen, jedenfalls ertönte Klirren und dumpfe Laute von Gegenständen, die abgestellt wurden. Anscheinend waren die anderen schon aufgestanden. Wie lange hatte er hier gelegen?
Morwe erhob sich. Seine Glieder fühlten sich eigenartig an. Wie mit Luft gefüllt waren seine Knochen, jeder Schritt war dumpf und taub. Hoffentlich legt sich das wieder..., dachte er besorgt. Solche Wirkungen hatte er bisher noch nie unmittelbar am Tag nach einer der Kapseln verspürt. Ihm war unwohl bei diesem Gedanken. Es beschlich ihn das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.
Drinnen war es dunkel. Jemand hatte die  Fenster zur anderen Seite hin geschlossen und sie mit Decken verhangen. Das Wohnzimmer war in dämmriges Schummerlicht gehüllt. Morwe erstarrte im Türrahmen, als ihm das Szenario im Innern gewahr wurde.
Überall lagen Phiolen und Tücher über den Boden verteilt. Die Sitzbank, auf der sie Nîn hatten schlafen lassen, war nicht minder vollgestellt und Morwe glaubte tatsächlich dunkle Flecken auf dem Bezug sehen zu können.
Was ist hier nur passiert?
Erst jetzt bemerkte er, dass der verschattete Umriss vor dem Tischchen zu einer Person gehörte.
„Vanye?“
Doch die Angesprochene antwortete nicht.
Etwas in Morwes Bauch pochte unangenehm. Rasch trat er an sie heran, aber als er des Tisches gewahr wurde, machte er sofort einen Schritt zurück. Sachte zog Vanye das dunkle Laken zurecht, welches sie über dem kleinen Leib darunter ausgebreitet hatte. Ihre Stimme klang seltsam dunstig. „Sie hat es leider nicht geschafft.“
„Aber...“, Morwe starrte wie angewurzelt auf die Umrisse des Körpers, die sich auf dem Tuch abzeichneten. „Hast du sie nicht... Warum hat sie die Nacht nicht...überlebt?“
Auf einmal sah er wie winzige dunkle Punkte überall auf der Decke auftauchten, unter der Nîn lag. Sie wurden rasch größer und begannen Lachen auf dem Stoff zu bilden. Morwes Augen wurden groß. „Bei den Valar, was-?“, doch Vanye fasste ihn bei der Hand und zog ihn zur Seite und fort in Richtung Treppe.
„Ich musste doch sichergehen, dass sie wirklich tot ist. Da habe ich nachgeschaut, ob ihr Herz noch schlägt, aber es war schon zu spät...“, gestand Vanye ihm. Etwas in ihrer Stimme machte, dass Morwes Nackenhaare sich aufstellten. „Willst du nicht lieber mit mir nach oben gehen?“
Gegen seinen Willen fühlte er sich fortgezogen werden aus dem Zimmer. „Du hast was getan?!“, ihm wurde plötzlich schwindlig. „Wir können sie doch nicht einfach hier-“ Die Worte erstarben auf seinen Lippen. Er tat einen Blick zurück und es kam ihm vor, als wäre der Körper der Zwergin größer geworden. Auch der Tisch war viel länger und breiter. Mit aller Kraft stemmte Morwe sich gegen die Hände, die an ihm zerrten, um die seltsame Veränderungen in sich aufzunehmen. Dieser Anblick rührte etwas in ihm an, doch er wusste nicht was.
Auf einmal rutschte ein Arm unter dem Tuch hervor. Kraftlos hing er über die Tischkante, dicke Muskeln spannten sich unter der scheinbar hellen Haut und die langen schlanken Finger berührten beinahe den Boden. Morwes Blut gefror zu Eis. Seine Augen weiteten sich. Voller Entsetzen stierte er auf die Hand, die statt fünf nur drei Finger aufwies. Der Kleine- und der Ringfinger fehlten.
Das kann nicht sein! Nein!!
Mit einem Schrei riss Morwe sich los und stürzte zurück auf den Tisch zu. Hände, viele Hände, packten ihn von hinten, schlossen sich wie Schraubstöcke um seine Arme und versuchten ihn aufzuhalten. Er brüllte und wand sich, schlug nach den unsichtbaren Gegnern, konnte sich ihren Griffen aber nicht entwinden.
Die Lachen auf der Decke senkten sich plötzlich ein. Wie Stoff, der über eine Öffnung gelegt ist und in sie hineinrutscht, verschwand das Tuch an jenen Stellen in dunklen Löchern. Aber sie waren viel zu tief, als dass sie hätten möglich sein dürfen! Morwes Widerstand brach in sich zusammen, er beobachtete mit hämmerndem Herzen wie das Tuch immer weiter und weiter in den schwarzen Abgründen versank, die sich auf dem Körper aufgetan hatten. Ja, der ganze Körper selbst begann zuckend und vor Krämpfen grotesk verzerrt in die Löcher hinein gesogen zu werden! Der Raum verschwamm vor Morwes Augen. Die Welt um ihn kippte. Wie glühendes Eisen brannten sich die Hände in seine Haut und schleiften ihn fort in undurchdringliche Finsternis. Er sah noch das Aufblitzen einer Klinge - dann war es vorbei. Keine Feinde mehr, die ihn hielten. Kein Raum. Kein Körper auf dem Tisch. Morwe war allein. Und jetzt bemerkte er das seltsame Gefühl in seinem Bauch. Vorsichtig tastete er in der Schwärze über seinen Oberkörper und spürte verdutzt, dass sein Hemd nass war. Er brachte seine Hand an den Mund und schmeckte bitteres Metall.
Ich blute?
War es möglich in seinen Träumen zu sterben? Wirklich zu sterben? War draußen etwas mit seinem Körper geschehen? Die Gedanken hallten wie gesprochen von einem Fremden durch das Nichts, das ihn umgab.
Aber ich bin doch aufgewacht..., erinnerte sich Morwe verwirrt. Sein Geist wurde schwer.
Die Wunde an seinem Bauch begann jäh zu jucken. Es kitzelte in seiner Haut, sie pochte und kribbelte. Morwe wollte nach seinem Bauch fühlen, aber auf einmal waren seine Arme schwer wie Blei und er konnte sich nicht rühren. Über ihm fiel plötzlich fahles Licht durch das Dunkel. Die Schwärze zerrann wie schmelzendes Wachs. Hinter ihr kam ein dunstiger grün-blauer Horizont zum Vorschein, der sich wie eine Kuppel über Morwe ausbreitete. Das Zappeln in seinem Fleisch wurde unruhiger, er versuchte sich aufzurichten, schaffte es aber nicht und so hob er in seinem seltsamen schwebenden Zustand nur den Kopf, damit er an sich herabblicken konnte.
Was in Ulmos Namen...?! Morwes Gesicht verzog sich, als ihm gewahr wurde, dass er abgesehen von den Reithosen seines Bruders Nîns Kleidchen trug. Es war ihm viel zu kurz und vor allem zu eng, wodurch er kaum atmen konnte. Der Stoff drückte Morwes Brustkorb schmerzhaft zusammen. Sein Bauch war nass, aber statt des erwarteten Bluts stiegen rötliche Wölkchen an den benetzen Stellen empor, wie Nebel nach einem Sommerregen. Wieder begann es unter Morwes Haut zu kitzeln und mit Schrecken sah er wie sich unter dem Stoff in seinem Bauch etwas regte. An jener Stelle löste sich nicht nur die Flüssigkeit in rosigen Dampf auf, sondern auch seine Bekleidung und gab den Blick auf seinen Bauchnabel frei. Mit einem Gefühl, dass er sich am liebsten übergeben hätte, bohrte sich etwas zappelnd durch sein Fleisch und auf einmal kam ein kleiner pelziger Kopf aus ihm zum Vorschein.
Morwe klappte der Mund auf. Die scharlachrote Maus tat es ihm gleich und starrte zurück. Dann zwinkerte sie, kratzte sich hinterm Ohr und begann mit einer erschreckend bekannten Stimme zu sprechen: „Das tut mir Leid, mein Freund, ich wollte nach einem Fluchtweg für dich suchen, aber immer wenn ich glaube ihn gefunden zu haben, komme ich wieder da aus, wo ich angefangen habe...“
„R-Rínon...?“, mit aufgerissenen Augen stierte Morwe die Maus an, die ungerührt ihre winzigen Pfoten auf seinen Bauch gelegt hatte und mit dem Kopf aus seinem Nabel hervorlugte.
„Du siehst blass aus, mein Lieber.“, fiepste sein Freund. „Wir sollten uns lieber verstecken, bevor sie uns finden. Komm, ich weiß ein gutes Versteck!“ Rínon wackelte mit den Barthaaren und nickte eifrig, bevor er wieder in Morwes Bauch verschwand.
Dann durchzuckte ein Beben den schummrigen Raum. Entgeistert und viel zu schockiert um auch nur irgendwie reagieren zu können, öffnete sich plötzlich der Horizont und die Himmelskuppel über Morwe wurde in die Höhe gerissen. Statt des Blaugrünen Farbtons schimmerte sie mit einem Mal silbern und hatte die Form eines Servierdeckels angenommen. Auf einmal fühlte Morwe harten Untergrund gegen seinen Rücken pressen und er stellte mit Grauen fest, dass er auf etwas lag, was wie ein gigantischer Teller aussah. Morwe sah langsam und mit wild schlagendem Herzen nach oben. Der Muskel in seiner Brust verkrampfte sich. Dort oben über ihm wucherte riesiges Blattwerk wie von einem monströsen Baum und ein Paar pechschwarzer Augen fixierte ihn aufmerksam. Der gewaltige Spatz, zu dem die Augen gehörten, beugte sich noch näher zu ihm hinab und plötzlich bemerkte Morwe, als seine zitternden Hände nach einem Halt suchten, dass er nicht länger auf Porzellan lag. Der Untergrund hatte sich in den Boden eines Vogelnests verwandelt. Und jetzt erkannte er aus den Augenwinkeln hunderte kleine Vogeleier, die aufgehäuft die Wände des Nestes umgaben. Sie knackten, knirschten. Morwe wagte nicht den Blick von der Vogelmutter abzuwenden, die mehr als dreimal so groß war wie er, doch das plötzliche Zirpen und Fiepsen dutzender winziger Küken ließ ihn erschaudern. Um ihn begann es zu summen. Wie ein Insektenschwarm erhoben sich die frisch geschlüpften Jungen in die Luft. Sie kreischten wie wild und stürzten sich auf Morwe, der erstarrt am Boden lag und nichts tun konnte, außer die Augen zusammenzupressen, um sie vor den kleinen pickenden Schnäbelchen zu schützen. Sein Körper war völlig paralysiert. Da war nichts, das er tun konnte, außer das Picken und Hüpfen und die Flügelschläge gegen seinen Kopf zu ertragen. Selbst sein Mund war steif und ließ es nicht zu, dass er die Spatzen mit einem Gesang beruhigen konnte.
Wieder wurde sein Leib schwer. Immer schwerer und schwerer. Morwe versank regelrecht in den Zweigen des Nestes, umschwirrt von hunderten winziger Sperlinge, die an ihm zupften und plärrten.
Der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, war: ...ich hätte nicht auf Rínon hören sollen... Vogelnester sind ein schlechtes Versteck...
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 15 Sep 2013, 14:26

