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 Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren

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Moriko

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BeitragThema: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Di 07 Mai 2013, 14:21

Ein paar Rotkehlchen saßen hoch oben auf einem Ast und zwitscherten ausgelassen. Der kühle Wind zog eine sanfte Briese durch die Laubbäume und lies einige rote Blätter von ihren Ästen abreißen. Die Tage waren kälter geworden. Zwischen den gelichteten Blätterdächern hindurch war ein Vogelschwarm zu erkennen, der sich in wärmere Gefilde aufmachte und alle flügellosen Wesen dieser Welt in der bald eintretenden Kälte zurück lies. Das monotone Tropfen von Blut auf ihren Brustpanzer machte Nîn schläfrig, aber das konnte auch von der Schwere her kommen, die sich in ihrem Körper breit gemacht hatte. Ein kleiner Hase tauchte hinter dem abgeschlagenen Orkkopf auf, schnupperte und verschwand wieder so schnell wie er gekommen war. 'So ist es richtig', dachte sie sich bei diesem Anblick und musste lächeln. 'Nur kurz irgendwo sein und schnell wieder verschwinden.' Nîn versuchte all ihre letzte Kraft in sich aufzubringen um ihren rechten Arm zu heben und zog sich mit der Hand das Messer aus der Schulter. Wenn sie schon diese Welt verließ, dann wenigstens mit einer Waffe in der Hand und nicht im Körper. So wie es sich für einen wahren Krieger gehört. Keiner hatte sie je wie einer behandelt, aber wen kümmerte schon, was andere sagten. Andere hatten sie auch immer wie etwas zerbrechliches behandelt und bemitleidet, wegen ihren Eltern. Aber keiner von denen verstand es. Sie würde sie immerhin gleich sehen, wenn sie hinüber ging und musste deshalb keine Angst vor dieser Reise haben. Oder vielleicht doch? Sie hatten sie schließlich im Stich gelassen. Wäre ja möglich, dass sie auch diesen Weg alleine gehen musste. Ohne Ziel, ohne eine helfenden Hand in ihrer Nähe. Aber zumindest würde sie in dieser Welt auch nicht vermissen.
Ein dunkler Schatten wie ein ausgestreckter Arm tauchte verschwommen in ihren Augenwinkeln auf, aber Nîns Welt wurde schwarz und erdrückend.


Zuletzt von Moriko am So 18 Mai 2014, 21:27 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 11 Mai 2013, 01:06

vergib mir, ich werde lernen mich kürzer zu halten... Hobbit
Ich sollte die Finger von Einleitungen lassen.... -.-

Dûnlanthir ritt im leichten Trab das Flussufer entlang. Kies knirschte unter seinen Hufen und die Geräusche woben sich in die glucksenden plätschernden Laute des Bachs ein, verschwammen mit ihm zu einer sanften Melodie.
Sonnenstrahlen, vielleicht die letzten warmen vor Beginn des Winters, streichelten Morwes Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen, um sich gänzlich dem Gesang des Wassers und dem Rauschen in den Baumwipfeln hinzugeben. Sein Freund führte ihn sicheren Fußes, er kannte den Weg nach Imladris. Außerdem ließ der Elb dem Tier gern seinen Willen, denn Dûnlanthir verstand es die grünsten Wiesen, duftensten Blumen und wohlgeformtesten Bäume zu finden, um sie Morwe dann stolz zu präsentieren. Es war ein Spiel zwischen ihnen, sich gegenseitig an immer neue Orte zu führen und dem anderen immer wieder aufs Neue zu beeindrucken.
Ein jähes Ziehen in seinem Bauch ließ Morwe aufhorchen. Er bedeutete seinem Freund anzuhalten, der augenblicklich stehenblieb. Nervös scharrte Dûnlanthir mit den Füßen.
„Shhh.....“, Morwe tätschelte ihm den scheckigen Hals.
Es entzog sich den Worten des Elben dieses Phänomen ganz auszusinnen, doch er fühlte dumpf ein Pochen in seiner Magengegend, was definitiv nicht irgendeiner Nebenwirkung des Fahltaus zuzuschreiben war. Ein Kribbeln in seinen Fingerspitzen, Jucken auf der Haut und ein feines Ziehen nahe der Wirbelsäule. Die Art wie die Äste im Wind knarrten, wie der Fluss unruhig rauschte, es verriet ihm, dass etwas im feinen Netz der Welt hier aus dem Gleichgewicht geraten war. Irgendeine Form von Dunkelheit war hier. Ganz nahe... und doch .... Das gleiche unstete Klopfen signalisierte ihm, jene Gefahr war unlängst gewichen...
Morwe öffnete die Augen und stieg ab. Er horchte, aber nichts außer den Geräuschen des Waldes erreichte seine Ohren.
„Warte hier.“, wisperte er Dûnlanthir zu, aber das Pferd beachtete seine Anweisung gar nicht, als er sich aufmachte durch das Dickicht zu treten.
Der Elb zog sein Schwert. Vorsichtig spähte er durch die Zweige.
Erstes Laub bedeckte den Boden, der noch tiefgrün schimmerte. Pilze wuchsen an den Buchen, deren Kronen das Licht verschluckten, und ein feuchter erdiger Geruch hing in der Luft. Er war von einer Note durchzogen, die Morwe einen Schauer über den Rücken jagte, noch bevor er verstand, was er da roch. Orkblut.
Also doch....
Rasch schlüpfte er durch die Büsche. Die Waffe in der einen und das Schild in der anderen folgte er dem Gestank. Hinter ihm raschelte es im Gras.
Er biss die Zähne aufeinander. „Ich habe gesagt, du sollst da bleiben!“, zischte er. Dûnlanthir schien es gleichgültig zu sein, was er sagte, denn das Tier legte den Kopf an Morwes Wange und schnaubte. Es schmiegte sich nah an den Elben. Ruhe sickerte wie ein warmer Trunk in Morwes Glieder und er ließ die Arme sinken. Entnervt atmete er aus.
Doch wenn sein Freund sagte, es sei sicher, würde er seinem Urteil vertrauen.
Morwe schnallte seine Waffen wieder auf den Rücken und durchquerte mit langen Schritten den Wald, der Fährte hinterher.
„Im übrigen...“, setzte er an, während er eine schlammige Mulde hinter sich ließ. „...habe ich sehr wohl alleine gemerkt, dass die Gefahr bereits verschwunden war, bevor wir hierher kamen.“ Er sprang über einen moosigen Stein hinweg.
„Es ist lediglich meine Natur, die mir gebietet vorsichtig zu sein. ...Und lange Erfahrung.“
Unweit von ihm gab Dûnlanthir ein quietschendes Wiehern von sich, was soviel bedeutete wie Ich glaube dir kein Wort.
Der Elb schürzte die Lippen. „Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich überlebe bereits seit Jahrtausenden und dass – oh Wunder – ohne deine gnädige Hilfe.“
Hufgetrappel hinter ihm ließ ihn reflexartig zur Seite springen und sein scheckiger Freund stob an ihm vorbei. Einige Meter vor Morwe verlangsamte er seine Schritte wieder, um mit hoch erhobenem Kopf demonstrativ vor dem Elben her zu traben. Affektiert schlug Dûnlanthir mit dem Schweif aus, drehte einige Runden um einen Felsen und stolzierte dann gemächlich weiter.
Morwe wusste nicht, ob er belustigt sein oder sich beleidigt fühlen sollte. Er entschied sich jedoch dafür den Spaß dieses Mal nicht mitzumachen und Dûnlanthirs Übermut nicht weiter zu nähren. Auch wenn die Gefahr im Augenblick vorüber war, der Wind mochte sich rasch drehen und wenn Morwe die Zeichen übersah, brachte er auch das Leben seines Freundes in Gefahr. Und nicht nur das. Die Nachricht, dass Orks sich in den Wäldern um Imladris herumgetrieben hatten, musste seinen Herrn erreichen. Es stellte sich nur die Frage, wer die abscheulichen Kreaturen zu Strecke gebracht hatte.
Der Elb schloss zu seinem Begleiter auf, der an einem kleinen lehmigen Abhang innegehalten hatte.
Dunkles zähes Blut tropfte an den Wurzeln herab. Es stank bestialisch. Im aufgeweichten Boden des Grabens erkannte Morwe gezackte Schwerter und Teile von Rüstungen. An der gegenüberliegenden Seite des Hangs war die Erde aufgewühlt. Noch mehr Blut und Spuren von Hand- und Stiefelabdrücken. Es mussten einige Orks gewesen sein, mindestens vier oder fünf, überlegte er. Wohingegen jene zweite Form von Fußabdrücken für ihn nicht eindeutig zu bestimmen war. Kein Ork hinterließ solche Spuren, auch kein Elb. Jedoch waren sie zu klein für einen ausgewachsenen Menschen, es sei denn, es war ein Kind gewesen. Und ein Zwerg? Auch dafür war der Fuß zu wenig in den Boden eingesunken, außer der Zwerg war unnatürlich leicht gewesen.
Morwe führte seinen Begleiter weiter. An einer schmaleren Stelle des Grabens überquerten sie beide ihn. Ein Gefühl sagte dem Elben, dass sie ganz nahe waren. Vor ihnen durchbrachen Lichtstrahlen das Laub, eine Lichtung tat sich zwischen den Bäumen auf und selbst durch die Zweige, waren dunkle Flecken und unförmige Leiber im Gras zu erkennen.
Sie traten aus den Büschen hervor.
Die Lichtung war fast kreisrund und groß, obgleich dicke Äste weit in sie hineinragten und den Himmel abschirmten. Mindestens sechs schwarze, stinkende Orkleichen waren über die Wiese verteilt oder vielmehr, was noch von ihnen übrig war. Gliedmaßen lagen wie totes Holz im Gras, aus ihnen troff rotbräunliche Flüssigkeit träge in den Erdboden. Fliegen sirrten, ihre Geräusche schwollen zu einem monotonen Surren und Brummen an. Morwe hielt sich den Ärmel vor die Nase. Erinnerungen stiegen aus den Tiefen seines Bewusstseins auf, die er sogleich zurückdrängte.
Dûnlanthir schnaubte unversehens. Er trippelte auf der Stelle und schüttelte unruhig sein Haupt. Der Elb wollten ihn beruhigen, bis er plötzlich begriff. Fast im Zentrum der Lichtung, halb unter einem Orkkadaver verdeckt, lag eine kleinere Gestalt. Sie war in einen schwarzen Mantel gehüllt, weshalb Morwe sie nicht sofort gesehen hatte. Rasch schritt er zwischen den Leichen hindurch und ging vor ihr in die Hocke.
Es war eine junge Frau...!
Blut verklebte ihr rötliches zerzaustes Haar. Sie war schrecklich blass, ihre Lippen hatten sich bereits bläulich zu verfärben begonnen. Obgleich ihre Gesichtszüge ungemein zart wirkten, schien ihr kleiner Körper ungewöhnlich stämmig zu sein, er glich in seinen Proportionen eher dem....eines Zwergs.
Morwe kniff die Brauen zusammen. Eine.... Zwergin...?
In seinen Lebensjahren war dies das erste Mal, dass er auf einen weiblichen Zwerg traf. Es verdutzte ihn. Er hatte sie sich, obwohl er sich darüber eigentlich wenig Gedanken gemacht hatte, immer eher … haariger vorgestellt. Im Prinzip wie einen männlichen Zwerg mit weicheren Zügen. Zumindest hatte er diese Schilderungen selbst von Zwergen gehört.
Ein Schwall strohblonden Haares nahm ihm plötzlich die Sicht, als Dûnlanthir sich zu ihm gesellte. Das Pferd beugte sich über die Tote und schnupperte an ihrem Gesicht, dann blähte es die Nüstern und stupste es vorsichtig an.
„Was ist in dich gefahren?!“, schimpfte Morwe und schob seinen Begleiter zur Seite. Ein kaum merkliches Stöhnen drang unvermittelt über die blauen Lippen. Der Elb zuckte zusammen.
Sie lebte noch!
Augenblicklich schalt er sich einen Narren nicht ihren Puls gefühlt zu haben, doch ihr seltsamer Anblick hatte ihn so verwundert, dass es völlig seinen Sinnen entschwunden war.
Ihr Herz war schwach. Morwe tastete behutsam über ihre kalte Haut. Er zog ihren Mantel zur Seite, aber die Rüstung, die darunter zum Vorschein kam, ließ ihn jäh in seiner Bewegung erstarren.
Blut tropfte die Lederriemen, die den Panzer zusammenhielten, hinab und aus den Löchern, welche die Orkschwerter geschlagen hatten.
Morwe war kein Heiler. Das wenige, was er von Wunden und Verletzungen verstand, sagte ihm, dass er jetzt besser daran tat alles an Ort und Stelle zu lassen und sie so schnell wie irgend möglich zu einem Heiler zu bringen.
Zum Anwesen seiner Familie war es nicht allzu weit, Serglinn, der sich mit schweren Verletzungen, der Heilkunst und Heilkräutern auskannte, war noch dort. Aber keine der Wachen würde ihn mit einer Zwergin hineinlassen! Selbst wenn er sie an ihnen vorbeibringen mochte, Serglinn würde ihm womöglich die Hilfe verweigern, um sich nicht zu entehren...
Morwe biss wütend die Zähne zusammen. Bis Bruchtal war es fast ein Tagesritt! Und er konnte mir ihr kaum schnell reiten, sie würde ihm unterwegs versterben, wenn er sich beeilte. Aber sie würde umso sicherer sterben, wenn er hier saß und zögerte. Außer Imladris gab es keine andere Aussicht.
Er stand auf und nahm die Decke aus dem Gepäck von Dûnlanthirs Rücken. Umsichtig legte er sie um die junge Zwergenfrau, griff unter ihre Beine und Schulterblätter und hob sie hoch.
Sie war schwerer als er erwartet hatte. Er fühlen wie sie leicht zusammenzuckte, doch mehr im Schlaf, als dass sie tatsächlich etwas wahrzunehmen schien, von dem, was mit ihr geschah.
Er setzte sie auf den Rücken seines Begleiters. Dûnlanthir hielt artig still und wandte nur den Kopf, wie um die Verletzte nicht aus dem Blick zu lassen. Morwe stieg hinter ihr auf und hielt ihren Körper dadurch fest, dass er die beiden Enden der Decke ergriff. Er fürchtete ihre Wunden aufzureißen, würde er ihren Oberkörper während des Ritts direkt berühren.
„Eile rasch, aber mit Bedacht, mein Freund!“
Der Hengst schnaubte und mit einem einzigen kraftvollen Satz waren sie wieder in das Schummerlicht des Waldes eingetaucht.
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 12 Mai 2013, 14:03

Nîn versuchte die Augen zu öffnen. Ihr linkes Augenlid war überzogen von einer klebrigen Flüssigkeit und das andere war so schwer, dass sie bis auf einen beweglichen Lichtschein nichts weiter erkennen konnte. Ermüdet entspannte sie ihr Gesicht wieder und lauschte. Sie hörte Wind. Er rauschte an ihr vorbei, griff ihr ins Haar und umspielte ihren Arm, der schwer und ermattet auf ihrem Oberkörper lag. Flog sie? Nein etwas großes und festes war unter ihr und wiegte ihren Körper mit rhythmischen Bewegungen vor und zurück.. Das war nicht das, was ihr über die Welt jenseits der Welt von den Lebenden erzählt wurde. Ein leichter Geruch stieg ihr in die Nase. Er kam ihr wie eine Mischung aus Wald und beschlagenem Metall vor. Nîn schluckte, aber der Kloß in ihrem Hals wollte nicht verschwinden. Sie kannte diesen Geruch. Er war leicht verändert und wurde fast komplett von anderen Eindrücken überdeckt, aber sie war sich absolut sicher. "Dárin..." Ihre Stimme zitterte, ebenso wie ihre Hand, als sie sie hob und in Richtung der Gestalt griff, die sie festhielt, was Nîn erst jetzt bemerkte. Er war gekommen. Ihre Hand schloss sich um eine Platte seiner Rüstung, die er immer stolz und erhobenen Hauptes getragen hatte. Nach all den Jahren hielt er sie wieder fest. Ihr Vater hatte körperliche Nähe immer abgelehnt und auch darauf bestanden, dass sie ihn schon als kleines Mädchen nur mit vollem Namen und Titeln ansprach, wie es sich für stolze Krieger gehörte. Also biss Nîn sich auf die Zunge und unterdrückte den Drang ihm wie ein kleines, unreifes Kind um den Hals zu fallen, auch wenn sie es wahrscheinlich eh nicht geschafft hätte. Ihr Körper war schwer. So schwer. Die Taubheit war aus ihren Gliedmaßen gewichen, als sie sich bewegt hatte und plötzlich kroch Kälte und Schmerz wieder ihre Beine und Arme herauf. Sie wollte sich an ihrem Vater festhalten, ihn fragen warum das alles passierte, doch noch bevor der Impuls ihre Finger und ihre Zunge erreicht hatten, entfernte sich die Welt um sie herum wieder. Taubheit hüllte ihren Kopf vollständig ein. Laute Rufe und verwirrte Stimmen drangen an ihre Ohren, doch kein Wort von ihnen drang bis tief in ihr Bewusstsein vor. Sie merkte, wie die angenehm rhythmischen Bewegungen verebbten und mit einem Ruck ihr Körper in Schmerz getaucht wurde. Dann lies sie los und fiel in alles verschlingende Dunkelheit.

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Ernsthaft... aus der Sicht eines Sterbenden zu schreiben ist echt sch*** -.-
Man kann ja wirklich nichts machen. Hatte eigentlich gedacht ein paar Flashbacks würden gehen,
aber ich denke mal so ein geschwächter Körper wird nicht alle Kraft aufbringen gegen Schmerzen und Tod anzukämpfen, nur um in Erinnerungen zu schwelgen, oder?
Sag Morwe mal, er soll dafür sorgen, dass sie geheilt wird, dann kann ich dir auch mal so einen halben Roman als Vorgabe für den nächsten Abschnitt vorsetzen... *grpfl*

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 13 Mai 2013, 20:56

Wind brauste ihm durch das Haar und sein Umhang flatterte wild. Zweige und Äste peitschten an ihm vorbei, immer wieder warf er nervöse Blicke zu der kleinen Gestalt hinab, die schlaff in seinen Armen hing. Vielleicht war es nur die Luft, die gegen ihn brandete, aber er meinte, ihren Körper erkalten zu fühlen. Morwe trieb Dûnlanthir zu noch größerer Eile an. Aber was sollte sein Freund schon tun? Er gab schon alle Kräfte, die in ihm wohnten, um in atemraubender Geschwindigkeit durch den Wald zu galoppieren.
Was sie hier taten, war gefährlich. Nicht allein für ihr eigenes Leben, das sie mutwillig für das einer Fremden aufs Spiel setzten. Sein Freund musste nur einmal straucheln, einmal das Gleichgewicht verlieren und sie würden in voller Fahrt stürzen. Das wäre Dûnlanthirs sicherer Tod und Morwes womöglich auch, es sei denn er überlebte den Aufprall auf Felsen, Wurzeln, Baumstümpfen oder einen Abhang hinab und brach sich nur alle Knochen. Die Hast in der sie ritten, machte sie blind. Wenn sie nun verfolgt wurden, wenn sie Feinden den Weg nach Imladris führten, brachten sie auch ihr Volk in Bedrängnis.
Morwe war sich dessen bewusst und doch konnte er es nicht über sich bringen, ihren Ritt zu verzögern. Er fühlte Wut in sich aufsteigen. Wut auf die Orks, welche die junge Frau verfolgt hatten, Wut auf sich und seine Hilflosigkeit und dass er nicht vermochte, ihre Wunden zu versorgen. Und schließlich Wut darüber, dass er seinem Freund diese Tortur abverlangte, die das Tier an den Rand seiner Kräfte brachte. Wenn es nun vor Erschöpfung stürbe, wie konnte Morwe das verantworten? Wog das Leben eines Fremden aus einem anderen Volk das Leben eines Freundes auf? Das Leben eines denkenden Wesens das eines Tieres? Der Elb hatte darauf keine Antworten. Er wusste nur, dass er versuchen musste beide zu retten und beide zu bewahren.
Der Wald um sie herum brach plötzlich auf. Die Bäume lichteten sich und machten Geröll und fast rötlichfarbener Erde platz. Statt Laubbäumen wuchsen Kiefern und Tannen in breiten Abständen zueinander. Blauer Himmel erstreckte sich bis über die Gebirgswand weit in der Ferne und Sonnenstrahlen blitzten durch die Nadeln, doch ohne Morwe zu blenden. Die Sonne stand schon gen Westen gerichtet. Ihr Nachmittagslicht wärmte ihm die Seite, während frische kühle Luft gegen seinen Oberkörper wehte.
Völlig unvermittelt drang ein Laut an seine Ohren und sein Herz setzte für einen Sekundenbruchteil aus. Er schaute hinunter zu der Zwergin in seinen Armen. War sie das gewesen? War sie erwacht? Ihre kleine Hand hob sich plötzlich. Langsam und zitternd fasste sie kraftlos nach Morwes Rüstung. Er wusste nicht, worüber er mehr erschrecken sollte, über ihre jähe Lebensbekundung oder über die Farbe ihrer Finger, die so blass und an den Nägeln bläulich verfärbt waren wie die einer Toten.
Wasser spritzte auf. Morwe riss den Kopf hoch und erkannte, dass sie auf Dûnlanthir soeben die Furt hinter sich gelassen hatten. Durch den Wind, der an seinen Ohren vorbeirauschte, hatte er den Wasserlauf nicht früher gehört.
Sie waren fast da!
„Haltet durch.“, murmelte der Elb, aber er konnte seine Worte selbst nicht einmal vernehmen. Als er aber wieder nach ihr sah, war ihr Körper bereits wieder in sich zusammengesunken. Nur ihre Hand lag auf seinem Arm.
Dûnlanthir sprengte den ansteigenden Pfad hinauf. Elben und Reisende, die ihnen entgegenkamen oder die gleiche Richtung verfolgten, sprangen ihnen aus dem Weg. Rufe gellten durch die Luft.
Es glich einem Wunder, dass sie auf dem schmalen Bergweg niemanden verletzten, wobei es ihnen wahrscheinlich kaum auffallen würde, so halsbrecherisch war die Geschwindigkeit, mit der sein Freund Imladris entgegeneilte. Als sie um eine Biegung ritten, kam endlich die ersehnte Brücke in Sichtweite.
Morwes Augen weiteten sich vor Schreck. Er konnte einige kleine Gestalten auf ihr ausmachen. Eine Gruppe älterer Menschen, die sie mit unsicherem Schritt überquerten. „Halt an!“, brüllte der Elb, aber sein Freund hörte ihn offenbar nicht, denn es schien vielmehr als würde er nur noch weiter beschleunigen. Die Brücke war unmittelbar vor ihnen, Morwes Hand an den Zügeln verkrampfte sich, er konnte die kleinen Menschen sehen, ihre weit aufgerissenen Augen, die vor Schreck verzerrten faltigen Gesichter. Doch plötzlich ging ein Ruck durch ihn und die erwartete Kollision blieb aus.
Eben noch auf Hüfthöhe der den Eingang bewachenden Steinskulpturen, konnte Morwe nun ihre Schultern beinahe berühren. Ihm war für einen kurzen Augenblick, als sei er schwerelos. Sie flogen. Unter ihnen kauerten die Männer. Dann sanken sie im steilen Flug und klappernd landeten Dûnlanthirs Hufe auf dem marmornen Platz. Ohne die geringste Pause galoppierte er weiter, die Stufen hinauf und unter den Weg säumenden Ästen hindurch.
Sein Freund wusste genau, welche Route er zu den Kammern der Heiler einschlagen musste und führte sie auf dem kürzesten Wege dorthin. Über Brücken, Anhöhen und endlich erhob sich vor ihnen die imposante hölzerne Architektur, als wäre sie aus den Bäumen selbst erwachsen. Wehende weiße Banner flatterten im Wind und der Geruch von Kräutern erreichte Morwes Nase.
Mit einem letzten kraftvollen Satz sprang sein Freund die letzten Stufen hinauf, doch statt dass er ruhig auslief, hielt er schlagartig inne. Morwe erhaschte gerade noch einen Blick auf Lindirs Gesicht, bevor er sich nach vorn beugen musste, um nicht rücklings aus dem Sattel zu stürzen. Dûnlanthir tänzelte wiehernd auf den Hinterläufen und schlug mit den Vorderbeinen aus, um sein Gleichgewicht zu halten. Dann lehnte er sich plötzlich zur Seite und kam wieder auf allen Vieren zum Stehen. Er schnaufte und keuchte. Wie als hätte ihm dieser letzte Aufwand den letzten Funken an Energie geraubt.
Vor ihnen auf dem Platz stand Lindir. Das Gesicht milchweiß und die Augen geweitet, ging sein Blick ins Leere. Er war wie zu Stein erstarrt.
Morwe fühlte einen Stich des schlechten Gewissens. Aber er ließ sich keine Zeit den anderen zu bemitleiden, sondern schwang sich vorsichtig von Dûnlanthirs Rücken, dessen ganzer Körper zitterte, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.
Stimmen riefen nach ihnen, während der Elb die Zwergenfrau aus dem Sattel hob und die Decke um ihren kalten Körper schlang.
Ein besonders hochgewachsener blonder Elb, der in eine lange dunkelgrüne Robe gekleidet war, hatte sie als erster erreicht. Morwe kannte ihn. Es war Venyanen, ein Mann aus hohem Hause, der nicht nur viel von Heilkunst verstand, sondern auch als Gelehrter galt.
„Seid gegrüßt.“, Morwen verneigte sich knapp und noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, ergoss sich ein Schwall Fragen über ihn.
Was geschehen sei, wer die Fremde war und was ihr fehle, ob er ebenfalls verletzt sei.
Er antwortete so knapp und präzise er es vermochte. Gefolgt von einer ganzen Traube Heilkundiger, betrat er mit Venyanen die Hallen der Heilung, wo schon ein Bett für die Zwergenfrau vorbereitet worden war.
Die Hallen waren ein lichtdurchfluteter Ort und die Wände mit Pflanzenornamentik überzogen. Zwischen den dutzenden Lagern hingen Vorhänge, die jedoch beinahe alle geöffnet waren. Es waren kaum Verwundete hier, die unter ständiger Aufsicht sein mussten. Die Zeiten waren weitestgehend friedlich.
Morwe setzte die Zwergin behutsam ab. Sein Blick wanderte über ihren Leib und mit Schrecken bemerkte er, dass sich dunkle Flecken auf der Decke gebildet hatten, in die er sie eingewickelt hatte. Blut klebte an seiner Rüstung und seinen Händen.
Hoffentlich überlebte sie. Aber er wusste ja nicht einmal, wie stark sie tatsächlich verletzt war. Womöglich war es von Anfang an ein aussichtsloser Kampf gewesen. Aber er hatte getan, was er konnte, sagte er sich.
Venyanen versicherte ihm, er würde ihm Nachricht zukommen lassen, sobald es Neuigkeiten gab, und Morwe verließ die Halle, damit die Heiler ihrer Arbeit nachgehen konnten.
Draußen hatte sich bereits eine Gruppe Neugieriger gebildet, die aufgeregt tuschelten. Morwe achtete nicht auf sie, sondern folgte einem Laubengang seitlich der Halle, bemüht ungesehen an dem noch immer blassen Lindir vorbeizuschleichen, der seinen Schock beinahe umgeritten worden zu sein, anscheinend noch nicht ganz verarbeitet hatte.
Hoch von den bewaldeten Berghängen stürzten Wasserfälle ins Tal hinab. Die Luft war erfüllt von Rauschen und Vogelgesang. Eine willkommene Abwechslung zu dem ewig gleichen Brausen des Windes während des Ritts. Unten am Ufer eines kleineren Flusses fand er Dûnlanthir am Wasser. Das Pferd trank gierig. Jemand hatte ihm Zaumzeug und Sattel abgenommen und sie neben ihm ins hohe Gras gelegt. Morwe erkannte denjenigen, der nun unweit an einer mächtigen Eiche gelehnt saß, sofort.
„Ai, Rínon!“
Rínon winkte ihm. Er war ein sehr jung aussehender Elb mit rotbraunem Haar und von fast schlaksiger Gestalt. Sein erdfarbenes Gewand machte wenigstens seinen Körper auf der Wiese fast unsichtbar, während sein Kopf einen grellen Kontrast zur Natur um ihn bildete.
„Morwe, mein Freund.“, grinste er. „Die Kunde deiner Ankunft hat sich rasch verbreitet. Man erzählt sich, du habest eine Zwergendame in unser Reich geführt.“
„Ist das so?“, Morwe legte die Stirn in Falten.
„Allerdings. Eine ausgesprochen absurde Behauptung wie ich meine.“
„Ja. ...Absurd, nicht wahr?“
„Hm....“, bestätigte Rínon und die beiden blickten sich mit ernsten Mienen an.
Für einen Augenblick wurde es still, nur noch das Wasserrauschen und die Tiere waren zu vernehmen. Dann brachen sie beide in schallendes Gelächter aus.
Morwe ließ sich scheppernd ins Gras fallen. Staub und Insekten stoben auf und er hielt sich prustend den Bauch.
Neben ihm wischte sich Rínon eine Lachträne von der roten Wange.
Es tat gut zu liegen, selbst in der Rüstung. Zur Ruhe zu kommen, die Eile und Sorge fallen zu lassen. Er hatte seine Pflicht getan, alles, wozu er mächtig gewesen war. Was nun mit der Fremden geschah, lag vorerst nicht mehr in seinen Händen.
„Ich muss sagen, von allen Merkwürdigkeiten, die du bisher vollbracht hast, ist dies wahrlich dein größter Erfolg.“, meinte Rínon und kicherte. „Eine Zwergenfrau... wer hat so etwas in unseren Weiten schon gesehen?“
Morwe löste die Schnallen an seinen Schulterplatten. „Wahrscheinlich bist du längst einigen von ihnen begegnet. Ich hörte, sie trügen auch Bärte und seien von den Männern kaum zu unterscheiden. Zumindest mag das wohl für manche gelten. Jene, die ich fand, erinnerte in ihren Gesichtszügen beinahe einer Menschenfrau.“
„Wie sind sie so?“
„Ich weiß es nicht.“, gestand Morwe und pellte sich aus seinem metallenen Panzer. „Sie war bewusstlos, als ich sie fand und ist es bis hierher geblieben. Wenn du so vernarrt in Zwergenfrauen bist, magst du dich ja als ihr Retter ausgeben und dich ihr statt meiner vorstellen.“, fügte er grinsend hinzu.
Rínon protestierte. „Oh nein, nein, nein, mein Freund! Die Ehre gebührt ganz dir, meine Neugierde war von rein...akademischem Interesse...“
„Natürlich.“, Morwe warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu, der tat, als hätte er nichts gesehen.
„Elûdin kam übrigens einige Zeit vor dir schon hier an.“, bemerkte er schließlich. In seiner Stimme lag ein Hauch von Sorge. „Es ist ihm wahrscheinlich schon zu Ohren gekommen....“
Morwe entledigte sich des Restes seiner Kleidung und machte eine gleichgültige Geste. „Ich werde ihm sagen, es sei seine Schuld, dass ich sie fand. Wäre er auch nur etwas ausstehlicher, hätte ich ihn begleitet und wäre der Zwergenfrau nie begegnet. Das wird ihn vorerst ruhig stellen, bis ich einen triftigen Grund gefunden habe, warum ich sie retten musste.“
Er schlenderte durch das Gras zum See hinab und mit einem Sprung tauchte er in das kristallklare eiskalte Wasser ein.
Während er schwamm, kam ihm der Gedanke, wie jung die Zwergenfrau doch ausgesehen hatte. Und doch hatte sie sich gegen all diese Orks zu verteidigen vermocht...
Er folgte einem silbrigen Schwarm Fische, die jedoch auseinanderstoben, als er sich ihnen näherte.
Morwe fasste den Entschluss, die Zwergin zu besuchen, wenn die Heiler ihr denn helfen konnten und es ihr besser ging.
Dann atmete er aus. Luftblasen kitzelten sein Gesicht und er ließ sich entspannt zum Grund sinken.

