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 Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren

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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 19:39

Morwe musste einsehen, dass der Situation mit Logik nicht beizukommen war. Auf eine eindeutige klare Antwort würde er wohl bis zum Morgengrauen warten. "Ich habe genug blutige Kratzer und zur Not ist mein Knöchel noch rot genug. Außerdem versteht Rínon nichts von Pflanzen...", er seufzte. "Und wenn überhaupt ist er böse auf mich. Das schlimmste, was du ihm gesagt haben könntest, ist, er habe Bibliotheksverbot auf Lebenszeit und würde zum Kriegsdienst eingezogen werden..." Morwe gab Nîn einen leichten Stupser, damit sie nicht wegdämmerte.
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 19:53

Ein riesiges Insekt, das Morwe gestochen hatte, sirrte durch die Luft. Nîn wollte es verscheuchen, doch ihre Arme waren einfach zu schwer. Es landete direkt auf ihrer Nasenspitze und sie verzog das Gesicht und brummte, um das Tier wieder zu verscheuchen. So schnell wie es gekommen war, verschwand es auch wieder. Das Herz wurde ihr ganz leicht. Nachher war Sucht noch ansteckend... "Du musst weniger Drogen nehmen, sonst sticht mich das Fiech! Ich glaub das hab ich gesagt... jedenfalls, dass er von dieser Bibliothek hier weg soll, obwohl er noch so gerne lesen wollte. ... und das laut und böse..." Nîn fühlte sich so hilflos ihrem eigenen Unheil ausgeliefert.
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 20:12

Morwes Zähne knirschten übereinander, als er seinen Ärger mühsam hinunterschluckte. "Ich nehme keine Drogen.", murrte er beherrscht. Er rieb sich erschöpft die Augen. "...soll das heißen, du hast ihn des Hauses verwiesen? Was hat er getan, dass du wütend auf ihn warst?"
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 20:24

Ein unangenehm nasser Tropfen bahnte sich den Weg über ihren Nasenrücken, als sie das Gesicht tief in das Leder vergrub. Wieso konnte sie nicht einfach aufwachen in eine Welt, wo keine Fragen gestellt wurden? Verzerrte Bilder der letzten Tage tosten in rasanter Abfolge vor ihrem Auge und ließen ihr Herz bis zum Hals pochen. "Alle haben sie gelacht... Die Leute auf der Straße,... Eludin,... selbst der Ork mit dem Dolch hat beim zustechen gar nicht mehr aufgehört. Ganz laut und schrill... Und Vanye sagte, alle werden sich morgen amüsieren, wenn ich komme."
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 20:42

Morwes unterschwelliger Ärger verpuffte augenblicklich. Er biss sich auf die Lippe und musterte Nîn schuldbewusst. Die Zwergin rührte einen eigenartigen Punkt in ihm an, von dem er zuvor keine Notiz genommen hatte. "Niemand wird sich morgen über dich amüsieren!", versicherte er ihr und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. "Lass die Neugierigen ruhig gucken, sie werden ob deiner Manieren vor Neid erblassen. Und wenn jemand trotzdem wagen sollte, sich über dich lustig zu machen, wird es mein persönliches Anliegen sein, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen."
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 05 Jan 2014, 20:48

Die Zwergin lächelte. So böse war dieser Traum gar nicht. Das Knisternd der Flammen trug sie sanft davon, während sie noch überlegte, wieso sich morgen bloß jemand über sie amüsieren sollte. Jetzt, da sie keine Elbenkleider mehr tragen musste, würde es sicherlich eh keiner mehr wagen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 25 Jan 2014, 14:19