Rínons Gesicht fühlte sich an als würde eine Kolonie Ameisen unter seiner Haut krabbeln. Wie hatte er den verfluchten Bluterguss vergessen und ernsthaft denken können, Nîn hatte etwas ganz anderes gemeint? Über Nîns schallendes Gelächter hinweg versuchte er wild gestikulierend sich zu erklären und seine Annahme zu rechtfertigen, doch die Zwergin krümmte sich nur kichernd am Boden und ignorierte seine Worte. Etwas, das beinahe wie „Tut mir Leid“ klang, würgte sie prustend zwischen Lachanfällen hervor.
Oh, was hätte er in diesem Augenblick dafür gegeben, dass die Dielenbretter unter ihm nachgaben und ihn verschluckten...! Rínon bedeckte mit seiner Rechten seine Augen, um sich den Anblick der gackernden Zwergin zu ersparen und biss sich auf die Lippen.
Hoffentlich wird das hier niemals jemand erfahren.... Seine Wangen brannten vor Scham. Ihn überkam der Drang Nîn zu beknien dies niemanden jemals zu erzählen, doch bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, zerriss das Quietschen einer Türkllinke Rínons Eingeweide. Durch seine Finger sah er die andere Zimmertür aufschwingen und hätte er mitansehen müssen, wie sich Mordors Pforten vor ihm öffneten, es hätte nicht entsetzlicher sein können. Sein Herz schlug so heftig, dass er das Pochen bis in seinen Kopf spüren konnte, das donnernd jede Pore seiner Haut auflodern ließ.
Vanyes Augen huschten über die immer noch kichernde Nîn und dann hin zu ihm. Aber sie blieben nicht lange auf sein Gesicht geheftet. Das war mehr als er ertragen konnte. Ihm schwindelte. Wenigstens besaß seine Kusine so viel Mitgefühl sich rasch wieder von ihm abzuwenden, aber es war zu spät, denn seinem Gefühl nach zu urteilen war seine Haut soeben dabei sich von seinem Fleisch zu lösen, wobei sie einen eisigen Schauer in seinen Muskelfasern hinterließ. Seine Hand rutschte ihm kraftlos herab. Was um ihn geschah war plötzlich wie durch einen Schleier in schrille Farbtöne und Geräusche verzerrt.
„Es ist schön zu sehen, dass es dir wieder besser geht.“, strahlte Vanye Nîn heiter entgegen und beugte sich zu ihr herunter. „Aber du musst verstehen, es ist meine Pflicht aufzupassen, dass das auch so bleibt.“ Und mit einer blitzschnellen Bewegung packte sie der Zwergin in den Nacken, die daraufhin erstarrte, ein Japsen von sich gab und augenblicklich zu lachen aufhörte.
Im Plauderton fuhr Vanye fort. „Weißt du Lachen ist nur dann gesund, wenn man keine schlecht verheilten Verletzungen mit sich herumträgt, die vielleicht aufreißen und bluten können oder sich vielleicht verziehen und falsch wieder zusammenwachsen, was deine Beweglichkeit später einschränken kann. Und dann müssen wir dich noch einmal aufschneiden und dir die Wunden noch einmal zufügen und dich anschließend ans Bett fesseln, damit sie dieses Mal anständig verheilen.“ Seine Kusine schenkte Nîn, die mit geweiteten Augen zu ihr aufsah, ein liebenswertes Lächeln, das sich fürchterlich mit dem Inhalt ihrer Worte biss. „Ich hoffe du verstehst also, dass ich deinen Übermut ein klein wenig dämpfen muss. Das ist nur zu deinem Besten.“, trällerte Vanye. Sie ließ die Zwergin wieder los, tätschelte ihre Schulter und erhob sich.
Auf einmal fixierten ihre Augen Rínons Unterleib. Sein Körper verfiel in Starre und ein klägliches Wimmern entwich seinen Lippen. Konnte nicht wenigstens sie Erbarmen mit ihm haben...? Mit unverhohlener Neugierde tänzelte seine Kusine zu ihm hinüber. Sie legte den Kopf schief. „Was hast du denn da gemacht?“, mit einem zierlichen Finger deutete sie auf den Bluterguss. Als sie ihre Hand danach ausstrecken wollte, schlug Rínon sie hastig zur Seite.
„Lass das!“, entfuhr es ihm panisch mit einer Stimme, die viel zu hoch war, als dass sie wirklich ihm gehören konnte.
Aber Vanye ignorierte seinen Protest und kam noch etwas näher. „Da hast du dir aber ganz schön was eingefangen, liebster Vetter!“, staunte sie. „Sag mal, wen oder was hat Nîn gerade gemeint mit den zwei Männern und der privaten Angelegenheit zwischen Morwe und dir?“
Rínon sah sich plötzlich einem durchdringenden Paar heller Augen ausgesetzt, über deren Ausdruck das Lächeln in Vanyes Gesicht nicht hinwegtäuschen konnte.
Ob sich so eine Maus fühlte, die einer Schlange ins Angesicht sah?
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 15 Sep 2013, 16:17

Morgoth war eine Frau. Und er war hier. Wandelte unter ihnen. Ungesehen zwischen Wasserfällen und Kräutergärten. Das Böse war aus Mordor entflohen und hatte offensichtlich Nîns Haus als neuen Hauptsitz deklariert. Ein eiskalter Schauer lief der Zwergin den Rücken hinab. Sie hatte schon immer die abenteuerlustigsten Sachen hinter dieser Tür erwartet, aber das aus ihr eine-
Nîns Gedanken wurden von einem heftigen Herzschlag kurz ausgesetzt.
Die liebevoll wirkende Frau war auf Rínon zu gegangen, der ihr gegenüber scheinbar ähnliche Gefühle wie Nîn zu hegen schien, aber dennoch mutig -oder verlegen- genug war, um ihre ausgestreckte Hand in einer sehr femininen Geste weg zu schlagen.
Die Zwergin drehte den Kopf und die Beiden verschwanden aus ihrer Wahrnehmung. Es war alles unverändert geblieben. Selbst wie sie dort auf dem Boden saß. Ein kleines verlassenes Mädchen, dass in einen leeren Raum blickt. Lautlos stand sie auf und ging zu dem hölzernen Türrahmen. Weiter wollten sie ihre Beine nicht tragen. Der Raum war ähnlich aufgebaut wie ihr altes Zimmer, doch gleichzeitig auch so vollkommen anders. Keine Schmierereien an den Wänden, stattdessen Fundstücke, Geschenke und Trophäen aus unterschiedlichsten Gegenden. Die Bodendielen waren auch nicht von zerzausten Teppichen übersät, sondern zeigten sich in ihrer ganzen dunklen Pracht, nur vereinzelt mit Stühlen und Abstelltischen bestückt. Eine Nadel aus flüssigem Wachs bohrte sich tief in Nîns Herz. Das Bett war anders. Es war nicht unordentlich, doch die Art und Weise, wie Decken und Kissen zusammen gelegt worden waren, unterschied sich in kleinen, jedoch wichtigen Details zu ihrer Erinnerung. Irgendetwas war diesem Zimmer entrissen worden und doch noch da. Nîns Empfindungen überforderten sie maßlos. Ihr Blick blieb an den zerbrochenen Fenstern hängen. Irgendwo schräg neben ihr wurde Rínons Kopf am Ohr und unter Protest nach unten gezogen, während süffisante Worte durch den Flur hallten. Nîn legte den Kopf an den Türrahmen. Ihre Zunge war schwer wie Blei, ihre Lungen hatten sich zusammen gezogen und machten jeden Atemzug zu einer Qual. Realität forderte ihren lang verdrängten Tribut. Es war nur ein Zimmer. Ein Zimmer wie jedes andere auch. Ihr Eltern waren fort. Schon lange und sie würden niemals wieder kommen.
Und sie selbst...?
Sie trat auf der Stelle. Nach all den Jahren in denen sie gefühlt schon tausend Mal ein neues Leben angefangen hatte, stand sie wieder hier, im selben Haus, genauso unfähig und hilfsbedürftig.
Morwe hätte möglicherweise auch etwas Hilfe nötig...
Der Garten hatte sich durch die zerbrochenen Glasscheiben den Weg in das Haus hinein gefunden. Äste und Ranken wanden sich um die übrigen Fensterstreben und Lampenhalterungen. Selbst wenn Morwe trotz aller Merkwürdigkeiten noch in Ordnung wäre - was Nîn diesem untypischen Elben sogar zutrauen würde - würde der Garten ihn sicher bald ebenfalls verschlungen und in seine Tiefen gezerrt haben.
„Morwe liegt übrigens unten im Garten und rührt sich nicht mehr.“
Die Stimme der Zwergin kam ihr selbst merkwürdig fremd vor. Das Gezeter hinter ihr erstarb wie auf Kommando und sie spürte die Blicke beider Elben in ihrem Nacken.
„Was meinst du mit ‚er rührt sich nicht mehr‘?“
Nîn drehte sich unmotiviert um und musste feststellen, dass die Frau immer noch Rínons Ohr mit festem Griff umschlossen hielt. Sorge flackerte für einen Moment durch ihr Gesicht, doch verschwand so schnell wieder, wie wenn man einen kleinen Stein in einen tiefen Brunnen werfen würde.
Die Zwergin zuckte nur mit den Schultern, doch offenbar erwartete die Frau mehr, denn sie fixierte Nîn weiterhin mit einem liebreizend durchdringenden Blick, während Rínon seinerseits versuchte sein Ohr aus ihren Finger zu lösen und den Rest des Körpers unauffällig in Richtung Schlafzimmer zurück zu buchsieren.
Die Frau war auffällig klein. Sie befand sich mit Nîn zwar nicht direkt auf Augenhöhe, doch allzu viel hätte dafür nicht gefehlt. Doch im Gegensatz zu Nîn war sie zierlich gebaut und wirkte in ihren Proportionen ähnlich wie ein Kind. Ein sehr erwachsenes Kind... Das kein Kind mehr war...
Nîns Blick kreuzte hin und wieder den ihren, doch die Zwergin musste sich eingestehen, dass sie es nicht ertrug ihm länger als ein paar wenige Sekunden stand zu halten.
„Nun, er hat die Augen auf...“ Ihr Blick fixierte Nîn weiterhin. „Und er atmet noch....“ Keine Regung. „...leicht...“ Die Zwergin konnte jedes ihrer Nackenhaare einzeln spüren. Blinzel doch wenigstens!
„Aber aufwachen tut er nicht...“ Rínon hatte mit einem leisen Wimmern seine Versuche eingestellt. „...nicht, dass ich ihn versucht hätte zu wecken...“ Eine Schweißperle rann über Nîns Stirn und das Bild dieses lächelnden Gesichtes, wie es mit ihrem Blut beschmiert über ihr hing, verschwand einfach nicht aus ihrem Kopf. „...auf unterschiedliche Arten...“ Ein kleiner Splitter, der als dem Rahmen ragte fing voll und ganz Nîns Blick ein. Die Stille prügelte wie ein Höhlentroll auf Nîns Gewissen ein, doch nach einigen Herzschlägen bewegte sich die Welt endlich wieder in normalen Bahnen, als die Frau Rínon los lies und ihm total entrüstet vorwarf, dass er sich ja immer noch nichts angezogen hatte.
Wie ein geprügelter Welpe verschwand er gebückt wieder in Nîns Zimmer und schloss hastig die Tür hinter sich. Die Frau tänzelte die Treppe nach unten und Nîn beschloss mit gebührendem Sicherheitsabstand ihr zu folgen.
So viele Gedanken flogen ihr durch den Kopf, dass sie keinen von ihnen fassen und genauer betrachten konnte. Ihre Umgebung war zu nehmen fiel ihr schwer, ebenso wie bewusstes nachdenken. Ihre Gedankenfluten bündelten sich in Gefühlswellen, die ihre Kraft erst komplett aufsaugten und sie dann begannen von neuem aufzubauen. Im Wohnbereich angekommen wusste Nîn schon nicht mehr, was sie eigentlich dort sollte, also wandelte sie trostlos in Küche, wo sie sich hoffentlich vor dieser unheilverheißenden Gutmütigkeit verstecken konnte. Die Wände waren dank dem Ofen schließlich massiv und es gab nur einen Eingang, den man verschließen konnte. Selbst nachdem der Ork auf sie eingestochen hatte, hatte sie sich nicht so tot gefühlt. Wie im Traum schlich sie in die Küche und bemerkte dabei das Bündel blutiger Kleidung, das jemand zusammengefaltet in die Spüle gelegt hatte. Oben drauf war eine zerknitterte Pergamentrolle zu sehen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 15 Sep 2013, 20:07