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Habe fertig.... Zwerg2 außer gefühlte 10kilo Bücher mit nach hause zu schleppen, hab ich heute nichts für die Uni getan. .....eine kleine Stimme in meinem Kopf, sagt aber, dass es das wert war. Die anderen summen "ich steh im Garten"...
sooo und jetzt erstmal auf deine Beiträge antworten und endlich deine Kapiteln bei Kaffee und Kuchen besprechen.... hab schon ein total schlechtes Gewissen... ;___;
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 19 Mai 2013, 21:33

BÄÄÄM!! Ich kann das auch! .... aber auch wenn ich mich drüber freue mal mehr geschrieben zu haben.... beabsichtigt war das ganz und gar nicht o.o Hoffe ich hab die Elben, die du erwähnt hast aus deiner Sicht nicht ganz so versaut, wenn doch, sag was ich ändern soll, hatte so überhaupt kein Gefühl für die X.x

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Nîn drehte sich auf die Seite und zog die Decke weiter nach oben, um sie auch als Kissen verwenden zu können. Es viel ihr schwer aufzuwachen. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als zogen ihn Bleigewichte nach unten und ihr Kopf war so träge, dass sie erst einige Zeit brauchte um das Gefühl in ihrem Magen als Hunger einzuordnen. Hunger bedeutete Essen, also musste sie wohl oder übel bald aufstehen. Sie verfluchte sich dafür, dass sie ihre Tasche so weit von ihrem Lager entfernt abgestellt hatte, damit sie nicht entdeckt wurde.
Zäh und langsam zogen die Erinnerungen an ihr vorbei. Sie stöhnte leise auf. Ihre Tasche hatte sie wegen den Überfällen versteckt, von denen sie gehört hatte, aber das war ja schon zwei Tage her... Aufzuwachen und von Hunger getrieben nach ihr zu suchen hatte sie bereits hinter sich. Auch den Ärger darüber, dass das Verstecken nichts gebracht hatte. Ein Ork hatte ihre gesamten Habseligkeiten zwischen den Bäumen verteilt gehabt. Ihn am Leben zu lassen war allerdings eine schlechte Idee gewesen, denn in den Tagen danach hatten-
Nîn riss die Augen auf. Sie war doch tot. Wieso dachte sie? Gleißendes Licht blendete sie und mit einem Fluchen bedeckte sie mit der Decke ihre Augen.
Mit welcher Decke überhaupt?
Der Untergrund fühlte sich wie ein Bett in einer Taverne an, nur irgendwie weicher und sanfter und es roch nach Kräutern und Gewürzen. Nîns Magen knurrte hörbar. Kein Wunder, dass sie Hunger hatte, wenn sie scheinbar neben einem offenen Gewürzschrank schlief. Selbst die Decke vor ihren Augen verströmte diesen blumigen Duft.
Die Zwergin verdeckte mit den Händen das warme Licht in das sie geschaut hatte und öffnete zaghaft wieder die Augen.
Sie war allein.
Das war das Erste was ihr auffiel. Und sie wunderte sich, warum sie bei dieser Erkenntnis einen so großen Stich im Magen verspürte. Schließlich war sie immer allein, wenn sie aufwachte. Einen Stich verspürte sie eher dann, wenn sie doch nicht allein war, aber dann auch keinen innerlichen, sondern eher den eines Messers oder Dolches.
Die Erinnerungen, wie es war von den weichen und freundlichen Zügen ihrer Mutter geweckt zu werden, hatte sie schon lange in die hintersten Abgründe ihres Bewusstseins verbannt. Was brachte es ihr etwas hinterher zu trauern, was sie ja doch nicht ändern konnte. Ihre Familie war schon lange kein Teil ihres Lebens mehr und Nîn war es gleichgültig was andere darüber sagten. Sie war eine Kriegerin wie ihr Vater. Doch im Gegensatz zu ihm schlug sie sich auch ganz gut alleine durch die Welt und war schlau genug sich nicht in irgendwelchen Unsinn zu mischen, der ihr absehbar nichts als den Tod bringen würde.
Das Licht was sie geblendet hatte und ihr auch immer noch einen großen Teil ihrer Sicht nahm, waren Sonnenstrahlen, die durch einen von vielen großen Torbögen in den Saal herein schien, in dem sie sich befand. Nîn konnte sich nicht erinnern jemals so einen großen Raum gesehen zu haben. Die gewölbte Decke war eine bildhauerische Meisterleistung, aber so hoch oben, dass kein Zwerg sie jemals erreicht hätte. Allerdings hätte ein Zwerg wo auch niemals einen so schönen Stein mit so hässlichen Blümchenmustern versehen.
Die Wände waren mit der Decke und dem Boden verwachsen, so als wäre der gesamte Saal aus nur einem einzigen Felsen heraus geschlagen. Ihr Vater hatte ihr von den wundersamen Hallen in Moria erzählt, die tief unter der Erde ein gesamtes Königreich bildeten, doch unter der Erde hätte sie keine Sonne blenden können. Die Sonne verschwand hinter ein paar Wolken und Nîn senkte die Hand um den ganzen Raum betrachten zu können. Er war wirklich groß. Viele unbenutzte, weiße Betten waren neben Regalen und kleinen Tischen an die Wände gereiht und wurden mit noch weißeren Vorhängen von einander getrennt. Alles wirkte so offensichtlich hell und freundlich, dass es Nîn misstrauisch machte. Die Vorhänge um ihr Bett waren nur Hälfte zugezogen. Zu ihrer Linken stand einer der kleinen Tische zusammen mit einem kleinen Tablett auf dem ihr Frühstück serviert war. Sie sah es erst, als sie den Kopf drehte, denn ein Verband, der um ihre linke Gesichtshälfte gewickelt war, schränkte ihr Sichtfeld ein. Schmerzhafte Erinnerungen flammten in ihr auf.
Sie sah die Lichtung wieder vor sich und ihr Körper wandte sich unter Krämpfen, während der kreischende Ork immer weiter auf sie einstich.
Blut spritzte auf den Boden.
Ihr Blut.
Es war überall.
Panik und Schmerz lähmte ihre Muskeln und lies sie weder atmen noch schreien. Die Zeit schien wie verzerrt und das Gefühl von kaltem Stahl in ihrem Fleisch erreichte erst ihr Gehirn kurz bevor der nächste Schnitt oder Stich ihren Leib durchbohrte.
Der Ork stoppte mit einem freudigen Quiecken für einen Moment die Messerstiche, mit der er ihren Körper malträtierte, und im gleichen Moment war Nîn auch wieder zurück im steinernen Saal.
Die Zwergin lag zusammengekrümmt neben dem Bett und umklammerte schützend ihren Kopf.
Vögel zwitscherten. Wasser plätscherte in einiger Entfernung. Das Quieken und Kreischen war nicht mehr zu hören. Es war auch vorher nicht da gewesen...
War das ein Traum?
Aber sie war doch wach.
...Oder etwa nicht?
Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine knickten unter der Last ihres Körpers ein. Um sich festzuhalten griff sie nach dem dünnen Vorhang, der neben ihr von einer warmen Brise gestreift sanfte Wellen warf, doch auch dabei gehorchte ihr ihr Körper nicht so wie sie wollte und mit einem Scheppern landete sie halb in den Vorhang verwickelt erneut auf dem kalten Boden.
Nîn bliebt kraftlos auf dem Boden liegen. Nicht einmal ihr Körper respektierte sie mehr. Tränen liefen ihr über die vor Scham geröteten Wangen, doch nicht einmal das hastige wegwischen mit dem Handrücken war ihr möglich. Sie konnte nur da liegen. Schwach und hilflos. Ohne Stolz und Ehre. Zusammengekauert wie ein wehrloses Kaninchen, dass man in die Ecke gedrängt hatte, bevor man ihm das Genick brach um das Fell nicht zu zerstören. Blut pulsierte in ihrem Kopf und Schmerz breitete sich von dem Arm auf dem sie lag in ihren Körper aus.
Worte in einer fremden Sprache wurden plötzlich neben ihr gesprochen. Die Zwergin verstand sie nicht, aber ihr war als ob sie bis tief in ihr Selbst vordrangen und ihren Geist und Körper dort beruhigten, ohne dass ihr Kopf vorher um Erlaubnis gefragt wurde.
Warme Hände packten sie vorsichtig wie ein zerbrechliches Kind und hoben sie zurück auf das Bett. Trotz der schläfrigen Ruhe, die ihren Geist umfing, hielt Nîn die Augen noch so weit es ging geöffnet. Ein Mann saß neben ihr. Er war selbst im sitzen sehr viel größer als die Zwergin und trug ein langes Gewand, das in die Farbe von weichem Moos getaucht war.
Die Trägheit wich langsam wieder aus ihrem Geist und zu spät fiel ihr auf, dass sie sich kein bisschen gewehrt hatte, als dieser Fremde sie einfach so gepackt und hochgehoben hatte. In ihrem Stolz verletzt wischte sie sich mit dem Arm über ihr Gesicht und fühlte dabei, dass nicht nur ein Teil ihres Gesichtes sondern auch ihre Hände und Arme in feste Leinenverbände gewickelt war.
"Du hast einiges abbekommen, ich hatte kaum noch damit gerechnet, dass du wieder aufwachen würdest." Die Stimme des fremden Mannes klang warm und vertrauensvoll, doch die junge Zwergin ignorierte ihn. Nîn wollte erst selbst genau herausfinden, in was für einer Situation sie sich überhaupt befand bevor sie mit irgendwelchen merkwürdigen und fremden Kerlen eine Plauderei anfing. Da der große Mann nur gemütlich neben ihr saß und mit dem Krug und dem Becher auf dem Tisch neben ihrem Bett beschäftigt war, schien er keine große Gefahr für sie zu sein. Die Zwergin zog die Augenbrauen hoch als sie an sich hinab sah. Sie trug ein seidenartiges, naturfarbenes Nachthemd wie eine dieser alten Damen in Bree, die nicht mehr genau wussten in welchem Jahr sie sich befanden und an welchem Ort. Sie konnte sich nicht recht entscheinden ob die Frage furchterregender war, wo sich ihre Kleidung befand und wer dafür gesorgt hatte, dass sie sich dort befand und nicht mehr bei ihr, oder die Frage, ob dieses Gewand und die Tatsache, dass sie ebenfalls nicht wusste wo und wann sie war, nicht vielleicht auf einen ähnlichen Geisteszustand schließen lassen könnten. Doch noch bevor sie sich entscheiden konnte, tauchte plötzlich ein Becher mit dampfender Flüssigkeit in ihrem Sichtfeld auf. "Hier trink das..." Die Zwergin drehte sich verwirrt zu dem grün gekleideten Mann neben sich um und warf ihm einen abschätzenden Blick zu. "Warum?"
Ein Lächeln durchzog sein schmales und gutmütiges Gesicht. "Ich will dich nicht vergiften. Mein Name ist Venyanen und ich habe mich die letzten zwei Wochen um dein Wohlbefinden gekümmert. Du warst stark verwundet und dein Körper ist noch sehr geschwächt. Ich bin wirklich sehr froh, dass dein Bewusstsein den Weg zurück in deinen Körper gefunden hat, aber es ist noch zu früh und deine Wunden sind noch nicht vollständig verheilt. Dieser Trank hier sorgt dafür, dass du schneller wieder zu Kräften kommst." Nîn schnaubte leise. Der Kerl schien keine Ahnung zu haben. Zwei Wochen soll sie geschlafen haben und ihre Wunden wären noch nicht verheilt? Sie hatte Erfahrung mit Verletzungen aller Art und nach spätestens fünf Tagen war sie schon immer wieder fit auf den Beinen gewesen. Das ihr Körper ihr nicht gehorchte musste einzig und allein an diesen Grasbüscheln liegen, die überall von den Regalen und Wänden herab hingen und diesen komischen Geruch ausstrahlten. Gegen einen Schluck von etwas, 'was sie wieder zu Kräften kommen lies', hätte sie allerdings trotzdem nichts einzuwenden. Ihr letzter Besuch in einem Wirtshaus war schon ein Weilchen her und dieser Mann wollte offenbar nicht einmal, dass sie dafür bezahlte. Sie nahm Venyanen, der noch über irgendetwas von Kräutern, Wirkungen und 'Zwergenanatomie' sprach, den Becher aus der Hand und leerte ihn in einem Zug.
Die Zwergin war zwar einiges gewohnt, aber selbst der stärkste Kräuterschnaps, den sie bisher probiert hatte, war gegen dieses Zeug so süß wie Honigmet. Sie hatte das Gefühl in einen Baum gebissen zu haben und das wohlig bekannte brennen von Alkohol war nicht einmal im Ansatz in ihrem Hals zu spüren. Nur ein pelziges Gefühl auf ihrer Zunge und ein widerwärtiger Nachgeschmack in ihrer Mundhöhle blieben zurück. Von Ekel gepackt schüttelte sie sich und drückte dem verstummten Venyanen den Becher zurück in die Hand. Wenn er sie damit hätte herum kriegen wollen, hatte er auf ganzer Linie versagt.
Schweiß lief ihr über die Stirn, während sich ein warmes Brennen erst durch ihren Brustkorb zog und sich dann in ihrem Magen ausbreitete. Unwirsch begann sie damit den störenden Verband von ihrem Gesicht zu lösen. Er war unerträglich warm und kratzig und der Schweiß, der sich darunter bildete, brannte auf ihrer Haut. Venyanen hob die Hände, doch nach einem vielsagenden Blick von ihr beschränkte er sich darauf, sie belustigt lächelnd zu beobachten. Die Leinen klebten teilweise an Nîns Haut und es war schmerzhaft sie von ihrem Gesicht zu lösen. Sie betastete ihre Haut und fühlte wie eine dicke, weiche Kruste die Haut unter ihrem linken Auge verfestigt hatte. Die Zwergin zuckte mit den Schultern. Ihr Augenlicht war unverändert geblieben und sie selbst musste sich ja nicht ins Gesicht schauen. Wichtiger waren ihr ihre Hände. Ihre Schwerthand war durch die Parierstange gut geschützt gewesen, aber die andere Hand fühlte sich stark entkräftet an und war von einem besonders dicken und gelblichen Verband umwickelt.
"Sie war nur gebrochen." Nîn versteinerte augenblicklich ihre Mine, als sie merkte wie offen ihr die Gedanken und Befürchtungen, die sie empfand, ins Gesicht geschrieben standen. Venyanen erhob sich und holte eine stabile Art von fingerlosem Handschuh aus einem der Regale. "Eine gebrochene Hand ist zwar in den meisten Fällen nicht weniger schlimm als so manch andere Verletzung, die du in deiner Verfassung hättest erleiden können, aber ich denke, dass ich sie gut gerichtet habe. Mit ein bisschen Zeit und anschließendem Training wirst du sie sicher wieder genauso wie vorher benutzen können. Aber wenn du dir diese Zeit nicht nimmst, kann ich für nichts garantieren. ...Außer dafür, dass dann durchaus die Möglichkeit besteht, sie nie wieder bewegen zu können, also bitte nimm dir wirklich die Zeit..." Nîn schluckte. Sie fühlte sich in ihren Gedanken ertappt und wickelte schweigend den Verband ab. Ihre Hand wirkte entkräftet und erschlafft, aber dennoch auf sehr unnatürliche Art und Weise angeschwollen. Die Finger zu bewegen schmerzte zwar etwas, aber auch nur, wenn sie es übertrieb, ansonsten war es aushaltbar. Trotzdem wäre es wohl gut sie eine Weile zu schonen. Der Mann kniete sich vor ihr hin und zog ihr den Handschuh über, der anschließend noch mit ein paar Schnüren und Bändern verknotet wurde, bis Nîns Hand fast vollkommen steif gehalten wurde.
Erst jetzt erkannte sie Venyanens spitze Ohren und sämtliche Verwunderung über seine merkwürdige Statur und Größe fielen von ihr ab. "Du bist ein Elb?", sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber Venyanens Blick verriet ihr, dass sie wohl doch nicht alle Missbilligung aus ihrer Stimme hatte verbannen können. "Du befindest dich in den Heilstätten von Imladris, da wirst du wohl nicht umher kommen dem ein oder anderen meiner Art zu begegnen. Allerdings bezweifle ich, dass du in einem Menschen- oder Zwergendorf bereits nach zwei Wochen so gut zu Kräften gekommen wärst. ... Wenn überhaupt... Deshalb wäre sicherlich etwas mehr Höflichkeit in deinem Umgangston für die Zukunft nicht fehlplatziert." Sein wohlwollendes Lächeln blieb trotz dieser Anspielung unverändert. "Wie bin ich überhaupt hier her gekommen?" Nîn hatte einen Blick durch die Torbögen nach draußen geworfen. Viele kleine Berge und Felsklippen umschlossen diesen Ort und an allen Seiten konnte sie wie durch Magie entstandene kleine Flüsse und Wasserfälle sehen und rauschen hören. Erinnerungen regten sich in ihrem Hinterkopf, doch kein Lichtblitz erhellte ihre im Dunkel liegenden Gedanken bei der Erwähnung von 'Imladris'.
"Morwe hat dich her gebracht. Er sagte, er habe dich inmitten der Überreste eines Kampfes im Wald gefunden. Etwa einen Tagesritt von hier entfernt. Du solltest dich bei ihm noch dafür bedanken. Orks in so geringer Nähe zu diesem Ort sind ungewöhnlich. Sie jagen derzeit eher weiter westlich von diesen Gefilden. Herr Elrond wird sicher mehr über sie von dir erfahren wollen, wenn es dir wieder besser geht. Aber jetzt ruh' dich lieber noch ein wenig aus." Nîn hatte Rufe von weiter entfernt vernommen, während Vanyanen gesprochen hatte. Er hatte die Behandlung ihrer Hand abgeschlossen und erhob sich mit einem Kopfnicken und einer knappen Verabschiedung zum gehen. "Aber ich bin ausgeruht!" Nîn war viel zu verwirrt um noch länger sitzen zu bleiben, doch Venyanen lächelte nur und bedeutete ihr mit einer kurzen Handbewegung sich weiter auszuruhen.
Sie wartete noch einen kurzen Moment, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, dann biss sie die Zähne zusammen und versuchte abermals ihre Beine zu belasten, diesmal mit Erfolg. Die Zwergin lächelte. So widerwärtig wie dieses Gebräu auch war, es würde sie brennend interessieren wie man es herstellt. Ein solcher Kräfteschub wäre für lange Reisen sicher mehr als nur praktisch. Mit einem immer noch warmen Gefühl im Bauch begutachtete sie ihre nackten Füße, die unter diesem merkwürdigen Nachthemd hervor guckten. Sie hob es etwas an um ihre Beine zu inspizieren und stellte erleichtert fest, dass sie bis auf einige dicke, rötliche Narben noch genauso gesund wie vorher ausahen. "Seit ihr die Zwergin?" Nîn lies den Stoff los und Blut schoss ihr in den Kopf, als sie die barsche, männliche Stimme hinter sich hörte. Die Scham, die in ihr Aufstieg verwandelte sie in Wut und drehte sich entrüstet zu dem Elbenkrieger um, der sich hinter ihr aufgebaut hatte.
Schwarze, lange Haare hingen ihm leicht ins Gesicht und bildeten einen starken Kontrast zu seiner hell glänzenden Rüstung. Er war fast doppelt so groß wie sie, aber das konnte auch an seiner gestreckten Haltung liegen, die aus Nîns Sicht etwas durchaus überhebliches ausstrahlte. "Nein, ich bin die neue Putzhilfe, was denkst du denn? Und vor allem was erlaubst du dir dich einfach so heranzuschleichen?!" Der Elb verengte die Augen und seine Stimme wurde kalt. "Was erlaubt Ihr euch Orkspitzel bis kurz vor unsere Stadttore zu führen?" Nîn baute sich ebenfalls zu ihrer vollen Größe auf. Sie fühlte sich zwar klein und beschämt gegenüber einer so großen Person und vor allem irgendwie nackt ohne ihre Rüstung und Waffen und nur mit so einem Hemdchen für ältere Damen bekleidet, aber die Anspannung in ihrem Körper gab ihr Kraft und Mut. "Unterstellst du mir allen erstes, dass ich mich mit Absicht von diesen Monstern hab jagen lassen? Was interessiert mich schon euer kleines Dörfchen hier? Ich kenn' es nicht einmal! Wieso in Durins Namen sollte ich mich also mit dreckigen Orks verbünden?" Die Lippen des Elbenkrieger umspielte ein sehr süffisantes Lächeln. "Das ist etwas, was ihr gerne meinem Herren Elrond erklären dürft."
Die Zwergin verschränkte die Arme. "Venyanen meinte, ich solle das jetzt noch nicht"
"Ich ging fest davon aus Eure Stimme gehört zu haben, die vor kurzer Zeit rief, dass Ihr ausgeruht seit." Der Elb trat einen Schritt auf Nîn zu.
"Er meinte, ich solle warten, bis es mir besser ginge..."
"Nun, geht es euch denn besser?"
"Besser als frisch niedergestochen ist ja wohl keine große Sache, aber ..." Der Elbenkrieger schnitt ihr das Wort ab. "Gut! Dann werdet ihr mir jetzt folgen." Mit bestimmenden Schritten durchschritt er die Halle bis zu einem nahegelegten Durchgang, von wo aus er sie erwartungsvoll anstarrte. Die Zwergin hatte bereits gehört, dass Elben niemals blinzelten, aber daran, wie unheimlich diese Eigenschaft sein konnte, hatte sie bis jetzt noch nicht gedacht. Sie atmete tief durch und folgte dem Krieger mit erhobenem Haupt. Ihm würde sie nicht die Genugtuung gönnen, sich von ihm klein kriegen zu lassen. Er durchquerte einige Gänge und Räume und Nîn musste fast laufen um mit ihm Schritt halten zu können. Wobei das auch nur so weit ging wie es ihre Kräfte gerade zuließen. In regelmäßigen Abständen hielt er an um auf sie zu warten, bevor er in eine andere Richtung abbog. Als Nîn schon erste Seitenstiche verspürte, da sie nicht zeigen wollte, wie sehr sie bereits außer Atem war, blieb der Elb abrupt stehen und befahl ihr zu warten, bevor er durch eine Tür verschwand.
Mit einem langgezogenen Seufzer lies sich die junge Zwergin auf eine Bank fallen und zog die angenehme Luft mit kräftigen Zügen in sich auf. Sie befand sich am Rande einer Art überdachten Terrasse. Der Boden hier war aus warmen Marmor und hinter den Säulen in einigen Schritten Entfernung, erstreckte sich ein kleiner, fruchtbarer Garten. Pflanzen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, reckten hier ihre Köpfe gen Himmel, während ihre Wurzeln in einen kleinen Teich mündete über den eine steinerne Brücke wie ein kleiner Steg führte. Nîn hatte sich nie für Pflanzen und Bäume interessiert, aber dieser Anblick wirkte wie verzaubernd auf die junge Zwergin. Nach einiger Zeit erst bemerkte sie einen roten Fleck, der nicht so harmonisch das Bild passte, das sich ihr bot. Ein sehr jung aussehender Elb, der ihr nur wegen seiner rotbraunen Haare aufgefallen war, hatte sich an einen der Säulen gelehnt und beobachtete sie mit offensichtlicher Belustigung. Verwirrt schaute Nîn auf ihre immer noch nackten aber mittlerweile dreckigen Füße, die sie auf dem warmen Marmorsteinen gewärmt hatte. Das helle Gewand, das sie trug, war bei ihrem Gewaltmarsch über den Boden geschliffen, da es ihr etwas zu lang war und hatte dementsprechend um ihre Füße herum eine sehr schmutzige Farbe angenommen. Nîn war es gewohnt mit Schlamm und allerlei Unrat bedeckt zu sein, aber an diesem Ort war irgendwie alles so sauber und rein. Und sie war die einzige, die hier matschige Fußabdrücke hinterlassen hatte, die recht eindeutig zu ihrer Bank herüber führten. Der Zwerg trug ein Bündel unter dem Arm und schlenderte gelassen zu ihr hinüber. "Gut das ich dich endlich finde. Ich nehme an, du bist die Zwergin von der hier jeder spricht." Sein Lächeln und seine Stimme waren viel freundlicher als von die von dem Elbenkrieger, der sie hier her geführt hatte, aber so langsam ging Nîn diese Frage auf die Nerven, auch wenn sie noch so höflich gemeint war. Sie war auf ihrem Weg hier her nur elegant gekleideten Elben begegnet, die sie alle von oben herab interessiert angestarrt hatten. Als müsste man da noch fragen, ob ausgerechnet sie mit ihrer kleiner Gestalt und komischen Aufmachung die scheinbar einzige Zwergin hier wäre.
Um nichts unfreundliches und abweisendes zu sagen, schwieg sie lieber um erst abzuwarten, was dieser junge Elb von ihr wollte. Er setzte sich mit etwas Abstand neben sie und hielt ihr das Stoffbündel entgegen, während er sie neugierig musterte. "Venyanen hatte mich zu dir geschickt um dir das hier vorbei zu bringen, aber du warst offenbar schon getürmt. Ist das dir nicht viel zu kalt um nur so herum zu laufen?" Nîn griff nach dem Bündel. Es enthielt eine dunkelblaue Robe aus festem Stoff und ein paar dünne aber sehr elastische Schuhe mit Ledersohle. Sie raunte einen unverständlichen Dank und zog sich rasch die warme Kleidung über den dünnen Stoff des Nachthemdes. Die Schuhe bereiteten ihr einige Schwierigkeiten, da sie ihre geschiente Hand nicht benutzen konnte, doch die stolze Zwergin versuchte sich nichts anmerken zu lassen um an diesem Tag wenigstens noch etwas von ihrer Würde zu bewahren. Der junge Elb lies ein Lachen hören, für das ihn Nîn am liebsten erschlagen hätte, griff nach den Schuhen und kniete sich vor ihr hin. "Pass auf, ich helf' dir mit den Schuhen, und dafür erzählst du mir ein bisschen was. Was sagst du dazu?" Nîn wich seinem Blick aus. Männer wollten immer eine Gegenleistung für ihre Taten. Ausnahmsweise einen zu treffen, der seine Forderungen wenigstens direkt sagt, war zwar eine angenehme Überraschung, aber bei der Menge an Informationen und offenen Fragen, die Nîn schon nach der Kürze dieses Tages im Kopf umher schwirrten, wollte sie sich nicht auf noch ein Kräftemessen mit irgendeinem Fremden einlassen.
"Ich brauche keine Hilfe. Die Schuhe anziehen kann ich mir noch durchaus alleine! Bin doch kein kleines Kind mehr!" Gespielte Entrüstung trat in das Gesicht des Fremden und mit einer theatralischen Verbeugung senkte er vor ihr seinen Kopf. "Oh, verzeiht! Ich bitte vielmals um Verzeihung! Natürlich habt ihr damit keinerlei Schwierigkeiten.Wie ungeschickt von mir... Lasst es mich anders Formulieren: Ich biete euch an diese Schuhe über Eure vermutlich schon eingefrorenen Füße zu ziehen und sie sogar zu schnüren, sodass Ihr euch mit einer steifen Hand gemütlich und entspannt zurück lehnen könnt. Und als Bezahlung dafür, müsst ihr mir nur ein paar meiner vieler Fragen über Euch und Euer Volk beantworten." Aus seiner gespielten Verbeugung heraus schaute er die Zwergin unschuldig lächelnd an und Nîn überlegte kurz.
Sie entspannte etwas ihre Muskel und senkte ihre Stimme. "Einverstanden ...aber für jede Frage müsst ihr auch eine von meinen beantworten." Der Elb nickte und hob ihren wirklich schon vor Kälte halb tauben Fuß. "Klingt anständig. Um mit etwas leichtem anzufangen würde mir für den Anfang schon euer Name genügen." Nîn zog völlig verdutzt eine Augenbraue hoch. Sie hätte vieles erwartet, was Elben gerne über Zwerge wissen würde und hatte sich schon einige Antworten zurecht gelegt, wie sie diese Fragen geschickt umgehen könnte, aber diese Frage hatte sie nicht erwartet. "...Ich bin Nîn, Dárins Tocher... verratet ihr mir den Euren?" Der Elb lächelte nur. "Warum so förmlich? Nîn hätte mir schon gereicht. Das ist ein schöner Name. Mich nennt man Rínon... Da das geklärt wäre und ich glaube, dass ihr die Frage warum ihr hier seit wahrscheinlich selber gerne beantwortetet hättet und trotz allem noch oft genug heute zu hören kriegt, heb' ich mir das lieber für später auf." Er schwieg einen Augenblick, während er anfing die Lederschnüre durch die einzelnen Öffnungen zu fädeln. "Ich hab gehört, dass Zwergenfrauen gar nicht einmal so selten sind, nur schwer zu entdecken, weil sie ebenfalls einen Bart haben. Wie kommt es, dass Ihr keinen habt, Nîn?" Nîn musste lächeln. Dieser Elb schien immer genau das Gegenteil von dem zu fragen, was sie aufgrund ihrer Erfahrungen mit Männern und Elben als nächstes erwarten würde. Entweder er war sehr schlau oder besaß weder männliche Interessen, noch war er ein echter Elb. "Meine Mutter hatte ebenfalls kein Bart. Das war wahrscheinlich ihr Erbe, das sie mir hinterlassen hat." Rínon stutzte. "Wieso 'hinterlassen'? Lebt sie nicht mehr?" Die junge Zwergin wich seinem Blick aus. "Sie und mein Vater hatten die falschen Freunde... Das waren bereits zwei Fragen. Ich bin dran! Was ist das hier für ein Ort?" Rínon machte eine einladende Geste in Richtung der kleinen Bäche, die sich zwischen den mit Bäumen gesäumten Felswänden hindurch schlängelten. "Das meine Liebe ist Imladris! Heimat von Herrn Elrond und seiner Tochter Arwen, mit der, wie es heißt, Lúthiens Ebenbild wieder auf die Erde gekommen ist. Außerdem ist es die letzte Zufluchtsstätte vor dem Hithaiglin oder auch Nebel-Gebirge, wie es im allgemeinen Sprachgebrauch bekannt ist. Vielleicht kennt ihr diesen Ort auch unter einem anderen Namen. Weil sich dieses Tal in einer gut versteckten Schlucht des Bruinen-Flusses befindet, ist er bei Menschen und Zwergen eher unter dem Namen Bruchtal bekannt."
Nîn verlor jede Farbe in ihrem Gesicht. Bruchtal?! Von allen Orten dieser Welt war sie nicht nur in einer Elbenstadt sondern ausgerechnet in Bruchtal gelandet?!
Die Tür ging aus und der schwarzhaarige Elbenkrieger trat unerwartet neben sie. Rínon widmete er nur ein kurzes Lächeln. "Schön das du endlich etwas gefunden hast, was dich so viel Freude ausstrahlen lässt, Rínon. Unerwartet, dass es das Schuhebinden an Zwergenfüßen ist, aber jedem das was ihm gefällt." Mit ernster Mine wandte er sich Nîn zu. "Mein Herr Elrond erwartet Euch. Schön, dass Ihr euch entschlossen habt vorher etwas angemesseneres anzuziehen." Den Seitenhieb sichtlich an sich abprallen lassend, erhob sich Nîn in aller Ruhe und schritt gemächlich an dem Krieger vorbei. Egal welche Forderungen dieser Herr von Bruchtal an sie stellen würde. Lieber würde sie sterben als genauso tief zu sinken wie ihre Eltern.
Der Krieger schloss hinter ihr die Tür und führte sie an einigen Elben vorbei auf einen länglichen Balkon, der wie ein überdachter Gang über einen Wasserfall hinweg führte. Ein großer, edel gekleideter Elb drehte sich zu ihnen um. Er sah alt aus für elbische Verhältnisse, fand Nîn. Der Elbenkrieger nahm Haltung an, woraus Nîn schloss, dass es sich bei dieser Gestalt um Elrond handeln musste. "Mein Herr Elrond, hier ist die Zwergin nach der Ihr verlangt habt und wegen der mein gedankenloser Bruder für so einen großen Aufruhr gesorgt hat. Sie hatte sich geweigert Eurer höflichen Bitte nachzukommen und wich meiner Frage aus ob Sie mit Absicht Orkspitzel bis fast vor unsere Tore geführt hatte. Ich würde deshalb gerne in Eurer Nähe bleiben, mein Herr Elrond, um im Zweifelsfall eingreifen zu können." Nîn warf dem Krieger einen ungläubigen Seitenblick zu, angesichts der vielen elementaren Tatsachen, die er bei der Zusammenfassung ihres Gespräches einfach ausließ. Doch Elrond lächelte sie nur willkommen heißend an. "Nîn, erste und einzige Tochter der stolzen Krieger Dárin und Rûn. Wir haben uns große Sorgen um Euch gemacht. Selbst Venyanen hatte Zweifel, ob Euer Geist stark genug wäre um wieder zurück zu finden. Welch ungemeine Freude Euch doch noch unter den Lebenden wandeln zu sehen." Nîns Blick war kalt und abweisend. Sie würde nicht auf dieses freundliche Lächeln herein fallen, hinter dem finstere Pläne geschmiedet wurden. "Nun, dafür, dass meine Eltern dieses Glück nicht mehr haben, habt Ihr ja bereits gesorgt." Der Elbenkrieger zuckte neben ihr, doch Nîns Blick blieb auf Elrond gerichtet. Dieser hatte den Krieger mit einer Handbewegung angewiesen ruhig zu bleiben und bat ihn freundlich den Raum zu verlassen, damit sie diese Unterhaltung ungestört fortführen könnten. Mit einer Verbeugung und einem letzten misstrauischen Blick zu der Zwergin verließ er den Balkon und Schloss die Tür zu dem Durchgang. Elrond bat sie ihm zu folgen und Nîn folgte ihm mit einem angemessenen Abstand gemächlich den Gang hinunter.