Morwes Füße streiften durch nassen Farn. Silberne Nebelschwaden glitten wie schlangenartige Geister zwischen den Baumstämmen hindurch. In den Waldstücken jenseits des Weges war nicht mehr zu erkennen als schwache Konturen, die sich in Schwärze verloren. Aus den Schatten drang allein die sanfte Musik des Orchesters fallender Tropfen.
Niemand hatte in dieser Nacht die Lampen über den Pfaden erweckt. Hier und dort hatte der Sturm sie sogar von ihren Leinen gerissen und sie lagen in matt glitzernden Splitterlachen auf der Erde. An nicht wenigen Stellen waren Pfad und umgebender Boden gar nicht mehr zu unterscheiden. Immer wieder stieß Morwe mit den Füßen gegen herabgefallene Äste. Seine Schuhe wühlten sich durch matschige Blätterhaufen und überhaupt schien der Untergrund allgemein zu schwimmen. Gleich wenn sich Imladris nur im Laufe eines einzigen Tages in ein Moor verwandelt hätte.
Ohne auch nur einer einzigen Seele zu begegnen, erreichte Morwe seine Unterkunft. Er durchquerte den Torbogen zwischen den leerstehenden ehemaligen Wachtürmen und folgte den Konturen des von Birken gesäumten Pfades. Auf der Treppe zum doppelflügligen Portal fühlte er unter seinen Schuhen weichen Moosgrund. Vielleicht hätte ich doch jemanden als Gellendils Vertretung einsetzen sollen..., ging es ihm durch den Kopf, während er innehielt und sich kurz umsah. Selbst in der Dunkelheit sah der Eingangsbereich ein wenig verwildert aus.
Seit Morwe als Oberhaupt seines Familienzweigs nachgerückt war, bewohnte er das Anwesen. Es lag seit Äonen im Besitz seiner Sippe und diente seither als Heimat des Obersten, vielmehr als eine Art „Amtssitz“. Einst von seinem Ururgroßvater Arminas erbaut, hatten unter anderem schon sein Großvater Elothlond und später auch sein Vater hier gewohnt. Doch seit Morwe seine Position angetreten hatte, hatte er eine Reihe entscheidender Änderungen getroffen. Nicht wenige davon waren seiner Sucht geschuldet. So hatte er etwa alle Hausdiener bis auf einen entlassen und diesem auch noch einen Schwur abgefordert, dass er das obere Stockwerk unter keinen Umständen betreten dürfe. Und einen zweiten Schwur, dass er über den ersten Schweigen bewahren würde...
Die Natur schien die inzwischen vierwöchige Abwesenheit seines Dieners Gellendil genutzt zu haben, um sich das Portal zurückzuerobern. Die eisenbeschlagenen Türen erstrahlten plötzlich und Morwes Schatten fiel auf das Holz. Im Schein des Mondes erkannte er erst das ganze Ausmaß der Verwilderung. Den armen Gellendil wird der Schlag treffen...
Peinlich berührt öffnete Morwe das Portal und trat in den finsteren Flur ein. Obwohl die zufallende Tür das Licht verschluckte, konnte er den Schatten noch sehen, der sich aus der leblosen Dunkelheit löste. Reflexartig riss er die linke Hand hoch, um seinen Hals zu schützen, er spürte einen Luftzug im Gesicht und nur einen Sekundenbruchteil später presste kaltes Metall gegen seine Handfläche. Gleichzeitig spürte Morwe den eisernen Griff um seinen Oberkörper, mit dem er vom Angreifer hinter sich festgehalten wurde.
„Wäre ich ein Attentäter, der wirklich nach deinem Leben trachtete, liebster Bruder, würde dir deine Hand dort rein gar nichts nützen.“, säuselte eine dunkle Stimme dicht neben seinem Ohr. Der Atem seines Bruders kitzelte in Morwes Nacken. Die Hand auf seiner Brust löste ihren Griff und tastete über seinen Gürtel. „Wo in Manwes Namen ist deine Waffe?!“, zischte Elûdin entgeistert. Er stieß Morwe unsanft von sich in die nächste Säule, deren Oberfläche matt in den Schatten schimmerte. Sie standen zu nah bei ihr, als dass Morwe rechtzeitig seine Arme vor sein Gesicht bringen konnte und so prallte er mit dem Wangenknochen voran schmerzhaft gegen massives Holz. Stöhnend berührte er seine pochende Lippe. Sie schien zum Glück noch intakt.
Blitzschnell griff Elûdin nach seiner Schulter und wirbelte ihn herum, sodass sie sich in der Dunkelheit von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen. „Bist du von Sinnen unbewaffnet herumzulaufen?! Was glaubst du eigentlich in welcher Gefahr du dich befindest?!“
Morwe quittierte dies nur mit einem Schnauben. In der Finsternis verschwammen die Konturen seines Bruders und für einen Augenblick nahmen seine wutverzerrten Gesichtszüge die ihres Großvaters an. Ein Schauer jagte Morwe den Rücken hinab. „Offenbar laufe ich Gefahr in meinen Gemächern von meinem eigenen Bruder hinterrücks erstochen zu werden.“, zischte er kalt.
Kaum hatte das letzte Wort seine Lippen verlassen, da packte Elûdin ihn beim Kragen. Morwes Herz machte einen Hüpfer, da er plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen spürte. Ihre Augen brannten sich vor Zorn sprühend ineinander. Morwes Unterarme schienen heiß zu werden, so fest schloss er seine Finger um die Handgelenke Elûdins. Doch der Griff seines Bruders löste sich nicht. Wo hat er auf einmal solche Kraft her?!
Schmerz war in Elûdins Gesicht geschrieben, aber er weigerte sich locker zu lassen. „Sag so etwas nie wieder!“, grollte er mit zitternder Stimme. Es gelang ihm noch einen Augenblick auszuhalten, um seine Worte in der Stille sinken zu lassen, dann erschlafften seine Finger. Stöhnend rieb sein Bruder sich die Handgelenke, während Morwe sein Hemd wieder zurechtzupfte. Ich muss wohl aufpassen, dass er mich nicht auch noch an Kraft übertrumpft...
Es war Elûdin, welcher als erster wieder das Wort ergriff. „Ich trachte nicht danach dir Schaden zuzufügen, Bruder, im Gegenteil! Das solltest du eigentlich wissen...“, er schlug einen versöhnlicheren Ton an. „Wir waren in großer Sorge um dich! Wir fürchteten- wir fürchteten schon, dir sei etwas furchtbares widerfahren, weil du nirgendwo zu finden warst!“
Morwe hasste, wie aufrichtig es klang. Etwas in ihm rührte sich und er schluckte sein schlechtes Gewissen mühsam hinunter. Er weiß, dass ich ihn verachte. Wieso muss er sich trotzdem Sorgen um mich machen...?! Er versuchte sich ungerührt zu geben. „Mir war heute nicht nach Gesellschaft zumute.“, meinte er schulterzuckend und wandte sich in ab in Richtung Flur.
Dass sich der Abstand von Elûdins Stimme nicht verringerte, ließ darauf schließen, er folgte ihm. „Halte mich nicht zum Narren, Bruder! Du hast dich versteckt! Wir haben jeden Fleck in Imladris durchkämmt und dich nicht finden können!“
„Nun, dann habt ihr wohl auch nicht überall gesucht.“, spottete Morwe zurück. „Wenn ich das nächste Mal meine Ruhe haben will, hinterlasse ich euch einen Zettel, damit selbst ihr es kapiert.“
Dieses Mal war Morwe vorbereitet, als sein Bruder ihn zurückzerrte. Elûdins zornfunkelnden Züge fixierten ihn um Beherrschung ringend und Morwe entging dessen Faust nicht, die zitternd in der Luft hing. Mach schon! Schlag zu!
Aber seinem Bruder musste es natürlich gelingen irgendwie noch an sich zu halten. Er verlor nicht die Beherrschung, nein, er  nicht!
„...Warum tust du das? Wieso versteckst du dich vor uns? Vor deiner eigenen Familie?“ Elûdins Augen suchten in den seinen nach Antworten. Vergebens. Ein trauriger Ausdruck trat in seine Züge. „Morwe, begreifst du es denn nicht? Sie wollen dich tot sehen! Sie wollen dich töten, ehe du Anklage erheben kannst!“
Gerade als Morwe zu einer Antwort ansetzen wollte, kam sein Bruder ihm zuvor. „Und sag jetzt nicht, das seien nur Hirngespinste und wir würden überreagieren! Großvaters Späher haben es mit eigenen Ohren gehört! Ondollo will dich aus dem Weg wissen, damit es niemals öffentlich wird!“
Morwe wich Elûdins Blick aus. „Warum tust du so erschrocken? Das war zu erwarten, oder etwa nicht?“
„Ich bin erschrocken über dich!“, platzte es aus seinem Bruder heraus. „Wenn du es erwartet hast, dass er dir nachsetzt, wieso bist du so unvorsichtig?! Wieso läufst du unbewaffnet umher?! Wieso hältst du dich fern von denen, die dir am nächsten sind und dir helfen wollen?! Wieso vertraust du uns nicht?!“
Irritiert zog Morwe die Brauen zusammen. Er blieb stumm.
„Was haben wir dir getan, Morwe?“, aber Elûdins Augen verrieten die wahre Natur seiner Frage. ‘Was habe ich dir getan, Morwe?‘
Unwillkürlich schüttelte Morwe den Kopf und trat einen Schritt nach hinten. Seine viel zu rasche Reaktion war ein Fehler, ein Fehler, der seine wahren Gefühle entlarvte. Doch der Drang Abstand zwischen sich und seinen Bruder zu bringen, so viel und so schnell wie möglich, war zu überwältigend. Für einen Augenblick flammte das Bedürfnis zu fliehen heiß und brennend in ihm auf. Er wusste nicht wie viele Jahrzehnte es nun her war, dass Elûdin ihm zuletzt diese Frage gestellt hatte. Sein Bruder hatte schon seit einer Weile, zumindest vordergründig, aufgegeben in Erfahrung bringen zu wollen, weshalb Morwe ihn mit kalter Abweisung strafte. Warum musste Elûdin ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier wieder damit anfangen und seinen Finger auf Morwes Wunde legen?
„Hör zu... Heute und hier ist weder der rechte Zeitpunkt, noch der rechte Ort für dieses Thema.“
„Also trägst du etwas auf dem Herzen...“, Elûdins Lippen wurden zu einer schmalen Linie. In seine Augen trat ein fordernder Ausdruck.
Morwe biss sich auf die Zunge. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, seinem Bruder auch nur soweit entgegenzukommen, dass er zugab etwas bezüglich ihm und ihrem Großvater auf der Seele zu tragen. Gleichzeitig weigerte sich ein anderer Teil in ihm zuzulassen, dass er immer härter und kälter gegen seine Familie wurde. So brummte er also: „...Ja, tue ich. Und wenn du nicht völlig blind bist, weißt du auch, es ist nicht erst seit gestern so. Denk ja nicht daran mich jetzt danach zu fragen, mehr Zugeständnisse werde ich dir heute nicht machen.“
Elûdin schlug die Augen nieder. Eine Geste, die Morwe nicht zu deuten vermochte, es war zu untypisch für seinen Bruder. Undefinierbares Schweigen trat zwischen sie.
Dieses Mal war es an Morwe als Erster wieder das Wort zu ergreifen. „El,... um ehrlich zu sein, ich denke jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für dich zu gehen... Wie du siehst, ich bin unverletzt und mir fehlt nichts, du kannst also beruhigt schlafen. Es ist spät und ich muss noch Vorbereitungen für das Fest morgen treffen und du sicherlich auch.“
Prompt erntete er einen empörten Blick. „Bist du noch bei Trost?! Du glaubst doch nicht ernsthaft, ich würde dich alleine lassen, wenn ich weiß, dass jemand auf deinen Kopf aus ist!“
Morwe verdrehte die Augen. „Ich habe bereits einen Bettvorleger, vielen Dank. Du verschwendest nur deine Zeit hier.. Geh nach Hause.“
„Du kannst nicht vollkommen alleine hier bleiben, Bruder! Sei kein Narr!“
Doch Morwe zuckte nur mit den Schultern. „Zu spät. Diesen Ratschlag hättest du mir ein paar hundert Jahre früher geben können, jetzt nützt er mir auch nichts mehr.“ Er ruckte mit dem Kopf in Richtung Tür, aber sein Bruder rührte sich nicht.
„El, ich bin nicht zu Diskussionen aufgelegt. Geh jetzt, wir sehen uns morgen beim Fest.“
Ein ungewohnt trotziges Funkeln blitzte in Elûdins Augen auf. „Du kannst mich rausschmeißen, aber sei dir gewiss: Ich werde für den Rest der Nacht wie ein Hund um dein Haus streifen, um sicher zu sein, dass dir keine Gefahr droht.“
Morwes Kinnlade sackte ein Stück nach unten.
„Du siehst abgekämpft aus, Bruder...“, gestand Elûdin mit einem nachdenklichen Blick. „Ich mache mir Sorgen um dich und ich bin dabei nicht der Einzige. Das wirst du mir wohl kaum verübeln können.“
„Nun, ich kann es immer noch als eine Beleidigung auffassen, dahingehend, dass du mich offenbar für schwach und unfähig hältst mich selbst zu verteidigen.“, hielt Morwe dagegen. „Und da es bestimmt nicht deine Absicht ist, mich zu beleidigen, wirst du sicher einsehen, es ist das beste für dich, wenn du nach Hause gehst.“
Er konnte nicht sagen, ob es die wabernden Schatten waren oder ob Elûdins Mundwinkel wirklich zuckten. „In diesem Falle werde ich das Wagnis eingehen, dich aus Versehen zu verunglimpfen, lieber Bruder. Immerhin geht es um dein Wohlergehen und wenn ich dich damit vor Schaden bewahren kann, nehme ich auch in Kauf, dass du zornig auf mich bist. ...Zumal du es scheinbar ohnehin schon bist. Was habe ich also zu verlieren?“
Gegen diese Logik wusste Morwe auf Anhieb leider nichts einzuwenden. Grimmig biss er sich auf die Unterlippe.
Sein Bruder lächelte siegessicher. „Sind wir uns also einig, dass ich bleiben kann?“
„Wir sind uns darüber einig, dass du wie ein Hund ums Haus streifen kannst!“, knurrte Morwe und wandte sich ab. Vor der breiten Wendeltreppe hielt er inne. „Das obere Stockwerk ist tabu, auch für dich. Du kannst die Nacht im Sitzungszimmer verbringen. Ich ziehe mir eben saubere Kleider an und komme dann wieder runter...“ Selbst in der Dunkelheit konnte Morwe aus den Augenwinkeln erkennen, wie Elûdin über beide Ohren grinste.
So ungern er es sich auch eingestand, sein Bruder hatte nicht Unrecht. Auch wenn er sich selbst darüber kaum im Klaren sein dürfte. Morwes Schlaf war durch die lange Abhängigkeit vom Fahltau zu tief geworden und wenn ihm wirklich ein Angreifer auflauern sollte, würde er dies in seinen Träumen kaum bemerken... Und die Gefahr, in der er sich befand, konnte er leider nicht einfach fort argumentieren oder einfach ignorieren. Wann hatten sich die Späher seines Großvaters je geirrt? Wenn er an Ondollos Stelle wäre, würde er vermutlich auch alles daran setzten, sich aus dem Weg zu schaffen und das so schnell wie irgend möglich. Oder sein Vetter musste eine andere Möglichkeit finden, ihn zum Schweigen zu bringen.
Verdrießlich stieg Morwe die Treppe empor. Seine Füße kannten den Weg auch in der dunkelsten Nacht noch auswendig. Es war eigentlich sogar gut, dass es so finster war, denn so konnte Elûdin, falls er ihn beobachten sollte, seine Schritte nicht sehen. Aus Angst jemand könne von seiner Sucht erfahren, hatte Morwe die Treppe präpariert, um ungebetene Gäste aus dem oberen Stock fernzuhalten. Es gab nur eine ausgewählte Anzahl von Stellen, auf die man sicher treten konnte, ohne eine böse Überraschung zu erleben. Zwar gehörte das obere Geschoss traditionell allein dem Hausherren und war für den Besuch nicht zugänglich, aber Morwe hatte die Gästezimmer zu notdürftigen Gewächshäusern umfunktioniert, weshalb nicht einmal sein einziger Hausdiener dort hinauf durfte. Entsprechend empfing Morwes Füße eine weiche Staubschicht, als oben ankam.
Er warf über das Geländer hinweg einen Blick nach unten. Elûdin war nicht mehr zu sehen. Der mittlere Teil des Flurs, welcher unten von den Säulenreihen gesäumt wurde, war hier oben frei gelassen worden und entsprechend gut zu beobachten. Dort, wo er unten hinter den Säulen verschwand, befanden sich im oberen Stockwerk links und rechts zwei gerade Umgänge, welche zur Mitte hin von einem Geländer abgegrenzt wurden. Durch die Fenster auf der gegenüberliegenden Seite fiel mattes Mondlicht auf die dunklen Holzdielen. Wo der Umgang wieder zusammenführte, gab eine wandhohe Tür mit in Gittern angeordneten kleinen Fensterchen den Blick auf den Balkon frei. Er überdachte den Eingangsbereich des unteren Stockwerks, der allein durch die Fenster zu den Seiten des Portals etwas erhellt wurde. Aus dem von Morwe aus gesehen rechten Raum neben den Eingangstüren drangen gedämpfte Geräusche. Scheinbar machte es sich sein Bruder im Sitzungszimmer bequem.
Morwe wandte sich seinerseits dem rechten Flur zu und ging an seinem Ankleidezimmer vorbei zur zweiten der drei Türen, hinter der sein Schlafzimmer lag. Kaum hatte er die Tür einen Spalt breit geöffnet, stellte sich ihr ein Widerstand entgegen. Seufzend zerrte Morwe den Stoff, der sich zwischen Türspalt und Boden verfangen hatte, mit dem Fuß beiseite und schob beim Eintreten noch diverse andere Gegenstände fort, die im Weg lagen. Der Form nach zu urteilen, waren es Bücher.
Sein Blick wanderte über die verschatteten undefinierbaren Umrisse, die den Boden überlagerten, über den voll gestellten Tisch in der linken Ecke des Raumes, am Fenster vorbei, bis rechts an die Wand, wo mittig das Kopfende des Himmelbetts angrenzte. Hinter den halb zugezogenen schweren Vorhängen war zu erkennen, dass dies wohl der einzige verbliebene Fleck seines Schlafgemachs war, der der Unordnung noch die Stirn bot. Halb verdeckt von Bett und der dahinter in der rechten hinteren Ecke thronenden Kommode, fiel verzerrtes Mondlicht auf die vor Staub dumpf glimmenden Möbel.
Morwe gelangte es mit einem großen Schritt seinen Fuß au ein freies Stück Fußboden zu bringen. Ein zweiter brachte ihn nah genug an das Bett heran, um nach einem der bis zur Decke ragenden Pfosten greifen zu können und sich daran hochzuziehen. Von seiner Insel inmitten dieses Meeres aus Chaos musterte Morwe schwermütig seine Kammer.
Er konnte von sich behaupten früher eine ausgesprochen ordentliche Person gewesen zu sein. Nie so penibel wie etwa sein Bruder, doch er hatte Acht gegeben auf seine Umgebung und die Dinge, die ihm anvertraut waren. Es ziemte sich für seine Abstammung und überhaupt war Ordnung eine Tugend, die wie er fand nicht zu unterschätzen war. Dennoch hatte seine Fähigkeit seine Gedanken und Habseligkeiten vernünftig beisammen zu halten in den letzten hundert Jahren nicht unerheblich gelitten. Morwe konnte nicht einmal exakt ergründen oder es auch nur beschreiben, was eigentlich genau mit ihm passiert war, doch der Fahltau musste dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben und es womöglich immer noch tun... Es machte ihm kurioser Weise auch gar nichts mehr aus in einem Haufen Plunder zu hausen, über den er längst jedweden Überblick verloren hatte. Früher wäre dies undenkbar gewesen... Aber solange niemand davon erfuhr, sollte es nicht seine Sorge sein. Zumindest nicht in näherer Zukunft, denn es gab dringlichere Probleme, welche seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Jedenfalls war dies Morwes gegenwärtige Einstellung dazu. Was hieß, er ignorierte diese Wesensveränderung seiner Selbst solange sie sich ignorieren ließ.
Morwe rutschte über sein Bett, welches groß genug war, um zwei Personen darin Platz zu bieten, und begann damit in der Kommode nach einem schlichten Hemd und einer Hose zu fischen. Die meisten seiner Gewänder befanden sich im Ankleidezimmer, zu dem die Tür zu seiner Rechten führte. Was hier im Schrank lag, waren seine einfachsten und anspruchslosesten Kleider. Aber mehr benötigte er jetzt gerade auch nicht. Für das Fest würde er sich im Morgengrauen ankleiden, wenn Elûdin wieder verschwunden war.
Mit der festen Absicht Rínon seine Kleider im gewaschenen Zustand wiederzubringen, ließ er sie auf dem Bett liegen und machte sich auf den Rückweg nach unten. Kein Licht drang aus dem Sitzungszimmer in den Flur. Kein Geräusch war zu vernehmen. Überhaupt verriet nichts, dass hier jemand sich im Haus aufhielt.
Hoffentlich sehen das Ondollos etwaige Schergen ebenfalls so., dachte Morwe hoffnungsvoll und folgte dem mondbeschienenen Säulengang bis zu seiner hintersten Tür ganz rechts, die halb geöffnet war.
Das Gittermuster der bis zur Decke reichenden Fenster zeichnete sich auf dem Fußboden, dem Sofa und den Sesseln ab, welche in einem Rechteck um den Fellteppich angeordnet waren, auf dem ein kleiner Tisch stand. Der Kamin in der rechten Wand hingegen erschien umso mehr wie ein pechschwarzes Maul, das alles Licht verschluckte. Geisterhaft schimmerten die Kerzenleuchter an den Wänden, in denen jedoch keine Kerzen steckten. Morwe konnte sich nicht entsinnen, wann der Raum das letzte Mal genutzt worden war. Er wirkte wie von der Zeit vergessen, leblos, kalt.
Allein seine ausgestreckten Beine verrieten Elûdin, der sich in einem Lehnsessel mit Blick zur Tür niedergelassen hatte. Seine Finger trommelten auf der ledernen Armlehne. „Ich kenne genügend Damen, die nicht annähernd solange brauchen, um sich anzukleiden, lieber Bruder. Ich war beinahe versucht nachzusehen, ob du noch lebst.“
Morwe rollte nur mit den Augen. Er ließ sich auf das Sofa fallen. Staub wirbelte um ihn auf und er hüstelte.
„Du willst dir wirklich keinen zweiten Diener einstellen?“, erkundigte sich sein Bruder in Unschuldsmanier.
„Nein.“, brummte Morwe trocken und unterdrückte den Hustenreiz. Elûdin saß fast gänzlich in Schatten gehüllt und so konnte er sein Gesicht nicht lesen.
„Wie du meinst... Übrigens, ich bin beeindruckt von deiner Idee den Kompost direkt in die Küche zu verlegen. Es ist wahrlich zu gütig von dir dem guten Gellendil den lästigen weiten Weg zwischen Küche und Garten zu ersparen...“
„Wovon sprichst du? Ich habe keinen-“, entrüstete sich Morwe. Dann fiel bei ihm der Groschen. „...oh...“ Er räusperte sich. „...Die Idee bedarf noch einiger Ausarbeitung... Zerbrich dir nicht den Kopf darüber....“ Ich war mir sicher, ich hätte die Früchte alle rechtzeitig entsorgt...
Elûdin seufzte nur und Morwe hätte schwören können, dass sein Bruder den Kopf schüttelte. „Tu mir einen Gefallen, ja? Sorge dafür, dass unser Großvater niemals erleben muss, was du aus dem Haus gemacht hast...“
„Ich habe gar nichts gemacht.“, log Morwe.
„Exakt. Genau da liegt das Problem.“
Ein Schnipsen von Fingern erklang und eine Wolke aus Staub wirbelte über der Armlehne auf. Morwe zog es vor zu schweigen. Stattdessen ließ er sich auf dem Sofa zur Seite gleiten und streckte sich aus. Jetzt, wo er lag, überkam ihn plötzlich Müdigkeit.
„Willst du wirklich die ganze Nacht wach bleiben, El?“, er spürte wie seine Glieder immer schwerer wurden.
Ein Kichern erklang.
„Was?“
„Ich habe genickt, aber dann ist mir eingefallen, dass du mich wahrscheinlich gar nicht sehen kannst.“, gestand Elûdin.
Morwes Lippen kräuselten sich. „Dummkopf...“, murmelte er.
Zur Antwort trat sein Bruder nach dem Sofa, aus dem prompt staubige Nebelschwaden qualmten.
„Würdest du dich wohl benehmen?“, würgte Morwe krächzend hervor, erntete aber nur hämisches Gelächter.
Drückende Schwere schien von der Decke auszugehen. Sie kroch in Morwes Beine, seinen Rumpf hinauf, bis in seine Fingerspitzen. Gleichzeitig bemerkte er ein eigentümliches Empfinden in seiner Brust. Erleichterung. Etwas, das er seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in der Gegenwart Elûdins gespürt hatte. Aber hier in diesem Zimmer schien die Zeit stillzustehen. Als wären die Jahrhunderte nie vergangen. Als wäre der Tod ihres Vaters nie geschehen und er würde noch leben, hier in diesen Räumen, und all seine Heiterkeit würde wie die Sonne das ganze Haus mit Wärme erfüllen. Morwes Gedanken erlahmten. Bilder aus Kindheitstagen tauchten vor seinen Augen auf und waberten geisterhaft durch sein Bewusstsein. Für einen Moment blitzte Sorge in ihm auf. Was, wenn Elûdin gewahr wurde, dass sein Schlaf ungewöhnlich tief war? Was, wenn er Verdacht schöpfte, ihm irgendwie auf die Schliche kam?
Doch selbst das schien auf einmal egal.
„El... Wenn tatsächlich Handlanger Ondollos auftauchen sollten....“, seine Zunge war zu träge sich richtig um die Worte zu schlingen.
„Ja?“
„...Töte sie leise und weck mich nicht...“
Das letzte, was Morwe hörte, war Elûdins gedämpftes Lachen. „Sicherlich.“