Ganz nah an seinen Ohren vernahm er Zirpen und Zwitschern. Der Schwarm um ihn hatte sich aufgelöst, aber anscheinend waren noch immer nicht alle Vögel verschwunden. Morwe sah nichts. Vor seinen Augen zogen Sterne vorüber. Und doch konnte er unter sich harten Boden fühlen, der ganz und gar nicht zu dem passte, was sein Sehsinn ihm vorgaukeln wollte. Zweige und Halme waren verschwunden, wo das Nest gewesen war, pressten nun feuchte Holzplanken gegen seinen Rücken. Modrige Luft umspielte Morwes Nase. Sie trug den Geruch von nassem Gras, Moos und alten Brettern zu ihm her. Irgendwo in der Ferne wob jemand liebliche Töne zu einem sanften Lied zusammen.
Wo bin ich?
Kreischend stoben die Spatzen um ihn auseinander. Süßer Duft wie von Blumen weckte seine Sinne und wehte ihm immer kräftiger entgegen. Etwas raschelte, Stoff streifte seine Beine und etwas schweres drückte ihm auf die Oberschenkel. Morwe benötigte einen Moment, um zu begreifen, dass das warme weiche Etwas ein Körper war und ihm die Berührung jener Person vertraut vorkam.
Zarte warme Finger tasteten über seine Hände. Sie drückten seine Handflächen, hielten dann inne und wanderten zu seinen Handgelenken, wo sie verharrten.
Warum fühlt sie nach meinem Puls?, noch immer waren seine Gedanken schwer. Er stutzte.....“Sie“?
Instinktiv entwand Morwe sich dem Griff und tastete seinerseits nach den Händen. Er hielt sie fest, fühlte über die dünnen Finger, spürte ihre zarte Haut.
„Vanye...“, ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Kichern wie von Glöckchen liebkoste seine Ohren und Wärme breitete sich in seinem Leib aus. Haarsträhnen kitzelten sein Gesicht. Vanyes Stimme war ganz nah über ihm. „In welchem Traumwelten du gerade auch immer wandelst, bei Elbereth beschwöre ich dich zu mir zurückzukommen.“
War es nun ihre Anwesenheit oder gar die Macht ihrer Worte, die seltsam in seinem Kopf widerhallten, Morwe fühlte sich wie von einer fremden Kraft aus den Tiefen seines Bewusstseins emporgesogen. Seine Sicht klärte sich allmählich. Tiefblauer Himmel wich dem roten Vorhang von Vanyes Haaren, von den Sternen blieben nur zwei zurück, die ihn verschmitzt anfunkelten.
„Du schläfst sehr tief, Tirithin.“, sie musterte ihn aufmerksam und mit einer Spur Argwohn. „Ich muss mir doch wohl keine Sorgen um dich machen?“
Morwe erwiderte ihren Blick nur gleichmütig. Seine Finger strichen nachdenklich über die Ihren. Sein Körper fühlte sich ungewöhnlich leicht an, seine Brust hob und senkte sich ohne die Last, die er all die Tage verspürt hatte, und beinahe glaubte er noch zu träumen.
Im Traum dachte ich, ich sei erwacht und nun bin ich erwacht und wähne mich noch immer schlafend. Bei ersten Mal irrte ich mich. Aber tue ich es auch jetzt? Er hob eine Hand und führte sie an Vanyes Wange. Die Wärme und Zartheit ihres Gesichts, ihr Duft, ihre Augen waren viel zu eindringlich, um ein Traum zu sein. Sein Gefühl war zu klar als dass es ein Traum sein konnte.
„Wie lange hast du mich in meinem Schlaf beobachtet?“, ignorierte er ihre Frage.
Vanye erwiderte seine Geste, indem sie ihrerseits sein Gesicht streichelte. „Nur für einen kurzen Augenblick, ich bin soeben erst nach unten gekommen. Ich habe Kunde davon vernommen, dass du hier reglos liegen und nicht aufwachen würdest, und da dachte ich mir, ich sehe lieber nach dir.“, sie beugte sich tiefer über ihn und kniff ihm in die Wange. „Nachdem was Rínon mir erzählte, hast du es geschafft dir Ärger einzuhandeln. ...Ich war besorgt um dich.“, fügte sie leise hinzu und ließ ihn wieder los.
Morwe lachte.
Sie gab ihm einen Klaps und richtete sich auf. „Wie schön, dass es dich amüsiert.“
„Was hat unser Tunichtgut dir denn erzählt? Mein Großvater wird gewiss nicht meinen Tod wollen.“ Dafür tun es andere... Aber das mussten weder Rínon noch Vanye wissen.
Sie schwiegen einen Moment lang. Morwe lauschte dem rauschenden Wind in den Blättern, dem Zwitschern der Sperlinge und versuchte den Blick zu deuten, mit dem Vanye ihn fixierte. Schließlich murmelte sie ernst: „Die Schatten unter deinen Augen sind länger geworden, seit ich aus Imladris fortgegangen bin.“
„Meine Sippe ist lästiger geworden, seit du aus Imladris fortgegangen bist.“, setzte Morwe ihr schulterzuckend entgegen.
Vanye kniff ihm in den Bauch. „Lüg nicht!“
„Ich kann nicht lügen. Das weißt du.“
„Dann verschweigst du mir eben etwas!“, meckerte sie, aber Morwe lachte nur.
„Sorge dich nicht um mich. Ich hatte die letzte Woche nur wenig Schlaf und die Minuten der Ruhe waren spärlich. Angelegenheiten, die meine Familie betreffen, nehmen mich im Augenblick ein wenig mehr als gewöhnlich in Anspruch.“, beschwichtige er sie. „Und wie könnte ich deinen allsehenden Augen überhaupt etwas vorenthalten?“
Mit Bedacht hatte er seine Worte gewählt, aber es quälte ihn trotzdem sie auszusprechen. Es war keine Lüge, selbst der letzte Satz, denn hatte Vanye nicht selbst bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmte? Dennoch... Morwe fühlte sich wie ein Scheusal.
Endlich lichteten sich Vanyes Züge und ihre Miene wurde weicher. Doch der verschmitzte Ausdruck, der plötzlich in ihre Augen trat, beunruhigte ihn. „Wie Recht du hast, mein Lieber...“, strahlte sie auf einmal herausfordernd und drückte ihm die Spitze ihres Zeigefingers in die Brust. „Und da meinen ‚allsehenden Augen‘ nichts entgeht, werde ich dir früher oder später auf die Schliche kommen!“ Damit stand sie auf und zupfte summend ihr Kleid zurecht.
Völlig perplex starrte Morwe sie an. Es brauchte einen Moment bis ihm die Bedeutung ihrer Worte vollends aufgegangen war. „Du willst was bitte?“, alarmiert setzte er sich auf.
„Weiß Rínon davon?“, erkundigte sie sich.
„Wovon?“
Sie grinste. „Also nein. Dann muss es ja ein ganz schönes Geheimnis sein, das du da mit dir herumträgst.“
„Ich- Ich trage nichts mit mir herum!“, entgegnete er viel zu hastig und erntete sogleich den Preis dafür. Hitze schoss ihm den Hals bis zu den Ohren empor. Morwe fluchte, aber es hatte keinen Sinn mehr den Kopf zu senken oder sich hinter seinem Haar zu verstecken. Vanye lachte triumphierend. „Erwischt!“
„Den Blitz auf dich und Deinesgleichen!“, zeterte Morwe unbeherrscht und verdeckte sein rot angelaufenes Gesicht hinter seinen Händen. Trotzig erwiderte er Vanyes amüsierten Blick durch seine Finger hindurch. „Ich werde dich meiden wie Orks das Licht, sei dir dessen gewiss!“
„Jaja, fluche du nur.“, trällerte sie und machte sich daran wieder ins Haus zu gehen. „Während du deine Gesichtsfarbe wieder unter Kontrolle bringst, sehe ich in der Zwischenzeit nach meinem Vetterchen.“
Grollend sah Morwe ihr hinterher wie sie im Wohnzimmer verschwand. Bei Ulmo, das hatte ihm gerade noch gefehlt! Ein kleiner Dämon, der ihm hinterherspitzelte! Gegen sie ist selbst Menelo blind und taub...., dachte er jammervoll.
Was würde sie sagen, wenn sie es herausfand? Er würde ihr die ganze Wahrheit verraten müssen, alles. Würde sie ihn hassen, ihn verabscheuen, wenn sie erfuhr wie tief er gesunken war?
Morwe schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu verscheuchen. Nein, sie würde gar nichts erfahren! Er würde zu verhindern wissen, dass sie hinter sein Geheimnis kam, so einfach war es!
Grimmig erhob er sich und machte sich auf den Weg ins Haus. In der Küche gab es sicher Wasser, mit dem er seinen Kopf etwas abkühlen konnte.
Als er am Tischchen und der Liege vorbeikam, stiegen Erinnerungen an seinen Traum in seinem Geist auf. Nichts deutete darauf hin, dass sei wirklich gewesen waren. Keine Blutflecken überall, kein Laken, keine tote Nîn.
Nîn...
Er hatte ganz vergessen Vanye nach ihr zu fragen. War sie wohl auf? Schlief sie womöglich noch, um sich zu erholen? Aber sie hatten die Zwergin doch auf die Liege hier gebettet... Wo war sie?
Der Traum war noch nahe genug, um Morwe ein Gefühl der Beklemmung zu vermitteln. ...War vielleicht doch das eine oder andere geschehen? War es vielleicht noch am gleichen Abend gewesen und er hatte sich zweimal auf die Veranda zum Schlafen gelegt? Aber nein, das konnte nicht sein!
...Oder doch?
Verwirrt und mit einem mulmigen Pochen im Bauch trat Morwe in die Küche ein. Er hob den Blick, um nach den Wasserkrügen zu sehen, und erkannte die kleine Gestalt an der Spüle. Seine Augen weiteten sich.
„Nîn!“, entfuhr es ihm und eine Welle der Erleichterung wusch über ihn hinweg.
Die bedrückenden Traumbilder zerbarsten wie Glas vor seinem inneren Auge. Morwe lächelte. „Ulmo sei Dank, Ihr lebt!“
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 15 Sep 2013, 21:53