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Nach meiner Erfahrung würd ich sagen, an "ersten Tagen" ist selbst die Selbstbewusteste Zwergenfrau etwas unsicher auf den Beinen...im wahrsten Sinne des Wortes... Nach "Bruchtal" hat sie sich jetzt aber gefangen und ist wieder voll auf Ablehnungskurs. Hatte mir so gedacht, dass Elrond mit ihr in die Hallen mit den Schwertern und Erinnerungsstücken geht, aber erst mal hast du glaub ich genug Informationen, mit denen Morwe um ein paar Ecken herum sozusagen erfahren kann was los ist. Sorry ...wollte dich halt auch noch mal dran lassen....
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Fr 31 Mai 2013, 10:05

Dafür bin ich heute morgen zu spät zu Linguistik gekommen, weil ich es noch einmal Korrektur gelesen habe xP .... Die Kapitel werden immer länger statt kürzer.... wobei sie ja jetzt in unmittelbarer Nähe zueinander sind und sich hoffentlich bald begegnen werden ^^
im ollen Fokuswriter werden ja keine Seitenzahlen angezeigt...




Morwe presste sich angespannt an den Felsen. Stille drückte auf seine Ohren und er versuchte sich ruhig zu halten, um das Wasser nicht aufzuwirbeln. Wie ein Wald hüllten ihn die Wasserpflanzen mit ihren langen Stängeln und wabernden Blättern ein und tauchten den Uferbereich in warmes grünes Licht. Ihre glitschige Oberfläche kitzelte seine nackte Haut. Hier und dort flitzen Fische umher. Auf dem Stein, an dem er sich festhielt, krabbelte ein Krebs über die dichte Algenschicht.
Wie lange harrte er jetzt schon hier unten aus? Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, auch wenn seine Lungen noch genug Luft hatten, um ihn eine Weile so verbleiben zu lassen. Er war ein guter Schwimmer und ein noch viel besserer Taucher. Wenn es darauf ankam, vermochte er es bis zu 20 Minuten die Luft anzuhalten.
Nicht, dass er es gerade jetzt darauf anlegen wollte.
Angestrengt versuchte Morwe zu lauschen, aber alles, was er hörte, war leises Gluckern und Blubbern. Sie standen offenbar nicht mehr unmittelbar am Ufer, schätze er. Vor einigen Augenblicken hatte er immerhin noch dumpf ihre Stimmen vernehmen können, wenn er auch nicht verstanden hatte, was sie sagten.
Vorsichtig löste er seinen Griff. Sein Körper schwebte empor und Morwe schlängelte sich behände durch den Urwald aus Algen. Kurz vor der Oberfläche hielt er inne und hielt sich an den Steinen fest, die aus der schlammigen Erde des Ufers ragten. Es bildete einen mehrere Fuß hohen Hang um die meisten Stellen des Sees, was Morwe eine zusätzliche Tarnung verschaffen sollte.
Geräuschlos glitt sein Kopf aus dem Wasser bis gerade unter die Augen. Schilf verdeckte seine Sicht fast vollständig. Über ihm spannte sich aderblau der morgendliche Himmel, Kälte prickelte ihm auf der Haut und die Luft hätte seine Position gewiss verraten, wenn er versucht hätte Atem zu holen und Dunstwolken über den Pflanzen aufgestiegen wären. Er hob ein Ohr aus dem Wasser. Durch das wilde Vogelgezwitscher drangen Stimmen zu ihm her.
„...völlig unmöglich. Wir sind doch an den Ställen entlanggegangen und da ist sein Pferd noch dort gewesen.“
„Vielleicht hat er einen anderen Weg genommen als den, über den wir gekommen sind.“
Morwe erkannte den Mann, der zuerst gesprochen hatte, sofort. Das war Lómion, ein guter Freund seines Großvaters. Der andere jedoch war ihm unbekannt.
„Du kennst dich hier nicht aus, Calatar, sonst wüsstest du, dass es nur diesen einen Weg zum See hinab gibt. Er müsste schon die Felsen hinaufgeklettert sein, wenn er an uns vorbeigekommen sein sollte, ohne dass wir ihn bemerkten.“, er seufzte.
„Aber er ist nicht hier. Wo soll er ansonsten hin verschwunden sein?“, bemerkte Calatar skeptisch.
Sie suchten ihn also tatsächlich.
Als er die beiden Gestalten in der Ferne gesehen hatte, die die Straße zum See hinab kamen, hatte er sich zunächst nur im Schilf verborgen, um seine Ruhe zu haben. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und er hatte in der Wache alle Hände voll zu tun gehabt durch die Orks, die in ihre Landstriche eingedrungen waren. Den Ruhetag, der ihm gewährt worden war, wollte er daher weit ab von allem Trubel verbringen. Die beiden Männer in ihren langen edlen Roben waren ihm so eigenartig fremd in dieser Gegend Imladris‘ vorgekommen, was ihn stutzig gemacht hatte und aus einem unbestimmten Gefühl heraus war er untergetaucht. Er sah noch wie sich die beiden Silhouetten am Ufer langsam und bedächtig umsahen, genau wie wenn sie jemanden suchen würden, was Morwe endgültig veranlasst hatte, aus ihrer Sichtweite zu verschwinden.
Lómion brummte etwas unverständliches, was sein Begleiter mit einem ungläubig klingenden Hüsteln kommentierte. „Warum sollte er?“ Etwas in Calatars Stimme machte, dass er Morwe zutiefst unsympathisch war. Vielleicht sein selbstgefälliger Tonfall, doch... da war noch etwas, was er aber nicht in Worte fassen konnte.
„Weil er uns gesehen hat, als wir kamen“, es klang verärgert. „Und weil er eigensinnig ist!“ Lómion ließ es klingen, als wenn Eigensinn irgendein infames Verbrechen wäre.
„Oh...“
Es erstaunte Morwe wie viel so ein kleines Wörtchen über eine Person aussagen konnte. Dabei war es eigentlich nicht einmal eines. Es war bloß ein kurzer winziger Laut, der Calatars Mund entwichen war, angefüllt mit unverhohlenem Missfallen, Herablassung und Überdruss und unzähligen Emotionsnuancen, die sich jeder Sprache entzogen.
Wie beiläufig merkte Calatar an: „...er kommt nach Armírë, nicht wahr?“, seine Stimme troff vor Abscheu.
Zorn durchzuckte Morwe wie ein Blitz. Sein Körper spannte sich. Die Uferböschung musternd, sah er sich in Gedanken eine dicke Hand voll Schlamm in Calatars blasiertes Gesicht werfen oder noch besser: Seinen Kopf so lange unter Wasser halten, bis ihm seine Arroganz bitter vergehen würde! Auch wenn er es wahrscheinlich sehr rasch danach bereuen würde. ...Er tat es ja jetzt schon. Morwe schmunzelte. Es fehlte ihm einfach an Härte. Die wenigen Male, die er in seinem Leben freiwillig Vergeltung für irgendetwas geübt hatte, konnte er an einer Hand abzählen und anschließend hätte er sich am liebsten entschuldigt und beteuert wie Leid es ihm tat. Er war schlicht und einfach zu weich.
„Tut, was Ihr nicht lassen könnt, aber ohne mich.“, kam es missmutig von Calatar.
Als Lómion antwortete, stellte Morwe plötzlich erschreckt fest, dass er gar nicht mal zu weit von ihm entfernt war. „Ich habe Elothlond mein Wort gegeben.“, er kam näher. „Wenn Ihr Euch zu fein seid ihn zu suchen und vor ein wenig Schlamm an Euren Schuhen schon zurückschreckt, mögt Ihr ruhig gehen.“, sagte er mit offener Belustigung.
Morwe grinste. Wenn Lómion nur wüsste wie matschig das Ufer hier war...
„Ich denke, ich bleibe lieber hier und halte Euch den Rücken frei.“
Schmatzende Schritte erreichten Morwes Ohr und er machte sich bereit unterzutauchen, falls nötig. Auch wenn die Pflanzen ihn verbargen, sollte sein Verfolger auf die Idee kommen den Schilf zu durchkämmen, musste er rasch handeln.
Auf einmal platschte es, das Wasser wirbelte nur einige Fuß neben Morwe auf und es klang, als wäre ein Teil der Böschung in den See gefallen. Jemand fluchte. Den Geräuschen nach zu urteilen, hatte die Erde unter Lómion nachgegeben und er war beinahe ins Wasser gestürzt. Blubbernd stiegen Blasen auf. Morwe hatte sich ein Lachen nicht verkneifen können. Zum Glück war der Elb in seiner Nähe so sehr damit beschäftigt wieder auf die Beine zu kommen, dass er es offenbar nicht wahrgenommen hatte.
„Einen schönen Jäger gebt Ihr ab, Lómion!“, spöttelte Calatar.
„Schweigt!“, schimpfte der andere und durchquerte mit schnalzenden Schritten das Gras und entfernte sich vom Ufer. Anscheinend standen seine Schuhe unter Wasser. „Ich habe genug davon! Soll Elothlond den Taugenichts selbst suchen, wenn er herkommt!“
Calatars unschuldiger Tonfall war nicht gänzlich frei von Hohn. „Ich dachte, Ihr hättet ihm Euer Wort gegeben? Haltet Ihr es so mit Euren Versprechen?“
„Der Tag ist ja noch nicht vorüber....“, grollte Lómion nach einem kurzen Schweigen. „Wenn Morwe mir über den Weg läuft, soll er was erleben! Seht mich an, eine Schande ist das!“
Sein Begleiter lachte und Morwe war sich nicht sicher, ob es Lómions anscheinend schlammigen Kleidern oder der Aussicht galt, zu sehen wie jemand vor seinen Augen eine Abreibung erhielt.
Ihre Stimmen entfernten sich.
Na endlich!, Morwe tauchte mit dem Kopf aus dem Wasser und holte tief Luft. Er dankte Ulmo dafür, ihn vor den beiden bewahrt zu haben und ließ seinen Körper auf der Wasseroberfläche durch die Pflanzen treiben.
Versucht nur mich zu finden..., dachte er grimmig und streckte sich. Er würde es ihnen nicht leicht machen.
Die Sonne war inzwischen hoch über die Baumwipfel gestiegen und wärmte seine Haut, obgleich sich sein Atem in der Luft in Form von Wölkchen kräuselte. Es musste früher Mittag sein.
Wenn die beiden ihn alleine gesucht hatten, bedeutete dies, es ging um eine reine Familienangelegenheit. Wäre es etwas dringlicheres hätten sie seinem Herrn Bescheid geben können und Elrond wusste, wen er ausschicken musste, wenn er ihn finden wollte. Die Erwähnung von Elothlond, seinem Großvater, ließ darüber hinaus den sehr wahrscheinlichen Schluss zu, dass es um das Gespräch ging, das dieser mit Morwe in Imladris fortsetzen wollte, nachdem sie dazu nach der letzten Ratssitzung keine Zeit mehr gefunden hatten.
Eine Welle aus Bitterkeit schwemmte durch ihn beim Gedanken an jenen Tag und unwillkürlich fasste er nach seinem rechten Unterarm. Es war trotz aller Tinkturen, die er benutzt hatte, noch immer nicht ganz verheilt.
Morwe schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu verbannen und schwamm schließlich in Richtung der Stelle, wo er seine Kleider in einem Busch versteckt hatte. An einer seichten Uferstelle stieg er aus dem Wasser und setze sich ins kalte Gras.
Was sollte er nun tun? Morgen würden ihn wieder seine Pflichten bei der Wache vereinnahmen, womit ihn Lómion und sein hochnäsiger Bekannter in Frieden lassen mussten. Er musste ihnen nur heute auf irgend eine Weise aus dem Weg gehen. Aber wie? Die Ställe ließen sie inzwischen sicher von jemandem bewachen, damit er nicht unversehens entkam. Und das Haupttor hatten sie sicherlich auch im Blick. Außerdem mussten sie nach ihm gefragt haben, sonst wären sie nicht zum See hinab gekommen, es wussten also sicher genug andere, dass man nach ihm verlangte. Und leider fiel Morwe durch sein sehr dunkles Haupt und seine Züge etwas auf. Zudem war seine Robe mit dem Wappen seines Hauses geschmückt, was ihn zusätzlich hervorhob. Er musste es schaffen sich andere Kleider zu besorgen und dann einen Pass aus Imladris finden, der weniger oft benutzt wurde und nicht zu sehr bewacht war. Er musste ja auch nicht in die Wildnis führen, es genügte schon, wenn er in das unterirdische Labyrinth aus Kammern und Lagerhallen endete, wo Morwe sich zurückziehen konnte.
Während er seine Sachen von Blättern befreite und sich anzog, kam ihm plötzlich eine Idee. Morwe grinste. Welch ein ausgezeichneter Plan...
Anstelle sich zum Weg hin zu wenden, machte er sich in entgegengesetzter Richtung durch das Unterholz auf. Er kletterte über steile Felsen und an Bäumen hinauf, folgte verschlungenen Pfaden durch dichtes Buschwerk und balancierte über Steine über einen reißenden Fluss hinweg, der von den Bergen ab ins Tal fiel. Hinter einer engen Felsspalte, erreichte er endlich eine Lichtung, die an eine Gruppe schmaler und hoher Gebäude grenzte.
Die Häuser besaßen bis zu drei Stockwerken und waren mit vielen Balkonen und Brücken untereinander verbunden. Bäume reckten sich zwischen ihnen empor. Bänke und Rondelle mit Brunnen schlängelten sich um sie, wo viele Elben saßen und sangen oder sich unterhielten.
Morwe bog in einen Gang ein und erklomm mehrere Treppenaufgänge, bis er in einer Halle vor einer dunkelgrünen Tür mit Silberbeschlägen stehenblieb. Er klopfte. Niemand antwortete und so trat er einfach ein und schloss die Pforte hinter sich.
Er befand sich in einem kleinen dunklen Flur, der sich vor ihm gabelte und in zwei angrenzende größere Räume führte. Der Rechte war Rínons Arbeitszimmer, welches über und über mit Büchern und Pergament bevölkert war, der Linke wiederum beherbergte das Schlafgemach seines Freundes.
„Rínon?“, fragte Morwe, falls sein Freund vielleicht wieder mal so beschäftigt mit seinen Studien war, dass er nichts sah und hörte.
Keine Antwort.
Auch gut, dachte er sich und durchquerte den Gang zum Schlafzimmer. Morwe kannte Rínon gut genug, um zu wissen, dass es ihn nicht stören würde, sollte er sich einige Sachen von ihm ausleihen. So zog er sich die klammen Kleider aus und legte sie ordentlich auf einem Stuhl zusammen. Er nahm sich an ihrer Stelle eine dunkelgrüne Hose, eine gleichfarbige Tunika und eine dunkelbraune schlichte Robe mit Kapuze aus dem Schrank. Sie waren einfach geschnitten und schmucklos, womit Morwe gut getarnt sein sollte. Hose und Hemd waren etwas eng, denn Rínon war hagerer und nicht so muskulös wie er, aber sie passten trotzdem.
Zufrieden mit seiner Verkleidung bedeckte Morwe sein Haupt mit der Kapuze und verschwand wieder nach draußen. Wenn Rínon zurückkehren und Morwes Kleider vorfinden sollte, reichte dies, damit er wusste, was es zu bedeuten hatte. Sein Freund war schließlich nicht auf den Kopf gefallen.
Grelles Sonnenlicht blendete ihn, als er auf den Platz trat. Es war ein schöner Herbsttag, dachte Morwe wehmütig und eigentlich viel zu herrlich um ihn unter der Erde oder überhaupt drinnen zu verbringen. Aber wo sollte er sich sonst vor den Schergen seines Großvaters verstecken?
Vage kam ihm die Erinnerung an eine verborgene Lichtung zwischen den Berghängen in den Sinn. Sie lag irgendwo hinter einem Wasserfall und befand sich ein ganzes Stück abseits und war nur über steile Felshänge zu erreichen, die in das kleine Tal mit den Wasserfällen führte. Vielleicht würde auch schon das Tal selbst reichen, denn er bezweifelte, dass Lómion ihm nach seinem Missgeschick am See so weit folgen würde und Calatar tat es ohnehin nicht.
Mit dieser Aussicht machte Morwe sich leichten Herzens auf den Weg.
Er nahm nicht die üblichen Straßen, sondern Pfade zwischen den Häusern und Hallen hindurch. Um Plätze machte er einen großen Bogen, ebenso um größere Gruppen von Personen, die seines Weges kamen. Es dauerte so zwar viel länger zu jenen Hängen zu gelangen, aber er war damit auf der sichereren Seite. Im Schatten eines breiten Balkons huschte Morwe in eine schmale Passage zwischen den Steilhängen und erklomm den Weg bis er zu einen Eichenhain gelangte. Von dort wandte er sich nach links in Richtung der Sonne, wo er einen weiteren dünnen Pfad beschritt, der steil hinauf führte. Zu seiner Linken fiel das Gestein scharf ab. In einigen Schritt Tiefe wogten Baumwipfel und weiter entfernt erstreckte sich ein weitläufiges Plateau, um das mächtige Hallen einen Halbkreis bildeten. Die Städten der Heilung lagen dort unten.
Morwe dachte unwillkürlich an die Zwergenfrau. Es war bereits zwei Wochen her, dass er sie hierhin gebracht hatte und doch lag sie noch immer auf ihrem Lager und rührte sich nicht. Zumindest war das gestern noch so gewesen, wie ihm Rínon versichert hatte. Ob sie sich wohl je wieder erwachte? Venyanen war skeptisch gewesen, aber hatte gesagt, es bestünde noch Hoffnung.
Auf einmal war er sich unschlüssig, ob er ihr nicht einen kurzen Besuch abstatten sollte. Die Hallen waren ein ruhiger Ort und Lómion und Calatar dürften den Gedanken an eine Zwergin in Imladris längst verdrängt haben. Sie würden hier nicht nach ihm gucken, da war er sich sicher. Natürlich bestand die Gefahr, dass er auf jemanden traf, der den beiden anschließend seinen Aufenthaltsort verraten mochte. Wenn er vorsichtig war und nicht zu lange blieb, konnte er es trotzdem wagen.
Also machte Morwe wieder kehrt und folgte dem Pfad zurück ins Tal hinab. Durch das Unterholz hindurch erklomm er das Plateau von der Seite her und näherte sich so der Rückseite der Häuser. Die Luft war angereichert mit lieblichen Düften. Kräuterdämpfe entstiegen den weit geöffneten Fenstern und reichten aus um Morwes Gemüt zu beruhigen. Lautlos schlich er durch helle Gänge und Korridore und schaffte es tatsächlich in niemanden hineinzulaufen.
Als er jedoch den Saal erreichte, wo er die Zwergenfrau gestern noch gewesen war, fand er ihn leer vor.
Morwe runzelte die Stirn. War er wirklich in der richtigen Halle? Hatte er sich vielleicht im Raum geirrt, da er auf einem anderen Weg hergekommen war?
Die Betten waren sauber und die Bezüge ordentlich zusammengelegt. Und auch auf den Nachttischen stand nichts. Kein Zeichen, dass hier erst gestern noch jemand gelegen hatte.
„Sucht Ihr jemanden?“
Erschreckt fuhr Morwe zusammen und drehte sich um. Venyanen war geräuschlos an ihn herangetreten und musterte ihn interessiert. Er schmunzelte.
„Ach du bist es. Ich habe dich in deiner ... Aufmachung gar nicht erkannt.“
„Nun, das ist genau ihr Zweck.“, gestand Morwe und verzog das Gesicht.
Venyanen lächelte wissend, seine Augen blitzten. „Ah, ich verstehe. Falls du ein Versteck benötigst, meine Kammer unterm Dach steht dir immer offen.“, er begutachtete ihn von oben bis unten. „...Rínons Kleider, nicht wahr?“
„Ist das so offensichtlich?“
„Nein, zumindest nicht, wenn du damit meinst, dass man es ihnen ansieht.“, er grinste. „Aber ich vermag es noch eins und eins zusammenzuzählen.“
„Das habe ich dir auch nicht abgesprochen.“, lachte Morwe. Er warf einen Blick zu dem Bett hinüber, wo die Zwergin gestern noch gelegen hatte. Sein Herz wurde schwer. „Aber sag... Wo ist sie?“
„Sie lebt und ist wohlauf.“, beruhigte ihn Venyanen. „Du hast sie gerade verpasst. Es ist noch keine Stunde her, da lag sie noch hier. Allerdings ist sie jetzt... entflogen, wenn du so willst. Die Nachricht von ihrem Erwachen ist Herrn Elrond scheinbar rasch zu Ohren gekommen, denn wie ich hörte, ist meine Patientin von deinem Bruder abgeholt worden.“
Morwe hob eine Braue. „Du meinst wohl entführt. Wenn es Elûdin war, der sie holte, kommt es auf jeden Fall einer Entführung gleich. Wahrscheinlich hat er sie kurzerhand von einer Brücke gestoßen!“
„Was unterstellst du deinem Bruder?“, der Ältere schüttelte den Kopf. „Aber ich muss gestehen, von dem was ich hörte, scheint er nicht sehr sanft mit ihr umgesprungen zu sein. Man erzählt sich tatsächlich er habe sie im Nachthemd durch Imladris gescheucht...“
„Das sieht ihm ähnlich.“, Morwe verdrehte die Augen. „Ich hoffe sie übersteht seine Grobheit unbeschadet.“
„Ich denke schon. Sie ist aus härterem Holz geschnitzt, als ich zuerst annahm. Selbst ein starker Zwergenkrieger hätte einer solchen Verletzung rasch erliegen können. Sie hingegen lebt. Und ihr Geist erschien mir putzmunter.“
„So? Wie hat sie denn darauf reagiert hier zu erwachen?“, erkundigte er sich.
Venyanens Gesicht hatte einen amüsierten Ausdruck angenommen. „Nun... Selbst nach Maßstäben der Zwerge würde ich sie als ausgesprochen aufmerksam und willensstark beschreiben.“
„Womit du meinst sie ist misstrauisch und dickköpfig.“
„Genau.“
Belustigt sahen sie sich an.
Morwe hatte mit einem Mal alle Gedanken sich zu verstecken vergessen und fühlte Neugierde in sich aufkeimen. Ganz gleich, ob seine Familie nach ihm suchte, er wollte die Zwergenfrau aus der Nähe sehen. Und er wollte sich Vergewissern, dass sie wirklich am Leben war und dass es ihr wieder gut ging.
Venyanen erriet, was in ihm vorging, sogleich. „Lass dich nicht erwischen. Aber wenn mich jemand nach dir fragen sollte, werde ich ihm natürlich mitteilen müssen, wo du langgegangen bist. Du hast dann nämlich die östliche Straße zu den Gärten genommen. Denn den Weg wirst du doch nehmen, nicht wahr?“, er zwinkerte und Morwe erwiderte beflissen: „Natürlich! Ich käme nie auf den Gedanken den kürzeren Weg gen Westen einzuschlagen.“
„Dann bin ich beruhigt.“
Sie schauten sich mit ernsten Gesichtern an und Morwes Mundwinkel zuckten, als er versuchte nicht zu lachen.
Sie verabschiedeten sich und sogleich machte er sich zu Elronds Kammern auf, wo dieser seine Gäste empfing. Selbstredend benutzte er die Straße gen Osten. Vielmehr versuchte er sie zu finden und musste dabei in Richtung Westen abgedriftet sein, zumal er schon nach einigen Minuten des Rennens durch das dichte Buschwerk die Spitzen von Häusern erkennen konnte.
Vom Fuße einer Böschung aus kam Morwe an einen weiten weißen Platz, der von einer überdachten Terrasse umgeben war. Säulen grenzten sie ab. In der Mitte des Platzes lag ein Teich über den sich eine Brücke spannte, er wurde von Beeten und hohen immergrünen Bäumen gesäumt. Ihre Kronen erhoben sich weit bis zu den Dächern von Elronds Gemächern. Die Fenster auf dem Balkon waren geöffnet und Morwe hörte gedämpfte Stimmen im Innern.
Er schaute sich um. Auf den ersten Blick war niemand verdächtiges zu sehen. Weiter hinten in den Gärten tanzte eine Gruppe Frauen und jemand spielte sanfte Melodien auf einer Harfe.
Vorsichtig trat Morwe zwischen die Säulen. Jetzt wo er hier war, fühlte er sich plötzlich ratlos und unschlüssig. Was sollte er nun tun? Wenn die Zwergin bereits bei seinem Herrn war, konnte er schlecht etwas anderes machen als hier zu warten bis sie wieder entlassen wurde. Er könnte sich zwischen den Hecken verbergen und abwarten. Von dort aus hatte er den Balkon mitsamt Umgang um das Dachgeschoss und das Eingangsportal im Blick.
Aber gerade in dem Moment, in dem er sich umwenden wollte, hörte er jemanden seinen Namen rufen. „Morwe?“
Sein Körper spannte sich reflexartig an, bereit zur Flucht. Doch schon im nächsten Augenblick war ihm bewusst geworden, dass es bloß Rínon war. Erleichtert atmete er aus.
Sein Freund trat hinter einer Säule hervor, wobei er ihn mit einem prüfenden und ungläubigen Blick anstarrte. „...Morwe, mein Freund, hast du dich heute Morgen im Kleiderschrank geirrt?“, fragte Rínon schließlich.
„Du hast mich zu Tode erschreckt!“, wisperte Morwe und bedeutete ihm leise zu sprechen. „Was machst du hier?“
„Das Gleiche könnte ich dich fragen! Und was noch viel wichtiger ist: Warum in Erus Namen trägst du meine Kleider?!“
Rínon musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht zu lachen.
Ebenfalls kichernd zog Morwe seinen Freund zur Seite, sodass sie vom Weg aus nicht mehr sofort gesehen werden konnten. „Ich versichere dir, ich habe dafür einen triftigen Grund.“, schwor er. „Es ist wahrlich eine unglückliche Verkettung unangenehmer Umstände, für die ich allerdings nicht im mindesten schuldig bin.“
„Natürlich nicht, das bist du nie.“
Morwe nickte. „Exakt. Es ist vielmehr... wie soll ich sagen?“
„Eine Verschwörung?“, schlug sein Freund vor.
„Hmm...nein, das klingt zu hart...“
„Eine schwere Schicksalsprüfung der Götter?“
Morwe zog die Stirn in Falten. „Meinst du nicht, das das etwas zu theatralisch klingt?“
„Stimmt... Du hast Recht.“
„Sagen wir... es ist eher...“, er rang nach Worten. „...eine komplexe Vernetzung bedauernswerter Umstände...“
„...an deren falschen Ende du dich befindest...“, fügte Rínon hinzu.
„Genau. ...wodurch ich in Angelegenheiten verstrickt werde, mit denen ich im Grunde nichts zu tun habe...“
Sein Freund feixte und lehnte sich an die Hauswand. „Du hast mein tiefstes und aufrichtiges Mitgefühl, mein Lieber. Aber nun sag schon, was treibt dich in meinen Sachen herumzuhuschen?“
„Ich habe meinen Großvater verärgert und nun hat er seine Schergen ausgeschickt mich zu suchen.“, gestand tonlos.
„oh...“
Schwer nickend legte ihm Rínon eine Hand auf die Schulter. „Hast du schon gepackt? Ich hörte König Thranduil sucht noch nach einem fähigen Mann für die Palastwache...“
„Der Düsterwald? Ist das dein Ernst? Du bist wohl nicht bei Sinnen!“, gab Morwe empört zurück. „Ich werde selbstverständlich nach Harad gehen! In Umbar brauchen sie noch Korsaren, wie ich mir sagen ließ.“
„Oh ja, der Plan ist natürlich besser. Aber selbst dort droht dir noch Gefahr...“, Rínon setzte einen schwerherzigen Blick auf, auch wenn seine Mundwinkel etwas anderes verrieten. „... und da ich dich nur ungern in Bedrängnis weiß, muss ich dir doch raten vielleicht eher in die Eisenberge zu ziehen. Wenn es einen Ort gibt, an dem dein Großvater von dir ablassen wird, dann ist es unter den Zwergen. Du hast doch die Zwergin gerettet! Sie kann ein gutes Wort für dich einlegen!“
„Du hast Recht... ...aber wo bekomme ich bloß einen Bart her?“, Morwe fuhr sich über die glatten Wangen.
„Die Holde hat auch keinen Bart.“, und mit einem verschmitzten Grinsen fügte sein Freund noch hinzu „Ihr Name ist übrigens ‚Nîn‘, wenn du es wissen möchtest.“
Jetzt war Morwe tatsächlich verdutzt. Er lachte. „Hört, hört! Wer hätte gedacht, dass der Herr ein solcher Zwergencharmeur ist!“
Rínon lief wahrhaftig rot um die Nase an und versteckte peinlich berührt und gickelnd sein Gesicht hinter seinem Ärmel. „Sag das nicht! Am Ende hört uns noch jemand! Ich will nicht ans Ende meiner Tage unter diesem Titel bekannt sein...!“
„Warum nicht, oh Rínon Zwergenschürzenjäger?“, witzelte Morwe. „Ich würde dir sogar ein Lied widmen.“
„Auf deine Spottverse kann ich verzichten, oh Morwe Hasenfuß und Duckmäuser!“
Wie nennst du mich?!“
Wer ist denn hier in meinen Kleidern auf der Flucht vor seinem Großvater?“
Sie starrten sich funkelnd in die Augen. Und schon im nächsten Moment brachen sie aller Vorsicht zum Trotz in schallendes Gelächter aus. Helles Lachen hallte über die Terrasse und den Garten hinweg. Vögel flatterten aus den Bäumen.
Morwe musste sich an eine Säule lehnen, um sich auf den Beinen zu halten, seine Seiten schmerzten.
„Schluss mit diesen Albernheiten...“, keuchte Rínon, das Gesicht so rot, das selbst sein Haar vor Neid erblasste. „...eines Tages lache ich mich zu Tode und es wird deine Schuld sein...!“
„Ich nehme sie gerne auf mich.“
„Das sagst du jetzt! Ich werde in meinen letzten Willen verfügen, du mögest mit deinem Bruder ausziehen, um eine eigene Kolonie zu gründen, auf dass ihr für immer aufeinander hocken müsst!“
Schockiert legte Morwe die Hände aufs Herz. „Das willst du mir antun?! Und ich dachte du seist mein Freund Rínon! Ich werde wahrlich eher zu den Zwergen ziehen, bevor ich mit ihm noch einmal unter einem Dach wohne! Und der Schlag soll mich treffen, um mich von diesem Unheil zu bewahren, das du über mich bringen willst!“
Sein Freund wollte etwas erwidern, doch das jähe Zuschlagen einer Türe ließ sie beide zu Eis erstarren.
Das Eingangsportal öffnete sich. Ein ausgesprochen finster dreinblickender Elûdin trat auf die Terrasse und schaute irritiert in ihre Richtung, als er sie bemerkte.
„Könnt ihr zwei mir verraten, was ihr hier herumlungert?“, zischte er wütend. „...Bruder?!“
Elûdins Augen weiteten sich. Er musterte Morwe von oben bis unten. „Bei Eru, was-?!“
Mit aller Kraft unterdrückte Morwe ein Lachen und richtete sich auf, damit er seinem Bruder, der sich vor ihm aufbaute, in die schockierten Augen sehen konnte.
„Wie siehst du aus?!“, brachte dieser nur ungläubig hervor. „Du beschämst deine, unsere Familie damit! Was denkst du dir dabei? Was hat das zu bedeuten? Hast du dich heute Morgen im Dunkeln eingekleidet?!“
Aus den Augenwinkeln konnte Morwe sehen, wie sein Freund sich in den Ärmel biss, um nicht laut zu prusten. Auch Elûdin fiel es auf und so warf er Rínon einen vernichtenden Blick zu.
„Es reicht dir wohl nicht, dass du deine merkwürdigen Neigungen überall sehen lassen musst! Jetzt musst du auch noch meinen Bruder mit deinem Unsinn anstecken?!“
Doch Rínon grinste nur. „Bist du schon wieder hier, Elûdin? Anscheinend bist du für Herrn Elrond doch nicht so wichtig, wie du gerne wärest, oder er hätte dich noch nicht entlassen.“
Ein gefährliches Funkeln trat in Elûdins Augen. „Gib Acht, was du sagst, Wunderling!“, sprach er langsam und kalt. „Oder dich wird schon sehr bald-!“, doch Morwe schnitt ihm das Wort ab.
„Gib du Acht wie du mit meinen Freunden sprichst!“ Er stellte sich vor seinen Bruder, dessen Gesicht Irritation und Wut verriet. „Und wie sprichst du mit mir, Bruder? Sage mir, seit wann bist du der Ältere von uns beiden, dass du so das Wort an mich richtest?“
Ein Schweigen trat ein, dann beugte Elûdin sich vor und flüsterte: „Mögen wir das vielleicht unter vier Augen fortführen?“
„Nein.“
Er seufzte und trat näher an Morwe heran. „Ich mag es nicht mit dir zu streiten.“, seine Züge verrieten aufrichtiges Bedauern und er klang gekränkt, was Morwe einen Stich versetzte. Er hasste es, wenn sein Bruder es ihm so schwer machte ihn zu verabscheuen. „Es tut mir Leid, Bruder, bitte verzeih.“
Schuldbewusst suchte Elûdin in seinem Gesicht nach einem Zeichen, was in ihm vorging und was er dachte. „Ich mache mir bloß Sorgen um dich und deinen Umgang.... Du bist seltsam geworden in letzter Zeit und frage mich warum. Es lag mir fern dir zu nahe treten zu wollen, sei mir bitte nicht böse.“
Mit gemischten Gefühlen betrachtete Morwe die Hand, die sein Bruder ihm hinhielt. Am liebsten hätte er sie zur Seite geschlagen, aber es war sinnlos. Sein Bruder verstand den Groll nicht, den er gegen ihn hegte und er würde es wahrscheinlich nie verstehen. Für Elûdin existierten nur die Regeln ihres Hauses. Sie waren richtig, sie waren der einzige Weg und wenn er ihnen folgte, konnte er nicht falsch gehen. Trotz dieser Engstirnigkeit, die ihren Vater das Leben gekostet hatte, war Elûdins Liebe für Morwe ehrlich. Und seine Sorge um ihn auch. Wahrscheinlich war es für seinen Bruder ein unlösbares Rätsel, warum Morwe ihn seit fast 100 Jahren abweisend und kalt behandelte und es schien ihn zu belasten. Diese Treue, mit der Elûdin immer noch freundlich und herzlich mit Morwe umging, trotz aller Zurückweisung, war fast rührend. Doch nicht rührend genug, um seinen Hass zu besänftigen. Dafür war sein Bruder gegenüber anderen zu hart und unbarmherzig.
„Schon gut...“, brummte Morwe letztlich und drückte die ihm dargebotene Hand. „Reden wir ein andermal...“ Wann und ob es dieses „andermal“ geben sollte, blieb fraglich.
Erleichterung erwärmte Elûdins Züge. „Ist gut.“ und etwas lauter und auch für Rínon hörbar setzte er nach „Ich will euch bei eurer ‚Zusammenkunft‘ dann auch nicht weiter stören.... Ich habe noch Pflichten, denen ich nachgehen muss.“, er drückte Morwes Hand und nickte Rínon knapp zu und verschwand mit wehendem Umhang die Terrasse entlang und den Pfad hinab ins Tal.
Sie sahen ihm nach wie seine Gestalt in der Ferne verschwand und für einige Augenblicke wurde es still zwischen ihnen.
„Wann nimmst du dir einmal einen Abend Zeit, um mir diese seltsame Beziehung zu deinem Bruder zu erläutern?“, ertönte es belustigt hinter Morwe. „Es ist fürwahr ein starkes Stück von ihm mich einen Wunderling zu heißen.“
Morwe schmunzelte. „Wenn ich es wüsste, würde ich es dir gerne erzählen. Aber lass uns zu angenehmeren Dingen zurückkehren...“, er drehte sich um. „Wie hast du den Namen der Zwergin in Erfahrung gebracht? Ich brenne vor Neugierde.“
„Nun...“, sein Freund verschränkte die Arme hinter dem Kopf und nahm eine entspannte und prahlerische Haltung an. Er wollte zu sprechen ansetzen, aber seine Augen gingen auf einmal an Morwe vorbei zum Garten hin. „Sieh!“
Er folgte Rínons Blick und erkannte weit hinten auf einer Wiese bei den Elbenfrauen zwei Personen, die so gar nicht in das Bild der Landschaft passten. Ein langer Elb mit silbernem Haar und ein älter aussehender mit dunklem Haupt. Morwe erkannte die Körpersprache sogleich, es war Lómion. Entsprechend war sein Begleiter wohl Calatar.
„Sind sie das?“, kam es von Rínon, der aufgesprungen war und Morwe nickte beklommen.
„Sie werden hierher kommen... Ich muss verschwinden und zwar schnell.“
„Wo willst du denn hin? Wenn du deinem Bruder folgst werden sie dich sehen und wenn du dich ins Unterholz schlagen willst ebenfalls! Elronds Haus wird bei all den Wachleuten wohl nicht das beste Versteck bieten, sie wissen wahrscheinlich längst, dass man dich sucht und es war dein Glück, dass Elûdin anscheinend von nichts wusste!“, antwortete ihm sein Freund gehetzt.
Morwe suchte mit den Augen den Platz ab, während sie sich hinter den Säulen verbargen. Rínon hatte Recht. Lómions Augen waren scharf genug, um ihn zu erkennen, sobald er sein Versteck hier verließ. Wohin sollte er entkommen? Sollten sie hier ausharren und hoffen, sie würden nicht entdeckt werden, wenn sie sich nur in den richtigen Momenten um die Säule drehten?
Sie tauschten besorgte Blicke aus. Rínon war ein genauso schlechter Lügner wie Morwe es war. Er würde die beiden Männer nicht auf eine falsche Spur locken können, eher würde er sie stutzig machen.
Lómion und Calatar hatten inzwischen den Marmorplatz erreicht und hielten vor dem Teich an.
Gestikulierend versuchte Rínon Morwe irgendetwas mitzuteilen. Seine Lippen formten Worte. Baum!, er zeigte zu dem gewaltigen und weit verästelten Baum mit der hellen Rinde hinüber, dessen Blätterdach dicht und grün war, obwohl es auf den Winter zuging. Ja, er würde ihnen ein passendes Versteck bescheren, aber dafür mussten sie erst einmal ungesehen hinter den Säulen hervorkommen können.
Plötzlicher Lärm über ihnen ließ sie aufhorchen. Es klang als würde jemand schreien. Etwas klirrte und die Geräusche splitternden Glases erfüllten die Luft. Dann ein Krachen und auf einmal schlug irgendetwas hartes scheppernd auf dem Platz auf. Die beiden Elben, die eben noch an der Brücke gestanden hatten, waren dem Gegenstand, der eine silberne Essplatte zu sein schien ausgewichen und eilten verwirrt zu einem überdachten Bereich und verschwanden hinter einer Baumgruppe aus Morwes und Rínons Sicht. Die beiden warfen sich vielsagende Blicke zu.
Sogleich spurteten sie los, erreichten den silbernen Baum und kletterten geschwind an ihm hinauf. Vom Balkon wehten Stimmen zu ihnen. Die eine, die schrie und fluchte, schien einer jungen Frau zu gehören, die andere war die Elronds.
Nachdem Morwe sicher und versteckt im Geäst etwa auf Höhe des Balkons saß, schaute er mit fragender Miene zu seinem Freund hinauf, der ein paar Äste weiter oben Platz gefunden hatte.
Rínon grinste unschuldig und raunte „Sie ist temperamentvoll.“.


Ich hatte mir gedacht, dass Elrond und Nîn schon ein Weilchen gequatscht haben, so zehn Minuten oder so, bis Elûdin nach draußen gekommen ist. Hat der halt drinnen schmollend vor der Tür gehockt x) was ansonsten zwischen Elrond und Nîn abgelaufen ist, bleibt dir überlassen... im Rahmen dessen, was ich hier verzapft habe 0=P
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 07 Jul 2013, 18:06