Ihm schien, als wäre er gerade erst in der wohligen Dunkelheit seines Schlummers versunken, da zog ihn etwas zurück in die Wirklichkeit. Gedämpftes Licht empfing seine Sinne. Jemand schüttelte seine Schulter.
„Bist du in Winterschlaf gegangen?“, es war die Stimme seines Bruders. „Komm zu dir!“
Du musst aufwachen, sonst merkt er es!, schalt Morwe sich, doch kein Gefühl wollte in seine Glieder zurückkehren. Wach auf! Los!
Die Hand verschwand von seiner Schulter. Gerade da sein Bewusstsein wieder eintrüben wollte, ertönte ein Klatschen und heißer Schmerz schoss durch seine Wange. Morwe schreckte auf. Benommen fand er sich auf die Ellenbogen gestützt auf dem Rücken liegend wieder. Orangerotes Licht ließ das Zimmer wie in Flammen getaucht erscheinen. Elûdin stand zu seiner Linken. Sein Bruder hatte die Stirn in Falten gelegt und musterte ihn.
„Du hast einen recht... gesunden Schlaf, wenn ich das sagen darf...“, murmelte er und Morwe schluckte unwillkürlich.
Bevor er sich davon abhalten konnte, nuschelte er: „Du darfst es mir sagen, aber ich gestatte es dir nicht, es gegenüber jemand anderem zu erwähnen.“
Schweigen legte sich über sie. Wie ein Nebel umkreiste es Morwes Kopf. Er biss sich auf die Zunge. Na großartig...
In der Stille klang selbst ihr Atmen laut.
„Ich bin nicht blind, Morwe.“ Es war nicht mehr als ein Flüstern. Mahnend verharrten seine Worte in der Luft.
Morwe fühlte seine Gedanken und Gefühle zu Eis gefrieren. Er erstarrte. Doch es war alles, was Elûdin verlauten ließ. Er wandte sich ab. Etwas raschelte und aus den Augenwinkeln wurde Morwe gewahr, wie sein Bruder seinen Mantel überzog, den er über den Sessel gehangen hatte.
...Was soll das heißen? Aber je mehr er mit einem Anflug von Panik versuchte Elûdins Worte auszuloten, desto kryptischer wurden sie in seinem Kopf.
„Wir sehen uns gleich auf dem Fest.“, ließ Elûdin schließlich verlauten und fügte bevor er sich zum Gehen wandte mit einem spöttischen Lächeln hinzu: „Schlaf nicht wieder ein, Brüderchen.“
Ein Schnauben entwich Morwe und er widerstand der Versuchung seinem Bruder ein Kissen hinterher zu werfen. Das könnte Elûdin so passen, dass er sich auf solche Albernheiten herabließ...
...‘Brüderchen‘... Oh, das wirst du noch bereuen, mein Lieber..., dachte er grimmig lächelnd und drehte sich auf die Seite.
Nachdem das Portal ins Schloss gefallen war, blieb Morwe noch einige Augenblicke liegen. An manchen Tagen brauchte er nach dem Erwachen eine Weile, um seinen Geist zu klären. Dieser war einer davon. Doch der Gedanke an die Zwergin und dass er es seine Aufgabe war sie zum Fest abzuholen, brachte ihn letztlich auf die Beine.
Oh Ulmo, steh mir bei., dachte Morwe wehmütig, als er das Bad betrat und dutzende Szenarien, was heute alles schief gehen konnte, durch sein Bewusstsein schwammen. Er wusch sich rasch und ging dann nach oben ins Ankleidezimmer, wo er ein dunkles Untergewand und eine dunkelblaue mit Gold verzierte Robe für das Fest auswählte. Nicht jedoch, ohne sich vorher diverse Waffengurte umzuschnüren, in denen er Messer und Dolche versteckte. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas... unvorhergesehenes geschah. Zur Sicherheit verstaute er noch jeweils ein Messer in seinen Stiefeln.
Draußen empfing ihn modriger feuchter Dunst und eine aufgehende rote Herbstsonne. Es tropfte noch immer im Geäst. Die Luft aber ließ erahnen, dass der Nachmittag freundlich und vielleicht sogar recht warm werden würde. Ein wahrlich schöner Tag für das Fest. Nun, zumindest könnte er es sein, wenn nicht eine Unzahl Sorgen Morwes Geist belagert hätten. Und nicht wenige davon galten einem ganz bestimmten Gast...
Auf dem Weg zurück zum Haus der Zwergin ließ er den vergangenen Tag Revue passieren. Gedanklich ohrfeigte er sich für die Schwäche, die er in der Nacht zuvor gezeigt hatte. Er hätte seinem Bruder nicht derart wieder entgegenkommen sollen. Aber seine Erschöpfung hatte seine Schranken fallen lassen. Hin und her gerissen zwischen widersprüchlichen Empfindungen, was die Begegnung mit Elûdin anging, gelangte er endlich zu Nîns Unterkunft. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend.
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 25 Jan 2014, 18:31