Nîn starrte paralysiert auf den Brief in ihren Händen. Kalte, unbändige Wut brodelte in ihrem Inneren, doch ihr Körper blieb ganz ruhig.
So viele offene Fragen ergaben plötzlich einen Sinn!
Ein Mundwinkel von ihr zuckte. Sie würde auf die Jagd gehen und ihn bluten lassen! Sie würde ihn finden und dafür sorgen, dass ihm all seine Widerwärtigkeit tausendfach vergolten wird! Sie würde sie alle rächen!
Ein helles Kichern riss die Zwergin aus ihrer Trance. Nîn blinzelte und räusperte sich, während sie seelenruhig den Brief zusammen faltete. Der Gesang von Spatzen drang ihr an die Ohren. Sie musste lächeln. Das kleine Feuer knisterte nur noch schwach, doch flammte jäh auf, als das schwere Pergament die Glut berührte.
Nîn stand in der Küche, mit dem Rücken an die Spüle gelehnt und legte den Kopf in den Nacken. Die drückende Schwärze, die das Leben vor ihr ausgefüllt hatte, war verschwunden. Sie sah, wie sich Wege unterschiedlichster Art vor ihr auf taten und die nur darauf warteten begangen und erkundet zu werden. Eine sanfter Luftzug fand seinen Weg durch den morschen Fensterrahmen.
Es war ein wundervoller Tag. Sie hatte alle Zeit der Welt, denn er hielt sie für tot und so sollte es in nächster Zeit auch noch bleiben. In diesem Haus würde sie alles finden, was sie für ihre Zukunft brauchen würde, denn jetzt gehörte alles ganz allein ihr. Es gab keine Gesetze und Verbote mehr. Jetzt war sie diejenige, die Regeln aufstellte. Es war ihr Haus, ihre Schätze, ihre Geheimnisse. Diesen Schrank in der Küche würde sie zerhacken, sobald sie wieder gesund war und die drei Elben das Haus verlassen hatten. Sie wollte in das Arbeitszimmer und wenn es sein musste auch mit gnadenloser Gewalt. Alles würde sie in den nächsten Tagen verändern und ausmisten, denn sie war schließlich kein Kind mehr, dass Wände mit bekritzelten Blättern brauchte, um sich nicht mehr einsam zu fühlen. Nur einige wichtige Kleinigkeiten würden sich wahrscheinlich nie verändern, weil zu viel Herzblut an ihnen hing. Die Kommode mit den losen Bodenplatten unter denen sie immer ihre Schätze verstaut hatte; das Totem, aus den Kupferbergen, mit dem sie immer erfolgreich Monologe geführt hatte, wenn sie bei einer Überlegung nicht weiter kam; ihr wundervolles Bett, was sie über die Jahre perfektioniert hatte und nie jemand anderem gehören würde; ...
Sämtliche Ausdrücke des Glücks verschwanden urplötzlich aus Nîns aschfahlem Gesicht. Mit Schrecken spulte ihr Kopf die Erinnerung des heutigen Tages zurück.
Die Zwergin ballte die Fäuste und biss sich fest auf die Unterlippe, doch es vermied nicht, dass ihr Kopf so heiß wurde, dass sie befürchtete, er könnte jeden Moment bersten. Sie versuchte es mit tief durchatmen, doch die Erkenntnis, die sie wie ein Faustschlag getroffen hatte, war unanfechtbar und ausweglos.
Ihr Knöchel wurden weiß. Nîn versuchte krampfhaft das Feuer im Ofen zu fixieren, damit das Flackern vor ihren Augen vermied, dass ihre bildliche Vorstellung ihr Bilder von einem Mann zeigte, der sich die ganze Nacht über seelenruhig und nackt in ihrem Allerheiligsten wälzte, doch es war vergebens.
Die Zwergin fühlte sich nicht unbedingt ‚angegriffen‘ oder ‚in ihrem Stolz gekränkt‘. ‚Angegriffen‘ hatte sie sich gefühlt, als ein wild lachender Ork mit einem Messer wieder und wieder auf sie eingestochen hatte. ‚In ihrem Stolz gekränkt‘ war sie, als Eludin ihre Hilflosigkeit ausgenutzt hatte um gleich für einen wundervollen ersten Eindruck von ihr bei vielen der Elben auf der Straße zu sorgen. Das hier war jenseits jeder Vorstellungskraft. Die Flammen im Kamin verschlungen gerade den letzten Rest von der feinen Schrift ihrer Mutter und den Wünschen ihres Vaters, als rücksichtslos die Tür aufgerissen wurde. Es war ihr Haus und dennoch gab es keinen Ort, der noch mit Respekt behandelt wurde. Das Zucken einer Ader an ihrem rechten Augenlid, half nicht unbedingt dabei, ruhig durchzuatmen, doch Nîn beschloss sich größte Mühe geben zu wollen. Immerhin verdankte sie diesen drei Elben ihr Leben. Morwes Stimme drang an ihre Ohren und sorgte dafür, dass sich ihr Magen zusammen zog.
Tief atmen und freundlich sein...
Sie verzog ihre Miene zu einem Lächeln und wand sich dem Elben zu. „Ulmo sei Dank, Ihr lebt!““
Oh, Aule, gib mir Kraft!!!
„Ja...“ Sie spürte bereits, wie ihr Vorhaben im Nichts verpuffte, doch sie zwang sich so lange wie möglich durch zu halten- Der Gedanke jedoch, dass sich Rínon noch immer in ihrem Zimmer räkelte, bohrte sich wie ein Schraubstock in ihre freundliche Miene. Wenn alle Elben so waren, hatte es möglich schon mehrere gegeben, die- „Und ich finde es wundervoll, dass ich von so hochwohlgeborenen und intelligenten Geschöpfen wie euch Elben umgeben bin.“ So lange Nîn sprach, unterband das ihre bildliche Vorstellung so gut wie es aktuell möglich war, doch in ihrem Hinterkopf dämmerte schon ein Hacken an dieser Taktik, der in direkter Verbindung zu ihrem Vorhaben stand. „Siehst du? Das ist der Vorteil von Jahrhunderten von Lebenserfahrungen. Man muss nur ein bisschen herum stehen und sich ein Weilchen bewegen, und schon können Leute wie du dadurch bestätigen, dass man noch lebt.“
Nîn stand vor einem ernst zu nehmendem Problem. Es gab für sie nur zwei Optionen. Sich den Vorstellungen hingeben, was fremde, nackte Männer mit dem für sie einst sichersten Ort auf Mittelerde anstellten, oder aber es riskieren, dass Morwe lange genug an dieser Unterhaltung beteiligt war, um wach genug zu werden, damit er begriff, worauf sie im Moment hinaus wollte, obwohl sie es nicht wirklich so meinte. ...vermutlich...  Sie entschied sich für Option Nummer drei. „Du solltest dir dringend etwas trockenes überziehen. Weißt du, ob Rínon noch oben ist?“ Wenn Morwe schon so lange wach war, wie er aussah, konnte er es gar nicht wissen, doch wenn er über diese Frage nachdachte, dann womöglich weniger über ihre Worte, die Röte in ihrem Gesicht oder dem Haufen Asche im Ofen.
Sie griff nach einem uralten Kochlöffel. Es wurde dringend Zeit, dass sie in Erfahrung brachte, wo ihre Waffen hin verschwunden waren.