„Ihr habt Euch kaum verändert, seit Ihr vor nun gut zwölf Jahren zuletzt wie ein kleiner Wirbelwind durch diese Hallen hier gerast seid. Euer Vater war stolz auf eine so kraftvolle Tochter, während Eure Mutter beharrlich versuchte, Euch für edle Gewandungen zu begeistern.“ Ertappt hörte Nîn auf, unbehaglich an ihrer Robe zu zupfen. Sie hoffte stark, dass Elrond mit den scheinbaren Augen in seinem Hinterkopf nicht auch die Röte erkennen konnte, die ihr in die Wangen schoss.
Es war nicht so, dass die Robe, die Rínon ihr gebracht hatte, kratzen würde oder anderweitig unbequem war... Sie fühlte sich schlicht und ergreifend einfach nur nackt und schutzlos ohne ihren Kettenharnisch, ihre Lederrüstung und ihre Waffen. Besonders ihren Umhang vermisste sie, unter dem sie ihr Gesicht sonst so gut verstecken konnte. Sie fühlte sich angreifbar und ausgeliefert unter all diesen fremden Elben, die sie belustigt angestarrt hatten und jetzt auch noch in direkter Nähe zu demjenigen, dem sie den Tod ihrer Eltern zu verdanken hatte.
Aber anstatt sie anzugreifen oder anzuschreien, war er nur schweigend etwas versetzt vor ihr den Gang entlang gelaufen, was sie zu tiefst verunsicherte.
Wollte er sie etwa genauso um den Finger wickeln, wie zuvor ihren Vater und ihre Mutter?
Sie davon überzeugen, einer ‚größeren Sache‘ dienen zu müssen und dafür ihr Leben aufs Spiel setzen zu müssen?
Sollte er es ruhig versuchen, sie würde sich nicht einlullen lassen von so einem hochgewachsenen Spitzohr...
Sie waren an einer der wenigen Türen angekommen, die Nîn auf ihrem Weg durch Bruchtal bisher gesehen hatte. Hatte hier etwa niemand Angst ausgeraubt zu werden, wenn hier alles für jeden frei zugänglich war?
Elrond nickte den zwei Elben zu, die an den beiden Türflügeln Wache hielten und sie entfernten sich mit einer kurzen Verbeugung.
Nîn spannte ihre Muskeln.
War er nur deshalb so gelassen, weil er dachte, sie würde von dieser Übermacht an Gefolgsleuten eingeschüchtert werden?
Elrond öffnete den Durchgang und bat Nîn mit einem Lächeln vorzugehen.
Zögerlich betrat sie den großen Raum. In Bree gab es ein Haus, das komplett voll gestellt war mit Büchern, Akten und anderen Schriftstücken, aber das war muffig und dunkel gewesen, nur bewohnt von einem buckligen Kerl mit zahnlosem Grinsen. Aber dieser Raum hier kam Nîn mindestens doppelt bis dreifach so groß vor wie dieses schäbige Haus und dazu auch noch lichtdurchflutet. Außerdem kam es ihr hier so vor, als könnte man die Dinge, die man sucht, auch finden.
Jeder Platz an den hohen Wänden war bedeckt mit Regalen, in denen sich Schriftrollen tummelten und an die Leitern gelehnt waren. Etwa sieben große Tische standen in diesem Raum. Jeweils drei flankierten die beiden Seiten und ein besonders großer, hölzerner Tisch verdeckte den Blick auf die bunt verzierten Fenster, die die gegenüberliegende Raumseite bedeckten und wie ein Portal in eine andere Welt wirkten.
„Die Halle der Geschichten... Hier befinden sich Aufzeichnungen aus allen Zeitaltern dieser Welt über alles, was festgehalten werden musste. Ihr wart noch sehr jung, als Eure Eltern tapfer wie sie waren in den Kampf zogen. Deshalb baten sie mich, einen Brief für Euch zu verwahren, für den Fall, dass es ihr Schicksal es nicht vorgesehen hatte, Euch aufwachsen zu sehen.“ Er legte ihr von hinten die Hand auf die Schulter und die Scham dieser Berührung zuckte wie ein Blitz durch den Körper der jungen Zwergin.
Sie entwand sich ruckartig seinem Griff und taumelte wutentbrannt ein paar Schritt von ihm weg. „Meine Eltern haben sich in Kämpfe eingemischt, die sie nichts angingen! Ich weiß genau, was damals passierte! Wegen Eurer Gehirnwäsche wurden sie aus ihrer Heimat verstoßen und sind wie Wahnsinnige für Euch ins offene Messer hinein gelaufen.“ Zu ihrer eigenen Überraschung hörte sie das Zittern in ihrer Stimme, das sich unaufhaltsam in ihrem ganzen Körper auszubreiten schien. Die Wörter, die sie dem verhassten Elb ins Gesicht brüllen wollte, blieben ihr schmerzhaft im Hals stecken und sie drehte sich wieder von ihm weg, damit er die Tränen nicht sah, die ihr ungewollt in die Augen stiegen.
Was für eine bösartige Hexerei herrschte hier nur, dass ihre Gefühle plötzlich so überhand gewannen?
Mit verschränkten Armen ging sie einige Schritte durch den Raum, bis sie vor dem mittig stehenden Tisch angelangte, auf dem eine Servierplatte mit Brot und einem Krug voll klarer Flüssigkeit abgestellt worden war.
Nîn entwich ein Schnauben. Erst machten die Elben einen auf edel und reich, mit hässlich verschnörkelten Wänden und teurem Geschirr, und dann wurde einem als Nahrung gerade einmal trocken Brot und Wasser angeboten...
„Ich verstehe euren Schmerz, doch Ihr irrt Euch... Eure Eltern haben sich unserer Sache aus freien Stücken angeschlossen, denn sie ging sie sehr wohl etwas an, so wie sie eigentlich alle etwas anging.“ Nîn hörte, wie Elrond hinter ihr zu den Regalen schlenderte und ihr stieg förmlich die Galle auf, als er sich anmaßte zu behaupten, er würde ihren Schmerz verstehen.
Wer war er schon? Was hatte er denn für Ahnung wie es war ein Leben ohne Familie und ohne Heimat zu führen? Als Ausgestoßene ihres eigenen Volkes... Neuerdings auch noch von Orks gejagt und nirgendwo geduldet...
„Freie Stücke, dass ich nicht lache! Ich kenne auch Methoden wie Menschen andere davon überzeugen, ganz freiwillig ihren Willen zu befolgen.“ Sie drehte sich mit geballten Fäusten um und starrte Elrond durchdringend an. „Und das waren nur einfache Herumtreiber und keine langjährig geschulten Meister wie ihr.“
Elrond seufzte so überzeugend mitfühlend, dass Nîn ihm seine Aufrichtigkeit beinahe geglaubt hätte.
„Es tut mir ehrlich Leid, dass Ihr diese Erfahrung machen musstet. Ich versprach Eurer Mutter, Euch in Imladris eine Heimat zu bieten, doch wie mir schien, gab es keine Möglichkeit Euch zum Bleiben zu überreden, bis zumindest die Wunden eures Verlustes verheilt waren.“
Er ging um den Tisch vor Nîn herum und setzte sich mit einer Schriftrolle in der Hand in einen gemütlichen Lehnstuhl. „Bitte setzt Euch doch, und trinkt einen Schluck, das beruhigt Körper und Geist und wir können uns in Ruhe unterhalten.“ Er machte eine einladenden Geste in Richtung eines zweiten Stuhles, die Nîn demonstrativ überging, und schenkte etwas Wasser in zwei kristalline Gläser ein.
„Ich will mich nicht unterhalten, ich war zwar noch jung, aber ich weiß genau, was passiert ist! Ihr habt mir meine Eltern gestohlen!“ Sie versuchte beherrscht zu klingen, doch ihre Stimme schien ein Eigenleben zu entwickeln, genau wie das Pochen in ihren weiß anlaufenden Fingerknöcheln.
Elronds Worte waren noch immer ruhig und entspannt, mit diesem nervigen und geheuchelt verständnisvollen Unterton, wie Nîn fand. „Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass die Erinnerungen an Eure Kindheit nicht der Wahrheit entsprechen, nur, dass sie möglicherweise etwas getrübt und verworren sind, angesichts des Schocks, den ihr damals erleiden musstet.“
Nîn hatte sich stark auf die Unterlippe gebissen, um nicht die Beherrschung zu verlieren, doch der Effekt blieb aus. „Ihr gebt also offen zu, dass es wahr ist?! Dass Ihr meine Eltern wie wertlose Käfer ins Verderben geschickt habt?!“
Elrond hob beschwichtigend die Hände. In seinem Gesicht spiegelten sich Trauer und Reue und Nîn musste ihm innerlich widerwillig ihren Respekt aussprechen. Er musste ein wirklich guter Schauspieler sein! „Bitte beruhigt Euch und trinkt einen Schluck, das wird Euch gut tun.“
„ICH BIN RUHIG!“ Sie schlug ihm das Glas aus der Hand, das mit einem hellen Klirren zu Boden viel.
Tränen ließen das ruhige Gesicht des Elben vor ihr verschwimmen. „Ich hab es so satt!!! Dauernd wollen mich nur alle bemitleiden und sagen sie würden meinen Schmerz verstehen! Ihr habt doch alle keine Ahnung!“ Nîn fuchtelte wild gestikulierend mit ihren Fäusten um sich und erwischte dabei den Wasserkrug, der dadurch eine ähnliche Flugbahn wie das Glas vor ihm einschlug. „Nicht einmal eine Entschuldigung oder eine klare Antwort! Nein! Immer nur Heuchelei! Ich habe keine Lust mehr auf dieses ganze Getue und diese gespielte Höflichkeit! Und ich will jetzt auch nicht sitzen oder mir diesen aufgeblasenen Mist antun!!!“ Schluchzend hatte die Zwergin nach der silbern verzierten Servierplatte gegriffen, war zwei große Schritte um den Tisch herum geeilt und mit einem ohrenbetäubenden Klirren, flog sie durch das bunte Glas.
Erst jetzt nahm sie wahr, dass die Fenster die Tür zu einem verwachsenen Balkon gewesen waren über den die Platte hell sirrend hinweg flog. Vögel waren von draußen zu hören, die trotz all der Ungerechtigkeit in dieser Welt munter zwitscherten und ihre Lieder pfiffen. Der Wind zog durch die Blätter der Bäume und fand seinen Weg bis durch das Loch im Fenster. Er streifte Nîns tränennasses Gesicht und strich ihr sanft durchs Haar.
Es war beruhigend, wie die schon lang vergessene Berührung ihrer Mutter, wenn die kleine Nîn sich beim herumstreunern im Wald verletzt hatte und mit blutigen Knien zu ihr gekommen war. Das Lächeln, dass sich vor Nîns innerem Auge bildete, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. In all den Jahren hatte sie nie versucht an ihre Vergangenheit zu denken. Sie hatte viel zu viel Angst davor gehabt sich eingestehen zu müssen, wie sehr sie ihre Eltern doch geliebt hatte... und vermisste... und brauchte... in dieser bösartigen Welt...
Mit einem Gefühl, als hätte sie jemand geohrfeigt, erkannte sie plötzlich den Kopf von Rínon zwischen den Blättern der Eiche vor dem Balkon, und sie wischte sich hastig die Tränen von der geröteten Wange.
„Geht es dir jetzt besser?“ Die Stimme Elronds, der immer noch ruhig und regungslos in seinem Stuhl saß, war fast nur ein Flüstern, doch durch die Stille, die nach Nîns Wutausbruch herrschte, drang sie unnatürlich laut an Nîns Ohr.
Sie nickte nur, ohne ihn anzuschauen. Peinlich berührt wandte sie sich von dem Fenster ab, damit Rínon sie nicht mehr sehen konnte.
Es war lange her, dass sie sich so hatte gehen lassen. Sie hasste es, wenn das passierte. Das war kindisch und albern und vollkommen unangebracht für eine Kriegerin wie sie. ...Und dann passierte ihr das auch noch ausgerechnet vor Elrond... Und dem einzigen Elb, der sie nicht wie eine eine Porzellanfigur oder eine ansteckende Krankheit behandelt hatte, konnte sie nun auch nicht mehr unter die Augen treten...Was machte der auch in einem Baum? ...Nun, er war schließlich ein Elb... aber bisher hatte sie die Bezeichnung „Baumschmuser“ immer nur für eine Beleidigung wegen der Naturnähe dieses Volkes und nicht für eine Wort wörtliche Tatsache gehalten...
Sie bemerkte das Schweigen, das zwischen ihr und Elrond herrschte und als sie ihm einen Blick zu warf, war es, als würde seine unnatürliche Ruhe auf sie übergehen. Tief durchatmend sah sie wieder die Schriftrolle, die er immer noch in Händen hielt und zum ersten Mal, seit sie in Bruchtal angekommen war, empfand sie auf einmal etwas wie wahre Neugier. „Was steht da drin?“
Elrond lächelte. „Das hier ist nicht der richtige Ort dafür. Wenn du wirklich wissen möchtest, für was deine Eltern gekämpft und sogar ihr eigenes Leben geopfert haben, obwohl ein kleines, impulsives Mädchen daheim auf ihre Rückkehr wartete, dann wäre es an der Zeit, dass wir dahin gehen, wo das letzte Andenken deiner Familie aufgebahrt wurde. Er erhob sich und blieb kurz neben ihr stehen, bevor er sich auf den Weg machte. Die Zwergin nickte und ging neben ihm abermals den scheinbar endlosen Gang entlang.
Nach etwa der Hälfte des Weges, den sie her gelaufen waren, bog Elrond auf ein schmale Treppe ab, die sich an der Außenwand des Gebäudes entlang schlängelte. Obwohl der Wasserfall, der aus den brüchigen Felsen einen breiten Fluss mündete, weit von ihnen entfernt schien, spürte Nîn feine Wassertropfen auf ihren Armen und ihrem Gesicht, deren angenehmes Prickeln, die Trauer in ihrem Herzen gleich viel leichter wirken lies. Am Ende der Treppe schritten sie durch einen Torbogen und das Rauschen des Wassers war mit einem Mal fast vollständig verstummt. Das Bild ihres Vaters stieg urplötzlich in ihr auf, wie begeistert von den Steinarbeiten erzählte, die die Elben hier selbst ohne zwergische Kenntnisse erschaffen hatten. Elrond führte sie über einen ruhigen Platz zu einer dunklen Halle, die wie aus dem Fels geschlagen schien.
Ohne auf die neugierigen Blicke der wenigen Elben auf ihrem Weg zu achten, ging sie wortlos neben Elrond her und blickte erst aufmerksam auf, als sie die Halle betraten. Respekteinflößende Statuen und Podeste waren hier aufgestellt. Hier und da waren im Zwielicht einige Steinbänke in den Ecken zu erkennen und Bilder oder Schriftzeichen, die die Wände an einzelnen Stellen verzierten.
Sie blieben vor einem großen Gedenkstein stehen und Elrond begann von den Gundabad Bergen zu erzählen.
Von Durins Erwachen dort und wie die Zwerge in den heiligen Stollen dieser Berge ein Reich errichtet hatten, das fast so groß wie das um Moria gewesen war. Wie Bruchtal für die Oberhäupter der Elben war dieses Reich früher auch ein Treffpunkt für Abgesandte der sieben Zwergenstämme gewesen, doch am Ende des zweiten Zeitalters fielen Orks zum ersten Mal über diese heilige Stätte her und verwüsteten sie fast vollständig. Es begann eine Reihe von Schlachten der Zwerge um das heilige Königreich zurück zu erobern, doch alle endeten sie in Blut und Verderben. Nachdem es Anfang dieses Zeitalters fast in Vergessenheit geraten war, wurde eine Armee aus Angmar gesichtet, wie sie durch die Nebelberge zog. Die Elben, die seit jeher Jagd auf Saurons Diener gemacht hatten, duldeten es nicht, diese Armee ungeachtet an Bruchtal vorbei ziehen zu lassen. Wäre dies geschehen, wären sie danach auf eine so große Verstärkung aus Orkstadt gestoßen, mit der sie nicht nur das verlassene Gundabad vollständig unter ihre Kontrolle gebracht, sondern auch den Berg Gram zu neuer Stärke verhalfen hätten. Dem Ort, von wo aus eine riesige Orkarmee in früheren Tagen einen unerbittlichen Krieg gegen die friedlichen Hobbits aus dem Auenland geführt hatte.
Nîn versuchte Elronds ausschweifenden Erklärungen zuzuhören, doch ihre Aufmerksamkeit wurde komplett von dem Bild vereinnahmt, das in den Stein vor ihnen gemeißelt waren. Eine Armee von Orks, die von Elben in die Flucht geschlagen wurde und mitten zwischen den Elbenkriegern waren zwei kleinere Gestalten, die fein hervorgehoben mit gegen die Orks los stürmten.
Elrond erzählte weiter von ihren Eltern, wie sie trotz aller Feindseligkeiten ihrer Völker als einzige einer Gruppe von Elben Schutz und Obdach gewährt hatten und darum von ihres Gleichen ausgestoßen wurden und ins Exil flüchten mussten. Und auch, wie sie bei ihren Reisen um Bree und Bruchtal herum immer wieder in Kontakt mit ihm kamen, bis sie schließlich von den Machenschaften der Orks gegen ihr heiliges Königreich erfuhren und beschlossen, sich für die Ehre aller Zwerge zwischen die Orks und Durins Geburtsstätte zu stellen, doch Nîn konnte die Worte aus seinem Mund schon gar nicht mehr richtig verstehen.
Sie verfluchte sich dafür, denn sie hatte ihr Leben lang darauf gewartet endlich die ganze Wahrheit zu erfahren, doch da vor ihr, waren ihre Eltern...Filigran in Marmor verewigt... Sie konnte jedes einzelne Haar von ihnen erkennen und hatte sogar ihren Geruch in der Nase... Oder kamen diese Sinneseindrücke von den Erinnerungen, die sie in diesem Moment versuchten zu überwältigen?
Das ihr Elrond mit der Hand auf ihrer Schulter, die Schriftrolle in die Arme gedrückt hatte, bemerkte sie erst einige Zeit nachdem sie sie schon fest in Händen hielt und Elrond mit seiner Erzählung schon längst an einer anderen Stelle angelangt war. Zusammenhanglose Bilder und Satzfragmente flogen blindlings durch ihren Kopf und obwohl Nîn alle Erinnerungen an ihre Eltern in diesem Moment gleichzeitig wahrzunehmen glaubte, konnte sie sich doch auf keine einzige Konzentrieren, geschweige denn festhalten. Nachdem sie die Rolle in ihrer Hand anstarrte, kehrte überraschende Ruhe in ihrem Kopf ein und sie merkte, dass auch Elrond aufgehört hatte zu sprechen. Ob er das erst vor kurzem getan hatte, oder seit einiger Zeit schweigend neben ihr stand, konnte sie nicht sagen. Seine Hand lang noch immer väterlich tröstend auf ihrer Schulter.
Schritte störten mit einem Mal die zeitlose Stille, die sich um die Zwergin gelegt hatte. Ein Elbenkrieger, der wesentlich kleiner und schmächtiger erschien, als derjenige der Nîn zu Elrond geführt hatte, kam auf sie zu und hielt in einer tiefen Verbeugung inne. „Meister Elrond! Die Herren Elrohir und Elladan sind unvermittelt zu uns zurück gekehrt und bringen Botschaft um die Orks, die neuerdings durch die Trollhöhen ziehen. Sie bitten um Ihr Gehör und erwarten sie in der großen Halle.“
Elronds Mine war ernst und unergründlich, als Nîn ihm einen verwirrten Blick zu warf.
„Ich denke, es ist das Beste, wenn ich dich hier für einige Zeit mit deinen Gedanken alleine lasse. Es steht dir frei so lange in diesen Hallen zu verweilen wie du magst und natürlich halte ich mein Wort, dass ich vor sehr langer Zeit deiner Mutter gegeben habe. Du bist hier heute und auch in Zukunft genauso willkommen wie auch noch zu Lebzeiten deiner Eltern. Wenn du auch heute noch so sehr dem Wesen deines Vaters nacheiferst wie früher, ist es wohl zu viel zu hoffen, dass dieser Ort jemals eine Heimat für dich werden könnte, aber es würde mich freuen, wenn du ihn zumindest als beständige Zuflucht ansehen könntest, in der die Narben deiner Vergangenheit vielleicht Zeit finden um zu verheilen... Ich werde Morwe anweisen, die Unterkunft deiner Eltern für dich wieder her zu richten und dich zu ihr zu führen, wenn du so weit bist. Es gibt da noch eine kleine Überraschung, über die du dich sehr freuen würdest. Egal ob du bleiben möchtest oder nicht, wird sich also wenigstens ein kurzer Besuch durchaus lohnen.“ Er zwinkerte ihr mit einem Lächeln zu und wandte sich zum Gehen. „Außerdem wäre es nur angebracht dich bei deinem Retter zu bedanken, denn Morwe war es, der dich auf der Schwelle des Todes aufgelesen und unter großen Risiken zu Venyannen gebracht hatte.“


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Ah ok, jetzt fängt Elrond an zu erzählen.....
hmmm.....scheiße.........
was erzählt der denn?....
Was war denn überhaupt los?......
Öhm....hätte ich mir da nicht vorher drum gedanken machen sollen?
O.o verdammt...
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 15 Jul 2013, 22:44

Morwe versuchte zwischen den Ästen eine annähernd bequeme Position zu finden. Egal wie er sich hin und her wand, entweder war er vom Boden aus unmittelbar zu erkennen oder ihm stach irgendein Zweig in den Rücken. Er hoffte inständig, dass seine Verfolger sich möglichst rasch und vor allem bald endlich wieder daran machten zu verschwinden. Lange würde er nämlich so nicht verharren können. Und in die höheren Wipfel zu klettern wagte er nicht, denn trotz des brausenden Windes, der durch die Blätter strich, fürchtete er, sie könnten ihn hören. Ein prüfender Blick zum Brunnen hin bestätigte ihm, dass Lómion und Calatar immer da waren und sich gedämpft und wild gestikulierend über etwas stritten.
Missmutig schaute Morwe zu Rínon hinauf, der einen deutlich besseren Platz erwischt zu haben schien. „Siehst du etwas?“