Nîn zog sich den Stoff weiter über den Kopf. Vor ihren geschlossenen Augen tanzten Messer und Gabeln und kleine Wesen, die diverse Verbeugungen vollzogen. Sie konnte sich gar nicht mehr entsinnen, ab welchem Punkt ihrer Unterrichtsstunden ihre Augenlider zu schwer geworden waren, um offen zu bleiben, aber das Zwitschern von Vögeln und das warme Licht, dass durch ihre Fenster viel, verriet ihr, dass der Morgen anbrach.
„Morwe, kannst du mir was zu Essen machen?“
Sie genoss die Ruhe und den Frieden, der sie auf dieser Liege umhüllte. Es war warm, die Vögel zwitscherten, die Verbände kratzten nur etwas, aber die Schmerzen waren verschwunden und ein angenehmes Gefühl der Taubheit, schloss ihren geschienten Arm aus ihrer Wirklichkeit aus. Doch die einzige Antwort, die auf ihre Frage durch die Stille des Hauses hallte, war das Knurren ihres Magens. „...Morwe?“
Müde und verschlafen zog sie die Decke von einem ihrer Augen um mit zusammengekniffenen Lidern etwas trotz der Sonnenstrahlen zu erkennen. Das Feuer im Kamin war hinab gebrannt und ein Sperling spielte draußen auf der Veranda in einer glitzernden Pfütze, doch ansonsten blieb alles ruhig. Irritiert setzte Nîn sich auf und kratzte sich am zerzausten Hinterkopf. Alleine mit diesem alten Haus zu sein, bereitete ihr ein merkwürdigen Unbehagen. Sie musste nicht suchen um zu wissen, dass Morwe nicht da war. Dafür war die Stille in diesen Wänden zu laut. Die Zwergin brauchte eine Weile um sich dazu aufzuraffen, den ersten Fuß auf den Boden zu setzten. Nach der gefühlten Ewigkeit, die sie bereits wieder in diesen Wänden verbrachte, wirkte der Anblick dieses bekannten Holzes und des Kamins zum ersten Male so …. endgültig.
Sie atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Daran Gedanken zu verschwenden, brachte sie nicht weiter. Wenn sie damit anfing, würde sie für Stunden hier sitzen können und trotz allem zu keinem Ergebnis kommen.
Stattdessen brachte sie sich mit der Eleganz eines Pflastersteins auf die Beine und schlurfte in benommenen Schlangenlinien Richtung Küche. Ernüchternde Leere erwartet sie dort, die das Loch in ihrem Magen nur noch um ein vielfaches auszuweiten schien. Na toll...
Resignierend wickelte Nîn sich in die warme Decke ein, unter der sie diese Nacht geschlafen hatte und ließ sich von ihren Füßen durch ihr Haus führen.
Die Tür zum Arbeitszimmer wirkte im rötlichen Schimmer, in den die aufgehende Sonne ihr Heim tauchte, noch etwas lädierter als am Nachmittag, doch trotz allem bewegte sie sich kein Stück, als die Zwergin sich hoffnungsvoll dagegen lehnte. Vielleicht, wenn Morwe noch einmal....
Nîn zog de Stirn in Falten. Der Elb schien sich erstaunlich schnell zu erholen, wenn er schon vor Morgengrauen das Weite suchen konnte, nachdem er solche Schmerzen in seinem Knöchel gehabt hatte. Mit einem Schulterzucken schlenderte die Zwergin weiter den Gang entlang und die Treppe hoch. Oder aber, er hat sich nur angestellt, um sich etwas Mitleid zu erschleichen...
Zwielicht hüllte die obere Etage in ein entspannendes Licht. In diesem Stockwerk, waren zwar insgesamt ebenso viele Fenster, wie im Erdgeschoss, doch in dem kleinen Flur oberhalb der Treppe befand sich nur eine einziger Ausblick nach draußen. Die Art, wie dieses sanfte, rote Licht auf die verhangenen Regal viel, hatte etwas magisches, als würde sich dieses Haus in diesem Bereich noch immer im Winterschlaf befinden und nur darauf warten, von ihrer Hand geweckt zu werden, ohne, dass große, kleine oder starke Elben ihr dazwischen fuschten.
Das Knarzen der Dielen unter ihren nackten Füßen klang wie das Gähnen und Räkeln eines Kindes, dass sich weigerte aufzuwachen. Sanft umfasste Nîn eines der Lacken, dass die Regale verdeckte und zog mit der anderen Hand die Decke etwas weiter vor ihr Gesicht, um sich vor einer möglichen Staubwolke zu schützen. Doch das Tuch glitt so langsam zu Boden, dass der Staub nur kaum merklich aufgewirbelt wurde. Das einzige, was der Zwergin den Atem raubte, waren die dunklen Ledereinbände, die mit Buchrücken an Buchrücken gereiht und teilweise sehr alt jeden kleinsten Raum der Regale füllten. Zärtlich glitten ihre Fingerspitzen über die eingeprägten Buchstaben, Runen und Schriftzeichen. Märchen, Mythen und Sagen aus allen Bereichen Mittelerdes flüsterten ihr mit verlockenden Stimmen zu. Längst vergessene Geschichten und Balladen, kehrten bis ins kleinste Detail in ihren Geist zurück, nur durch den Namen, der meist kaum leserlich verblasst auf den Rücken ihrer Körper geschrieben worden war. Nîn trat dicht an die Bücher heran und sog den scharfen Geruch von vergilbten Pergament und gegerbten Leder durch die Nase ein. „Ich bin wieder zu Hause...“
Als hätte der Geist ihres Hauses persönlich auf ihr Flüstern reagiert, ließ ein kalter Durchzug die Tür ihres Kinderzimmers mit einem Knarzen ein Stück weit aufschwingen. Nîns Herz setzte einen Moment lang aus, als sie herum wirbelte, doch sie war noch immer alleine. Nur ungern trennte sie sich von ihren Freunden, doch diesen Besuch wollte sie alleine machen, ohne, dass fremde Elben um sie herum tollten und wer wusste schon, wie lange sie noch Gelegenheit dazu haben würde. Ihr Herz schlug nicht schneller, während sie vor ihrer eigenen Schlafzimmertüre stand, doch spürte sie jeden einzelnen Schlag kräftig gegen ihre Kehle pulsieren. Unsicher legte sie die Hand auf das vertraute Holz und drückte die Tür vollständig auf.
Das Knarzen der beanspruchten Scharniere, erschien in der Stille unnatürlich laut und brach jäh ab, als die Tür gegen etwas am Boden liegendes abgestoppt wurde. Nîn atmete tief durch. All die Angst und das Unwohlsein bei dem Gedanken daran, was hinter dieser Tür lauern würde, entschwand bei dem Anblick ihrer so wohl vertrauten Wände so schnell, als hätten diese Gefühle niemals existiert. Die mit kindlichen Schnitzereien verzierte Schränke waren über die Jahrzehnte nicht einen Finger breit verrückt worden, genauso wie die Bilder, die an den Wänden hingen und wild verstreut zwischen Kissen und Teppichen auf dem Boden lagen. Begor, ihr einst so riesiger Stoffbär, lehnte klein und verlassen an der Türe zum Balkon und starrte mit runden Knopfaugen hinüber zu dem Bett, dass sich als einziges in diesem Zimmer verändert hatte. So vertraut dieser Ort auch war, bot er ihr doch auch einen befremdlichen Anblick. Als sie hier gelebt hatte, war sie ein gutes Stück kleiner gewesen und hatte alles aus einem vollkommen anderen Blickwinkel betrachtet. Sie versuchte keinen Blick aus den staubigen Fenstern zum Balkon hin zu werfen, sondern hob ihren alten Freund auf ihre Arme und drückte ihn fest an sich. Andere waren böse, wenn man ohne Abschied verschwand und erst nach vielen Jahren zurückkehrte, doch nicht Begor. Sein weicher Stoffkörper drückte sich nur treu gegen ihren verletzten Oberkörper und wärmte ihren Bauch, während sie sich mit ihm auf das zerwühlte Bett setzte. Sie würde die Lacken wechseln müssen. Wer konnte schon sagen, was Rínon hier alles angestellt hatte, so zerknüllt, wie die Decke halb neben dem Bett lag? Nîn stutzte. Ihr Blick viel auf einen kleinen Beutel, der besitzerlos zwischen den zerknüllten Kissen lag. Verschlagen huschten ihre Augen aus Gewohnheit zurück zur Tür, bevor sie sich im Schneidersitz und mit Begor auf dem Schoss neben den Beutel setzte und in interessiert öffnete. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer.
Essen!
Grinsend und gierig schlang sie die drei trockenen Brote hinunter, die den Beutel gefüllt hatten. Es wunderte sie zwar nicht, dass Elben ihren Proviant mit trockenen, dünnen Brot füllten, aber der Hunger trieb selbst die letzten Krümel des leicht würzigen, aber recht harten Gebäcks hinunter. Mit vollem Magen ließ sie sich rücklings auf das Bett fallen. Sie war glücklich. Ihr Bauch war zufrieden und warm. Alles was Rínon in seinem Leben jemals angestellt hat, möge ihm verziehen sein...
Eine plötzliche Erkenntnis zusammen mit dem lauter werdenden Zwitschern von Vögeln ließ die Zwergin mit einem Mal wieder kerzengerade auf ihrem Bett sitzen. Vanye würde jeden Moment vorbei kommen, um sie abzuholen, die Zeit für diese Idee würde wohl kaum reichen.
Nîn legte den Bären mit dem Beute zurück zu den Kissen und sprang aus dem Bett. Hastig, aber vorsichtig zog sie im Flur die Lacken von den verbliebenen Regalen und überflog so schnell es ging die Einbände auf der Suche nach etwas passendem. Bei einem besonders alten und abgegriffenen Exemplar hielt sie inne, dass ihre Eltern einst als Antiquität im Dunland erstanden hatten. Es war die Geschichte von Tinúviel.
Eine Liebesgeschichte zwischen dem sterblichen Beren und der wunderschönen Lúthien, die wegen ihres bezaubernden Gesanges von ihm den elbischen Namen für Nachtigall 'Tinúviel' bekommen hatte. Die Geschichte war wunderschön und doch auf so ergreifende Art und Weise traurig, dass Nîn sie als Kind immer und immer wieder gelesen hatte, selbst als sie jedes Wort bereits auswendig kannte. Das Buch hatte mit seinen alten Seiten darunter natürlich stark gelitten, weshalb es eines Tages von ihren Eltern aus ihrem Besitz entführt und mit einem neuen Kleid zu ihr zurück gebracht worden war. Seither, hatte sie es nur noch sehr vorsichtig behandelt, damit der neue Einband bis in die Ewigkeit die alten, brüchigen Seiten mit ihren wunderschönen Holzschnitten zusammen halten würde, bis sie es schließlich gar nicht mehr aus dem Regal genommen hatte.
Die Zwergin erinnerte sich zurück an ihre erste Begegnung mit Rínon und wie begeistert er diese 'Arwen' mit Luthíens Schönheit verglichen hatte. Sie nickte zufrieden und strich ein letztes Mal vorsichtig mit den Fingern über die filigranen Bilder, auf die der schlichte text- und bildlose Einband nicht im entferntesten schließen lassen würde. Rínon musste diese Geschichte als Historiker bereits kennen, doch vielleicht würde er sich ja wenigstens so weit über dieses Exemplar freuen, dass er ihr für zumindest die Dauer des Festes ihren unfreundlichen Rauswurf verzeihen würde.
Als wäre es aus Glas, trug sie das Buch vorsichtig in das Zimmer ihrer Eltern und suchte aus den Schubladen notdürftig Utensilien zusammen, um das Buch so einzupacken, dass es vor den neugierigen Blicken anderer und vor allen Launen der Natur geschützt war. Gerade, als sie stolz ihr Werk betrachten wollte, erinnerten sie gedämpfte Stimmen von draußen daran, dass der Tag wohl mittlerweile angebrochen war.
Ohne noch einen weiteren Augenblick zu verschwenden, rannte sie die Stufen hinab, versuchte gleichzeitig ihre Haare etwas zu ordnen und zog sich so gut sie konnte an. Widerwillig quälte Nîn sich in den langen, cremefarbenen Rock, denn Morwe hatte ihr nahegelegt, dass es unangebracht sei, als Frau bei einem Bankett in Hosen zu erscheinen und wollte schließlich keinen Grund bieten, der sie unhöflich erscheinen ließe. Die unterschiedlich geschnittenen Oberteile überforderten die junge Zwergin doch etwas. Die Farben schienen gut zueinander zu passen und während das eine keine Ärmel sondern nur verzierte Träger besaß, gab es ein anderes, mit weitem Ausschnitt und dafür langen Ärmeln und noch ein ganz anders, dass eher wie eine dünne Jacke wirkte, doch ein separater Umhang - der sicher nicht warm halten würde – war ebenfalls beigelegt. Nach kurzem Verzweifeln gelang Nîn zu dem Schluss, dass sie sich wohl eines dieser Stücke aussuchen sollte und entschied sich für das mit dem wenigsten Ausschnitt ohne Ärmel. Dann konnte sie wenigstens nicht mit diesen viel zu großen und hinab hängenden Ärmelenden irgendwo hängen bleiben oder sie schmutzig machen. Dass man die in Elben Augen hübschen Verzierungen unter ihrem Harnisch nicht sehen würde, kümmerte sie eher weniger. Genaugenommen verschaffte es ihr eine gewisse Erleichterung nicht den ganzen Tag mit hässlichen Ornamenten auf dem Oberkörper herum laufen zu müssen und mit einem Stoff, der sichtlich ihre Weiblichkeit betonte. Da es sicher unpassend wäre, wir für einen Krieg gerüstet zwischen den Elben zu erscheinen, und da es ihr sicher nicht passen würde, ließ sie das Kettenhemd bei ihrer Ankleide weg, doch trotz allem würde sie sich sicherer fühlen, wenn ihr Messer in greifbarer Nähe bei ihr wäre, weshalb sie sich einen Gürtel mit der Waffe so um die Taille schnallte, dass sie zwar im Falle eines Falles dran kommen, aber der Harnisch es vor den Augen anderer verbergen würde. Mit einem Herzschlag, der bis hoch in ihre Ohren klopfte, betrachtete sie die Nähte, die die den Tag und die Nacht über liebevoll von ihr nachgebessert worden waren. Er musste einfach passen...
Erneut drang ein Klopfen an ihre Ohren, doch diesmal realisierte Nîn, dass es wohl von der Tür und nicht von ihrem Herzen kam. „Moment!“
Die Art und Weise, wie man sich ohne Hilfe in einen Lederharnisch zwängt, während eine der beiden Hände kaum bewegbar ist, lässt sich bestenfalls als Umständlich beschreiben, doch mit einigem schmerzhaften Fluchen gelang es der Zwergin bemerkenswert schnell. Gerade wollte sie unter noch lauterem, schmerzhaften Fluchen die Lederschnürung fest ziehen, als die Tür vorsichtig aufschwang.
Sie hob den Kopf in Richtung Ausgang und für einen kurzen Moment blieb ihr das Herz stehen, als sie dachte, Eludin dort stehen zu sehen, doch dieser Elb war viel zu edel angezogen für Eludin. Außerdem, was in diesem Fall ausschlaggebender war, hätte der mürrische Krieger, wohl kaum ihr gegenüber sein Gesicht so entgeistert verzogen, dass er wirkte, wie ein getretener Welpe.
Trotzdem... Dieser Elb trug Kleider, die Nîns Erfahrungen in Bree nach einem König angemessen gewesen wären. Das edelste an der Kleidung des 'Wächterleins', wie Vanye ihn so liebevoll betitelt hatte, waren bisher wohl die Ameisenköniginnen gewesen, die sicher in den Dreckflecken seines heruntergekommenen Hemdes gehaust haben. Sie wagte es nicht, sich weiter zu bewegen und kniff nur die Augen ein Stück weit zusammen. „...Morwe?“
Die Augen des Elben lösten sich von ihrer Kleidung und trafen ihren Blick mit einem nahezu flehentlichen Ausdruck. Seine Kinnlade klappte kaum merklich hinunter, als wollte er etwas sagen, doch kein Ton verließ seine Lippen. Dafür aber durchschnitt ein heller Ruf die Luft, der seinen Namen flötete und Nîns Nackenhaare aufstellte. Der zu Stein erstarrte Morwe ließ mit einem leisen Krachen die Tür wieder zufallen, ohne vorher etwas zu sagen.
Nîn zog eine Augenbraue nach oben. Das... war interessant...
Sie schüttelte kurz den Kopf und schnürte den Harnisch fest. Kurze Zweifel kamen in ihr auf, ob sie womöglich etwas anderes hätte anziehen sollen, aber der Harnisch hatte sich schließlich mit in dem Paket befunden, war theoretisch ein Geschenk Elronds und Morwe hatte ihr schließlich den ganzen Abend über dabei zugesehen, wie sie ihn zurecht genäht hatte. Wäre er ungeeignet, hätte er sicher spätestens dann etwas gesagt. Mit einem Stöhnen zurrte sie das letzte Lederband fest. Er passte wie angegossen! Und er war so bequem und vertraut, dass sie ihn nie wieder ablegen würde, nicht zuletzt deswegen, weil sie dann wieder sämtliche Schnürungen und Verschlüsse öffnen müssen würde. Sie hörte Vanye und Morwe vor der Tür sprechen, doch die elbischen Wörter waren zu undeutlich, als das sie sie hätte übersetzen können. Sie streifte den samtenen Überwurf beiseite, der sicher nicht einmal mit viel Fantasie vor Kälte schützen würde, und hob Rínons ehemalige Jacke hoch, die er verdeckt hatte. Sie ging ihr zwar nur bis zu den Knien, aber war dafür wundervoll warm und nachdem sie die Ärmel umgeschlagen hatte, passte sie dort auch von der Länge her. Als sie Morwe nicht mehr auf das geachtet hatte, was sie tat, hatte sie hinten und an der Seite einige Schnitte hinein geschnitten und um genäht, damit sie trotz der Länge genug Bewegungsfreiheit in ihr hatte und sich dadurch auch mit ihr setzen konnte, auch wenn sie geschlossen wäre. Die Gürtelschlaufen zu lösen, die sich in Nîns Falle an einer vollkommen falschen Stelle befunden hätte, war keine große Arbeit gewesen und wenn man sich jetzt noch Runen und geometrische Muster auf dem Stoff vorstellte und Nîn die dazu passenden Handschuhe besitzen würde, machte die Jacke schon beinahe den Eindruck von alt bekannter Zwergenmode. Stolz zog sie sich die Jacke über und warf den Stiefeln einen gequälten Blick zu. Peinlich berührt ging sie zum Hauseingang. Sie ging sich noch einmal durch die Haare und atmete tief durch, bevor sie die Klinke hinunter drückte und die Tür schließlich öffnete. Das Gespräch zwischen Vanye und Morwe erstarb mit einem Mal und beide wandten den Kopf zu ihr um. Etwas unsicher, aufgrund der plötzlich eingetretenen Stille, warf sie beiden immer nur flüchtige Blicke zu, bis sie sich schließlich auf die Zunge biss und nur noch die Kleidung und dann die Schuhe der beiden Elben betrachtete. Es ist nur eine Bitte. Es ist nicht die Welt. Sie werden dich nicht dafür auslachen. Das ist ganz natürlich, dass du das im Moment nicht alleine kannst... Es ist nur eine ganz normale Bitte...
„Ich...“, ihre Stimme klang in ihren Ohren merkwürdig fremd, doch sie schaffte es die Überwindung mit aller Kraft weiter aufrecht zu erhalten.
„Ich... bräuchte...“ Ihre Unterlippe begann zu schmerzen, während sie immer wieder begann auf ihr herum zu kauen.
„Wegen meinem Arm... ich bräuchte... Hilfe bei den Schuhen...“
Sie traute sich nicht, wieder einzuatmen, doch sie hatte es wenigstens geschafft auszusprechen.
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 26 Jan 2014, 13:07