Kennst du das, wenn du dich lange auf etwas freust und dann ist es nicht einmal halb so toll, wie du erwartet hattest? .__.
Naja immerhin ist sie jetzt so langsam wieder mental auf den Beinen.
Ach und zu Rínons Verteidigung/Rettung: Er hat immer noch Elronds Geschenk.
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 16 Sep 2013, 21:40

Morwe zog es vor auf die Frage vorerst nicht einzugehen. Der Blick, mit dem Nîn ihn fixierte, das angespannte Zittern ihrer Kiefermuskeln und das Zucken ihrer Augen versetzte seiner Erleichterung über ihr Wohlbefinden einen Dämpfer. Und es war auch kein gutes Zeichen, dass ihre Gesichtsfarbe auf dem besten Weg war den gleichen Ton wie ihr Haar anzunehmen.
Doch er konnte sich nicht erklären, woher ihre Wut rührte.
Aber wenn ihre Feindseligkeit mir gelten würde, weshalb versucht sie dann ihren Zorn zu verbergen?
Nîn lächelte, doch ihre Mundwinkel bebten vor unterdrückter Unruhe und ihre Augen verrieten keine Freundlichkeit. Sie waren unergründlich, aber das Licht schimmerte auf eine Weise in ihnen wider, dass sie beinahe einen gekränkten Ausdruck vermittelten.
Ehe Morwe sich einen Reim auf die eigenartige Reaktion der Zwergin machen konnte, meldete sich ein bohrendes Gefühl in seinem Bauch. Ein nagender Wurm aus verdrängter Schuld fraß sich durch seine Innereien und Morwe fiel es wie Schuppen von den Augen.
Verlegen senkte er den Blick. Ihm entging dabei dennoch nicht wie Nîn nach einem alten Kochlöffel griff, den sie wie ein Schwert kampfbereit in der Hand hielt. Weiß traten ihre Knöchel hervor und ihre Sehnen spannten sich.
„Ich verstehe, dass Ihr sehr zornig auf mich sein müsst, nachdem Ihr durch meine Unbedachtheit so große Schmerzen durchstehen musstet...“, Morwe machte einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände. Auch wenn er Nîn nicht abwehren konnte ohne zu riskieren ihre Wunden wieder zu öffnen, er würde sich sicherlich nicht von einer Zwergin mit einem Holzlöffel prügeln lassen. Gastlichkeit hin oder her. „Es tut mir aufrichtig Leid, was geschehen ist. Und seid Euch gewiss, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um dies wieder gut zu machen.“, versicherte er.
Vorsichtig spähte Morwe nach Nîns Augen, um ihre Reaktion abschätzen zu können.


halte Nîn bitte von spitzen Gegenständen fern..... wimmer 
...ups, hab vergessen Morwe bemerken zu lassen, dass sein Hemd nass ist ^^"
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 17 Sep 2013, 13:49

Nîn stutzte.
Ihre Vorstellung hatte viele Szenarien durchlaufen über mögliche Verläufe dieses Gespräches oder darüber, wie sie sich möglichst höflich an dem Elben vorbei quetschen konnte, um ihr Heim verteidigen zu gehen.
Elben sprachen in Rätseln wurde ihr einst erzählt, also nahm sie sich Zeit um Morwes Worte bloß nicht misszuverstehen. Es tat ihm Leid? Was denn? Durch seine Schuld hatte sie große Schmerzen durchstehen müssen?!
Sie versuchte die Schwärze ihrer Erinnerung mit Bildern zu füllen, doch der Weg zu ihren letzten Eindrücken des gestrigen Tages kam ihr vor, als ob sie durch tiefste Nebelsümpfe waten musste.
Es war früher Abend gewesen, so weit erinnerte sie sich noch. Ein roter Fleck hatte sich auf ihrem Gewand ausgebreitet, der immer größer geworden. Im Nachhinein bemerkte sie, wie stumpfsinnig ihre Gedanken zu dieser Zeit gewesen waren, wenn auch nachträglich äußerst belustigend...
Ein paar dunkle Erinnerungsflecken später hatte sie jemand hingelegt und dann war da dieser furchtbare Schmerz gewesen, der sie aus irgendwelchen Tiefen empor gerissen hatte, als die Frau sie am verartzten gewesen war. Doch dazwischen ließen sich die einzelnen Bruchstücke des Abends nicht füllen.
WAS in Aules Namen hatte Morwe getan, wovon mein Gehirn denkt, dass sie es lieber nicht erfahren sollte?!
... Vielleicht ist aber auch mehr Zeit vergangen, als ich mir im Moment denke.
Was für ein Tag ist überhaupt?
Möglicherweise ist das diesmal Eludin, der vor mir steht, weil ich es jetzt nicht erwarten würde....
so ist es doch immer mit dem Glück...
Doch wie soll ich das überprüfen?
Er könnte sich auch als jemand anderer ausgeben, wenn er bemerkt, dass ich keine Ahnung habe...
Ich muss eine Frage stellen, die nur er beantworten könnte...

Sie erinnerte sich an die Unterhaltung der Beiden Elben hinter dem Vorhang zurück und machte sich möglichst unauffällig dazu bereit im Notfall zuschlagen zu können.
"Was hab ich geworfen?"
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 17 Sep 2013, 14:02

Völlig verdattert runzelte Morwe die Stirn und starrte die Zwergin an. "...Wie bitte?"
Was will sie von mir? Geworfen? Womöglich war es eine zwergische Redewendung oder etwas dergleichen. Aber es war offenbar eine wirkliche Frage und keine rhetorische, denn Nîn blickte ihn misstrauisch und erwartungsvoll an.
Morwe stellte alle seine Erinnerungen, die er an die Zwergin hatte, auf den Kopf, damit er dieser eigenartigen Frage auch nur irgendeinen Sinn abgewinnen konnte. Aber in seinem Geist antwortete ihm nur Schwärze. Und Verwirrung.
Ob andere auch diese Verständnisschwierigkeiten haben, wenn sie mit der Zwergin sprechen? Wie hatte Rínon es geschafft mit Nîn zu kommunizieren und gar ihren Namen in Erfahrung zu bringen? Denn nach Morwes bisherigem Eindruck kam eine Unterhaltung mit Nîn einem Rätselspiel gleich.
Geworfen.....geworfen.... Auf einmal kam ihm wieder die kleine Schnecke in den Sinn, die sie aus seinen Haaren gezogen hatte. Aber das konnte sie unmöglich meinen, oder? Wieso fragte sie ihn so etwas? Es machte einfach keinen Sinn.
Es hilft ja nichts..., zuckte Morwe gedanklich die Schultern und verdrehte die Augen. Zögerlich antwortete er schließlich. "...Eine bemitleidenswerte Schnecke, wenn ich mich recht entsinne..."
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 17 Sep 2013, 14:20

Nîns Muskeln entspannten sich wieder. "Gut..."
Damit wäre das ja schon geklärt...
Ihr Blick streifte das morsche Holz in ihren Händen, als die Wut in ihr sich wieder daran erinnerte auf wen sie gerichtet war.
Der Rest dieser Unterhaltung muss warten.
Ein letzter Funken objektiven Denkens mogelte sich in ihr Selbst und verhalf ihr dazu, ihren Wutausbruch noch ein wenig zu zügeln, auch wenn er nicht stark genug war, um weiterhin die ohnehin schon hinfällige Maskerade aufrecht zu erhalten.
"'Alles in deiner Macht stehende'?" Sie zögerte kurz um zu überlegen, in welcher Wortwahl sie am wenigsten ihrer dazu gehörgen Empfindungen preis gab. "Dann fang damit an, dafür zu sorgen, dass das Gemächt deines Freundes sich für alle Zeiten von dem Ort entfernt, an dem ich für gewöhnlich meinen Kopf positioniere.
Du hast 10 Sekunden bevor ich es tue!"
Morwes Augen schienen sich geradezu nach etwas mehr Kontext zu sehnen, doch Nîn vertraute darauf, dass ihr drohender Blick Bände sprach.
"9..."
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 18 Sep 2013, 12:43

Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren ein entscheidendes Detail verpasst zu haben. Wie es schien hatte sich das eine oder andere schon zugetragen, während er draußen gelegen und geschlafen hatte, und es war offenbar nichts allzu erfreuliches gewesen nach Nîns zornfunkelnder Miene zu schließen. Was Morwe jedoch schleierhaft blieb, war dass die Zwergin gegen ihn keinen Groll hegte und sich ihre Wut vielmehr gegen Rínon richtete.
„9...“
Das meint sie doch nicht ernst. Und was war das überhaupt für eine kryptische Anweisung? Er solle Rínons Gemächt von dem Ort entfernen, wo sie für gewöhnlich ihren Kopf positionierte? Wenn sein Freund noch oben war, wie Nîn vermutete, was gab es dort, was die Zwergin meinen konnte? Vielleicht hatte Rínon sich irgendwo zur Ruhe gebettet, wo die Zwergin ihn nicht haben wollte. Jedenfalls war es die einzige Erklärung, die für ihn gerade Sinn ergab. Sich bei Nîn danach zu erkundigen wagte er jedoch nicht, zu sehr fürchtete er ihre Worte würden ihn nur zusätzlich verwirren.
„8...“
Morwes Gedanken rasten. Ja, er hatte Nîn gesagt, er würde alles in seiner Macht stehende tun. Aber wenn sie ihm nicht einmal wirklich zürnte, erübrigte sich dies dann nicht wieder? Und weshalb stand sie hier bewaffnet mit einem Kochlöffel? Wieso konnte sie nicht einfach selbst nach oben gehen und Rínon auf seine Unachtsamkeit aufmerksam machen? Sein Freund würde nie etwas tun, von dem er wusste, dass er damit die Grenzen eines anderen mutwillig übertrat.
„7...“ Vielleicht war das auch nur die Art unter Zwergen Probleme zu lösen. Morwe hatte dies bei Menschen schon beobachtet, zumindest bei denen in den weniger kultivierten Städten und Dörfern. Sie schrien sich an und schließlich schlugen sie sich anstatt das Missverständnis mit Worten beizulegen. Am Ende war es noch immer nicht geklärt, aber dafür hatte jeder seinen Aggressionen freien Lauf gelassen. Wahrscheinlich waren Zwerge ähnlich.
„6...“ Etwas in ihm verkrampfte sich. Glaubt sie allen Ernstes nur weil Herr Elrond sie als Ehrengast in unseren Landen aufgenommen hat, kann sie sich alles erlauben? Grimmig starrte Morwe die Zwergin an, die mit ihrer improvisierten Waffe vor ihm stand und ihn fordernd anblickte. Meint sie wirklich ich bin ihr Laufbursche und springe auf ihren Befehl? Was bildet sich dieser aufmüpfige Winzling eigentlich ein? Ein Teil in ihm erschrak über den hochmütigen Tonfall seiner Gedanken, aber es war gleichzeitig ein eindeutiges Signal, dass Nîn eine Grenze überschritten hatte.
„5...“ Leider entging es Morwe nicht, dass es nicht seine Pflicht als Wächter war, die ihn wütend machte, etwa weil die Zwergin sich nicht an die Regeln der Etikette oder Gastlichkeit hielt. Es war sein Stolz. Es genügt wohl nicht, dass ich mich als Oberhaupt meiner Sippe immer noch im Geheimen herumkommandieren lassen muss. Jetzt meint schon eine dahergelaufene Zwergin mir Anweisungen erteilen zu können!
„4...“ Besitzt diese kleine Ausgeburt von Dreistigkeit eigentlich auch nur eine Spur von Dankbarkeit oder wenigstens einen Hauch von Anstand?! Seine Kiefermuskulatur spannte sich an. Unwillkürlich generierte sein Geist Szenarien, was diverse Mitglieder seiner Familie in solch einer Situation tun würden.
Er sah sich Nîn den Kochlöffel aus der Hand reißen und ihn ihr über den Schädel schlagen - das war es, was sein Großonkel vermutlich täte.
Er sah wie er sich vor Nîn aufbaute und sie mit Eisesstimme zusammenstauchte, was sie sich überhaupt einbilden würde, und wie er ihr eine saftige Ohrfeige erteilte - das war es, was sein Großvater vermutlich täte.
Er sah sich Nîn packen und sie mit Gewalt vor seinem Herrn Elrond zerren - das war es, was sein Bruder vermutlich täte.
„3...“ Doch das eine entscheidende Szenario blieb leer. Und es war das, welches die Reaktion seines Vaters zeigte. Was hätte sein Vater an seiner Stelle getan? Aber statt eines Bildes antwortete in seinem Geist nichts als Schwärze. In Morwes Kopf drehte sich alles. Wie sollte er reagieren? Was war richtig, was war angemessen? Was davon war er?
„2...“ Morwe schnaubte entnervt. Er schritt aus dem Türrahmen in die Küche und schloss die Tür hinter sich. In Nîns Augen trat ein irritierter Ausdruck.
Doch ehe einer von ihnen beiden den Mund öffnen konnte, erscholl eine helle Stimme durch das Treppenhaus. „Nîn? Nî~în?“, tönte Vanye in heiterem Singsang, als sie die Treppe hinab kam. „Lass mich noch einmal einen Blick auf deine Wunden werfen, bevor wir die Verbände wechseln!“

Deus ex machina =P Viel Spaß mit Morgoth ^^
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 18 Sep 2013, 14:20

Nîns Gesichtsfarbe wechselte vermutlich schneller von rot zu weiß als ein Chamälion in der Paarungszeit. Ein hölzernes Klappern zu ihrer Seite verriet ihr, dass die Kraft in ihren Fingern eigenmächtig dazu entschlossen hatte, den Dienst zu quittieren.
Morwes Blick wanderte kurz in die Richtung aus der der Singsang einem Todesurteil gleich zu ihnen hinunter schwebte, doch für Nîn blieb die Zeit stehen. Sie blieb lange genug stehen, damit sie ihre Chancen abwägen konnte und letztendlich zu der invariabel Erkenntnis gelangte:
Es war auswegslos!
Ihr Herzschlag beschleunigte und Adrenalin machte sich bereit, durch ihren Körper gepumpt zu werden. Kampflos würde sie nicht aufgeben. Dieser Raum hatte genau drei Ausgänge. Einer von ihnen war mit einem großen, massiven Schrank verdeckt und zudem auch noch abgeschlossen. Blieben noch zwei: Die Tür hinter Morwe und das aufgekippte, kleine Fenster schräng neben dem Ofen. Durch das Fenster würde die Elbin sicher nicht kommen, auch wenn sie von ihrer Größe her es durchaus schaffen könnte. Wenn es also möglich wäre die Tür hinter Morwe so zu verschließen, dass dieser Eingang versperrt würde, würde Nîn wenigstens nur verhungern und verdursten, aber größere Qualen blieben ihr erspart. Sie könnte etwas unter die Klinke klemmen, die Morwes Hand aus einem unergründlichen Grund wieder in Händen hielt. Damit die Tür nicht aufging, die Morwe gerade quietschend aufschob.
Nîns Herz blieb stehen. Alles blieb stehen. Nur Morwe blieb einfach nicht stehen. Er öffnete wirklich die Tür und schaute nach draußen.
„Ich verstehe, dass Ihr sehr zornig auf mich sein müsst, nachdem Ihr durch meine Unbedachtheit so große Schmerzen durchstehen musstet...“
In Sekundenschnelle rasten die unterschiedlichsten Versionen des gestrigen Abends durch den Kopf der jungen Zwergin, die sich alle in dem Punkt ähnelten, dass Morwe all seine Grausamkeit und Bosheit in eine weitere Person abgespaltet hatte, was bedeutete, dass die Elbin sein bösartiger Teil war und er mit ihr dadurch im Bunde war.
Trotz dieser sehr abstrakten Szenarien war es eine durchaus legitime Erklärung dafür, warum bei Aules Namen er bloß diese Tür öffnete und somit auf sie beide aufmerksam machte!
Es gab nur noch zwei ertragbare Möglichkeiten für Nîns Zukunft:
Zum einen könnte sie nach etwas scharfem greifen und es Morwe in den ihr zugetenten Hinterkopf rammen, in der Hoffnung, dass durch seinen Tod auch die Elbin in Flammen aufgehen würde,
oder aber....
Die Scharniere machten kaum ein Geräusch, als Nîn mit einem kräftigen Ruck das leicht geöffnete Fenster komplett aufriss. Allerdings ließen die wenigen Geräusche, die sie machten darauf schließen, dass dieses Fenster wohl von nun an geöffnet bleiben müsste. Ihr Arm war noch nicht wieder einsatzfähig, was das Klettern schon nach wenigen Momenten als äußerst schwierig heraus stellte, trotz dem geringen Gewicht der Zwergin ohne ihre Rüstung. Da ihre Gedanken früher oder später auf die selbe Idee gekommen wären, beschlossen ihre Beine schon mal damit anzufangen mit einem kräftigen Sprung ihren Körper in einer geraden Linie durch das runde Loch in der Wand zu befördern. Dank der Hand, mit der Nîn sich an dem Fensterrahmen festhielt, vollführte die Zwergin in der Luft eine kleine Rolle und landete mit katzenhafter Anmut draußen neben der Veranda. Sie gab sich zwei Herzschläge lang Zeit, damit ihr Denken das intuitive Handeln ihres Körpers wieder einholte. Eine Schweißperle rann ihr über die Schläfe und vor ihren Augen tat sich das unheimliche Gebilde aus verschlingenden Ranken und Pflanzen auf, dass seit Jahrzehnten einen blutigen Kampf gegen den 'Berg' am führen war.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 19 Sep 2013, 17:18

Die Valar waren ihm heute wohl gnädig gestimmt. Erleichtert der misslichen Entscheidung entkommen zu sein, öffnete Morwe die Tür. Gerade hatte er einen Schritt durch den Rahmen getan, um Vanye die Aufsicht über das kleine größenwahnsinnige Etwas zu übergeben, da drang ein eigentümliches Quietschen gefolgt von einem Rascheln an seine Ohren. Morwe wandte sich um. Sein Blick heftete sich starr auf die Stelle, wo Nîn vor kaum ein paar Sekunden noch gestanden hatte, und glitt dann zur Quelle des Quietschens. Unschuldig kroch ein Windhauch durch das just wieder zuschwingende Fenster.
„Hast du Nîn gesehen?“, Vanye war in der Tür hinter ihm aufgetaucht.
„Ja.... vor ein paar Sekunden stand sie noch genau hier.“, murmelte Morwe und nickte zum am Boden liegenden Kochlöffel. „Aber wie es aussieht hat sie die Flucht ergriffen.“ Er drehte sich wieder zur Tür und erstarrte für den Bruchteil eines Augenblicks. Vanye lehnte offenkundig beleidigt am Rahmen, in der Hand etwas, das Morwe nur als sehr großes Schlachterbeil bezeichnen konnte.
„...Und ich kann es ihr nicht ganz verübeln...“, setzte er bei diesem Anblick hinzu, wofür er von Vanye einen missbilligenden Blick erntete.
„Es ist das einzige, was ich gefunden habe!“, erklärte sie schnippisch und machte auf dem Absatz kehrt in Richtung Wohnzimmer. „Mein werter Vetter musste ja aufräumen und hat alle meine Sachen versteckt!“
Für einen kurzen Moment spielte Morwe mit dem Gedanken, ihr nicht zu folgen und stattdessen sich das Spektakel wie Vanye die Zwergin einfing durch das Küchenfenster anzusehen. Er entschied sich aber doch dagegen.
Von der Veranda her hörte er Vanyes Stimme, die neckisch nach Nîn rief. „Bist du in ein Erdloch geschlüpft und verschwunden? Ich hoffe du weißt, dass die Verbände nur ein Notbehelf waren, denn besonders sauber waren sie nicht!“
Auf Morwes fragende Miene hin zwinkerte Vanye ihm verschmitzt zu. Sie besaß zudem so viel Geistesgegenwart ihr Mordinstrument hinter ihrem zierlichen Rücken zu verbergen.
„Ich muss deine Wunden noch einmal mit einer Salbe einreiben, damit sie sich auch sicher nicht entzünden!“, fuhr der kleine Dämon fort und schlenderte über das Gras hinüber zum Dickicht.
Je mehr Morwe es betrachtete, desto größer wurden seine Zweifel, dass sie die Zwergin je lebend wiedersehen würden. So dicht wucherten Dornen und Ranken über Baumstämme, durch Hecken und selbst an der Hauswand empor. Sie bildeten einen stachligen undurchdringlichen Wall, verschluckten alles Licht, das auf sie fiel.
„Hast du schon einmal gesehen wie eine entzündete tiefe Wunde aussieht?“, Vanyes Stimme war voll unschuldigem Liebreiz. Und in eben diesem Tonfall folgten mit äußerst unappetitlichen Details gespickte Ausführungen über Wundentzündungen und deren Folgeerkrankungen, bei denen sich selbst Morwe der Magen umdrehte.
Ob das der beste Weg war die Zwergin aus ihrem Versteck zu locken...? Er hatte leise Zweifel daran...