Sein Freund beugte sich vor, schwieg jedoch. Auf einmal wurden seine Augen groß und er zog rasch den Kopf ein. Sich an den Ast, auf dem er saß, klammernd, verzog er das Gesicht. „Sie hat mich gesehen.“
„Glaubst du, sie verrät uns?“, wisperte Morwe alarmiert.
Rínon schüttelte sein rotes Haupt. „Nein.“
„Was macht dich so sicher?“
„Nun.....“, sein Freund lächelte betreten und senkte seine Stimme noch weiter. „...es scheint, als wäre es eine etwas sagen wir emotionalere Unterhaltung, die sie mit Herrn Elrond führt.“
Morwe öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, klappte ihn sogleich aber wieder zu. „...Ich verstehe.“, murmelte er nach einem Moment der Stille und senkte den Blick.
Über was mochten Herr Elrond und die Zwergenfrau reden, wenn es ihr so nahe ging? Eigentlich hatte er sie deutlich robuster eingeschätzt. ...Doch er hatte auch nicht erwartet, dass sie gleich unmittelbar nach dem Aufwachen ein Silbertablett durch ein Fenster werfen würde.
Offenbar sind Zwerge tatsächlich mit Vorsicht zu genießen..., überlegte er. Wobei... Wenn ihm etwas ähnliches widerfahren und er von Zwergen gerettet und in eine ihrer Städte gebracht worden wäre, wo ihn jeder wie ein seltenes und kurioses Tier behandeln würde, mochte er ebenfalls nervlich mehr als nur angespannt sein. Und dann auch noch einen Marsch durch jenen fremden Ort mit jemandem wie seinem Bruder zu tun... Morwe kam zu dem Schluss, dass es beinahe an ein Wunder grenzte, dass die Zwergin noch niemanden angefallen hatte. Zum Beispiel Elûdin.
„Wie ist die Lage unter uns?“, Rínons Flüstern riss ihn unvermittelt aus seinen Gedanken. Er spähte durch die Zweige und zu seiner Verwunderung sah er seine Verfolger nicht mehr. Sich vorsichtig vornüber beugend, wagte er seinen Kopf ein kleines Stück aus dem Blätterdickicht zu tun. Gerade noch erhaschte er einen Blick auf Lómion und Calatar, die anscheinend aufgegeben hatten hier nach ihm Ausschau zu halten, wie sie hinter einer Baumgruppe in Richtung der Gärten verschwanden. Endlich... Voller Erleichterung gab Morwe seine verkrampfte Haltung auf und ließ sich kopfüber durch die Luft baumeln. Er stieß einen Seufzer aus. In der gleichen Sekunde kam ihm jedoch plötzlich wieder in den Sinn, wo er sich befand. Hektisch bemühte er sich, sich soweit herumzudrehen, dass er über deine Schulter zum Balkon hinüber gucken konnte. Das Fenster zu Elronds Kammer war in einem recht steilen Winkel schräg über ihm und auch wenn noch reichlich Platz zwischen Baum und Balkon war, konnte man Morwe - zumindest hoffte er das inständig - wahrscheinlich nicht sehen. Jedenfalls nicht unmittelbar. Es sei denn, jemand kam auf die plötzliche Idee auf den Balkon oder den Umgang der Halle hinauszutreten....
Auf einmal senkte sich ein dunkelgrüner Schatten über sein Haupt und nahm ihm die Sicht. Wind kitzelte seinen entblößten Bauch. Etwas raschelte im Geäst über ihm, dann wehte unterdrücktes Lachen an seine Ohren.
„Wie ausgesprochen elegant.“
Morwe kicherte. Er versuchte sich lieber nicht vorzustellen wie albern er aussehen mochte mit seiner Tunika über dem Kopf, halb nacktem Oberkörper und baumelnden Armen. Und das ausgerechnet vor Herrn Elronds Hallen... Immerhin verbarg sein Gewand sein Gesicht falls ihn doch jemand erblicken sollte.
Eine Hand fasste ihm am Gürtel seiner Hose und Rínon versuchte ihn in den Schutz der Blätter zurückzuziehen. „Machst du dich mit Absicht so schwer oder hast du den Festessen in letzter Zeit etwas zu ausgiebig zugesagt?“, presste sein Freund zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Selbst ein ausgewachsener Eber würde bei deinem Gewicht vor Neid erblassen!“
Aber Morwe gackerte nur und machte sich so schlaff wie er konnte. „Wenn du dich fleißiger deinen Studien widmen würdest, mein lieber Tunichtgut, hätte dir das unablässige Büchertragen genug Kraft beschert, um zwei von mir emporzuheben! Aber alles, was du übst, sind deine Augen, wenn du anständigen Damen beim Baden nachstellst.“
Prompt erntete er dafür einen Hieb in die Seite. Mit einem Ruck wurde er auf den Ast zurückgezogen, wobei ein dicker Zweig gegen seine Stirn schlug. Das hat er mit Absicht gemacht!
Rínon zog ihm die Tunika wieder zurecht und fixierte ihn mit einem schelmischen Ausdruck in den Augen. „Du schließt von dir auf andere, mein lieber Morwe! Ich lebe allein von Luft und meiner Liebe zur Natur!“, wie beiläufig fügte er noch hinzu. „Herr Elrond und Nîn sind übrigens ebenfalls weg. Ich sah sie die Kammer verlassen kurz bevor du beschlossen hast deine dürftige Fledermausimitation zum besten zu geben.“
Blut rauschte in Morwes Ohren, als er sich gegen eine Astgabel lehnte und sich die Stirn rieb. „Wie schade... Dabei wollte ich doch so gerne den tristen Alltag unseres Herrn ein wenig erhellen.“, er sah auf und schenkte seinem Freund, der auf einen Zweig über ihm hockte, ein freches Grinsen. „Und im übrigen weiß ich, dass du nur deshalb von Luft und Blumen lebst, weil dich das Leben mit einem schweren Los gestraft hat, was deine Fähigkeit angeht dich zu verbergen.“
„Und ich weiß im übrigen...“, setzte Rínon ihm schnippisch entgegen. „..., dass du deine Tauchfertigkeiten nur aus einem einzigen Grund zu perfektionieren suchst!“
Morwe hob mit unschuldiger Miene die Brauen. „Ist das so? Und der wäre?“
Doch statt einer Antwort entwich nur ein unartikulierter Laut den Lippen seines Freundes, die sich kräuselten, und seine Wangen nahmen die Farbe seines Haars an.
Am liebsten hätte er Rínon noch mehr in Verlegenheit gebracht, doch eine jähe Böe trug säuselndes Stimmengewirr zu ihm herüber. Augenblicklich erstarrte Morwe und horchte angestrengt. Es kam von den Gärten. Durch das Blätterrascheln vermochte er nicht zu sagen, worüber gesprochen wurde, doch die Geräusche schienen von einer größeren Gruppe zu kommen. Und so wie es schien, kamen sie in ihre Richtung. Der Wind drehte sich ein wenig und Morwe glaubte die Bruchstücke „Zwergin“ und „Durcheinander“ vernommen zu haben. Womöglich hatte es sich bereits herumgesprochen, dass Nîn Elronds Inneneinrichtung das Fliegen beigebracht hatte...
Rínon, der Morwes angespanntes Gesicht sogleich verstanden hatte, war aufgestanden und tänzelte lautlos durchs Geäst zur anderen Seite des Baumes. Behutsam schob er das Blattwerk beiseite. Eilig folgte Morwe ihm.
Über die Wiese, welche die Gärten und die Terrasse miteinander verband, kam eine ganze Gruppe jüngerer Elben. Sie schlenderten gemächlich, ihre Gesten und das undeutliche Raunen im Wind verrieten, dass sie sich allem Anschein nach über ein für sie doch recht aufwühlendes Thema unterhielten. Die Augen einer Elbin mit dunkelrotem Rock leuchteten vor Neugierde und ein zierlicher junger Mann, fast noch ein Knabe, schien vollkommen von dem gebannt zu sein, was sein hochgewachsener Begleiter gerade erzählte.
Schaulustige... nach großartig.
„Da vorne, sieh nur!“, wisperte Rínon und deutete auf eine hagere ganz in lichtes Blau gehüllte Gestalt etwas abseits. Der blonde Elb gehörte ganz offenbar nicht zu jener Gruppe. Mit ausladenden Schritten seiner dünnen Beine durchmaß er die Wiese und hielt zielstrebig auf den Vorplatz zu.
Auch das noch....!, Morwe knirschte mit den Zähnen. Bei den Valar, musste sein Großvater denn wirklich alle seine verdammten Hunde auf ihn hetzen?! Als wären Lómion und Calatar nicht genug, die überall nach ihm schnüffelten und jeden nach ihm ausfragten, musste nun auch noch der Schlimmste von allen auf den Plan treten! Menelo, ein noch recht junger und vor allem einfältiger, charakterloser Mann, der allein dafür zu leben schien, um für Elothlond den Spitzel und Laufburschen zu spielen. Ganz abgesehen von seiner furchtbaren Angewohnheit urplötzlich irgendwo - vor allem dann, wenn Morwe gerade nicht auf jemanden wie ihn treffen wollte - aus dem Boden zu wachsen, war er mit seinem beinahe fanatischen Eifer einfach unerträglich. Obwohl er nicht einmal mit ihrem Haus verwandt war, Menelo kam aus einfachen schlichten Verhältnissen, eine Abstammung ohne jede Bedeutung, folgte er ihrer Doktrin als hätte er sie schon mit der Muttermilch eingesogen. Die Verehrung, die Menelo seinem Großvater entgegenbrachte, war beinahe.... abstoßend. Götzendienerisch. Und manchmal erwachte in Morwe, wenn auch nur für winzige Augenblicke, das brennende Verlangen es Elûdin gleichzutun und den Wahrheitsgehalt des Satzes „jeder Wurm krümmt sich, wenn man ihn tritt“ einmal selbst zu überprüfen.
„Morwe!“, zischte es neben ihm. Er machte sich von Menelos Gestalt los und sah zu Rínon hinüber. Das Gesicht seines Freundes verriet Besorgnis.
„Was ist?“
„Was auch immer du gerade gedacht hast, verwirf es!“, kam es von Rínon ungewohnt ernst. „Du guckst wie ein tollwütiger Wolf, der gleich ein Tier reißen will. Und das sieht dir alles andere als ähnlich!“
Überrascht und zugleich erschreckt tastete Morwe über seine angespannte Gesichtsmuskulatur. Er schloss für einen Moment die Augen, um sich wieder zu beruhigen. Erst jetzt nahm er wahr, dass sich sein ganzer Körper wie in einem Krampf versteift hatte. Unstete Wut pulsierte durch seine Adern. Sein Magen hatte sich zusammengezogen. Seine Finger waren taub, so fest hielt er das Holz umklammert. Was geht da nur in mir vor? Er fühlte eine Hand auf seinem Arm. Die Stimme seines Freundes war erwärmend, aber auch eindringlich. „Menelo ist ein Narr, das weißt du. Gerade du. Und dieser Speichellecker ist es nicht wert, dass du diesen Hass in dich hineinlässt!“
„Du hast ja Recht...“, gestand Morwe matt und öffnete die Augen wieder. Er bedachte Rínon mit einem dankbaren Lächeln. „Manchmal vergesse ich mich....“
Sein Freund schmunzelte. „Deshalb bin ich da, um dich wieder zur Besinnung zu bringen. ....Wo willst du hin?“, fügte er verdutzt hinzu, als Morwe sich erhob und den Platz nach einem möglichen Fluchtweg hin untersuchte.
„Wir müssen von hier verschwinden. ...Oder vielmehr ich.“, er suchte die Terrasse mit den Augen ab so gut es das Blätterwerk zuließ, fand aber keinen Weg, wie sie ungesehen an Menelo vorbeikommen konnten. Er war bereits zu nah. Warum habe ich so lange gezögert?!, schalt er sich. „Hier oben findet er uns. Auch wenn er ein Narr ist, er ist leider nicht auf den Kopf gefallen.“, meinte Morwe zerknirscht. „Und er gibt auch nicht so schnell auf, wenn er einmal Witterung aufgenommen hat. Weißt du noch im April letzten Jahres?“
„Ja...“, brummte Rínon langsam und missmutig und seine Augen wurden schmal. „Danke für die Erinnerung daran.... Nicht, dass ich es gerade endlich vergessen hätte. Es hat fast sechs Monate gebraucht bis ich meine Wirbelsäule wieder normal strecken konnte! Und was hat uns das Versteckspiel gebracht? Nichts, gar nichts....! ....Dabei habe ich dir noch gesagt, er hat uns gesehen!“, setzte er hinzu.
Ein Schnauben entwich Morwes Mund, während er durch die Baumkrone kletterte. „Du hast gesagt, du glaubtest er hätte uns gesehen! Und du warst dir genauso sicher wie ich, dass das Versteck perfekt war. ... Dagegen ist dieser Baum hier ein schlechter Scherz.“
„Kann sein, aber dafür hat er keine Anhaltspunkte dafür, dass wir uns hier auch nur in der Nähe befinden.“, entgegnete Rínon schulterzuckend. Dann wurde sein Gesicht steif. „...Es sei denn, dein herzallerliebster Bruder hat uns verpetzt.....“
Morwe und Rínon tauschten Blicke aus.
„Weißt du, wir, womit ich meine du, könnten auch einfach aus dem Baum auf ihn springen....“, schlug sein Freund hoffnungsvoll, doch mit einem verzweifelten Unterton vor. „Es besteht immerhin die Chance, dass er davon das Bewusstsein verliert und er nie erfährt, wer ihm alle Knochen gebrochen hat. ...Wenn ihn dein Ebergewicht nicht auf der Stelle umbringt...“
„Ebergewicht?“, wiederholte Morwe mit affektiert freundlicher Stimme und schenkte Rínon ein gekünsteltes Lächeln. „Ich werde mich bei nächster Gelegenheit bei dir für deinen Liebreiz gebührend bedanken...“ Sein Freund schluckte.
Morwe wollte sich just umwenden, um weiter nach irgendeiner winzigen Möglichkeit zur Flucht Ausschau zu halten, da fiel sein Blick durch das Grün auf den Balkon. Ein Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.
Springen.... Aber ja! Das ist es! „Wir springen!“, flüsterte er unvermittelt voller Begeisterung.
Rínon starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Was?! Das war ein Scherz du Irrsinniger!“
„Nein, ich meine es ernst!“, er deutete auf den Umgang, der um die Hallen herumführte. „Dorthin! Menelo ist noch nicht an den Bäumen vorbei, wenn er da lang geht, verliert er die Terrasse für einen kurzen Moment aus der Sicht. Das ist unsere Chance!“
Für einen Sekundenbruchteil gingen die Augen seines Freundes ins Leere, dann hellte sich seine Miene auf. „Worauf warten wir dann noch?“
Sie kletterten durch das dichte Blätterdach bis zu einem festen Ast, der nah genug an den Balkon heran ragte. Rínon konnte von seinem Platz hinter Morwe aus noch die Baumgruppe vor der Terrasse sehen. „Er ist fast da.“, raunte er und Morwe sammelte all seine Kraft in seinen Beinen und machte sich bereit. Hoffentlich sind die Hallen heute nicht voller Wachen....
„Er wird uns hören.“, ertönte es hinter ihm. „Der Wind steht still.“
Tatsächlich... Morwe biss sich auf die Unterlippe. Ausgerechnet jetzt!
„Geh du allein weiter!“, wisperte Rínon hektisch. „Wenn wir drüben sind, renne ich nach unten, um ihn abzupassen und dir Zeit zu verschaffen. ...Deine Familie ahnt doch ohnehin schon, dass du versuchst ihnen heute zu entkommen, was kann also passieren?“
Rasch nickte Morwe, auch wenn er den Gedanken nicht mochte, seinen Freund mit diesem Scheusal allein zu lassen. „Ich schulde dir was.“
Rínon kicherte. „Wenn du davon ablässt dich bei mir zu bedanken, bin ich dir schon sehr verbunden! -Er ist da! Spring!“
Das Kommando schien noch gar nicht in Morwes Kopf angekommen zu sein, da hatten seine Beine ihn schon nach vorn katapultiert. In der Spiegelung von Elronds durchlöchertem Fenster konnte er seinen eigenen Schatten blitzschnell durch die Luft auf den marmornen Umgang zurasen sehen. Er sauste knapp über dem Geländer vorbei. Mit einer Rolle fing er seinen Flug ab und kam wieder auf die Füße. Ohne sich umzuwenden sprintete er nach rechts. Morwe kannte die Hallen und wusste, wo er nach einer offenen Tür suchen musste. Hinter ihm raschelte es, gefolgt von dem Geräusch eines Körpers, der auf einen harten Untergrund schlägt. Anscheinend war Rínons Landung nicht ganz so sanft gewesen. Als Morwe um die Ecke in einen weiten Gang einbog, erkannte er jedoch aus den Augenwinkeln, dass sein Freund sich wieder aufgerappelt hatte.
So schnell ihn seine Beine trugen rannte Morwe weiter. Endlich tauchte die Pforte zu seiner Linken auf, die stets geöffnet war und etwas versteckt im Schatten lag. Er verschwendete erst gar keine Energie darauf abzubremsen, gingen die Türen doch nach innen auf. Schwungvoll schleuderte er sich mit einer Hand an der Klinke in den langen und dunklen Gang hinein, der über und über mit Fresken und Ornamenten verziert war. Zielstrebig jagte Morwe durch die Korridore. Zu seinem großen Glück und Erstaunen, waren kaum Wachen irgendwo zu sehen. Die wenigen, an denen er vorbeihetzte, waren zu überrumpelt, als dass sie irgendwie weiter auf ihn reagiert hätten. Außerdem erkannten sie ihn in diesem Licht und in dieser Aufmachung wahrscheinlich ohnehin nicht.
Nicht mehr weit! Morwe konnte es kaum fassen, Menelo tatsächlich so gut wie entkommen zu sein. Wenn er erst wieder bei Venyannen war, würde er dessen Dachstube bis in die Morgenstunden nicht mehr verlassen.
Als Morwe die nächste Abzweigung hinter sich ließ, bemerkte er trotz seiner Geschwindigkeit ein Detail, das ihn stutzen ließ. Schlitternd bremste er ab. Er horchte kurz, um sicher zu gehen, dass ihm niemand auf den Fersen war, dann drehte er sich um und rannte das kurze Stück zurück.
Dem Flur, das sich nun zu seiner Linken befand, mündete in einem Treppenaufgang, der wiederum nach draußen auf einen gewunden Steinpfad um das Gebäude führte. Und für gewöhnlich war er immer bewacht. Warum nicht heute? Wo sind die Wachen? Irritiert musterte Morwe den Korridor. Langsam näherte er sich der Treppe und ehe er sich versah, war er dem unbestimmten Gefühl in seinem Bauch gefolgt und fand sich auf dem Umgang am Wasserfall wieder. Dann begriff er endlich. Von den Hallen, die am Ende dieses Pfades lagen, aus gab es einen geheimen Weg in die Nähe des kleinen verlassenen Tals! Ihn kannten nur die obersten Wachen, zu denen Morwe sich glücklicherweise zählen durfte. Menelo wusste davon nichts.
So verwarf er kurzerhand seinen Plan bei Venyannen unterzukommen. Die Dachstube hatte zwar den Reiz, dass sie behaglich und voller Bücher war, aber was ihr fehlte war ein See. Und damit bot sie dem Tal keine ernstzunehmende Alternative.
Hastig rannte Morwe weiter. Niemand war hier, der gewundene Pfad war vollkommen leer und ebenso der Platz, an den er anschloss. Mit langen Schritten sprintete er über ihn direkt auf eine dunkle Halle zu. Sie wirkte seltsam fremd wie sie aus dem bloßen Fels gehauen schien zwischen all den lebendigen und sich in die Natur schmiegenden Gebäuden. Stumpf, beinahe beklemmend. Doch in ihrem Innern, das wusste Morwe gut, befanden sich ungeahnte Schätze und Kostbarkeiten. Es war eine Gedenkhalle. Wenn auch jene, denen dort gedacht wurde, nicht bei allen Elben den gleichen Respekt fanden. Seine Familie begnügte sich etwa damit die Existenz dieses Ortes vollkommen zu ignorieren.
Vielleicht sollte ich mich demnächst einfach hier verbergen...
Mit einem Satz hatte er die Stufen des Eingangs hinter sich gelassen und tauchte ein in Dämmerlicht. Da er den Weg kannte, sah er davon ab seine Schritte zu verlangsamen. Er rannte an einigen großen Statuen vorbei. Im Zwielicht konnte er den Gedenkstein ein Stück vor sich ausmachen und hielt sich rechts, um sich an ihm im Lauf vorbeizuschlängeln, als sich völlig unvermittelt in den Schatten direkt vor ihm Konturen abzeichneten. Morwes Augen weiteten sich vor Schreck. Was er trotz seiner Geschwindigkeit noch vage erkennen konnte, war, dass es definitiv die Umrisse einer Person waren. Einer sehr kleinen Person!
Im letzten Augenblick bevor er mit ihr in vollem Lauf kollidierte, fand er mit einem Fuß den Boden unter sich wieder. Reflexartig drückte er sich nach Rechts ab. Er streifte den Schatten, doch nur um Haaresbreite und segelte an ihm vorbei in ungewisses Nichts. Doch es blieb nicht lange Nichts. Kaum einen Sekundenbruchteil später prallte Morwe mit einem großen massiven Gegenstand zusammen. Schmerz explodierte in seinem Rücken. Er sah Sterne. Der Widerstand aber war mit einem Mal verschwunden und Morwe fand sich unter Tränen blinzelnd mit dem Gesicht zur Decke wieder. Gellendes Scheppern hallte ohrenbetäubend von den Wänden wieder. Er hatte das Gefühl sein linkes Trommelfell würde bersten. In seinem Hirn drehte sich alles. Kraftlos rutschte sein Körper von dem Podest, auf dem vor wenigen Sekunden noch eine große bronzene Statue gestanden hatte, und blieb reglos auf dem Boden liegen. Der kühle Marmor, gegen den Morwes rechte Gesichtshälfte drückte, war Balsam für seinen schmerzenden Kopf. Sein Leib fühlte sich an, als wäre er eine einzige geschundene pochende Masse. Morwe stöhnte. In seinem Sichtfeld tauchten plötzlich zwei kleine Füße auf. Er spürte wie ihm die Schamesröte in die Wangen stieg, doch sie verebbte auf halbem Wege und stattdessen bahnte sich ein Kribbeln seinen Hals empor. Die Situation kam ihm so abstrus, so albern vor, dass er einfach nicht anders konnte. Er musste lachen.