Seine Hand noch immer auf dem Türknauf fand Morwe sich mit entgeisterter Miene ins Leere starrend wieder. Völlige Stille hatte sich auf seinen Geist gelegt.
„...Morwe?“, Zweifel schwang in Vanyes heiterer Stimme mit. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie vor dem Haus stehen blieb.
Er wollte ihr etwas antworten, aber kein Geräusch drang über seine geöffneten Lippen. Alles, was er fertig brachte, war seinen Kopf ein winziges Stück in ihre Richtung zu drehen. Seine Gesichtsmuskeln jedoch schienen vollkommen versteinert.
Vielleicht etwas zu hoffnungsvoll neckte ihn Vanye: „Hast du einen Geist gesehen?“
„...Ich hoffe es...“, würgte Morwe endlich heiser hervor.
Im äußersten Winkel seines Blickfelds sah er Vanyes helle Augen zwischen ihm und dem Haus hin und her wandern. Sie seufzte. „...Sprich schon, was hat sie angestellt.“
Zur Antwort drang nur ein gequälter Laut aus Morwes Mund. Unbeholfen gestikulierten seine Hände durch die Luft, deuteten zum Haus, in Richtung Straße, zurück zu ihm, um dann doch resignierend zu erschlaffen. Morwe schüttelte den Kopf und rieb sich die Stirn. Schließlich wandte er sich zu Vanye um. Erneut erstarrte er.
Im Licht der aufgehenden Sonne schien ihm für einen Moment, als hätte Vanye sich mit einem Teil des aderblauen Himmels selbst bekleidet. Ihr langes wehendes Kleid war vom gleichen Ton wie ihre strahlenden Augen, das seidene Tuch um ihre Hüfte schimmerte von Silber durchsetzt. Der Stoff um ihre zierlichen Schulter war etwas dunkler gehalten, feine weiße Linien durchzogen ihn wie ein Blumengeflecht und dort, wo das Obergewand an ihrer Taille abschloss, war es mit einem silbernen Ornament geschmückt.
Ein verschmitztes Lächeln huschte über Vanyes Lippen. Sie schüttelte den Kopf und schnippte mit den Fingern vor Morwes Gesicht. „He, du Träumer!“
Verdutzt sah er auf.
„Sag endlich, was hat dir die Sprache verschlagen?“
Morwes Gedanken kehrten zu Nîn zurück und prompt tauchte das Bild wie sie sich in ihren Harnisch zwängte vor seinem geistigen Auge auf. Ich hätte es eigentlich ahnen sollen... Er öffnete den Mund, doch sein Blick blieb wieder an Vanyes Erscheinung heften. Was seine Lippen verließ überraschte nicht nur sie: „...Was auch immer die Sagen berichten, keine Blume aus den himmlischen Gärten Amans könnte dich heute an Schönheit übertreffen.“
Röte schoss in Vanyes Wangen und sie schlug rasch die Augen nieder. Kichernd verbarg sie mit der Hand ihren Mund, um ihre Verlegenheit wenigstens etwas zu verstecken. Morwe schmunzelte seinerseits peinlich berührt.
„Du bist doch ein...“, ein Grinsen verschluckte ihre Worte. Vanyes Finger verhakten sich im Stoff ihres Kleids, doch ihr koketter Blick sprach mehr als tausend Worte.
Mit einem verschmitzten Schmunzeln murmelte sie: „Ich lenke deine Gedanken nur ungern wieder auf andere Dinge, aber.... was ist nun mit unserem kleinen Rotschopf?“
Morwe grinste. „Wie willst du mich ablenken, wenn ausgerechnet du von ‚kleinen Rotschöpfen‘ sprichst?“
Sogleich erntete er dafür eine bohrenden Zeigefinger in seinem Bauch. Vanye zog eine Schnute. „Werd‘ mir ja nicht frech oder ich frage dich doch noch darüber aus, wohin du gestern so plötzlich verschwunden bist!“, drohte sie schelmisch und Morwe schluckte.
„Du sprichst in Rätseln, ich weiß gar nicht, was du meinst.“, er ignorierte seine kribbelnden Wangen und Vanyes hochgezogene Braue. „Was unseren anderen kleinen Rotschopf angeht, mir scheint ... nun... bei aller zwergischen Eigenart, bei ihr war Aule wohl ... besonders ... großzügig... ...Womit ich sagen will, sie hat offenbar ihr ganz eigenes Verständnis davon, wie man zu einer öffentlichen Festlichkeit erscheinen sollte...“
Betretenes Schweigen trat zwischen sie.
„Sie hat sich nicht nett zurechtgemacht?“, Vanye versuchte zu verbergen, dass es sie deutlich mehr amüsierte als es vielleicht sollte. Innerlich verdrehte Morwe die Augen. Aber was konnte er von jemandem, den es ebenfalls erheiterte in den Eingeweiden anderer Leute herumzuschneiden schon erwarten?
„‘Nett‘ lässt viel Spielraum für subjektive Interpretationen...“
Vanye zwinkerte fröhlich. „Ich bin mir sicher, sie hat nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“
Zur Antwort verzog Morwe nur das Gesicht.
„Sei nicht so hart zu ihr! Sie ist gerade erst wieder auf den Beinen und das ist alles noch fremd und neu für sie.“, Vanye gab ihm einen hoffnungsvollen Stupser. „So schlimm wird es schon nicht sein. Sie wird es gewiss mit hervorragendem Betragen wieder wett machen.“
Falls Vanye selbst an ihre Worte glaubte und ihn damit beruhigen wollte, hatte sie exakt das Gegenteil erreicht. Morwe schluckte den Kloß in seiner Kehle mühsam hinunter. „Du hast gut reden. Du bist nicht für sie verantwortlich.“ Vor seinem inneren Auge streiften Szenarien vorbei. „...Und du musst deiner Familie anschließend auch nicht Rede und Antwort stehen, wie du sie als ihr Oberhaupt in der Öffentlichkeit so blamieren konntest!“
Vanye seufzte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. Eine Geste, die sich entsetzlich mit ihrer püppchenhaften Erscheinung biss. „Du musst dich darüber hinwegsetzten! Lass sie doch kommen und Rechenschaft von dir verlangen, du bist ihnen keine schuldig! Du bist das Oberhaupt deiner Sippe, nicht dein Großvater! Und das musst du ihm endlich einmal deutlich machen!“ Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, erstarrten Vanyes Züge, als sie sich bewusst wurde, was sie da gerade gesagt hatte. „...Vergiss das Letzte, ja?“
Morwes Mundwinkel zuckten. „Tun wir so, als hättest du nie etwas gesagt.“
Hinter ihm erklang plötzlich das Geräusch knarzenden Holzes. Sie verstummten augenblicklich. Mit gesengtem Kopf trat Nîn aus dem Haus, ihre Augen huschten flüchtig zwischen ihnen beiden hin und her, um sich dann stattdessen auf den Boden zu heften. Die Zwergin kaute auf ihrer Unterlippe, als wollte sie etwas sagen.
Unwillkürlich wanderten Morwes Brauen nach oben, während er die kleine Gestalt vor sich musterte. Auf dem cremefarbenen Rock waren je nach Lichteinfall feine Ornamente zu sehen, die sich nach oben hin verdichteten. Sie verschwanden jedoch abrupt, verschluckt vom Lederharnisch, den die Zwergin tatsächlich angezogen hatte. Zusammen mit Rínons ehemaliger brauner Jacke, welche für Nîn eher einem Mantel glich. Insgeheim kroch eine gewisse Bewunderung für diesen kleinen Dickschädel in Morwes Herz, der sich weigerte sich völlig den Launen anderer - und seien es Gastgeber - zu überlassen. Und auch wenn es dem Anlass nicht gerecht wurde, zu seiner eigenen Verwunderung konnte er nicht behaupten, dass sie nicht gut gekleidet war.
„Ich...“, murmelte sie endlich, wenn auch ungewöhnlich kleinlaut. „Ich... Wegen meinem Arm... ich bräuchte... Hilfe bei den Schuhen...“
Vanye und Morwe tauschten entgeisterte Blicke.
Während Morwe sich aus einem plötzlichen Impuls heraus hinkniete, um Nîn mit ihren Stiefeln zu helfen, schlug Vanye wieder einen munteren Ton an. „Es ist schön zu sehen, dass du schon wieder Farbe bekommen hast!“, sie erkundigte sich nach Nîns Verletzungen und wie sie sich fühlte, doch Morwe hörte es kaum. Sein Geist war zu verdutzt darüber, was er hier gerade tat. Sie hat sich auch um meinen Knöchel gekümmert, damit sind wir quitt. Aber er war sich bewusst darüber, es war nur eine Ausrede, um irgendeine anständige Begründung zu finden. Ein Teil in ihm betete, niemand mochte ihn jetzt gerade sehen oder ihn vielmehr erkennen und dass seine Familie niemals davon erfuhr. Den anderen wiederum kümmerte all das nicht im Geringsten. Wieso brauche ich einen Grund, um jemandem zu helfen?
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 26 Jan 2014, 14:24

Der so ungewohnt gekleidete Morwe kniete sich ohne zu zögern vor ihr nieder und Nîn schoss augenblicklich die Röte ins Gesicht.
„Es ist schön zu sehen, dass du schon wieder Farbe bekommen hast!“ Vanye lächelte liebevoll, doch dieser Kommentar ließ die Röte selbst bis über Nîns Ohren ansteigen. Da sich Morwes Kopf nun an genau dieser ehemals neutralen Stelle befand, die Nîns Augen fixiert hatten, suchte ihr Blick einen neuen Ort, an dem es nicht möglich war irgendwem in die Augen schauen zu müssen und blieb schließlich an Vanyes Kleid hängen.
Nîn hielt nicht viel von Ornamenten und unpraktischer Kleidung, doch zu ihrer eigenen Verwunderung musste sie sich eingestehen, dass dieses Kleid durchaus zu Vanyes Erscheinung passte und ihr einen gewissen Charme verlieh. Angesichts der unterschiedlichen Stofflagen beschlich sie jedoch der unangenehme Zweifel, ob die Kleidung in dem Paket vielleicht nicht doch dazu gedacht war, übereinander getragen zu werden. „Sieht nett aus...“
Vanye strahlte über beide Ohren und schlug dankbar die Augen nieder. „Du siehst auch gleich vollkommen verändert aus. Aber so zurecht gemacht, kann ich mir ja gar nicht mehr deine Verletzungen anschauen.“
Ein Stich zuckte schmerzhaft durch Nîns Magengegend und für einen Moment hätte sie schwören können, dass Vanye hinter ihrem Rücken ein großes Schlachtermesser versteckt hat, doch sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und ihr stattdessen mit so viel Aufrichtigkeit wie nur möglich in die Augen zu schauen. „Ist alles in Ordnung. Ich merk sie schon gar nicht mehr.“
Die Elbin ließ sich nicht anmerken, ob sie dieser Behauptung Glauben schenkte oder nicht. „Dann geht es dir heute also besser, nachdem du gestern Nachmittag hoffentlich etwas ruhen konntest?“
Ein Kloß setzte sich in Nîns Hals fest. Sie versuchte ihren Stolz gefesselt und geknebelt in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins zu verbannen, doch je mehr Wörter ihre Lippen verließen, desto schwieriger wurde es gleichzeitig, Vanyes Blick stand zu halten, bis sich ihre Augen schließlich an Morwes Hinterkopf kleben blieben. „Ja... Ich war gestern... Es tut mir Leid, dass... ich auf Grund meiner Erschöpfung …. etwas unfreundlich … zu dir … und auch zu...-“ Der Anblick, wie Morwe den letzten Knoten machte und sich mit einem Lächeln erhob, zusammen mit dem Gedanken an den netten Historiker rührte etwas in Nîns Erinnerung.
Ihr war, als hätte sie etwas wichtiges vergessen.
Morwe stand nun lächelnd vor ihr, während sie ihn für den Moment, den ihre Gedanken brauchten, geistesabwesend betrachtete, als wäre er ein Fremder. Gerade wollte er den Mund aufmachen, um etwas zu sagen, als der Groschen bei Nîn fiel. „Oh verdammt! Rínon...“ Ohne ein Wort der Erklärung raffte sie ihren Rock hoch und eilte zurück in die Wohnung und die Treppe nach oben. Am Ende der Treppe angelangt, brauchte sie einen Moment, in dem sie sich nur schmerzhaft Keuchend am Geländer festkrallte. Ihr Körper protestierte mit jeder Pore gegen diese kleine Form von Anstrengung. Offenbar hatten ein paar unwichtige, kleine Schnitte von einem Ork zusammen mit einem eigenen Wohnsitz schon dazu ausgereicht, um sie zu jemandem zu machen, dessen Körper sich nur noch von Sessel zu Sessel fortbewegen wollte. Die Zwergin biss beleidigt die Zähne zusammen und kämpfte sich mit der Handfläche auf die schmerzenden Verbände gepresst weiter bis zu dem Bett ihrer Eltern, wo sie sich neben das fast vergessene Geschenk fallen ließ. Sie betrachtete es eine Weile und zupfte ein paar Ecken zurecht. Es war weniger die Unsicherheit, ob Rínon das Buch mögen würde, die sie lähmte wieder aufzustehen. Mehr rührte die Unsicherheit daher, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, vor dem sie sich seit gestern Mittag insgeheim gefürchtet hatte... auch wenn sie es niemandem eingestanden hatte.
Was würden Elben wie Morwe oder Vanye das auch schon verstehen? Sie lebten hier schon seit Ewigkeiten, waren Teil dieser Gesellschaft, kannten sichre fast jeden und freuten sich sogar ausgelassen mit allen zu feiern. Nîn war hier fremd. Das war nicht ihre Welt. Genauso wenig, war Bree ihre Heimat gewesen, doch dort hatte sie zumindest gelernt, sich durch zu schlagen und hatte sich in den Schatten verstecken können. Hier waren keine Schatten. In Bruchtal schien es ihr, als währen sämtliche Lichtquellen nur auf sie gerichtet, damit sie auffällig funkelte wie ein geschliffener Diamant zwischen Kohlestücken. Ihre Gedanken wanderten zu Eludin und zu dem Gekicher einiger Elben, das auf ihrem Weg durch Bruchtal mehrfach an ihre Ohren gelangt war. Kämpferisch straffte sie ihre Schultern und erhob sich vom Bett. Ihre Hände wanderten über ihren Harnisch und über die vertraute Waffe, die sie versteckt unter ihrer Kleidung noch nie im Stich gelassen hatte. Sie ging zum Spiegel und zog mit einem Lächeln den Umhang zurecht. Mit dem Schutz ihrer Mutter, würde ihr niemand mehr etwas anhaben können. Etwas unsicher bedeckte sie die große Narbe in ihrem Gesicht mit ihren Haaren und strich sie sich auf der anderen Seite hinters Ohr.
'Du Bekâr...'²
Nîn seufzte und griff nach dem Geschenk, bevor sie - diesmal etwas vorsichtiger – die Stufen hinunter in den Wohnbereich schritt, wo Vanye und Morwe bereits auf sie warteten.


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²„Du Bekâr!“ (khuz.) = „Zu den Waffen!“
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 28 Jan 2014, 01:56

Morwes Brauen zogen sich zusammen und er tauschte einen verwirrten Blick mit Vanye, welche nur schmunzelnd die Schultern zuckte. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich jedoch einen Moment später Zweifel ab. Den Mund halb geöffnet trat ein fast schon entrüsteter Ausdruck in ihre Augen.
„Denkst du, wovon ich denke, dass du es tust?“, erkundigte sich Morwe mit einem Grinsen.
„...Mir kam nur gerade eine alberne Idee in den Sinn.“ Vanye schaute ins Leere, aber ihre Finger huschten unruhig über ihr Kleid. „...Er ist ein Tunichtgut, aber... das, was ich gerade denke, würde er nicht tun, oder? Wenn du verstehst, was ich meine...“
Peinlich berührt und doch amüsiert musterte Morwe, wie es auf Vanyes Gesicht arbeitete. „Wer weiß...“, er zuckte seinerseits die Achseln.
Sie schoss ihm einen erbosten Blick zu. „Du sollst mich beruhigen und nicht meine Fantasie zusätzlich beflügeln!“
Morwe lachte.
„Ich meine- Es ist nicht so, dass ich etwas dagegen hätte... Er ist alt genug, um selbst zu entscheiden zu wem er- und überhaupt... nur...“, sie tappte mit einem Fuß nervös hin und her. „...Findest du das nicht etwas rasch?“
Ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen beugte Morwe sich zu Vanye hinab und flüsterte: „Ergehe dich nicht zu sehr in Mutmaßungen.“
„Und wenn er doch die Nacht bei ihr war?“, zischte sie zurück. Ihre Miene zog sich grüblerisch zusammen.
Was auch immer Nîn gerade eingefallen war, es konnte wohl kaum sein, dass Rínon sich noch im Haus befand. Als Morwe gestern Nacht aufgebrochen war, hatte er die Zwergin schlafend auf dem Sofa zurückgelassen. Warum hätte sein Freund sie zu so später Stunde noch besuchen sollen, zumal sie ihn fortgeschickt hatte?
„Gewiss war er es nicht.“
Vanye zeigte sich von seiner Aussage sichtlich unbeeindruckt. „Ach ja? Was macht dich da so sicher?“
„Nur so ein Gefühl.“, Morwe faltete die Hände vor dem Bauch zusammen und schaute sich beiläufig um. Aus den Augenwinkeln sah er, wie das Paar heller Augen ihn wachsam betrachtete. Wärme kitzelte seinen Hals, doch den Valar sei Dank kroch sie nicht höher.
„So so...“, kommentierte Vanye seine Worte schließlich, aber sie fixierte ihn weiterhin forschend.
Glücklicherweise kam Nîn endlich aus dem Haus zurück, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. Sie stieß ohne Begleitung wieder zu ihnen, dafür aber mit einem in Stoff gewickelten Gegenstand unter ihrem Arm. Auf die skeptischen Blicke, die sie empfingen, meinte sie nur: „...Was?“
Bevor Vanye ihrer Neugier Ausdruck verleihen konnte, sprach Morwe an Nîn gewandt: „Wenn du dann soweit bist, lasst uns aufbrechen. Zu den Hallen ist es noch ein Stück und wir wollen schließlich nicht zu spät kommen.“
Verblüffender Weise sah Vanye auf ihrem Weg tatsächlich davon ab Nîn mit Fragen über das Päckchen zu belagern. Ihre Augen musterten es nur hin und wieder mit unverhohlener Neugierde. Die Zwergin nahm dies entweder nicht wahr oder sie zog es vor dies zu ignorieren und sich darüber auszuschweigen.
Während sie der Straße folgten, trafen sie immer häufiger auf Gruppen von Leuten, die ebenfalls unterwegs zu den Hallen waren. Die allgemeine Stimmung war heiter und Gelächter erklang auf allen Pfaden. Dennoch war Morwe sich bewusst, dass ihnen überall, wo sie entlang kamen, neugierige Blicke und hin und wieder auch Getuschel nachsetzten. Eine Schar Kinder unterbrach ihr Spiel in den bunten Blätterhaufen, als sie sie kreuzten. Manche Schaulustige hielten inne, um Nîn hinterherzublicken, andere besaßen wenigstens so viel Anstand heimlich aus den Bäumen herab zu spähen. Morwe hatte inzwischen längst einen Umweg eingeschlagen, damit er der Zwergin so viele Leute wie möglich ersparen konnte. Er schaute nach der auffallend stillen Nîn, die neben ihm den Waldpfad entlangging. Kam es ihm nur so vor oder hielt sie den Kopf gesenkt?
Auch Vanye schien es aufgefallen zu sein, denn sie durchbrach letztlich die Stille zwischen ihnen. „Feiert dein Volk eigentlich auch die Jahreszeiten oder habt ihr ganz andere Feste? Und wie geht es bei euren Feiern zu? Ich habe nur aus Erzählungen anderer gehört, dass es bei zwergischen Feiern wohl sehr ausgelassen zugehen kann.“, versuchte sie in heiterem Tonfall Nîn zu einem Gespräch zu überreden.