hoffe Nîn hat viel bildliches Vorstellungsvermögen Engel 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 19 Sep 2013, 17:55

Nîn keuchte. Ihre Muskeln mussten während der Zeit, die sie bei Venyannen geschlafen hatte, stark abgebaut haben, denn normalerweise viel es ihr überhaupt nicht schwer eine Häuserwand empor zu klettern. Mit Seitenstechen wagte sie einen kurzen Blick an der Wand hinab und auf ihren Rücken. Die Veranda unten war noch immer leer und die Blätter unten raschelten zornig, als wären sie wütend darüber, dass ihnen ihr Appetithäppchen wieder einmal entkommen war. Jedenfalls zum größten Teil. Eine Ranke hatte nach ihr gegriffen, als die Zwergin sich auf das Dach geschwungen hatte und für einen Schnitt durch ihr Kleid gesorgt, als die Jacke an ihrem Rücken hoch gerutscht war. Mit aufkeimendem Respekt für elbische Webkunst musste sie jedoch feststellen, dass ihre Haut darunter bis auf einen leichten Kratzer unbeschadet geblieben war.
Überrascht merkte sie, wie viel mehr Gefühl man beim Klettern ohne Schuhe besaß. Jeder lose Stein wurde noch schneller als sonst bemerkt und mit den Zehen hatte man sogar mehr Halt als in Stiefeln. Allerdings war ein intensiveres Gefühl auf Steinkanten und spröden Holz auch nicht immer wünschenswert und Kraft lies sich einfacher in die Fußspitzen lenken, wenn sie durch eine massive Sohle stabilisiert wurde. Nichts desto trotz, hatte Nîn es geschafft und schlich nun heimlich wie eine Katze über die Dachgiebel. Einige Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und sorgten für einen eisigen Wind, der unangenehm durch Nîns Kleidung blies. Fast an der oberen Dachkante angekommen setzte Nîn sich in eine Kuhle, die durch zwei fehlende Dachziegel entstanden war. Wenn kein Elb auf die Idee gekommen war, nach undichten Stellen zu stöbern um sie zu reparieren, war in etwa einer Armlänge von ihr entfernt der 'geheime' Ausgang von dem Dachboden aus nach draußen, über den sie früher immer vor ihren Aufpassern geflohen war. Für ein geübtes Auge war die Stelle bei ausreichend Licht leicht zu entdecken. Nur musste der Elb, der sich freiwillig auf dunkle, staubige Dachböden über eine wackelige Leiter begibt wohl erst noch geboren werden. Bisher wurde die Tatsache eines existierenden Dachbodens von all den feinen Wachen und Geleerten immer mit einem gekonnten Maß an Missachtens aus ihrer Realität verbannt. Zu klein-Nîns Vorteil.
Erwachsen und unsicher wie sie nun aber war, beschloss sie eine gewisse Zeit erst hier oben zu verbrigen. Missachtung oder nicht, unbedachte Schritte und knarzende Holzlatten würden wohl sicher auffallen. Ein Singsang flötete zu ihr hinauf, jedoch trug der Wind nur vereinzelte Satzfragmente bis zu ihr hinauf, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, an ihrem Rock zu zerren, den sie sich mühevoll versuchte um die Beine zu wickeln. Die harmonischen Töne, die zu ihr nach oben drangen, klangen wie ein abgehacktes Kinderlied, doch waberten immer Häufiger Wörter wie "Eiter", "Absterben" oder "Wundbrand" zu ihr nach oben, was diesem Singsang eine mehr als nur makabere Note verlieh. Nîn standen die Haare zu berge, doch nicht nur wegen dem kalten Wind.
Ein Klappern war zu hören, dann ein kräftiger Ruck und ein heimliches Knarzen, doch diesmal war es die Zwergin, die einige Zeit brauchte um den Anblick ihres öffnenden 'Geheimganges' in ihre Realität einzulassen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 19 Sep 2013, 20:46

Mit den Armen vorgestreckt tastete sich Rínon durch das Dunkel. Hätte er die Leiter nur einen Augenblick länger unten gelassen, um sich einen besseren Überblick über den Raum zu verschaffen! Jetzt tappte er durch die Finsternis und den einzigen Lichtquell boten die hauchdünnen Ritzen zwischen den Dachziegeln.
Er strich sich mit einer Hand kitzelnde Staubfäden aus dem Gesicht und rieb sich die Augen. Sein Gesicht war immer noch heiß. Hastig versuchte er die verfluchte Erinnerung zu verdrängen, doch die Schwärze um ihn vermochte ihn nicht abzulenken und war leider eine ideale Projektionsfläche der Bilder vor seinem inneren Auge.
Oh mochte Elbereth doch diesen Tag aus der Weltgeschichte streichen und für alle Zeit vergessen machen! Blut schoss ihm erneut in den Kopf. Es kribbelte unter seiner Haut, besonders seine Wangen fühlten sich an wie von Nadeln traktiert.
Wenigstens war er einer weiteren Schmach entkommen... Als wäre dieses verfluchte Missverständnis mit Nîn nicht schon schlimm genug gewesen, musste Vanye ja unbedingt darauf bestehen, ihn auch noch zu untersuchen! Und dann wollte sie ihn auch noch zu einem Heiler zerren, der sich mehr auf die männliche Physiognomie verstand als sie...!
Denk dir doch einfach etwas aus, wie es dazu gekommen ist., hatte sie gesagt. Anscheinend hatte sie vergessen wie gut er im Lügen war... Außerdem... Rínon hatte sich eigentlich in Angelegenheiten eingemischt, die ihn nichts angingen. Morwes interne Familienstreitigkeiten gingen ihn nichts an, jedenfalls sollte es ihn nichts angehen und es war nicht an ihm seine Nase in sie zu stecken...
Sein Fuß stieß plötzlich gegen etwas Massives und Rínon zuckte zusammen. Vorsichtig ging er in die Hocke. Doch als er die Hände nach dem Hindernis ausstreckte, spürte er einen schmerzhaften Stich in den Fingerkuppen und zog sie sogleich zurück.
Was verstauten Zwerge für gewöhnlich auf ihren Dachböden? Mit einem mulmigen Gefühl rutschte er zurück. So gut es ging machte er im Dunkeln einen Bogen um das seltsame Etwas.
Vielleicht hätte er einfach bei der Luke bleiben sollen. Rínon spähte zurück in die Richtung, wo er die Dachluke vermutete, erkannte aber nichts als schemenhafte Umrisse und hier und dort einen schmalen Streifen Licht, wo die Ziegel nicht eng genug beieinander lagen. Warum war er so unvorsichtig gewesen? Er hätte sich wenigstens eine Lampe mitnehmen sollen! Aber nein, er war seiner verdammten Neugierde einmal wieder nicht Herr gewesen und blindlings ins Blaue gerannt! Abgesehen davon hatte ihn der Drang getrieben seiner Kusine zu entkommen. Oder vielleicht war es auch nur einfach das Bedürfnis gewesen sich vor der Welt zu verbergen, damit er an seine Schande nicht länger erinnert wurde.
Auf einmal tauchte hinter einem besonders dichten Schatten ein Bündel Licht auf. Offenbar befand sich hier ein Pfeiler in der Dachkammer. Und dort hinten waren die Ziegeln sogar nicht nur schlecht angebracht, sondern auch lose, denn ein feiner Luftzug wehte Rínon entgegen, als er näher heran tappte. Ein paar Kisten lagen hier am Boden, einige von ihnen sehr groß, andere klein und gestapelt. Aber als er gegen sie klopfte klangen sie hohl. Was auch immer in ihnen gewesen war, hatte sie längst verlassen.
Missmutig ließ er sich auf einem Holzkasten unter dem Lichtbündel nieder. Die Luft war entsetzlich stickig. Sie war so sehr von Staub angereichert, dass ihm jeder Atemzug im Hals kitzelte. Ob es schädlich war sich so lange an solch eine Ort aufzuhalten? Rínon unterdrückte ein Husten und stütze seinen Kopf auf die Hände.
Was wäre, wenn Nîn oder Vanye diese dumme Geschichte weitererzählten? Aber das würde seine Kusine ihm nie antun, oder? Und Nîn? Sie war etwas frech und vorwitzig, aber auch nett und er konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass sie es jemandem verriet. Vor allem hier nicht. Vielleicht unter Zwergen, aber was kümmerte ihn das...
Poltern riss ihn jäh aus seien betrübten Gedanken. War das der Wind gewesen, der an den Ziegeln rüttelte? Dann klang es auf einmal als würde jemand etwas über das Dach schleifen. Die Schlurfgeräusche kamen näher. Rínons Herzschlag beschleunigte sich.
Nein... Nein, nein, nein.... Das konnte unmöglich Vanye sein! Und außerdem waren die Laute fiel zu plump und unbeholfen. Trotzdem - wer oder was sollte plötzlich auf das Dach klettern? Als die Geräusche genau über ihm waren, stoppten sie aus heiterem Himmel. Das konnte kein gutes Zeichen sein.
Von plötzlicher Panik übermannt versuchte Rínon sich zwischen zwei besonders große Holzkisten zu drücken. Obwohl sie leer waren, vermochte er sie nicht zu verschieben, dafür reichte seine Kraft nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig als sich mit vielerlei Verrenkungen in die Ritze zu pressen. Doch die Erschütterung im Holz reichte scheinbar aus, um eine Welle Staub auf Rínon hinab zubefördern. Hustend und spukten rang er nach Luft, aber die Flusen waren so groß, dass er nicht durch die Nase atmen konnte und als er den Mund röchelnd aufriss, verklebten sie seinen Hals. Wie ein Schneesturm tanzten die Flocken um ihn. Er glaubte ersticken zu müssen und in seiner Verzweiflung sah er nur noch einen Ausweg. Mit aller Kraft stemmte er sich wieder zwischen den Kisten hervor. Keuchend kam er frei. Rínon taumelte zu der Öffnung, wo das Lichtbündel am stärksten war und warf sich gegen die Ziegel. Doch statt einer einzelnen Platte, die sich löste, öffnete sich eine ganze Reihe von ihnen wie eine Luke nach oben. Gleißendes Licht stach Rínon in die Augen und er drückte hastig sein Gesicht in seine Armbeuge. Was er noch vage erkannt hatte, bevor ihn sein Sehsinn verlassen hatte, waren die Umrisse einer kleinen Gestalt gewesen und einen rötlichen Schimmer.
„Du kannst mich nicht zwingen zu einem Heiler zu gehen!“, würgte er zwischen Hustenanfällen trotzig und panisch hervor. Aber nur das Wehen des Windes antwortete ihm.