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht.... Das Ende hatte ich zwar etwas...chaotisch geplant, aber Morwe hat dann doch meine Erwartungen um längen übertroffen...
....was muss der auch immer übertreiben O.o 
...ich bin total in der Perspektive gesprungen finde ich. Hat nicht so gefluppt wie sonst.
ich hoffe ich hab die beiden Chaoten-Elben trotzdem halbwegs erwischt Engel 

...war nicht der erste Eindruck immer am wichtigsten? xD Ich hoffe Nîn hält ihn nicht für einen totalen Vollidioten...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 17 Aug 2013, 16:59

Nîns Oberkörper zitterte. Sie war alleine, denn Elrond und der Bote waren verschwunden, doch wenn es nach ihren Empfindungen ging, war sie zum ersten Mal seit einer längst vergessenen Zeit ... nicht mehr allein.
Sie waren hier. Beide. Eingearbeitet in unvergänglichen Sandstein. Bewahrt für die Ewigkeit...
Die Zwergin war so überwältigt von ihren Empfindungen, dass sie sich nicht einmal traute, einen Schritt nach vorne zu machen. Ihr Vater würde sie sicher schelten, wenn er sie sehen würde, wie sie so da stand: Unfähig Herr über ihre eigenen Gefühle zu werden, mit einer steifen Hand und Bandagen am ganzen Körper und dazu noch in einer elbischen Gewandung, die womöglich einst für ein Kind gedacht war, damit sie von der Größe her einer Zwergin passte. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie urplötzlich die Stimme ihres Vaters in ihrem Hinterkopf vernahm, wie er ihr einen militärischen Vortrag über den Kampfgeist eines Zwerges hielt. Wage flackerten einige vergessene Details in ihrem Geist auf.
Sie hatte damals geweint und dabei auf einem erdfarbenen Teppich gesessen, auf dem ein großer, nasser Fleck war. Es war ihre Schuld gewesen, dass der Teppich nass war, denn sie hatte mit ihrem neuen Holzschwert gespielt und dabei die Vase mit dem Strauß umgeworfen, den sie ihrer Mutter schenken wollte. Der Duft von Filz und getrocknetem Lavendel lag in der Luft und ihr Vater war so unerreichbar groß für gewesen.
Eine Träne rann ihr über die Wange und hinterließ dort eine heiße, ungewöhnlich stark brennende Spur. Die Zwergin kam sich furchtbar unbeholfen vor, als sie erst die linke Hand hob um sich über das Gesicht zu wischen, dann aber feststellte, dass diese ja noch geschient war, deshalb die rechte Hand hob und bei der auch nur den Handrücken benutzen konnte, da sie mit dieser immer noch eine mittlerweile stark zerknitterte Schriftrolle umklammert hielt, die sie gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Die Berührung ihrer linken Gesichtshälfte schmerzte, obwohl ihre Haut dort merkwürdig taub und hart war. Mit den Fingerspitzen betastete sie zum ersten Mal die nun verhärteten Krusten, die sich dort unter dem Verband gebildet hatten. Sie hatte den Ork bei weitem unterschätzt. Er war sehr viel stärker und vor allem schneller gewesen als seine Begleiter. Nachdem sie den Rest des Jagdtrupps getötet hatte, war sie übermütig geworden und hatte ihn verspottet. Sie war so naiv gewesen ihm den ersten Schlag zu lassen, den sie plante mit Leichtigkeit an ihrem Schwert abtropfen zu lassen, doch hatte den Schnitt des Messers gespürt noch bevor sie gesehen hatte, wie es auf sie zu kam. Drei Jahrzehnte lang trainierte Reflexe hatten ihr offensichtlich nicht nur das Augenlicht sondern auch das Leben gerettet. Bei einem Leben wie dem ihren, lernte der Körper schnell, dass er ausweichen musste noch bevor das Alarmsignal das Gehirn erreicht hatte.
Ein inneres Zucken ging bei diesem Gedanken durch ihren Körper und sie machte einen großen Schritt zur Seite, als sie begriff, was das trommelnde Geräusch bedeutete, das von hinten auf sie zugeschossen kam. Doch leider einen Herzschlag zu spät. Etwas streifte sie hart an der rechten Schulter, doch sie schaffte es sich auf den Beinen zu halten. Ein Stich zuckte quer durch ihr Gesicht, von der Stelle ausgehend an der ihre Finge noch vor dem Bruchteil einer Sekunde ihre Verletzung betastet hatten, doch sie kam nicht dazu, darüber nachzudenken. Mit einem Geräusch, wie wenn man den Stützpfeiler eines Steintunnels wegzog, schlug etwas hart einige Meter neben ihr ein.
Während sich Nîn schlagartig darüber bewusst wurde, dass sie keine ihrer Waffen mehr bei sich trug, drehte sie Kopf, um gerade noch eine große Gestalt seitlich von Podest rutschen zu sehen, auf dem vor kurzem noch die Statue einer verhüllten Frau gestanden hatte.
Was bei Durins Barte sollte das?
Die Zwergin stutzte. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass Elrond sie zum Schweigen bringen wollte, doch er war zuletzt so nett gewesen... so verständnisvoll... Sie hatte bereits ernsthafte Zweifel an ihrer Einstellung ihm gegenüber empfunden. Doch auf der anderen Seite, wenn dieser Angriff auf seinen Befehl hin ausgeführt worden war, dann hätte Elrond, der doch so auf seine Erscheinung bedacht war, gewollt, dass er weniger auffällig ausgeführt worden wäre.
Es sei denn...
Eine Vorahnung lies Nîn die Nackenhaare zu Berge stehen und ihre Armmuskeln spannen. Das hatte jedoch zur Folge, dass ein ziehender Schmerz sich von ihrer geschienten Hand bis zur ihrer Schulter hoch zog, aber diese Tatsache störte sie nicht. Wenn sich ihre Vermutung bestätigte, könnte sie immerhin mit dem harten Handschuh, indem ihre Hand fixiert war, nur noch fester zuschlagen.
Zögerlich ging sie einige Schritte auf das Bündel aus Kleidern und Haaren zu, dass sie gestreift hatte, als ein Lachen zu ihr hinauf drang.
So feindselig und argoant wie er gewesen war, hätte er sicher nicht erwartet, dass es ‚Abschaum‘ wie ihr gelingen würde, einem feigen Angriff aus dem Hinterhalt zu entgehen. Natürlich musste er da über seine eigene Naivität lachen, denn er hatte sie bei weitem unterschätzt. Nîns Herz schlug ihr bis zum Hals. Es würde so gut tun, wenn sie ihm direkt hier und jetzt schon die herablassende Behandlung und die Demütigung heimzahlen könnte, doch es würde auch sicher kein Leichtes werden, wenn ihr Körper wohl kaum einen Kampf erlauben würde und er wohl mit der Absicht hier hin gekommen war, sie für alle Ewigkeiten aus seinem Umfeld zu entsorgen.
Ihre Wange fühlte sich warm und feucht an und als sie sich über die Lippen leckte, schmeckte sie links Blut, was ihren Herzschlag nur noch mehr beschleunigte. Der lachende Elb vor ihr auf dem Boden hob den Kopf und sah sie an.
Perfekt! Wie vermutet.
Sie grinste und genoss es dieses mal auf ihn hinab blicken zu können. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie schön so ein Perspektivenwechsel ist. Ja wirklich! Für dich muss es zwar schon peinlich genug gewesen sein, mich zu verfehlen, aber dann auch noch zu Füßen eines - wie sagtest du so schön? - ‚ungehobelten Orkspitzels‘ zu liegen, muss dich ja innerlich zerreißen! Oh, warte! Du machst das, weil du im geheimen Rinon verehrst und es ihm gleich tun wolltest, um auch so glücklich zu werden. Doch da muss ich dich leider enttäuschen, oh großer, starker Krieger... Er hat mir nur geholfen die Lage, in die du mich gedrängt hast, etwas weniger misslich zu gestalten und sein Lächeln hatte nichts mit meinen Schuhen zu tun. Tut mir ja wirklich so Leid, dass du das falsch verstanden hast.“
Mit einem vor Ironie triefendem Lächeln, steckte die Zwergin den Brief ihrer Eltern in den Gürtel und hielt ihre freie Hand gekünstelt versöhnlich dem Elb mit den schwarzen, langen Haaren und den buschigen Brauen entgegen.

-------
Für den Fall, dass es nicht deutlich genug beschrieben ist: Da sie gerade ihre Kruste betastet hatte, als sie an genau diesem Arm angerempelt wurde, hat sie der dramatik wegen sich einen Teil der Kruste abgerissen, was ihrem noch im Heilprozess befindlichen Körper nicht so wirklich gefällt. Irgendwie sollte ihrem Körper sowieso nichts von dem gefallen, was sie in den letzten stunden seid ihrem Aufwachen getan hat. Ich denke mal Venyannen würde in Ohnmacht fallen, wenn er davon wüsste. Rolling Eyes 
Aber Auftrag erfüllt! Nur kurzer Text, weil jetzt ja endlich nach einem halben Roman das kommt, was anfangs mal geplant war xD So von wegen schneller Sichtwechsel und so, damit jeder die Reaktionen des eigenen Schützlinges schreibt.
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 17 Aug 2013, 20:25

Morwe drehte seinen Kopf in Richtung der kleinen Gestalt. Durch das Licht der Mittagssonne, das durch den schmalen Eingang und die spärlichen Fenster fiel, wurden ihre Konturen wie in eine schimmernde Aura gehüllt, verhüllten aber die Details ihrer Erscheinung. Er hätte sie von ihrer Größe her gut für ein Kind halten können. Wenn nicht ihre kräftige Statur und der Kopf, der aussah, als hätte jemand einen wuchernden Busch auf ein Paar breiter Schultern gesetzt, verraten hätten, dass sie definitiv nicht zum Volk der Eldar gehörte. Es geht doch nichts über einen guten ersten Eindruck..., meldete sich eine Stimme in seinem benommenen Verstand zu Wort. Genau so begrüßt man eine Dame.
Aus den Schatten ihres Gesichts blitzte ein weißer Spalt auf. Sie grinste. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie schön so ein Perspektivenwechsel ist.“, begann sie in einer Stimme, wie sie Morwe so nicht von ihr erwartet hätte. „ Ja wirklich! Für dich muss es zwar schon peinlich genug gewesen sein, mich zu verfehlen, aber-...“
Verfehlen?“ Morwe legte die Stirn in Falten und versuchte dem Schwall aus Worten, der sich über ihn ergoss, so gut es sein schmerzender Schädel zuließ zu folgen. Doch entweder war er dieses Mal endgültig zu hart gefallen oder seine Ohren hatten beim donnernden Aufprall der Statue einen bleibenden Schaden davongetragen. Was die Zwergin sagte machte schlicht keinen Sinn.  
Morwe konnte sich nicht entsinnen, jemanden jemals einen „ungehobelten Orkspitzel“ genannt zu haben. Zumindest nicht solange er bei klarem Verstand gewesen war. Vielleicht hatte die Zwergin ja halluziniert, während er sie nach Imladris gebracht hatte. ...Was aber nicht erklärte, weshalb er Rínon verehren sollte und in welchem Verhältnis das alles mit ihren Schuhen stand...
Die Verwirrung und der Schwindel, die rein physischer Natur gewesen waren, klangen allmählich ab, machte dafür jedoch einer mentalen Desorientierung platz. Dazu meldete sich stechender Schmerz zwischen seinen Schulterblättern. Benommen begutachtete Morwe die Hand, die die Zwergin ihm spöttisch darreichte.
Vielleicht ist das einfach eine Art Zwergendialekt..., mutmaßte er schließlich. Mühsam richtete er sich ein kleines Stück auf und zog seinen eingeklemmten Arm unter sich hervor. ...oder der Orkangriff hat in ihrem Geist doch bleibende Spuren hinterlassen...
Er griff nach der Hand, die sie ihm anbot und war überrascht wie ...anders als eine Elben- oder Menschenhand sie sich anfühlte. Rau, stark und trotzdem so...klein. Wie eine Kinderhand und doch wie die eines Kriegers. Aber gar nicht wie die einer Frau.
Anscheinend hatte die Zwergin nicht damit gerechnet, dass er ihre Hilfe annahm, denn sie erstarrte sichtlich. Sich vorsichtig aufrichtend, schenkte Morwe ihr ein mattes Lächeln und eine angedeutete Verbeugung.
„Verzeiht meine-“, seine Augen huschten über die umgestürzte Statue. „... Ungeschicktheit. Es lag nicht in meiner Absicht Euch anzurempeln.“
Erst jetzt sah er das feine Blutrinnsal, das ihre Wange hinabrann. Sein Gesicht verzog sich und er biss die Zähne zusammen.
Du verfluchter plumper Einfaltspinsel! Morwe hätte sich schlagen können.

wir wollen Nîns Glauben Elu vor sich zu haben ja nicht zu früh zerstören =P vor allem wo er grade so schön wütend dreinschaut Engel 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 17 Aug 2013, 21:35

Nîn wäre fast vorne übergefallen, als der Elb nach ihrer Hand griff. So wie er sie demütigend durch ganz Bruchtal gescheucht hatte und generell herablassend behandelt hatte, hätte sie eigentlich damit gerechnet, dass er sich lieber freiwillig die Hand abnagen würde, anstatt sie ihr zu reichen.
Er packte nur zaghaft zu, ganz so als wolle er sie nicht zerbrechen, womit ihr zweiter Gedanke auch gleich hinfällig wurde, dass er ihr die Knochen der zweiten Hand eventuell auch noch brechen wollte für spätere Gräueltaten.
Entgültig fiel sie jedoch aus allen Wolken, als er sich ohne Vorwarnung entschuldigte. Vielleicht hatte er eine Wette verloren... Eine Mutprobe?... Eine Frau, die er beeindrucken wollte womöglich? ... Sie sah ihn abschätzend an. Nee...
Kurz nachdem er die Entschuldigung vor sich her gestammelt hatte und sie ansah, verzog sich sein Gesicht jedoch zu einer unerklärlichen Grimasse und sah so gleich wieder aus wie Nîn ihn kennengelernt hatte. Beruhigt verschränkte sie die Arme und reckte das Kinn in die Höhe. Sie würde diesmal nicht den Mund halten, nur weil er sie um weit mehr als einen Kopf überragte. "Du bist wohl ziemlich hart auf den Kopf gefallen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass du zu Stein erstarrst, sollte ich dich jemals berühren, ganz so wie ein Troll im Sonnenlicht. Jetzt muss ich mir ja was anderes einfallen lassen um dir zu schaden, verdammt." Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Und keine Sorge, ich glaube dir, dass du mich nicht anrempeln wolltest. Genauso wie du nicht vorhattest, dir ein paar Gefälligkeitspunkte bei deinem liebsten Elrond zu verdienen, indem du mir den Kopf aufspießt wegen einer deiner schön verdrehten Wirklichkeiten." Stirnrunzelnd legte Nîn den Kopf etwas schief. "Jetzt mal ehrlich, wir sind ja jetzt unter uns. Bist du nur ein Dreckssack oder siehst du die Welt wirklich so verdreht und irrational? Ich mein, ich würde das verstehen, in Bree habe ich schon einige Geisteskranke kennen gelernt, dass ist vollkommen normal in dieser Zeit. Außerdem würde das erklären, warum du so lange hinter dem Vorhang gewartet hast, bis keiner mehr da war, sodass unseren kleinen Plausch rein zufälliger Weise keiner mitbekommen hat, der etwas gegenteiliges als dein Wort behaupten könnte." Der Mund des Elben klappte kaum merklich auf, als wolle er ihr etwas entgegenen, schloss sich dann jedoch sofort wieder, als hätte er es sich anders überlegt. "Wobei, da fällt mir natürlich noch direkt ein anderer Grund ein, warum jemand wie du sich hinter einem Vorhang verstecken würde, hinter dem sich gerade eine spärlich bekleidete Frau befindet." Sie musterte den Elben abwertend. "Es gibt böse Zungen, die behaupten, je glänzender und protziger eine Rüstung ist, desto mehr Größe will ein Mann dahinter kompensieren."
In Nîns Magen machte sich ein merkwürdiges Gefühl breit, während sie den Elb vor sich betrachtete, das hauptsächlich daher rührte, dass sie ganz entgegen ihrer Erwartungen noch lebte.
Vielleicht hatte er sich aber nur deshalb ausreden lassen, weil er in Gedanken damit beschäftigt war, wie er sie am schnellsten über einen möglichst großen Landstrich verteilte. Doch egal welche Pläne er mit ihr hatte. Zum ersten Mal, seit sie in dieser Elbenstadt aufgewacht war, ging es ihr richtig gut.
Jedenfalls fast.
Ihr hämisches Grinsen wurde etwas verkrampft, als sich der pochende Schmerz in ihrem Arm allmächlich in ihrer ganzen Schulter ausbreitete und immer weiter an Intensität gewann. Vielleicht hätte sie das Tablett in der Bibliothek nur mit einer Hand hätte werfen sollen, aber Venyannen hatte ja schließlich von Training gesprochen...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 17 Aug 2013, 22:42