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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 18:22

Nîn hielt den Kopf gesenkt und vermied es aufzusehen. Ihre Stimme war ungewohnt tonlos. "Mag sein..."
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 18:35

Morwe konnte ihren Worten nicht entnehmen, ob sie traurig oder wütend war. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Auch Vanye schien einzusehen, dass es kaum Sinn hatte, Nîn ablenken zu wollen und so begnügte sie sich mit der Antwort der Zwergin und sie verfielen wieder in Schweigen.
Während sie den Waldpfad entlang schritten, tauchten in der Ferne allmählich die geschmückten Dächer der Hallen über den Baumwipfeln auf. Verzierte Säulen erschienen zu den Seiten des Weges und an dessen Ende zeichnete sich endlich ein hoher Torbogen ab. Als sie näher kamen, traten zwei Personen hinter ihm hervor. Morwe blieb abrupt stehen. Oh nein...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 19:10

Nîn blendete ihre Umgebung mit aller ihr von Aule gegebenen Macht aus, doch das Gelächter und Gekichere sickerte trotzdem tropfenweise wie brennende Säure in ihren Brustkorb.
Geh auf das Fest!, hatte er gesagt...
Das wird lustig!, hatte er gesagt...
Keiner wird lachen!, hatte er gesagt...!
Als sich sie schlachsigen Spitzohren nach ihr umgedreht hatten, war es ihr schwer gefallen, ihnen keine Bemerkung hinterher zu rufen.
Als die Kinder ihr Spielen unterbrachen, um Nîn anzugaffen, als wäre sie das Monster unter dem Bett, von dem Ammen Nachts immer erzählten, hätte sie gerne das Knacken eines Genicks unter ihren Fingern empfunden, doch es waren immerhin noch 'Kinder', auch wenn sie der Zwergin widernatürlicher Weise kaum von geringer Größe erschienen, als ihrer eigenen.
Doch als einige Spaßvögel sich glucksend von Ästen hinab hängen ließen, sich mit einzelnen Blättern vor dem Gesicht tarnten und dachten, das Rascheln des Laubes würde niemand mitbekommen, war der Gemütszustand der jungen Zwergin bestenfalls mit einem Fass voll hochkonzentrierter Säure zu vergleichen, das versucht wurde mit einer kleinen Kelle voll entsalztem Wasser zu vermischen.
Etwas an ihrer Umgebung veränderte sich, doch alles außerhalb ihres Sichtfeldes, das sich auf den Bereich vor ihren Füßen und ihrer Hand erstreckte, die unter ihrer Jacke verkrampft um den Griff des Messers geklammert war, blieb für die Zwergin von minderwertiger Bedeutung.
Von wichtigerer Bedeutung war jedoch die fremde Hand, die sich wenige Momente später von vorne auf ihren Brustkorb legte und sie so am weitergehen hinderte. Ihr Körper versuchte diese höfliche Geste gekonnt zu übergehen, doch die Kraft die hinter diesem lockeren Griff steckte, duldete keinen Widerstand.
Voller Abscheu fixierte Nîn den weißen Handschuh, der sich mit dem Inhalt, den Nîn liebend gerne in besagtes Säurefass getaucht hätte, bestimmend auf die freie Fläche zwischen den beiden Wölbungen des Lederharnisches und ihrer Kehle gelegt hatte.
Ein Beben ging vor lauter angestrengter Beherrschung durch ihren Körper, als sie mit einem innerlichen Knurren den Kopf zur Seite hob um dem Elb in die Augen zu sehen, der sie am weitergehen hinderte.
Vanye und Morwe hatten ihre Seite verlassen, dafür aber hatte ein anderes Elbenpaar ihren Platz eingenommen. Der männliche Elb, der links von ihr neben einer besonders aufwendig verzierten Säule stand und sie bestimmend zum Anhalten bewegt hatte, lächelte so überspitzt freundlich, dass Nîn sich vornahm, auf ihre nächsten Schritte zu achten, um nicht auf einer dicken Schleimspur auszurutschen.
Jedes Wort, dass sie im Flüsterton zwischen ihren Kiefern hervorpresste, kostete ein zusätzliches Maß an erschöpfter Beherrschung, doch sie hatte immerhin Morwe versprochen, sich zu benehmen. „Fass- ...mich- ...... nicht- ... an- …!“
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 20:04

Konnte nicht einmal etwas glatt gehen, ohne irgendwelche Zwischenfälle? Konnte es nicht einen Tag geben, an dem ihm das Schicksal seinen Frieden ließ? Morwe ertappte sich dabei, wie er zähneknirschend dastand und Nárello beobachtete, der Nîn mit einem aalglatten Lächeln den Weg versperrte. „Fass- ...mich- ...... nicht- ... an- …!“, zischte die Zwergin mit vor unterdrückter Wut bebender Stimme. Oloriel, die neben ihrem Bruder stand, hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte spitz. Ihre Augen funkelten kalt.
Es konnte einfach kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet hier auf diesem ansonsten leeren Pfad auf die beiden trafen, schoss es Morwe durch den Kopf. Woher hatten sie gewusst, sie würden gerade hier vorbeikommen? Hatten die beiden sie bespitzelt? Steckten sie etwa mit Ondollo unter einer Decke? Hatte er seinen Geschwistern von seinem Zusammentreffen mit Morwe erzählt? Nein... Wohl kaum. Aber was wollten die zwei von ihnen? Morwe wusste nicht, wann er den Zwillingen das letzte Mal begegnet war. Er konnte nicht gerade behaupten auf gutem Fuß mit ihnen zu stehen. Immerhin verstand sich Nárello als sein Widersacher, zumal er der älteste Sohn Anwaners war und somit mit Morwe um die Position als Oberhaupt konkurrierte. Vielmehr könnte er es, doch dazu fehlte seiner Sippe im Augenblick die Macht.
„Na, na, wer wird denn gleich zornig werden?“, lächelte sein Vetter Nîn von oben herab spöttisch entgegen. Er trat einen Schritt zurück und deutete eine gekünstelte Verbeugung an. „Verzeiht meine ungebührliche Tat. Ich wollte lediglich verhindern, dass Ihr uns überseht. ...So etwas passiert wohl leicht, wenn man mit seinem Kopf nur einen Spalt breit über den Erdboden ragt.“
Morwes Hände schlossen sich zu Fäusten. Obwohl es nur ein Flüstern war, hörte er auch noch, wie Oloriel im Dialekt ihrer Familie ihrem Bruder zuzischte: „Bleib nicht so nah bei ihr stehen, sonst stinkst du noch nach Zwerg...“ Sie lächelte kühl.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 20:45

Die Wut hatte sich in ihrem Kopf bis ins Unermessliche gesteigert, bis sie urplötzlich verschwand. Sie verschwand nicht wirklich. Sie war weiterhin noch da. Doch die junge Zwergin hatte einen dieser gefährlichen Punkte erreicht, wo die selben Gefühle, die zuvor noch Qualen ausgelöst hatten, plötzlich begannen sie zu belustigen.
Der Elb vor ihr verharrte in seiner gekünstelten Verbeugung, während das Kichern neben ihr wie schrille Glöckchen in ihren Ohren wieder klang. Sie lächelte. Es war weniger der schmierige Gesichtsverzug, wie der vor ihr, sondern wirklich aufrichtig und ehrlich. Dieses Exemplar der Elbenbrut schien offensichtlich so viel Anstand und Höflichkeit wie die Fäkalien eines Büffels zu besitzen.
Ihr abendlicher Lehrmeister hatte mehrfach in den späten Stunden betont, wie wichtig es sei, seinem Gegenüber immer mit der gleichen Etikette zu begegnen, wie er einem selbst entgegen bringt.
Der blonde Schönling mit den Manieren einer Bettwanze, würde ihr sicherlich noch den Tag versüßen. Nîn entspannte ihre Hände, beugte sich in angedeuteter Verbeugung ein Stück weit zu ihm vor und sprach mit recht affektierter und überraschend femininer Stimme: „Euch sei, was Ihr gewünscht habt, mein Herr: Meine Verzeihung ist Euch gewiss.
Seht, ich habe zu sehr darauf geachtet, die Stiefel von Meister Elrond nicht mit Schleim und Unrat zu besudeln, dass ihr gut daran getan habt, mich zum aufschauen zu bewegen.“ Nîn machte einen entrüsteten Gesichtsausdruck. „Nachher hätte ich die zwei größten Ansammlung Exkremente direkt vor mir noch vollkommen übersehen.“
Das Lächeln verschwand wie von Zauberhand von dem Gesicht des blonden Elben vor ihr, doch bevor er reagieren konnte, hatte sie mit der einen Hand schon nach seinem Krage gegriffen, um sein Gesicht näher an das ihre heran zu ziehen. „Drum lasst mich mit aller ehrbarer Verbundenheit sagen:“, Nîn strich dem Elben, der offenbar Probleme mit ihrer plötzlich unmittelbaren Nähe hatte, mit der freien Hand durchs Haar und über die Wange, während sie zwar weiter lächelte, aber ihre Stimme etwas boshaftes und kaltes annahm. „Ishkhaqwi ai durugnul!²“ Sie ließ ihn los. Ihre Stimme war wieder zu einem Flüstern gedämpft und ein bösartiger Glanz funkelte in ihren lächelnden Augen. „Und jetzt... lass mich durch!“
Dieser Satz war keine Aufforderung.
Er war eine Entscheidung.

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²"Ishkhaqwi ai durugnul!" (khuz.) = "Ich spucke auf dein Grab!"
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 21:37

Nárello stolperte zur Seite. Den Ton seines Gesichts noch als Farbe zu bezeichnen, würde entweder an beginnende Debilität oder einfach an Blindheit grenzen. Selbst das Weiß seiner weit aufgerissenen im Schock erstarrten Augen hätte seine Haut gesünder aussehen lassen, als diese aschfahle totenbleiche Tönung. Seine Hände krallten sich an der Säule fest, um sich davon abzuhalten zu Boden zu sacken. Für einen Augenblick hätte Morwe schwören können, sein Vetter sei kurz davor sich zu übergeben.
Nicht minder verstört ging Oloriels hektischer Blick zwischen ihrem Bruder und Nîn hin und her. Seine Kusine wankte einen Schritt nach hinten, sie starrte die Zwergin an, als hätte sie eine ansteckende tödliche Krankheit oder als sei sie ein tollwütiges Tier, das sie gleich anzufallen drohte.
Morwe hielt die Luft an. Das Kribbeln in seinem Bauch wollte jedoch nicht aufhören anzuschwellen. Bevor die Klarheit seiner Gedanken versagte, stupste er Vanye an und trat rasch an Nîns Seite. Er legte der Zwergin die Hand zwischen die Schultern, um sie mit sanfter Gewalt durch den Torbogen zu schieben, ehe Nárello sich von seinem Nahtoderlebnis erholen konnte. Nîn sah kurz auf, folgte dann aber mit einem zufriedenen Lächeln seinem Wink. Als sie die Säulen passierten, warf Morwe noch einen Blick über seine Schulter. Seine und Nárellos Augen kreuzten sich. Lodernder blanker Hass sprühte aus dem eisigen Blau, das im starken Kontrast zu den blutroten Äderchen stand, die das Weiß überwuchert hatten. In einem Anflug überschäumender Heiterkeit nickte Morwe seinem Vetter fröhlich zu und schenkte ihm ein breites Grinsen, bevor sie hinter dem Torbogen verschwanden.
Erstaunlicherweise flog ihnen kein Dolch hinterher, noch löste sich ein Stein aus den Felswucherungen heraus, die sie hinter sich ließen. Die Welt war  auf einmal so farbenfroh. Erst als der Weg eine Biegung machte und sie ungesehen waren, ließ Morwe seinen Gefühlen freien lauf und brach in schallendes Gelächter aus.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mi 29 Jan 2014, 22:03

Nîn straffte die Schultern und folgte guter Dinge dem Lauf der Biegung. Sie hätte alles in der Welt dafür gegeben, sich noch einmal umdrehen zu können, doch das hätte die Wirkung des Augenblicks vollständig in Luft aufgelöst. Kaum waren sie vor der Sicht der beiden Elben geschützt, drehte sie sich mit einer Frage auf der Zunge zu ihrem Begleiter um, als dieser neben ihr in schallendes Gelächter ausbrach.
Er hielt sich mit Tränen in den Augen den Bauch und hatte sichtlich Mühe, ihre Schrittgeschwindigkeit zu halten, doch seine Freudensausbrüche wurden jäh gedämpft, als Vanye mit einem Kopf zu rot wie ihr Haar ihnen beiden nacheinander einen Klaps auf den Hinterkopf versetzte. Morwe prustete noch, während Nîn sich vollkommen empört zu der Heilerin umwandte, mit einem Blick, der Bände sprach.
Sie zischte die Zwergin nur an, ehe sie entrüstet den Mund aufmachen konnte und bevor sie Morwes Ohr zu sich hinunter zog. „Sscht, jetzt! Kein Wort mehr!“ Was auch immer Vanye vorwurfsvoll in Morwes Ohr raunte, es wurde verschluckt von einem Ruf, der mit gebrochener Stimme aus Richtung der Säulen zu ihnen hinüber hallte. Die Silben waren klar und deutlich, doch wie auch zuvor verstand die Zwergin trotz ihres Wissens um die Elbensprache kein einziges Wort. Sie erkannte nur aus dem Tonfall heraus, dass es sicherlich nicht um eine Einladung zum Tee ging. Doch obwohl Vanye mit ihrer Gesichtsfarbe noch immer Morwe Konkurrenz machte, der verzweifelt nach jener Contenance rang, die der Eigentümer der erklungenen Stimme endgültig verloren zu haben schien, erkannte Nîn, wie auch sie sich ein leichtes Kräuseln ihrer Lippen nicht verkneifen konnte.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 01 Feb 2014, 14:00