Morwe saß auf der Veranda, den Rücken gegen die Hauswand gelehnt und auf einem Grashalm kauend. Letzteres half ihm seine Mundmuskulatur zu beschäftigen und das amüsierte Grinsen zu unterdrücken, das darum kämpfte in Erscheinung zu treten. Seine Augen folgten Vanye, die von Links nach Rechts über die Wiese lief, mal in den einen, mal in den anderen Busch spähend. Kurz verschwand sie zwischen Hecken, um dann an einer völlig anderen Stelle wieder auszukommen. Doch von Nîn fehlte jede Spur.
Seine Gefühle diesbezüglich waren zwiespältig. Einerseits verspürte er Belustigung darüber, dass die Zwergin Vanye ausgetrickst hatte, andererseits meldete sich sein Pflichtgefühl und erinnerte ihn an seine Verantwortung für ihren Gast. Drittens kam noch sein angekratzter Stolz hinzu, der sich wünschte, Vanye möge den kleinen Ausbrecher entdecken und ihm die Leviten lesen.
Vor allem diese letzte Empfindung war Morwe unheimlich, zumal sie ihm alles andere als ähnlich sah.
Dennoch hielten ihn diese gemischten Gefühle nicht davon ab, Vanye bei ihrer vergeblichen Jagt mit Erheiterung zu folgen.
Schließlich aber blieb sie in Mitten der Wiese stehen. Sie warf das Messer zur Seite und stemmte die Hände in die Hüften. Ein besorgter Ausdruck trat in ihre Augen. „Wo kann sie denn nur sein? Sie wird doch nicht wirklich fortgerannt sein, oder?“
Hilflos zuckte Morwe die Schultern. „Möchtest du eine schonende oder eine ehrliche Antwort?“
Sie schoss ihm einen zerknirschten Blick zu.
„Wenn ich so aufrichtig sein darf das zu sagen, ich würde ihr im Moment alles zutrauen.“, brummte er. „Mir scheint, ihr ist der Eingriff nicht ganz bekommen oder es mag an den Kräutern oder Salben liegen, mit denen du sie pflegtest, aber... Ihr Geist erschien mir ein wenig... zerstreut.“ Diese Beschönigung ist hart an der Grenze eine Lüge zu sein...
„Was soll das heißen?“, Vanye legte die Stirn in Falten und setzte sich neben ihn.
„Es soll heißen, dass mir jedes Mal, wenn ich mit ihr ein Wort wechsle, ist, als sprächen wir zwei völlig unterschiedliche Sprachen. Und noch dazu hat sie sich soeben tatsächlich mit einem Kochlöffel bewaffnet und mir diffuse Anweisungen erteilt.“
Die kleine Gestalt neben ihm kicherte und er warf den Grashalm halbherzig nach ihr. Aber er segelte an ihr vorbei.
„Hm.... mein Vetterchen schien aber auch ein kleines Missverständnis mit ihr gehabt zu haben...“, meinte Vanye nachdenklich. „Aber da ich keinen Vergleich habe, kann ich dir nicht sagen, ob ihre Seele Schaden davon getragen haben sollte. ...Ich hoffe es nicht....“, endete sie bedrückt. Morwe legte seine Hand auf die Ihre und drückte sie kurz. „Sie sprach schon wirr, als ich ihr das erste Mal hier begegnete, also trägst du keine Schuld. Belaste dich damit nicht.“
Sie nickte. Aber ihre Augen verrieten etwas anderes. Auf einmal erhob sie sich wieder, straffte ihr Kleid und schritt zum Dickicht nahe dem Küchenfenster. „Ich versuche weiter nach ihrer Spur zu sehen. Magst du vielleicht einmal nach unserem Tunichtgut oben schauen?“
„Was immer du willst, Winë.“ Morwe stand auf und machte sich auf den Weg nach oben.
Vielleicht konnte er noch herausfinden, an welchem Ort Rínon sein Gemächt positioniert hatte, wo Nîn ihn auf keinen Fall haben wollte..., dachte er kopfschüttelnd.


"Winë" meint ein kleines Kind, das noch nicht ausgewachsen ist. Wink
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 19 Sep 2013, 22:13

Eine graue Gestallt schob sich hustend und japsend aus der Luke und verbarg sein Gesicht.
„Du kannst mich nicht zwingen zu einem Heiler zu gehen!“
Nîn wurde bewusst, dass ihr der Mund offen stand und sie klappte ihn rasch wieder zu. Das graue Monster sprach mit Rínons Stimme!
Sie wusste nicht ganz über was sie sich mehr wundern sollte, über die Tatsache, dass Rínon augenscheinlich zu einem Gespenst geworden war, oder dass er der erste Elb in ihrem Leben war, der freiwillig den Weg unters Dach eingeschlagen hatte. Wobei 'freiwillig' seiner Stimmlage wohl eher Hand in Hand mit 'verzweifelt' einher ging.
Ein mitleidiges, aber auch beeindrucktes Lächeln umspielte Nîns Lippen.
Dann sitzen wir wohl beide im selben Boot...
In einer eleganten Bewegung überwand sie die Distanz zwischen dem röchelnden Rínon und ihrer Sitzkule. Staub und Dreck rieselte bei jeder Bewegung von seinen Haaren und seiner Kleidung und die Wolke in der er sich befand, halfem ihm sicher auch nicht dabei wieder zu Atem zu kommen.
Nîn griff nach seiner Hand, die einige Dachziegel wie einen Rettungsring umklammer hielt. Er zögerte noch einen Moment, griff dann aber blind und hilflos nach ihrem Arm und lies mühselig sich nach oben ziehen. Die Zwergin staunte nicht schlecht, als sie sah, wie sicher und problemlos er auf der Schräge zwischen den Dachziegeln gebückt und noch immer hustend stehen blieb. Sie klopfte ihm auf den - endlich bekleideten - Rücken, bis er mit einem letzten Röcheln wieder einigermaßen Luft bekam. "Luft anhalten und Augen zu halten, du.... hast da was..."
Nach einem stutzenden Zögern tat Rínon wie ihm geheißen, denn eine Wahl hatte er nicht, Nîns Hände hatten schon nach seinem Kopf gegriffen.
Schnell aber vorsichtig strich sie den Staub aus den Elbenhaaren und erwischte sich beim schmunzeln. Seine Haare schienen nur dafür gemacht zu sein... Sie biss sich auf die Unterlippe und schob diesen kindischen Gedanken beiseite. "Du kannst sie wieder aufmachen", wies sie in leisem Tonfall den vom Husten erschöpften Elb an, während sie noch eine breite Schicht voll Dreck von seiner Schulter schob.
Rínons Gesicht war ein offenes Buch für seine Empfindungen, die sich innerhalb der nächsten Sekunde in rasanter Geschwindigkeit änderten. Die Unsicherheit wich Erleichterung, als er ihr Gesicht sah, doch diese schien ihm bereits voraus das Dach hinunter zu rollen zusammen mit seiner Gesichtsfarbe. Die Erkenntnis auf was er gerade stand und was bei einem möglichen Fehltritt passierte, entwickelte sich zu einer selbst erfüllenden Prophezeihung. Er versuchte wie ein erwachter Schlafwandler sicheren Halt zu finden und verlagerte dabei sein Gewicht auf die glatte Fläche eines Dachziegels, die es nicht einsehen wollte, das Gewicht eines Elben auf sich zu stützen. Ein erschrockener Aufschrei war zu hören gefolgt von einem Poltern, das meist durch herab rutschende Körper auf Dächern ertönt. Nîn verabschiedete sich mit einem Seuftzen von dem Respekt, den sie ihm im ersten Augenblick für seinen sicheren Stand entgegen gebracht hatte und packte ihn an den Schultern. Ein Schmerz schoss durch ihren gebrochenen Arm, doch er verhinderte nciht, dass sie seinen Sturz abbremste und ihn in einer flüssigen Bewegung in die Sitzkule schob, die sie sich bereits als kleines Mädchen hier oben gebaut hatte um die Nächte unter den Sternen zu verbringen. So viel zum Thema leise sein... Ihre Hand pulsierte schmerzhaft, aber glücklicher Weise in einem ertragbaren Bereich.
Der Anblick des Elben, der noch dabei war, den Schock sacken zu lassen, brachte Nîn dazu, sich eine Bemerkung zu verkneifen. Sie erinnerte sich unwillkürlich an ihr erstes Mal auf einem Dach zurück, wand den Blick von dem bleichen Mann ab und setzte sich stattdessen neben ihn. "Alles in Ordnung?"
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