Der eben noch beinahe verunsicherte Ausdruck in ihren Augen machte einer unverhohlenen Selbstgefälligkeit platz, als sie die Arme vor der Brust verschränkte und ihm das Kinn entgegen reckte. Sie schien es weder zu stören, dass ihre Wunden von neuem aufgerissen waren und sie stark blutete, noch dass Morwe kein Wort von dem verstand, was sie ihm da alles vorwarf! ...Was er ihr mit seinem entgeisterten Gesichtsausdruck eigentlich zu verstehen geben wollte, aber entweder bemerkte sie es nicht oder sie interpretierte irgendetwas entschieden falsch.
Interpretation. Genau diesen Begriff hatte er gesucht. Es war nicht so, dass er nicht akustisch verstehen konnte, wovon sie redete. Oder dass er ihr nicht folgen konnte und sie auf einem Niveau weit über dem seinen sprach. Es kam ihm bloß so vor, als würde ihm ein entscheidendes Glied in der Kette der Interpretation ihrer Worte fehlen. Das eine Puzzlestück, das die merkwürdigen Gleichnisse und Allegorien, in denen sie sprach, entziffern würde. Und mit dem hoffentlich endlich alles einen Sinn ergab... Denn falls es das  nicht gab und sie das alles wörtlich genauso meinte...
Wie kommt sie darauf, dass es meine Wirklichkeit ist, die verdreht ist?
Die Falten zwischen Morwes Brauen vertieften sich.
Für die Beleidigung, die sie ihm aus heiterem Himmel an den Kopf geworfen hatte, musste er sie eigentlich zur Rechenschaft ziehen. Doch er war sich nicht mehr sicher, in wie fern die Zwergin tatsächlich noch ...zurechnungsfähig....war. Die ganzen Geschichten über Kriege zwischen Elben und Zwergen seit den ältesten Tagen, die Missverhältnisse zwischen ihren Völkern und Feindseligkeiten kamen ihm in den Sinn. Er hatte immer gedacht, es war eine Geschichte der Vorurteile und Missverständnisse. Aber nun, wo er das erste Mal selbst mit einem Zwerg sprach... Morwe konnte nicht umhin jetzt ein gewisses ‚Verständnis‘ für all das Blutvergießen zu empfinden. Es war sicher sehr leicht jemanden, der in völligen Rätseln sprach, aus versehen den Krieg zu erklären...
Es muss eine Geheimsprache oder eine zwergische Eigenart sein..., dachte Morwe halb verzweifelt, während er  versuchte der überheblichen Tirade der Zwergin irgendeinen Sinn abzugewinnen. Bis ihm langsam dämmerte, was sie ihm da gerade bezüglich seiner Potenz unterstellt hatte.
Sie ist völlig übergeschnappt.
Das war die einzige rationale Erklärung.
Morwe räusperte sich und versuchte das hämische Grinsen der Zwergin zu ignorieren. Er setzte an etwas zu sagen - hielt aber inne. Wie sollte er jemandem etwas verständlich machen, dessen Geist vollkommen über alle Winde verstreut war?
Zähneknirschend rieb er sich die pochende Stirn.
Und in seiner Erschöpfung rutschte ihm sein letzter Gedanke unvermittelt über die Lippen: „...Hat Venyanen Euch vielleicht Medikamente gegeben?“

...was die höfliche Variante ist von: "Ey bisse doof??!" O.o 
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 01:47

Nîn verlor für einen Moment ihre Fassung und starrte vollkommen perplex in das genervte Elbengesicht. Hatte er die Frage gerade ernst gemeint?
Dann begriff sie und kniff ihre Augen zusammen. "Vergiss es. Das funktioniert bei mir nicht!" Das unbewuste Bewegen ihrer Gesichtsmuskeln sorgte für ein stechendes Ziehen, das es Nîn schwer machte, beherrscht zu bleiben. "Um mich selber an meinem geistigen Zustand zweifeln zu lassen, braucht es etwas mehr als das, was du aufbringen könntest. Aber reden wir doch mal über dich... Was ist das bitte für ein Gefühl, wehrlose Frauen halb nackt quer durch eine Stadt zu jagen, ihr jedes Wort im Munde herum zu drehen und nach meisterlich erfülltem Auftrag schon mit gezücktem Schwert dazustehen um sie am liebsten in absolut gleichmäßige Teile zu schneiden, denn immerhin brauch ja alles seine Ordnung. Danach warst du sicherlich furchtbar stolz auf dich, weil du endlich mal so tun konntest, als wärst du wichtig."
Nîns Gesicht fühlte sich so an, als hätte der Ork abermals zugestochen und es fiel ihr schwer sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, wodurch ihre Stimme fiel lauter war als ursprünglich beabsichtigt. Sie krallte ihrer gesunden Hand in den Gürtel, um nicht plötzlich los zu schreien und bis sich auf die Unterlippe, als sie bemerkte, wie der Elb sie scheinbar gar nicht mehr beachtete. Sein Blick war nur schwer zu deuten, aber entweder ignorierte er sie demonstrativ um mit glasigem Blick seinen Gedanken nach zu hängen oder aber er hatte etwas gesehen, was sich schräng hinter der Zwergin befand und das jetzt offensichtlich seine vollste Aufmerksamkeit hatte. Nîn platzte entgültig der Kragen beim Anblick dieser Dreistigkeit. "Hör mal du Tierschänder, ich rede mit dir!" Die Welt vor ihren Augen war ein Meer aus Rot und Schwarz, als sie hörte, wie sich ihre eigene Stimme fast überschlug und sie spürte, wie sie aus Reflex ihre linke Hand ausstreckte, um sie anzuwinkeln und dann mit der Handfläche gegen die Schulter des Elbes zu stoßen. Eine flüchtige Bewegung, die unter normalen Umständen nicht mehr als eine flüchtige, unbeherrschte Geste war, jedoch im Hier und Jetzt Nins Welt aus den Fugen kippte. Der pochende Schmerz aus ihrem Arm verfielfältigte sich, noch ehe sie die Handlung vollständig beendet hatte, und vermischte sich mit dem brennen in ihrem Kopf, wodurch etwas Neues entstand, dass sich schwarz und überwältigend in sie hinein bohrte.
Sie hatte das Gefühl, als würde sie wieder die Augen öffnen, als der Schmerz nachlies, nur ohne, dass sie sie vorher geschlossen hatte. Die Schwärze wich wieder zurück, doch Nîn empfand zum ersten Mal in ihrem Leben Angst davor, sich zu bewegen. Sie hielt den Kopf weiter gesenkt und keuchte leise, während ihr peinlich bewusst wurde, dass sie mit der linken Hand anstatt zu stoßen zugepackt hatte und fest die Kleidung des Elben umklammert hielt. Kraftlos lösten sich ihre Finger von dem Stoff. Der Moment, als der Schmerz sie überwältigte, hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt oder ein dunkles Loch in dem man sie vergessen hatte. Doch je mehr er wieder verebbte, desto schneller schien die Zeit wieder an ihre vorbei zu ziehen.

-----
Also spätestens jetzt sollte ihr klar sein, was eine gebrochene Hand und Schonung bedeutet.
Irgendwo in der Ferne gleitet schmenhaft ein Venyannen vorbei, der ein Schild trägt mit der Aufschrift
>> Wer nicht hören will, muss fühlen <<
... ich denke mal, dass stuzt ihr überschwengliches Selbstempfinden auf ein gesundes Maß zurecht... *Autoren Rute wegpack*
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 11:25

Eigentlich hatte er nur eine ehrliche Antwort auf eine ernst gemeinte Frage erhofft. Doch die empfindliche Reaktion der Zwergin, die gleich darauf in einen Angriff umlenkte, bestätigte ihn in seinem Verdacht. Irgendetwas war mit ihr eindeutig nicht in Ordnung.  Und sie war sich darüber wenigstens vage bewusst, andernfalls hätte sie seine Worte nicht gleich feindselig interpretiert.
Zerknirscht ließ Morwe abermals einen Schwall aus wirren Anschuldigungen über sich ergehen und fragte sich, was er den Valar eigentlich getan hatte, dass sie ihn und alle seine Gebete mit Geringschätzigkeit straften. ...Wie er so darüber nachsann, fiel ihm auf, dass er sich diese Frage in jüngster Zeit häufiger stellte. Es lag ihm fern undankbar für sein Leben zu sein - bei Ulmo, es könnte ihm bei weitem schlechter ergehen. Er könnte mit weit größeren Schmerzen oder Bürden belastet sein, er könnte von Orks oder anderen Feinden gefangen genommen und gefoltert werden. Oder von seiner Familie verstoßen werden. Aber Morwe konnte sich dennoch nicht gänzlich gegen den Eindruck erwehren, dass all solche Unannehmlichkeiten einen recht ...normalen... Charakter hatten, wohingegen sein Leben von zunehmenden Merkwürdigkeiten bestimmt war. Wozu auch zählte sich von schrulligen wildfremden  Zwerginnen anhören zu müssen, er würde seine engsten Freunde insgeheim verehren, verwundeten Gästen hinter Vorhängen nachstellen, besäße eine unzureichende Potenz, würde wehrlose spärlich bekleidete Frauen in der Öffentlichkeit bloßstellen und hätte Minderwertigkeitsgefühle...
Einen Augenblick mal...
Morwes Blick verlor sich in den Schatten. Hatte sie ihm vorgeworfen, er hätte jemanden halb nackt durch Imladris gezerrt, nachdem er besagter Person aufgelauert hatte? Seine Stirn legte sich in Falten und seine Mundwinkel zuckten unwillkürlich. All die Anschuldigungen und Beleidigungen, die ihm die Zwergin unterstellte, schienen plötzlich auf einen einzigen gemeinsamen Nenner zurückzuführen. Wie aus weiter Ferne erreichte ihn die wütende Stimme der Zwergin. Doch er hörte sie gar nicht mehr wirklich. Vor seinem inneren Auge fügte sich das eine Puzzlestück in das Chaos aus verwirrenden Einzelteilen ein, der Schlussstein, mit dem endlich alles einen Sinn ergab. In seinem Geiste wandte er sich zurück bis an den Punkt, wo er beinahe in die Zwergin hineingerannt wäre, und ging ihr Gespräch noch einmal von vorne durch. Und der Nebel in seinem Verstand lichtete sich.
Kein Durcheinander wilder Beschimpfungen mehr, keine haarsträubenden Beleidigungen und Anmaßungen.  Vielmehr empfand Morwe beinahe eine eigentümliche Bewunderung für den scharfen Blick der Zwergin. Und durchaus Respekt für ihren Mut - oder sollte er es ‚Leichtsinn‘ nennen? -, dass sie ‚ihm‘ das alles wirklich auf die Nase gebunden hatte. Es grenzte eigentlich schon an Lebensmüdigkeit... Oder Größenwahn.
Das Kitzeln in Morwes Brust, das mit seiner plötzlichen Erkenntnis eingesetzt hatte, breitete sich in alle Poren seines Körpers aus. In heftigen Wellen brandete es gegen seine Kehle. Dann holte ihn eine jähe Berührung nah an seiner Schulter wieder in die Gegenwart zurück. Verdutzt registrierte Morwe, dass sich die Zwergin auf einmal an seine Schulter geklammert hatte. Sie schien in ihrer Bewegung erstarrt zu sein. Vornübergebeugt und mit gesenktem Kopf zitterte sie am ganzen Leib und Morwe hatte den Eindruck, sie hatte gerade tatsächlich versucht ihn anzugreifen.
Entweder war es der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte, oder auch nur seine Selbstbeherrschung, die für einen einzigen Augenblick aussetzte, er wusste es nicht. Das nächste, was Morwe spürte, war ein Vibrieren, das seinen Hals und schließlich seinen ganzen Körper erfasste, und er hörte seine eigene Stimme laut und donnernd von den Wänden widerhallen. Seine Sicht verschwamm. Sein Bauch zog sich so fest zusammen, dass er es kaum aushalten konnte, er schüttelte sich vor Lachen und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten.
Und der Gedanke, wie er gerade als sein Bruder vor der Zwergin prustend auf dem Boden lag, machte alles nur noch schlimmer.

Die Erkenntnis hat ihn etwas zu plötzlich getroffen, als dass er Nîns Schmerzen bemerkt hätte ^^" ich hoffe sie kann noch einen Moment ohne Hilfe stehen...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 12:19

Auch wenn sie etwas anderes behauptet hatte, aber Nîn begann für einen kurzen Augenblick doch an ihrem Geisteszustand zu zweifeln. Weniger an ihrem Geist, denn der hatte schon Dinge miterlebt, die ihn ihrer Meinung nach unerschütterlich gemacht hatten, als vielmehr an ihrem körperlichen Zustand, der sich auf ihre Wahrnehmung auswirkte. Immerhin hatte sie lange Zeit in der Bewustlosigkeit verbracht und hatte Schmerzen. Außerdem, wo sie jetzt genauer darüber nachsinnte, hatte ihr dieser Heiler doch auch eine sehr merkwürdige Substenz zu trinken gegeben.
Trinken...
Die Erklärung für all das irrationale Verhalten traf Nîn wie ein Schlag und plötzlich tat es ihr nahezu leid, dass sie so über den Elb hergezogen war. Er konnte doch nichts dafür.
Elben waren ein Volk, dass immer auf Freude und Ausgelassenheit aus war, rief sie Nîn in Erinnerung und wunderte sich nachträglich darüber, dass er der erste war, an dem ihm das aufgefallen war.
Abweisung, unbegründete Agressionen, verdrehte Wirklichkeiten und unbeherrschtes Auftreten, während er 'im Dienst' war und plötzlich tauchte er offensichtlich in seiner freien Zeit abends bei ihr auf, vollkommen herunter gekommen, unfähig seine Bewegungen zu kontrollieren und dauernd am lachen. Sie hätte sich dafür schlagen können, dass es ihr nicht sofort aufgefallen war.
Vielleicht war er sogar gekommen um sich bei ihr für sein Verhalten zu entschuldigen. Die Zwergin erinnerte sich an einige Wachen aus Bree zurück, denen man alleine lieber nicht über den Weg laufen sollte, wenn ihr letzter Kneipenbesuch schon mehr als einen halben Tag zurück lag.
Aber egal ob auf Entzug oder nicht, sein Verhalten war unverzeihlich gewesen und sie würde sich für nichts davon entschuldigen, was sie gesagt hatte.
Ihren Arm hielt sie fest umklammert an ihre Brust gepresst, während sie verzweifelt darauf wartete, dass der Schmerz entgültig nach lies, doch er ebbte nur bis zu einem gewissen Punkt ab und schien dort zu verharren. Sie sah an sich hinab und sah ihre unkontrolliert zitternden Finger aus dem Handschuh heraus schauen, den ihr Venyannen so feinsäuberlich angelegt hatte. Sie stutzte. Zu diesem Zeitpunkt war er aber noch nicht mit dunklen Punkten übersäht gewesen. Ein weiterer Tropfen roter Flüssigkeit, löste sich von ihrem Kinn und wurde von der Stoffschicht aufgesogen, die ihre Hand umspannte.
Nîn hätte liebend gern ihr Gesicht betastet um heraus zu finden, wie es um ihre Verletzung stand, doch ab ihrer Hüfte aufwärts befand sich ihr Körper in einer angespannten Starre und war vollkommen darauf konzentriert, ihre Hand zu schützen.
In ihrer aufkeimenden Verzweiflung, versuchte sie sich an den Elb zu wenden, doch sie spürte, wie zittrig ihr Atem war, weshalb sie erst tief Luft holte um alle noch verbliebende Kraft in eine möglichst fest Stimme zu setzen.
"Auch, wenn du ganz offensichtlich betrunken bist und wahrscheinlich auch nur die Hälfte von dem verstehst, was ich sage, aber wenn es um Elronds Anweisungen geht, bist du ja schließlich immer sofort hell wach. Er hat einen 'Morwe' damit beauftragt, die Unterkunft meiner Eltern für mich her zu richten und mich hin zu führen. Da er bisher noch nicht da ist, wäre das für einen Stiefellecker wie dich doch die passende Gelegenheit um sich ein paar Bonussternchen bei seinem liebsten Herren zu verdienen, hab ich nicht recht?"
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 14:41

Es war eine ganze Weile her, dass Morwe sich so hatte gehen lassen. Zumindest was positive Gefühlsäußerungen anging. Er lachte oft mit Rínon, scherzte mit anderen Freunden, aber dass er sich vor den Augen eines Gastes vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten konnte, war ihm noch nie passiert. Wahrscheinlich entlud sich einfach seine ganze Verwirrung. Oder es war schlicht der Tatsache geschuldet, dass sie ihn für seinen Bruder hielt und es plumpe Schadenfreude war, die ihn so erheiterte.
Sie denkt tatsächlich, ich sei Elûdin! Morwe prustete in seinen Ärmel. Sein Gesicht war heiß angelaufen und feucht vor Tränen. Das Haar klebte ihm zerzaust auf den Wangen. Er versuchte tief durchzuatmen.
„Auch, wenn du ganz offenbar betrunken bist“, setzte die Zwergin auf einmal an und sogleich war seine Beherrschung wieder dahin.
Unfähig mit dem Gekicher aufzuhören, bemerkte er plötzlich wie sie seinen Namen nannte. Er schaute nicht auf. Sich auf die Unterlippe beißend, versuchte er sich zusammenzunehmen und einen annähernd klaren Kopf zurückzugewinnen.
Ich liege vor der Zwergin, die ich gerettet habe, wie ein Narr lachend am Boden, wo ich eigentlich den Auftrag hätte, sie in ihre Unterkunft zu bringen..., resümierte er. ...und sie hält mich für einen betrunken Elûdin.
Ein Grinsen breitete sich auf Morwes Gesicht aus. Na, wenn sich daraus nicht etwas machen lässt...
Er könnte das Spiel mitspielen. Er könnte Elûdin spielen und ihn in die eine oder andere prekäre Situation bringen. Er wusste wie sein Bruder dachte, wie er sich bewegte, kannte jede kleinste seiner Eigenarten. Immerhin hatte Morwe jede Angewohnheit seines Bruders genau protokolliert bevor er versucht hatte-
Morwe schluckte. Für einen Augenblick durchzuckte ihn eine schmerzhafte Erinnerung, die er jedoch abschüttelte ehe sie ihre Wirkung gänzlich entfalten konnte. Was sie aber zurückließ, war das Gefühl grenzenlosen Bedauerns. Er hatte es nicht gekonnt. Doch als er die Augen schloss, wusste er, weshalb er es nicht getan hatte...
Als hätte sich in seiner Brust eine kaum verheilte Wunde geöffnet, strömte Hitze durch ihn hindurch. Sie drang in seine Muskeln und träufelte prickelnde zähflüssige Schuld in seine Glieder, ließ ihn erschöpft und zittrig zurück.
Sanft schüttelte Morwe den Kopf. Nein, er würde es nicht tun. Es war eine Sache jemanden zu verachten, hinter seinem Rücken seinem Namen zu schaden und seine Würde herabzusetzen war eine andere.
Dabei hätte ich zu gerne mein schauspielerisches Talent erprobt..., feixte Morwe schwermütig.
Er wischte sich die Spuren der Lachtränen aus dem Gesicht. Und dabei konnte er es dann aber doch nicht lassen, sich die Haare in Elûdins Manier säuberlich hinter die Ohren zu streichen. Sein flüchtiger Blick, den er nach der Zwergin tat, ließ ihn jedoch alle Spielereien mit der Identität seines Bruders vergessen. Die Zwergin wirkte ermattet und abgekämpft. Morwe sah, wie verkrampft sie ihre linke Hand hielt. Ihr ganzer kleiner Leib schien mit einem Male steif und ungelenk. Und noch dazu schien die aufgerissene Kruste über ihrer Wange nicht aufhören wollen zu bluten.
Wie lange brauchte es, bis die Verletzungen eines Zwergs heilten? Ihm fehlte jede Kenntnis über die körperlichen Grenzen von Zwergen oder wie schnell oder langsam sie sich von schweren Wunden erholten. Aber so wie die Zwergin von den Orks zugerichtet worden war, konnten zwei magere Wochen Schlaf und elbische Heilkuren kaum genug gewesen sein.
Sie braucht Ruhe und nicht noch mehr Durcheinander., dachte er schuldbewusst. ...Und einen Verband.
Morwe räusperte sich und stand schließlich auf. Seine Kleide zurecht streichend musterte er die Augen seines Gegenübers. Trotz ihrer offenkundigen Schmerzen war der Blick der Zwergin eisern und unbeirrt.
„Nun...“, begann er unentschlossen. Seine Finger zupften an einem Faden seines Hemdsaums. Wie in Vardas Namen bringe ich ihr das möglichst schonend bei?
„Seht... Einmal angenommen ich wäre nicht ganz der, für den Ihr mich haltet...“, er schenkte ihr ein spitzbübisches Lächeln. „Wäre es ein großer Schock für Euch, wenn ich Euch mitteilte, dass der, der eigentlich hier sein sollte, doch näher bei Euch ist, als Ihr denkt?“

Da er ein Elb ist muss er sich schließlich undeutlich und in Rätseln artikulieren =P ich hoffe Nîn ist geistig noch wach genug, dass sie seine Andeutung versteht...
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 15:57

Nîns Gedanken setzten aus. Sie kannte betrunkene Männer, aber keiner hatte bisher so mit ihr geredet. Und nicht nur das, es war dieses verhasste Gesicht, die gleiche eklige Art, wie er sich das Haar zurück strich, doch jetzt, wo er plötzlich mit Lachen aufgehört hatte, und die untergehende Sonne sein Gesicht noch einmal genau in Szene setzte, fiel ihr auf, dass er nicht nur vermied so zu schauen, als hätte er einen dicken Klumen Dreck unter seiner Nase, sondern sogar richtig freundlich zu ihr hinunter schaute. Nicht von oben auf sie herab, sondern mit einem nahezu sympathischen Lächeln.
Nîn gab ihren dahin fließenden Gedanken einen mentalen Faustschlag und sie erstarben.
„Wäre es ein großer Schock für Euch, wenn ich Euch mitteilte, dass der, der eigentlich hier sein sollte, doch näher bei Euch ist, als Ihr denkt?“
Der Zwergin fiel es schwer noch irgendwelche Gedanken zu bilden, ansonsten hätte sie es wohl niemals gewagt ausgerechnet diesem Elben den Rücken zu zuwenden, doch sie tat das Einzige, was ihrem Gehirn noch irgendeinen Aufschluss über die aktuelle Situation geben konnte.
Sie drehte sich um,
doch sie starrte ins Leere.
Jedoch begann sie zu bemerkten, dass diese Leere, in die sie starrte, und die matten Steinwände um sie herum schon seit einiger Zeit angefangen hatten, vor ihren Augen zu schwanken und zu pulsieren.
Sie atmete einige Male tief durch und schloss kurz benommen die Augen, bevor sie sich wieder zurück wandte.
Ein plötzliches Gefühl der Fremde und der Aufgeschmissenheit setzte sich irgendwo tief in ihr drinnen fest und breitete sich wie eine Krankheit in ihrem gesamten Körper aus.
Die Zwergin schluckte und ihr Magen drehte sich um. Das Rinnsal, dass ihr an der Wange entlang lief, bahnte sich seinen Weg über ihren Mundwinkel, wodurch sie schon seit einiger Zeit unaufhörlich den Geschmack von Blut im Mund hatte. Es hatte anfangs ihrem Körper Kraft verliehen, sodass er sämtliche Reserven aktiviert hatte, doch jetzt, wo sich ihr Herzschlag anfing zu beruhigen, ertrug sie dieses widerwärtige und kupferartige Aroma nicht mehr. Es löste einen Schwall von Übelkeit in ihr aus, den sie nur langsam bekämpfen konnte, wodurch ihre Augen erst einmal zwei Herzschläge brauchten, um die des Elben wieder zu fixieren.

Jetzt hab ich deine Anmerkung doch eben glatt überlesen, aber ich denke deine Frage sollte mit diesem Abschnitt beantwortet sein xD Und wirklich Morwe, tztztztz! Das hier ist eine Gedänkstätte, wie mir soeben wieder aufgefallen ist. Und er verfällt hier in schallendes Gelächter. Schall... hmm... wollte er sich nicht verstecken? Mit seinem marmornen Verstärker, ist sein individuelles Gelächter doch sicher bis über halb Bruchtal zu hören gewesen. (Szenen Wechsel: Rinon wurde am Kragen gepackt. "Du weißt doch, wo er ist, los, spuck es aus!" - "Ja ok, meinetwegen, ich sags dir, wenn du mcih dann in Ruhe lässt. Er ist ausgeritten in Richtung Westen..irgendwas von wegen Handelsstraße und so..."
(plötzlich im Hintergrund) ~Mwahahahahhaaaaaaaaaaaahahahaaaaa (<--- Morwe)
Rinon: Glubschie mmh...*tret* waaaaaaaah!!!!! Shocked *wegrenn*
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 17:28

Wenn er ihren etwas desorientierten Gesichtsausdruck richtig interpretierte, hatte sie verstanden, worauf er hinauswollte. Nachdem er geendet hatte, fixierte sie ihn einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen, doch anstatt dass sie ihm antwortete, wandte sie sich verdutzt um.
...Sie hat es doch nicht verstanden.
Niedergeschlagen massierte Morwe sich die Schläfe.
Vielleicht sollte er deutlicher werden. Aber es war unhöflich jemandem eine solche Verwechslung direkt unter die Nase zu halten und taktlos obendrein. Noch dazu hatte er einen Gast vor sich, dem er schon genug Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Er musste die Zwergin subtiler auf das Missverständnis aufmerksam machen.
Der Blick, mit dem sie sich ihm dann aber wieder zuwandte, ließ Morwes Herz einen unsanften Sprung machen. Ihre Augen zuckten unstet, sie guckten fast glasig ins Leere, bevor es ihnen gelang sein Gesicht anzuvisieren. Auch waren sie von feinen Äderchen durchzogen. Wie ein Netz hatten sie sich über das Weiß gelegt. Blut sammelte sich im Mundwinkel der Zwergin. War es nur das Licht der späten Sonne oder waren ihre Züge blasser geworden? Sie blinzelte oft, während sie ihn fragend anstarrte und zuckte kaum merklich mit dem Kopf, als ob sie unsichtbare Nebelschwaden verscheuchen wolle.
Jetzt war definitiv nicht mehr der Zeitpunkt an Höflichkeiten oder die Etikette zu denken.
Morwe streckte seine Hand aus und winkte durch das Sichtfeld der Zwergin, aber ihr Blick folgte seiner Hand nur mühsam. Ihre Rechte, mit der sie den geschienten linken Arm umklammert hielt, zuckte und schlug seine Hand mit noch überraschend viel Kraft beiseite. "Was in Aules Namen soll das?" Sie runzelte die Stirn und versuchte ihre Aufmerksamkeit wieder ihm zuzuwenden, hatte jedoch offenbar zunehmend große Schwierigkeiten damit.
Voll Bitterkeit verabschiedete sich Morwe in Gedanken von seinem sicheren Versteck im Tal. Dann wohl doch zu Venyannen... Er erinnerte sich kurz daran, was sie über Elrond und dessen Auftrag an ihn gesagt hatte. Sollte er sie dann nicht doch in die für sie gedachten Gemächer bringen? Aber sie war verletzt und eindeutig nicht in der Lage ihre Kräfte selbst einzuteilen. Venyannen hätte sie nie vorzeitig aus den Hallen entlassen, wenn er der Ansicht war, sie sei noch zu schwach. Oder vielleicht hatte Elûdin ihre Reserven aufgebraucht, indem er sie schonungslos durch Imladris getrieben hatte.
Außerdem, wie sollte Morwe dem Heiler das zerschundene Gesicht der Zwergin erklären ohne zu erwähnen, dass er um ein Haar in vollem Lauf mit ihr kollidiert wäre?
Nein, es schien ihm die bessre Entscheidung zu sein, wenn er sie in ihre Unterkunft brachte. Es war viel ruhiger dort. Keine störenden Besuche, keine neugierigen Blicke und die Schlafstätte war von größerer Bequemlichkeit. Und die Zwergin verbinden konnte er ebenso gut. Bloß wie kommen wir ungesehen dorthin?
Morwe musterte die Zwergin, die ihn immer noch mit fragendem Blick anstierte, während die Muskeln an ihrem Hals merkwürdig zuckten. Ihm kam da eine Idee. Aber sie würde der Zwergin ganz sicher nicht gefallen... Hoffentlich war sie genug im Delirium, dass sie ihm keinen großen Widerstand leisten konnte.
„Hört zu, es ist nicht meine Art so forsch zu sprechen, aber-“, er beugte sich zu ihr hinunter nahe an ihr Gesicht, damit ihr seine Worte auch ja nicht entgingen. „ich bin nicht Elûdin! ...Habt Ihr das verstanden?“ Morwe hob eine Braue, denn die Augen seines Gegenübers glitten nur fahrig über seine Züge. Ihre Lippen waren starr zusammen gepresst und ihr Atem ging schnell und stoßartig, aber sie rang sich durch zu einer Antwort. "Was ist ein 'Elûdin'?"
Morwe seufzte. „Ich bin nicht der, der Euch von den Hallen der Heiler zu Herrn Elrond gebracht hat. Mein Name ist Morwe und ich war es, der Euch in den Wäldern fand.“ und etwas grimmiger, als er beabsichtigt hatte, fügte er hinzu. „Ich bin Elûdins Bruder. Deshalb habt Ihr uns verwechselt.“
Das Gesicht der Zwergin verzog sich, und ihre Augen starrten für einen Moment ins Leere. Morwe konnte sehen, wie sich in Zeitlupe die einzelnen Etappen der Erkenntnis über seine Aussage im Gesicht der jungen Frau wieder spiegelten und musste grinsen.
Ganz im Gegensatz zu der jungen Zwergin.
„Ich bringe Euch jetzt in Eure Gemächer.“
Er machte einen Schritt auf sie zu und ohne ihr Zeit zu geben, etwas zu erwidern, fasste er sie vorsichtig um die Taille und hob sie hoch. Trotz ihres kleinen Körpers war sie viel schwerer als er erwartet hatte. Das war weder das Gewicht eines Kindes, noch das einer Frau. Muskeln spannten sich über den robusten Leib und versetzten Morwe das irritierende Gefühl, er würde einen sehr kleinen zähen Menschen tragen. Er ignorierte den Protest, legte einen Arm fest unter ihr Gesäß und den anderen um ihren Rücken, um sie zu stabilisieren. Vom Kopf her waren sie so auf gleicher Höhe. Falls jemand ihres Weges kommen sollte, konnte Morwe sein Gesicht in dem roten Haarschopf hoffentlich sicher verbergen.
Während er rasch mit der schwach zappelnden Zwergin die Hallen verließ, richtete er ein Stoßgebet an Ulmo, dass sie niemandem begegnen mochten...