„Das war unverantwortlich von dir, sie so ins offene Messer laufen zu lassen! Du musst das wieder-!“, schimpfte ihm Vanye ins Ohr, doch der Rest ihrer Worte ging in Nárellos Rufen unter, der vollkommen die Fassung verloren zu haben schien.
„Du tätest besser daran, wenn du ihr heute nicht von der Seite weichst!! Ich werde diese abstoßende Kreatur den Tag noch verfluchen lassen, an dem ihre missratene Mutter sie auf diese Welt gespien hat!!“
Sein Vetter war trotz seines soeben erlittenen Traumas noch so geistesgegenwärtig gewesen im Dialekt ihrer Familie zu sprechen, sodass Morwe keinerlei Zeugen für diese Drohung hatte.
Er verdrehte nur die Augen und erwiderte in gleicher Sprache: „Pass auf, dass du dabei nicht über deine eigenen Füße stolperst!“
Neben ihm warf ihm Vanye einen alarmierten Blick zu. „Was hat er gesagt?“
„Es war ihm eine unvergessliche Freude mit Nîn Bekanntschaft zu machen.“, Morwe schmunzelte in Richtung der Zwergin, die etwas verwirrt dreinschaute, und machte sich daran weiterzugehen.
Vanyes Tonfall ließ keinen Zweifel bestehen, wie sehr sie seiner Antwort Glauben schenkte. In Sindarin zischte sie ihm zu: „Es klang mehr nach einer Drohung! Was hat er gesagt!?“
„Dass wir für die Reinigung seiner Kleider bezahlen werden, weil er sich nass gemacht hat .“
„Morwe!“
Er zuckte nur unschuldig mit den Schultern, doch das Geräusch wehenden Stoffes hinter ihm verriet, dass Vanye es offenbar nicht dabei belassen wollte. Hastig sprintete Morwe um den nächsten Baum, um ein Hindernis zwischen sie beide zu bringen. Er grinste seiner Verfolgerin herausfordernd entgegen. Vanye zögerte nicht im nachzusetzen, aber er war zu schnell für sie. Ehe sie ihm wieder auf den Weg folgen konnte, blieb er hinter Nîn stehen und hob beschwichtigend die Hände.
„Sollten wir nicht lieber zusehen rechtzeitig zu kommen?“



Elben, ey... albernes Volk  O.o  Narr 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 01 Feb 2014, 16:34

Nîn biss sich fast durch die Unterlippe, um nicht laut loszulachen, doch scheinbar zogen Vanye und Morwe keineswegs die Möglichkeit in Betracht, dass die Zwergin jedes ihrer Worte verstehen konnte. Bei diesem Glauben sollte sie es wohl für's erste belassen.
Zu ihrer Erleichterung waren Morwe und Vanye noch viel zu sehr mit ihren neckischen Spielchen beschäftigt, als dass sie der Zwergin Beachtung schenkten, sodass sie genug Zeit hatte um wieder eine ernste Miene aufzusetzen. Ihr verbliebenes Lächeln schwand, als der so vornehm gekleidete Elb sie plötzlich als Teil seiner Kindereien einbezog und sich direkt hinter sie stellte, um sich so vor Vanye zu schützen. Die Zwergin rollte mit den Augen.
„Sollten wir nicht lieber zusehen rechtzeitig zu kommen?“ Morwe kicherte.
Die Elbin vor ihnen verzog die Lippen und warf den Kopf in den Nacken. „Allerdings, das sollten wir, bevor du nachher noch jammerst, dass du keine Puste mehr hättest.“ Mit den Händen in die Hüften gestemmt drehte sie ihnen den Rücken zu und ging weiter den Weg entlang.
Entnervt und eine Spur beleidigt atmete die Zwergin aus und senkte ihre Stimme, bevor sie Vanye folgte, sodass nur Morwe sie noch hören konnte. „Ich versprech' dir, ich fall' nie wieder auf deinen Gejammer herein.“ Ohne sich umzudrehen verlagerte sie ihr Gewicht beim ersten Schritt so, dass der etwa daumengroße Stein unter ihrer Fußspitze nach hinten weggeschleudert wurde und den dicht bei ihr stehenden Elb an seinem angeblich vor kurzem noch stark verletzten Fußknöchel traf.
Es verschaffte ihr nicht viel Genugtuung, aber zumindest etwas ...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 01 Feb 2014, 22:52

Morwe schluckte den Fluch, der ihm auf der Zunge lag, hinunter und ließ der Zwergin ihren kleinen Triumph. Missmutig rieb er sich den Fuß. Er runzelte die Stirn. "Ich wüsste im übrigen nicht, dass ich 'gejammert' hätte. Wenn überhaupt habe ich lediglich mein Missfallen laut Kund getan.", brummte Morwe und holte zu der Zwergin auf, die als Antwort nur eine Braue hob. Ihr Blick sprach Bände.
Entgegen seines Stolzes, der in ihm aufbegehrte, ließ er die Sache damit auf sich beruhen. Wenn sie einen guten ersten Eindruck hinterlassen wollten, war es nicht die beste Idee lauthals streitend und diskutierend auf dem Fest zu erscheinen.
Der Pfad mündete schließlich hinter einer Biegung auf einem breiten gepflasterten Weg, wo sich etliche Trauben von Leuten angesammelt hatten. Die meisten waren in Farben des Herbstes gekleidet, in langen Roben, prächtigen Gewändern und Röcken und manche mit wehenden Umhängen. Nicht wenige hatten ihr Haar mit Stirnreifen und Spangen oder gar Blättern geschmückt. Zarte Harfenmusik erklang über dem allseitigen Lachen und Raunen.
Bevor sie sich dem hohen spitz zulaufenden und mit Girlanden verzierten Torbogen zuwenden konnten, hinter dem die Hallen lagen, rief jemand aus der Menge seinen Namen.
"Morwe! So wartet einen Augenblick!" Es war Lindirs Stimme.
Kaum einen Moment später schälte sich eine hochgewachsene eher schlicht gewandete Gestalt zwischen den Leuten hervor. Obwohl seine Augen Müdigkeit verrieten, setzte er ein Lächeln auf und begrüßte sie alle drei nacheinander freundlich. "Mein Herr Elrond hat mich geschickt nach euch Ausschau zu halten, um euch zu euren Plätzen an der Tafel zu bringen.", er machte eine Verbeugung in Nîns Richtung. "Ihr werdet als unser Ehrengast am Tisch meines Herrn speisen. Ich bitte euch daher, mir nun zu folgen."
Morwe entging nicht, dass Lindir mit ihm noch immer einen länger andauernden Blickkontakt mied. Vielleicht sollte ich ihn doch um Verzeihung bitten...
Während sie ihm einen schmalen Umgang an den Hallen entlang nachgingen, der nicht so stark überlaufen war, erkundigte sich Vanye bezüglich Lindirs Wohlbefinden.
"Das Fest hat noch nicht einmal begonnen und Ihr seht reichlich erschöpft aus, wenn ich das als Heilerin fern von neugierigen Ohren feststellen darf."
Lindir lachte peinlich berührt. "Der gestrige Sturm hat uns die Nacht über in Atem gehalten. Erst in den frühen Morgenstunden konnten wir uns überhaupt erst daran machen zu schmücken. Selbst Herrn Elronds Söhne wollten es sich nicht nehmen lassen uns dabei mit Rat und Tat zur Hand zur gehen, aber wie ihr sehen könnt, sind wir rechtzeitig fertig geworden. Der Herbst hat uns dieses Jahr ungestüm begrüßt.", er senkte die Stimme zu einem Flüstern, damit Vanye, die etwas hinter ihnen ging, es nicht hören konnte. "Leider war das Unwetter nicht das einzige, was uns diese Nacht wach gehalten hat. Einige der Euren haben meinem Herrn Sorgen bereitet und weigern sich ihn heute mit ihrer Anwesenheit zu ehren. Ihr versteht sicher, wo das Problem liegt."
"Die alte Leier schon wieder...", seufzte Morwe. "Es beschämt mich, dies zu hören. Aber es sind doch wohl keine meiner aus meiner Familie?"
"Nein, nein, niemand aus Eurer direkten Linie. Sie werden alle da sein."
Morwe war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Er wollte noch etwas fragen, doch der neugierige Ausdruck auf Nîns Gesicht irritierte ihn, zumal Lindir in der Sprache ihres Volkes gesprochen hatte. Stirnrunzelnd wandte Morwe sich wieder dem Weg zu.

Ich fühl mich gerade so einfallslos was die Hallen angeht und wie es da aussieht ^^" das schieb ich jetzt einfach mal ganz faul Nîns Augen zu. ...wobei zwischen ihrem und Morwes Eindruck sicher mal wieder Welten liegen x)
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 02 Feb 2014, 00:04

Das Lächeln auf Nîns Gesicht hatte ein leicht krampfhaftes Ausmaß angenommen, als ihr von dem schlicht gekleideten Elb, der sich ihr äußerst freundlich als 'Lindir' vorgestellt hatte, mitgeteilt wurde, dass sie heute einen Ehrenplatz erhalten würde.
Unauffällig versuchte sie stets in schnell überwindbarer Reichweite zu Blumenkübeln zu bleiben, die bei einer Spontanentleerung ihres Magens hilfreich sein könnten, doch Vanye schob sie immer wieder mit ihrer persönlichen Art sanfter Gewalt vorwärts, während die Elben um sie herum in muntere Gespräche verwickelt waren.
Es viel Nîn schwer sich auf Wörter zu konzentrieren. Sprachen waren ein Talent von ihr, doch das Stimmengewirr hoch über ihren Köpfen wirkte auf sie wie ein einzig tosender Vulkan aus geraunten Lauten und schrillem Gekicher. Der Kopf schwirrte ihr vor lauter Beine und wehenden Umhängen und ehe sie sich versah, hatte sie sich aus reinem Überlebensinstinkt zwischen Morwe und seinen Begleiter gehangen. Es gab ihr einen gewissen Halt sich nur auf ein Gespräch und zwei paar Beine zu konzentrieren, besonders da eines davon ihr mittlerweile wohl vertraut war.
Panik machte sich in ihr breit. Wenn die Elben der Auffassung waren, dass sie Sindarin nicht verstand, und sie auf einen separaten Platz setzten würden, wie an einen Pranger, während sie alle fremde Wörter tuschelten, würde Elrond ihr dann Ketten anlegen, damit sie nicht weglief?
Sie würgte angestrengt den Kloß in ihrem Hals herunter und versuchte in tiefen Atemzügen Luft in ihre Lungen zu befördern, um sich zu beruhigen, doch je schneller sie atmete, desto weniger schien dieser Plan von nutzen zu sein.
Einige Wortfragmente, die sich in dem Gespräch wiederholten fingen schlussendlich ihre Aufmerksamkeit ein und banden sie an sich fest. Es ging um Morwes Familie.
Die Zwergin stutzte. Nie hatte sie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass Morwe wohl hier mit seiner Sippe leben würde, wie es oft üblich war. Er hatte Eludin als seinen Bruder bezeichnet, aber Nîns Gedanken begannen zu fantasieren, welch ein Stammbaum sich bei Generationen, die über tausende von Jahre gingen, wohl bilden musste. Hatte Morwe womöglich schon Kinder? Er wäre recht unreif für einen Vater, doch zu ihrer eigenen Belustigung entsann Nîn sich wieder seiner verbotenen Leidenschaft für den Herrn Elrond und seine Unterwäsche. Allein körperlich sollte es bei so einer Form von Liebe wohl unmöglich sein, Kinder in die Welt zu setzen... Doch wenn Elben auf ewig so kindisch blieben, würden sie sicher auch noch als ausgewachsene Persönlichkeiten wie kleine Kinder gegen ihre Eltern rebellieren. Demnach wäre es wohl interessant, Morwes Ahnen zu begegnen. Sicher wären sie charmant und wortgewandt. Ganz anders als Morwe und vielleicht hatte er sogar schrullige Großeltern, die wie die alten Damen in Bree gerne Bilder aus Kindheitstagen oder Haarbüschel ihrer Katzen vorzeigten. Nîn bemerkte, wie Morwe zu ihr hinunter schaute, während sie ihn neugierig musterte.
Wenn Eludins Zwergenhass und Morwes 'individuellere Eigenschaften' zu den Dingen zählten, die die beiden Geschwister aus Protest gegen ihre Vorfahren entwickelt hatten, vermochte diese Begegnung doch eine sehr erfreuliche und lustige zu werden, auf die Nîn sich durchaus begann zu freuen. Doch obwohl sie sich versuchte, nichts anmerken zu lassen, konnte sie sich ein Grinsen doch nicht verkneifen, während sie Morwes Blick auswich und ihre Augen wieder ziellos über die unzähligen Stoffbahnen wandern ließ, die auf ihrer Augenhöhe herumflatterten. Die Elben zu ihren Seiten führten sie einige Stufen nach oben und mit einem Mal atmete die Zwergin wieder frische Luft. Töne von gezupften Saiten drangen durch das plötzlich abgeschwächte Getöse an ihre Ohren und Bewegungsfreiheit beflügelte ihr kleines Herz. Doch vor allem frohlockte es durch den wundervollen Anblick von mit Blätterteig ummantelten Käsehäppchen, sowie Amphoren mit süßlich roten Flüssigkeiten. Ihre Füße blieben stehen, ohne, dass es jemand um sie herum ebenfalls tat. Wie die wehenden Umhänge aus ihrem Blickfeld verschwanden, war zweitrangig, wichtiger war etwas, was ihr Magen ihr mit großem, knurrenden Beifall auftrug.
Doch noch beherrschte sie sich.
Durfte sie sich einfach so etwas zu essen nehmen? Sie hatte Morwe ganz vergessen danach zu fragen, wo sie später bezahlen müsste und welcher Tisch, denn überhaupt mit Speisen gedeckt war, der für sie gedacht war und jetzt war es wohl zu spät. Hypnotisch starrte sie die silberne Platte mit dem Obst an, dass jemand mit aufwendigen Schnitzereien verziert hatte. Vollkommen unnötiger Weise, wie Nîn fand. Ihren Bauch würde das Aussehen der Speisen wohl kaum interessieren.

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 02 Feb 2014, 11:24

Der Eingangsbereich war reichlich überfüllt. Hier, wo keine festen Plätze an den Tischen vergeben wurden und es jedem zustand sich frei und ungehemmt dorthin zu setzten, wie es ihm passte, gingen die Leute lockeren Gesprächen nach oder suchten einander, bis sie zu ihren vorgesehenen Sitzen am Bankett gingen. Erste Appetithappen wurden serviert und es war ein einziges Getümmel. Entsprechend froh war Morwe, als er endlich mit Lindir das prunkvolle Treppenhaus erreichte, wo der Strom aus Gästen wenigstens in geregelten Bahnen floss. Sie erklommen die Treppen in eines der höheren Geschosse. Dichte Netze und Girlanden aus Blumen und Blättern neigten sich über den Torbögen. Wie lebende Ranken wanden sie sich um Säulen, an den Stützbögen des ausladenden Gewölbes entlang und bis zur hohen Decke hinauf. Durch die langgezogenen mächtigen Fenster fiel warme Herbstsonne und tauchte alles in ein angenehmes gedämpftes Licht. Die Türen zu den Balkons waren weit geöffnet. In gleicher Manier wie innen, waren draußen die Tische zu einem Muster angeordnet. Ein ovaler mit Lücken versehener äußerer Ring, in dem viele einzelne Tischgruppen Platz hatten. Duzende Diener mit schimmernden Platten und glänzenden Weinphiolen huschten umher.
Als Morwe am hintersten Ende der Außentafel Elrond erblickte, dessen Tischreihe etwas erhöht lag, wollte er sich an Nîn wenden, doch- von der Zwergin fehlte jede Spur!
Hastig schaute er sich um. Wo war sie? Auch Vanye war nicht mehr bei ihnen, wobei dies nichts hieß. Sie würde dem Bankett in einer anderen Halle beiwohnen. Aber was war dann der rote Schimmer, den er aus den Augenwinkeln stets für den Kopf der Zwergin gehalten hatte? Offenbar hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt.
"Lindir..."
Sein Begleiter war ebenfalls soeben aufgegangen, dass etwas oder vielmehr jemand wichtiges fehlte. "Ich hätte schwören können, sie sei soeben noch bei uns gewesen...", murmelte er und schluckte.
Morwe rieb sich die Stirn. Unmöglich, dass dies schon zu Nárellos Racheplan gehörte. So schnell war selbst ihr Großvater nicht bei solchen Dingen. Aber wo war Nîn dann?
"Wir müssen sie suchen. Und zwar rasch, bevor sie Zeit findet sich hier zu verlaufen.", wies Morwe Lindir an. Denk wie ein Zwerg! Wo könnte sie sein? Schnell stellte er fest, ihm mangelte es an Imaginationskraft, was den zwergischen Blick auf diese Welt betraf. "Wir treffen uns wieder hier am Eingang in ...sagen wir etwa 15 Minuten. Und fragt niemanden nach ihr. Es muss ja nicht gleich jeder wissen, dass sie uns abhanden gekommen ist."
Lindir nickte und sie teilten sich auf. Morwe wandte sich dem Eingangsbereich zu, sein Begleiter dem Treppenhaus.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 02 Feb 2014, 13:03

Ihr Magen hatte die Oberhand gewonnen. Wohlige Schauder kribbelten durch ihre Kehle, als sich die warme Füllung der Pasteten vom Nachbartisch in ihren Rachen ergoss. Sie probierte sich quer durch die Servierplatten, wobei die 'Häppchen' die dort angerichtet waren, wohl kaum mehr waren als nur ein kleines, kaum sättigendes Häppchen. Die wirklich appetitlich anmutenden Platten befanden sich allerdings in einer für die Zwergin recht ungünstigen Höhe. Anfangs hatte Nîn diesen Missstand noch toleriert, doch nachdem die unteren Anrichten nicht mehr allzu viel hergaben, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um an die orangenen Früchte zu gelangen, die der Größe ihrer Faust gleich kamen. Sie spürte es mehr, als dass sie es hörte, doch eine der Platten nahe am Rand, an der die Zwergin sich abgestützt hatte, schien diese Umfunktionierung nicht im mindesten zu gefallen. Noch während sie kippte, versuchte die Zwergin größeres Unheil zu vermeiden, doch während sie zumindest verhindern konnte, dass die Platte scheppernd zu Boden glitt, kullerten die darauf appetitlich angerichteten Früchte in alle Richtungen davon. Hastig kniete sie sich hin, um das Missgeschick zu beseitigen, als eine Stimme mit einem Tonfall, als wäre jemand mit dem Schrubben von Latrinen beauftragt worden, Nîns linkes Ohr alarmiert zucken ließ. „... Natürlich bin ich mir sicher, ich würde es merken, wenn mich jemand anlügt, Calatar!“ Eine zweite Stimme löste sich aus dem allgemeinen Trubel heraus, die Nîn schlagartig den Geruch von muffigen Vorhängen wieder in die Nase trieb. „Ich mein ja nur, dass ich es merkwürdig finde, dass ausgerechnet er angeblich den Auftrag bekommen hätte sich um diesen Gnom zu kümmern. Wenn Elrond denkt, jemand wie dieses Ding hätte eine ehrbare Behandlung verdient, hätte er trotz aller Höflichkeit auch einfach jemanden wie Lindir abkommandieren können.“ Der Elb mit der angeekelten Stimme schnaubte verächtlich. „Ich denke nicht, dass das etwas mit Höflichkeit zu tun hat. Elrond ist immerhin nicht auf den Kopf gefallen, er wollte sicher nur Vorkehrungen dafür treffen, dass sie keinen Unsinn anstellt. ...wobei es mir dann trotz allem noch schleierhaft ist, warum er dafür jemanden wie Morwe arrangiert.“ Calatar gluckste amüsiert. „Du bist doch nur beleidigt, weil er dich schon so lange an der Nase herum führt, Lómion!“ Nîn versuchte mit der hastigsten Ruhe, die ihr Möglich war, die Obststückchen auf der Platte in ihren Händen aufzutürmen, ohne, dass sie sich dabei erhob. Doch die Stimmen kamen näher und bald müsste sie sich nicht einmal erheben, damit die beiden Spitzel sie entdeckten. Die Zwergin schluckte. Lómions Stimme war mit einem Mal ganz nah und sie hörte wie sich jemand auf der anderen Seite der Tafel eine der faustgroßen Früchte von der Anrichte nahm. „Das hättest du wohl gerne, Calatar! Fakt ist: Er wird mit Sicherheit auf diesem Fest hier auftauchen und zwar in Begleitung unseres Gastes. Möge auch er sich noch so gut verstecken können, aber vor einem Jäger wie mir, wird sich ein dahergelaufenes Zwergenweib wohl kaum verbergen können. Finden wir also den Erdpickel, finden wir Morwe und wenn wir ihn erst einmal haben, wird er uns mit Sicherheit nicht wieder entwischen.“ Nîn hörte, wie der Klang von Lómions Stimme sich veränderte, als hätte er ihr den Rücken zugewandt, während er seinem Kameraden zeigte, wo sie sich am ehesten positionieren sollten.
Die Zwergin hatte nur diese eine Chance. Sie hob das Tablett in ihrer Hand auf die Schulter, sodass die Obstberge ihr Gesicht verdeckten, stand unauffällig auf und verschwand schnurstracks in der Menge. Sie schlug ein paar Hacken und stellte das Tablett schließlich an einem Tisch weit abseits des Ortes, wo sie die beiden Elben gehört hatte, auf eine Anrichte. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, als sie die langen, schwarzen Haare und die dunkelblaue Robe ihres Begleiters nicht weit von sich entfernt erspähte. Endlich schien ihr das Schicksal mal wohlgesonnen zu sein und hatte ihre Schritte gleich an den richtigen Ort gelenkt. Sie räusperte sich kurz und strich ihre Haare zurecht, bevor sie dann gemütlich an Morwes Seite schlenderte. Sie hatte nicht vor, ihn wissen zu lassen, dass es reines Glück war, ihn hier wieder zu finden. Er stand alleine und unbeweglich da, als würde er etwas beobachten. Sein Blick war so ernst und konzentriert auf eine Gruppe Elben einige Meter von ihm entfernt gerichtet, dass er nicht einmal bemerkte, wie Nîn sich ganz selbstverständlich neben ihm positionierte und mit beobachtete.
Das Gespräch schien im Gegensatz zu den ansonsten so ausgelassenen Unterhaltungen von ernster und geschäftlicher Natur zu sein, doch Nîn verstand kein Wort von den gezischen, genuschelten und mit undeutlichem Dialekt gesprochenen Sätzen, sodass ihr schnell der Spaß daran verging. Morwe schien sie noch immer nicht bemerkt zu haben, was die Stimmung der Zwergin langsam aber sicher leicht trübte. Doch sie widerstand dem Drang sich mit einem gezielten Ellbogenhieb Gehör zu verschaffen und versuchte es diesmal mit einer subtileren Form des Rippenstoßes. „Und? Hast du mich schon vermisst?“ Morwe strich sich mit einem Finger eine Haarsträhne hinters Ohr und drehte seinen Kopf wie in Zeitlupe zu dem Ursprung von Nîns Worten. Sein Blick hatte etwas sehr befremdliches an sich, doch Nîn versuchte weiterhin ihre Augen auf die Gruppe von Elben gerichtet zu halten und Morwe keines Blickes zu würdigen. Sie seufzte, als keine Antwort von ihm kam und verschränkte provokant die Arme vor der Brust. „Erinnerst du dich noch daran, wie du mich so liebevoll in deinen Armen gehalten hast, dort, wo uns niemand sehen konnte?“ Der Elb starrte sie weiterhin nur an, doch Morwe zeigte ansonsten noch immer keine Reaktion. Sie drehte sich zu ihm um und sah wie einer seiner buschigen, schwarzen Augenbrauen begann in seinem Haaransatz zu verschwinden. Nîn grinste ihn frech von unten hinauf an. „Jetzt tu nicht so...! Unser kleines schmutziges Spielchen mit der Schnecke, diese beiden Blindschleichen, die uns da so nahe gekommen sind, dieser schmierige Lómion und Cala-“ Sie hatte ihm neckisch mit dem linken Unterarm gegen den Bauch gestoßen, doch anstatt, dass er dadurch wieder etwas lockerer wurde, packte er mit zusammengekniffenen Augen nach ihrem Arm und trat ein Stück weit an sie heran, damit sein Umhang den Griff verdeckte, mit dem er ihr Handgelenk wie ein Schraubstock umschloss. Das Lächeln verschwand schlagartig von ihrem Gesicht und stattdessen bemühte sie sich, Tränen zurück zu halten. Sie hätte Morwe am liebsten angeschrien, da er doch um ihre Verletzungen wusste und mittlerweile auch wissen sollte, dass sie ihn nur ärgern wollte, doch aus ihren vor Schmerz zusammengepressten Kiefern, konnte sie nicht einmal mehr ein Wimmern hervor pressen.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 02 Feb 2014, 14:53

Elûdin fühlte das Zittern in der kleinen Hand. Gestochen scharf tauchte die Erinnerung an die Zwergin, wie er sie vor knapp zwei Tagen zu seinem Herrn geführt hatte, vor seinem inneren Auge auf und er entsann sich, sie mit einem Verband um den Arm gesehen zu haben. Er löste seinen Griff, ließ sie aber nicht ganz los. Mit zusammengekniffenen Brauen musterte er das Geschöpf vor seinen Beinen, das ihn empört und verwirrt anstarrte.
Während seine Augen die Narbe auf dem Gesicht der Zwergin fixierten, fragte er sich, ob solch eine Verletzung ausreichte, um jemanden debil werden zu lassen. Aber nein, dafür war sie von zu oberflächlicher Natur. Aber vielleicht hatte der vorlaute Knirps schon genug Kopftreffer in seinem kurzen Leben einstecken müssen, um sich bereits vorher als nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu qualifizieren. Eine weitere Möglichkeit war, dass dieses Wechselbalg in irgendwelchen eigenartigen zwergischen Formulierungen sprach, die in der gemeinen Sprache keinen Sinn ergaben.
Die Zwergin öffnete den Mund, doch in diesem Moment breitete sich Lärm zu Elûdins Rechten aus und seine Aufmerksamkeit huschte wieder zu der versammelten Gesellschaft hinüber.
„Lassen wir es vorerst dabei bewenden.“, säuselte Heledh mit seiner brüchigen Stimme. Es bedurfte seiner beiden Enkel, um ihm aufzuhelfen. Der Krieg hatte ihm zu seiner Zeit zugesetzt. Sein Sohn Herdir flüsterte ihm etwas ins Ohr, doch er winkte ab. Der alte Patriarch scheuchte seine Zuhörer fort und machte sich dann mit seine verbliebenen Begleitern auf seinen Stock gestützt auf in Richtung Treppenhaus. Allein Thangannas blieb hinter ihnen zurück, um sich nach Elûdin umzuwenden. Sein knabenhaftes Gesicht nahm einen spöttischen Ausdruck an.
„Was ist das, Armírëion?“, er ruckte mit dem Kopf zu der Zwergin hinab. „Dein Haustier oder deine Anstandsdame?“
Elûdin beherrschte sich seinen Griff nicht wieder zu versteifen und entgegnete kühl: „Solltest du nicht an der Brust deiner Amme saugen?“
Versteckt von seinem Umhang machte Thangannas eine obszöne Geste und wandte sich ab. Elûdin ließ ihn nicht aus den Augen, bis er mit den anderen verschwunden war. Dass sie ihre Pläne und Ränke hier unter den Blicken seiner Sippe schmiedeten, grenzte schon beinahe an eine Kriegserklärung.
Grimmig wandte Elûdin seine Aufmerksamkeit zurück zu dem ungeduldigen Geschöpf neben sich. Er wollte ihr eigentlich sagen, dass er keine Zeit hatte für ihre Albernheiten oder ihr kryptisches Gestammel, als ihm der letzte Teil ihrer Worte wieder in den Sinn kam. Sie hatte zwei Blindschleichen erwähnt... In Elûdins Kopf fügte sich die ganze skurrile Situation plötzlich zu einem glasklaren Bild zusammen. Er schmunzelte.
„Erzähl mir doch noch einmal, wie ich dich ach so lieb in den Armen gehalten habe. Meine Erinnerung ist manchmal etwas lückenhaft.“ Unauffällig sah er sich um und griff nach dem Kragen des Harnischs im Nacken der Zwergin. Es genügte sie nur wenige fingerbreit über den Boden zu heben, um rasch in eine wenig beachtete Ecke mit ihr zu verschwinden. Obwohl sie protestierte, schien es niemand zu bemerken.
Bruder, was hast du nur wieder angestellt...
„Eine ganz einfache Frage:“, Elûdin beugte sich zu der Zwergin hinab und wedelte vor dem Auge herum, über dem sich die Narbe spannte. „Bist du blind?“
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