//edit: Nîn-Geprüft!
Theoretisch bist du jetzt wieder dran, weil ich wieder etwas geschrieben hab Engel  ...Und Nîn ja außerdem gerade nichts zu sagen hat. Ich denke mit "Protest" kann man das was sie versucht ganz gut zusammen fassen. Sie wird zwar mit zunehmender Zeit ruhiger, weil sie genau weiß, dass er nur hilft und sie nicht mehr kann, was sie aber nicht davon abhält ihren Zwergischen Stolz hier und da sporadisch mal zu verteidigen. Ach doch, das schreib ich noch eben, ein bisschen delirium artiger innerer Monolog hat ihr noch nie geschadet... Gez: Mori
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 18 Aug 2013, 19:07

Nîns Protest war weniger als halbherzig und galt schon nach kurzer Zeit mehr ihrem eigenen Körper als dem Elb.
Sie versank zwar innerlich vor Scham im Boden, denn immerhin wurde sie nicht nur wie ein kleines Kind getragen, sondern dazu auch noch von einem Elb und an dem Ort, wo sie noch vor kurzer Zeit so intensiv die Nähe ihrer Eltern gespürt hatte, aber ihrem Bewustsein war es auf schockierende Art und Weise egal. Anstatt ihre letzte Kraft automatisch dafür aufzubringen, sich mit Händen, Füßen und Zehnen zu wehren, lies sich ihr Körper diese Behandlung einfach gefallen und leistete nur vereinzelt Widerstand, gleich so als ob sie damit ihren gekränkten Stolz besänftigen könnte. Die Zwergin fühlte von ihrem Körper betrogen und zugleich beschämt, als sie aus Reflex die Arme um den Hals des Elben schlung, um nicht zur Seite weg zu rutschen, als er mit ihr einige Treppenstufen hinauf sprintete. Sie hielt die Augen geschlossen, um sich bei diesem Anblick nicht übergeben zu müssen und begann sich zu entspannen, ohne, dass sie sich vorher aktiv dazu entschieden hatte.
Der Wind streifte ihre Haut und hinterlies an diesen Stellen angenehme Kühle, die in einem beruhigenden Kontrast zu der Wärme stand, die der Körper des Elben ausstrahlte.
Die Haare des Elben flogen ihr ins Gesicht. Der damit verbundene Geruch versetzte ihrem Magen zum wiederholten Male an diesem Tag einen Stich, der ihr das Blut ins Gesicht schießen lies. Er hatte die Wahrheit gesagt. Als sich der Elb, der sie zu Elrond gebracht hatte, ihrem Gesicht genährt hatte, war da nur der Geruch von Pferd und poliertem Metall gewesen. Die Haare ihres Trägers umgab jedoch der warme Geruch von Tannen und Kastanien und einem leichten Hauch von Wasserpflanzen, deren Namen Nîn nicht mehr einfielen. Es waren hell grüne Pflanzen mit dunkleren Fasern, die schwerelos in den Seen hingen und einen wundervollen Anblick boten. Sie hatte schwimmen gelernt, während ihre Eltern wieder auf Reisen gewesen waren. Als sie wiedergekommen waren, hatte sie ihre Ankunft verpasst, weil sie sich zu dem Zeitpunkt aus dem Haus geschlichen hatte um dem Hausarrest zu entgehen. Es war ihr von dem Mann aufgebrummt worden, der täglich nach dem Rechten gesehen hatte und er hatte sogar eine Wache vor der Tür positioniert, doch sie hatte rein aus Prinzip nie auf das gehört, was er ihr befohlen hatte. Eine große Kastanie hatte vor dem Haus gestanden, auf die sie von einer losen Dachluke aus gelangen konnte und über die sie schließlich unbemerkt an der Wache vorbei klettern konnte. Trotz ihrer langen, spitzen Ohren, hatte der Mann in der Rüstung nichts bemerkt, denn Nîn war schon immer stolz darauf gewesen, dass sie sich leise wie eine Katze bewegen konnte, wenn sie wollte. Als es dämmerte, schlich sie wieder zurück, jedoch nicht ohne einen kleinen Abstecher zu ihrem lieblings See gemacht zu haben. Rote Blätter säumten das Ufer und ein kleiner Wasserfall sorgte dafür, dass das Wasser hier immer erfrischend kalt war und nie regungslos war.
Ein Lied klang durch die Dunkelheit zu ihr hinüber und sie sah ihre Mutter auf einer der Steine in der Mitte des Sees sitzen. Sie summte vor sich hin und wusch ihre Rüstung, während sie wahrscheinlich die letzte Wärme des Tages genoss, die in den Steinen gespeichert war. Nîn tauchte lautlos in das kalte Wasser ein und tauchte in wenigen Zügen quer durch die schwebenen Pflanzen hindurch bis hin zu der Stelle, an der ihre Mutter saß. Sie schrie vor Schreck auf, als Nîn direkt vor ihren Füßen mit dem Kopf aus dem Wasser schoss. Nîn konnte sich kaum über Wasser halten vor lachen und wedelte dazu noch mit den von Pflanzen bedeckten Armen, als wäre sie ein kleines Wassermonster. Ihr Mutter war so überglücklich sie zu sehen, nachdem sie den kleinen Schock überwunden hatte und hob sie lächelnd aus dem Wasser auf ihren Schoß. Nîn fand, dass es nichts schöneres, als das Lächeln ihrer Mutter gab. Ihre Züge waren so weich und liebevoll, dass ihr Anblick normalerweise reichte, um Nîn zu beruhigen, wenn sie wegen irgendetwas weinte, doch dieses erste Mal, war es anders herum gewesen. Sie hatte ihre Mutter so sehr vermisst, dass sie ihr mit einem Schluchtzen um den Hals fiel. Sie umfasste Nîn mit einem Arm, während der Wind mit ihren Haaren spielte, und versprach ihr sie nie wieder alleine zu lassen, wenn das ihr Wunsch war.
Stimmen kamen näher, doch Nîn vergrub nur das Gesicht an der warmen Schulter und nickte, während sie sich mit den Armen so fest sie konnte an dem Oberkörper fest hielt, der von einer Stoffschicht bedeckt war, die nach altem Holz und Tannenharz roch.
Nîn stutzte. Etwas an diesem Geruch passte nicht.
Die Stimmen kamen näher und die wippenden Bewegungen in denen ihr Körper geschaukelt wurden, wurden hastiger, was in Nîn das Gefühl weiter verstärkte, dass irgendetwas mit ihrer Welt gerade wohl nicht stimmte. Doch so lange sie sie nicht alleine lassen würde, würde ihre Mutter sie schließlich beschützen. Immerhin hatte sie es versprochen.
Mutter...
Etwas an diesem Wort verstärkte Nîns innere Unruhe nur noch mehr anstatt sie zu besänftigen, doch ihre Gedanken waren so schwer...


----
Blut kriegt man so schwer wieder raus.... ich denke Morwe sollte Rinon mal ne Packung Fleckenentferner schenken.
Ihre Gedankengänge im Delirium werden irgendwie immer so kleine Selbstläufer + durch Bruchtal verstärkte Anfälligkeit für Flashbacks = weggetretene Zwergin, die plötzlich total lieb und zutraulich ist Schadenfreude 
Was genau würde mit Morwe geschehen, wenn ihn sein Großvater jetzt erwischen würde und er dazu noch sehen würde, wie er gerade mit einer Zwergin knuddelt?? Razz 

...ich denke mal zumindest bei ihr könnte man das mit 32 zwergischen Jahren noch durchaus als Jugendsünde durchgehen lassen, sollte sie selber jemals begreifen, was sie da gerade tut...
(btw, unnötig zu erwähnen, dass besagter See in Bruchtal ist .... und für evtl spätere Zusammentreffen mit unserer elbischen Wasserratte hier nützlich sein könnte...oder?)
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 19 Aug 2013, 17:03

Im Licht der Abendsonne wirkte das ganze Tal wie in Gold gegossen. Die unter ihnen liegenden Dächer schimmerten wie mit Honig bestrichen, feuerrotes Laub wiegte sich im milden Wind. Am Himmel kräuselten sich Wolkenfetzen, deren bauschige Leiber von einem grellen Purpur in ein mattes Rosa übergingen. Schmetterlinge tanzten über die Wiese und der Geruch warmen Grases lag wie ein feines Tuch über den Gärten.
Sehnsüchtig musterte Morwe die vereinzelt stehenden Linden. Was würde er geben sich einen Abend ohne Sorgen unter sie legen zu können. Nur einen einzigen Abend der Muße, ein paar Stunden der Ruhe ohne sich über Pflichten oder Familienangelegenheiten kümmern zu müssen. Sein Blick fiel über den Abhang zu seiner Linken, der mit einem schneeweißen gewundenen Zaun abgegrenzt war, dessen Glieder orangerot glitzerten. Hinter ihm erstreckten sich Türme und Hallen, Brücken und rauschende Wasserfälle - das Herz Bruchtals. Und ausgerechnet dorthin musste er gelangen.
Seufzend begutachtete er seine kleine Begleiterin. Anfangs hatte sie noch gezappelt und hin und wieder etwas unverständliches gegen seine Schulter gebrummt, doch seit er das Plateau hinauf geschritten war, war sie auffallend ruhig. Um nicht zu sagen beunruhigend ruhig....
Morwe beugte seinen Hals im Gehen etwas zurück, damit er sie besser sehen konnte. Aber ihr Gesicht war von einem Vorhang dichten Haares verdeckt. An der Stelle, wo sie ihre Wange hatte, war das Hemd längst aufgeweicht und er hoffte, er bildete sich nur ein, dass sein linker Arm inzwischen etwas feucht war. Ich muss mich beeilen!
Grimmig beschleunigte Morwe seine Schritte. Alles wäre viel leichter gewesen, hätte er den gleichen Weg zurück nehmen können, auf dem er zu der Gedenkstätte gekommen war. Unvermittelt waren jedoch Wachen auf dem Umgang aufgetaucht. Ihre Tracht hatte nichts Gutes erahnen lassen und so war er schweren Herzens in entgegengesetzter Richtung zu den über den Felsfronten liegenden Gärten aufgebrochen. Nicht nur, dass es kein kleiner Umweg war, dieser Weg führte ihn zudem zu den ausladenden Versammlungshallen im Süden. Und was, wenn nicht ein warmer Spätsommerabend, lud zum Verweilen bei Wein und Musik in den lichten Fluren ein? Mürrisch überlegte er:Ich sollte die Zwergin in einem Instrument verstecken und mich als Barde verkleiden...
Für einen Moment erheiterte ihn die Vorstellung, wie er versuchen würde die bewusstlose Zwergin in einer großen Trommel oder im Bauch eines mächtigen Saiteninstruments unterzubringen. Sein Lächeln schwand, als  das Paar Arme, das kraftlos um seinen Hals lag, sich plötzlich wie ein Schraubstock zusammenzog. Morwe schnappte nach Luft. Und zu allem Übel drückte sich nun auch noch ein feuchtes warmes Gesicht in seinen Nacken und klemmte ihm fast die Halsschlagader ab. Rote Haarbüschel wehten ihm vor die Augen. Fluchend versuchte Morwe sich so weit aus der Umklammerung zu lösen, dass er wieder etwas sehen konnte. Sein Herz machte einen Hüpfer. Aus heiterem Himmel schwand die Wiese unter ihm und machte glattem Steinboden platz. Gerade noch rechtzeitig erspähten Morwes Augen die Treppe, die sich völlig unerwartet vor ihnen auftat. Wie wenn der Boden sich jäh zu seinen Füßen aufgespalten hätte.
Mit kribbelnden Armen umfasste Morwe die Zwergin fester. Die Stufen glommen matt im Abendlicht und waren zu ihren Seiten mit Moos und Efeu bewachsen. Wie dicke geflochtene Haarsträhnen hing es die Felswände herab. Selbst von hier oben aus konnte Morwe das Ende der Treppe tief unten in den Schatten zwischen den Bäumen ausmachen, so steil war sie.
Ungeduldig zerrte der Wind an seinen Kleidern. Es war offensichtlich, dass dieser Weg nicht für den eigentlichen Auf- und Abstieg von hier oben aus gedacht war. Wahrscheinlich eine vergessene Abkürzung, mutmaßte Morwe, denn selbst er hatte ihn auf seinen Wachrundgängen noch nie benutzt. Wo er nun darüber nachdachte, wieso hatte er diesen Pfad noch nie zuvor beachtet? Einen Blick um sich werfend, so gut es seine zwergische Nackensperre zuließ, bemerkte er die frisch geschnittenen Buschstümpfe rings um sich.
Jemand hatte den Weg erst vor kurzem wieder freigelegt.
Etwas brummte auf einmal gegen seinen Hals und eine Gänsehaut schoss durch Morwes linke Körperhälfte. Er zuckte unwillkürlich zusammen, wobei er die Zwergin an sich drückte, die sich daraufhin noch näher an ihn presste. Ein eigentümliches Kitzeln in seinem Bauch ließ Morwe die Hitze ins Gesicht schießen. Er wollte lieber nicht wissen, wovon sie da gerade träumte.
Träumten Zwerge überhaupt?
Er musste seine Aufmerksamkeit nicht auf sie richten, damit seine Füße ihn rasch und sicher die Stufen hinab trugen und so ließ er seine Gedanken schweifen.
Wenn die Zwerge von Aule aus Stein gemacht waren und nicht wie die Eldar oder Menschen aus dem Gesang der Ainur stammten, konnten sie dann träumen? Immerhin schliefen sie, was sie mit den Menschen gemein hatten. Aber trotzdem waren sie dem Wesen der Berge näher, welche stumm die Zeitalter der Welt ausharrten.
Schneller als erwartet erreichte er den Fuß der Treppe. Seine Konzentration wieder auf seine direkte Umgebung richtend, passierte er die Eichen, aber was er hinter den Stämmen vorfand, ließ Morwe innehalten. Schnaubend biss der sich auf die Unterlippe. Statt eines lichten kurzen Waldstücks sah er sich undurchdringlichem wucherndem Unterholz gegenüber.
Vielleicht lichtete es sich dort vorne etwas., hoffte er und schlängelte sich durch den hüfthohen Farn. Mücken stoben auf. Klebrige Netze spannten sich über seine Finger und er spürte sie selbst durch die Hose auf seinen Beinen, während er sich durch das Gestrüpp kämpfte. Aus den Mundwinkel pustete er die sirrenden Insekten vom Kopf der Zwergin.
Das hat keinen Sinn... Fluchend hielt er inne. Augenblicklich krabbelte es auf seinen Waden und Oberschenkeln. Sollte er umkehren? Aber es würde viel zu lange dauern den Weg zurückzunehmen. Und mit einer verwundeten Zwergin in seinen Armen konnte er auch nicht durch die Bäume klettern.
Gerade, als sich schon umwenden wollte, erhaschten seine Augen einen Schatten zwischen den Stämmen. Etwas großes war dort, etwas, das nicht nach einer Felswand aussah.
Mit großen Schritten eilte Morwe durch die Dornenbüsche und Hecken. Jedes Ratschen, das dabei an seine Ohren drang, ließ ihn das Gesicht verziehen, waren es schließlich nicht seine Kleider, die er da gerade misshandelte.
Was sich ihm da aber hinter den Tannen darbot, machte, dass Morwe der Mund aufklappte. Vor ihnen, eingeengt zwischen Baumstämmen und gewaltigen stachelbewehrten Sträuchern, stand - ein Haus.
Dunkelheit kauerte hinter den zerbrochenen Fenstern, die hier und dort von Efeu überwuchert waren. So wie eigentlich alles an diesem Gebäude überwachsen und von der Natur halb verschluckt war. Das spitze Satteldach war an einigen Stellen durchlöchert, manche Balken und auch die Balustrade des Balkons waren angefressen oder durchgebrochen, die Tür, oder  was von ihr noch übrig war, hing schief in den Angeln.
Was in Ulmos Namen...?!
Morwe rückte die Zwergin in seinen Armen wieder zurecht, die ihm ein Stück tiefer gerutscht war. Mit zögernden Schritten besah er die Ruine soweit er es im Unterholz konnte. Wenn er sich nicht irrte, schien das Gebäude äußerst lang zu sein. Und es verschwand genau nahe des Bergabhangs aus seiner Sicht, hinter dessen anderer Seite sich die Unterkünfte erstreckten. Vielleicht konnten sie nahe der Felsen so an den Plätzen etwas tiefer im Tal vorbeikommen ohne sie oder die Hallen dort passieren zu müssen....
Eine Wahl hatte er nicht wirklich. Er konnte unmöglich mit der Zwergin den Weg wieder zurückgehen.
Hoffentlich schläft sie weiter fest.
Mit einem Gefühl im Magen, als würde er geradewegs in eine Orkhöhle marschieren, betrat Morwe das Haus.
Dank der kaputten Dielen im Stockwerk über ihnen und dem zerfressenen Dach war es annähernd hell. Die Luft schien dicker zu sein, Staub kitzelte Morwes Rachen und Fasern verklebten ihm schon nach wenigen Schritten die Haare. Er fasste die Zwergin enger und bedeckte ihren Kopf mit seiner Linken, damit sie von den Spinnweben etwas verschont blieb. Ohne es zu merken war Morwe in einen leichten Trab verfallen. Er ignorierte entgegen seiner aufkeimenden Neugierde die Treppen und angrenzenden Gänge und folgte dem weitläufigen Flur. Die Fenster waren so verdreckt, dass er durch sie nichts erkennen konnte außer vage Schatten. Kam es ihm nur so vor oder stieg der Boden leicht an? Ein Stück vor ihnen machte der Gang auf einmal eine Biegung nach rechts, wo ihn Dunkelheit verschluckte. Morwes Eingeweide zogen sich zusammen. Doch es war nicht die befürchtete Sackgasse. Gleichwohl der Flur sich hier in Finsternis verlor, weit an seinem Ende schien er eine weitere Biegung zu machen, denn von links glomm fahler Lichtschein über die modrigen Fliesen. Hoffentlich war es nicht bloß ein Fenster.
Nervös leckte sich Morwe über die trockenen Lippen. Seine Konzentration zusammennehmend starrte er durch das undurchdringliche Dunkel und versuchte das dumpfe Pochen in seinem Bauch zu deuten. Was ihm sein Gespür mitteilte war, dass der Boden sicher war und keine Gefahr bestand unversehens in ein Loch zu treten.
Er wagte es mit den Füßen tastend sich vorwärts zu schieben. Aber die Fliesen knackten nicht und der Boden wippte nicht einmal sacht. Rasch brachte Morwe das Stück in der Schwärze hinter sich und atmete erleichtert auf, als ihn wieder Licht empfing. Aber schon im nächsten Moment erlitt seine Hochstimmung einen herben Dämpfer. Nur wenige Fuß vor ihm endete der Gang. Er schloss jedoch nicht mit einer einfachen Wand. In sie war eine mannsgroße gräuliche Marmorplatte eingelassen, die eine Tür hätte sein können, wäre sie nicht spiegelglatt. Das seltsam helle Mauerwerk um sie war hier weniger feucht und auch nicht bewachsen.
Eigenartig... Morwe passierte das Fenster zu seiner Linken, wobei er gleich zwei sehr seltsame Dinge bemerkte: Zum einen konnte er hinter dem milchig gewordenen Glas die Umrisse einer dunklen Felswand erkennen. Hatte der Korridor sie etwa durch ein kurzes Stück des Berges geschleust? Und die zweite Merkwürdigkeit war eine kleine unscheinbare Metallkonstruktion direkt unter der Fensterbank. Es sieht fast aus wie ein Hebel. Entgegen aller Vorsicht erfasste Morwes Neugierde von seiner linken Hand Besitz. Er griff nach dem schräg stehenden Metallstab und rüttelte sanft an ihm, um zu testen, ob er sich bewegen ließe. Der Scharnier gab nach und Morwe drückte den Hebel durch.
In der nächsten Sekunde zuckte Morwe zusammen. Ein Knacken ertönte aus der Wand vor ihm, Staub und Putz rieselten von der spröden Decke und die Marmorplatte begann zu vibrieren. Mit einem metallischen Klicken, als würde etwas in einer Vorrichtung einrasten, drehte sich die Platte um ihre eigene Achse und gab den Blick auf einen weiteren Gang frei.
Morwes Augen weiteten sich. Er starrte geradewegs in einen säuberlich geputzten mit Wandteppichen und Vorhängen verhangenen Flur, den er nur allzu gut kannte. Die Dachkammern der Wachunterkünfte! Wellen der Erleichterung fluteten durch seine Brust. Behände huschte er durch die Öffnung, die sich kaum einen Moment später hinter ihm wieder schloss. Mit einem Lächeln begutachtete Morwe das Gemälde, welches eine Waldlandschaft zeigte, und nahm sich vor es in baldiger Zukunft mit etwas mehr Zeit noch einmal zu besuchen. Dann wandte er sich um und eilte die nahen Treppen hinunter.
Es war nicht mehr weit von hier aus. Nur noch hinaus über einen Platz - oder vielmehr an ihm vorbei - und ein paar Stufen hinab an einem kleinen Bächlein entlang. Dort sollte sich die Unterkunft der Zwergin befinden. Etwas tiefer gelegen als die übrigen Hallen und eng an einen Hang geschmiegt umgeben von alten Eichen.
Doch just in dem Augenblick, da Morwe das untere Stockwerk erreicht hatte und sich in Richtung des rechten Ausgangs wenden wollte, wehten laute Stimmen von dort aus zu ihm herüber. Stimmen, die ihm leider sehr bekannt vorkamen.
Fluchend preschte Morwe in die entgegengesetzte Richtung. Warum ausgerechnet jetzt?! Auf dem letzten allerkleinsten Stück! Aber er kam nicht weit. Auf dem Hof, auf den er durch das andere Portal blicken konnte, hatte sich eine ganze Reiterschaft versammelt! Mehr als ein Dutzend Mann standen dort, von denen er nicht wenige auf einen Blick identifizieren konnte. Mit rasendem Herzen sprintete Morwe zurück zur Treppe. Da tauchte schon im Rundbogen des gegenüberliegenden Ausgangs der Saum einer Robe auf. In Panik ergriff Morwe das einzige Versteck, das er gerade entdecken konnte und flüchtete in die nächste Nische hinter einen Vorhang. Keine Sekunde zu früh. Durch den Stoff konnte er die Konturen von Lómion und Calatar sehen, wie sie den Flur betraten. Wild gestikulierend waren sie anscheinend so in ihr Gespräch vertieft, dass sie ihrer Umgebung kaum Beachtung schenkten.
„...ich sage dir, ich habe ihn selten so aufgebracht erlebt!“, zischte Lómions Stimme. „Er soll sogar seinen Enkel vor den Augen der anderen Wächter aufs Heftigste gerügt haben!“
„Er wird seine Gründe haben! Was geht es uns an? Wir sind in seine Angelegenheiten nicht verstrickt!“
„Du begreifst es nicht, Calatar!“, fluchte der Ältere zurück. „Wenn er so wütend ist, dass er seine eigene Familie in der Öffentlichkeit schilt, wird er uns noch viel weniger Freundlichkeit entgegenbringen!“
Welcher Enkel? Meinen sie Elûdin? Morwe schlug das Herz bis zum Hals. Seine Hände, mit denen er die Zwergin eng an sich drückte,  waren schweißnass. Die beiden streitenden Elben waren jetzt kurz davor den Vorhang zu passieren. Ausgerechnet nun verlangsamte Calatar sein Schrittgeschwindigkeit. Nachdenklich hielt er den Kopf gesenkt und murmelte: „Ich möchte bloß wissen, was Armírës Spross getan hat, dass Elothlond so außer sich ist.“
Lómion machte eine durch den Stoff recht theatralisch wirkende Geste. „Glaubst du ich hätte ihn nicht danach gefragt? Aber sagt er etwas? Nein, natürlich nicht! Noch zugeknöpfter als sonst ist er!“, ein Schnauben erklang und kopfschüttelnd marschierte Lómion stramm auf den Ausgang in Richtung Hof zu. „Wenn diese elende Sucherei nicht ihre Mühe wert war, werde ich mir den Burschen höchstpersönlich noch einmal vorknöpfen!“
Calatar blieb plötzlich stehen. Nicht unweit des Vorhangs, doch wenigstens mit dem Rücken zu ihm. Reflexartig hielt Morwe die Luft an und erstarrte.
„Tu das nur.“, der Jüngere rieb sich scheinbar die Stirn. „Aber ich sage dir noch einmal: So werden wir ihn nie finden! Ich für meinen Teil habe kein Interesse daran mich von Elothlond anherrschen zu lassen! Es nutzt nichts durch Imladris zu eilen, wir sollten auf ihn warten!“
Lómion hielt ebenfalls inne. „Dann mach einen Vorschlag! Und du nimmst dafür die Verantwortung auf dich, wenn wir ihn nicht kriegen!“, es klang resignierend.
„Auch wenn ich es nicht gerne sage, aber wir sollten Menelos Rat folgen.“, Calatar zuckte die Schultern. „Die Informationen, die er durch Armírëions Freund bekommen hat, werden uns helfen ihn zu finden. Soll er nur glauben, wir folgen seiner falschen Fährte, wir werden damit erfolgreich sein. ...Und besser als auch noch den Abend durch Hallen und Korridore zu jagen ist es allemal!“
Schweißperlen rannen Morwes Schläfen hinab, über sein Kinn und verschwanden im Haar der Zwergin. Sein Körper bebte. Ein dicker Wurm fraß sich durch seinen Bauch, als er an Rínon dachte. Hoffentlich war ihm nichts schlimmes widerfahren! Wenn sein Großvater so außer sich war, wie die beiden behaupteten...! Ein Schauer überlief Morwe eiskalt. In seinen Ohren rauschte es. Er konnte nicht mehr hören, was die beiden Männer vor dem Vorhang berieten.
War vielleicht etwas in seiner Abwesenheit geschehen, von dem er nichts wusste? War vielleicht-?, er wagte es nicht den Gedanken zuende zu denken.
Wie ein Blitz fuhr der Schreck durch seinen Leib, da sich die kleine Gestalt in seinen Armen plötzlich zu regen begann....

Das kommt davon, wenn du mich in so ne Bredouille bringst sieht Sternchen  viel zu viel... ich glaube mein Hirn wollte sich nach der Lernerei mal abreagieren. brutal 
Nîn versteht kein Elbisch oder? Ist dir überlassen, ob und wie sie sich verziehen. Jedenfalls ist Morwe jetzt für den Rest des Abends etwas... "angespannt" und vielleicht nen Tick sehr nervös ^^" muss schön sein in den Armen eines panischen Elben hinter einem komischen Wandvorhang aufzuwachen. ...und festzustellen, das man voller Spinnweben und Zeug ist ^^"
sorry, das hat sich irgendwie so ergeben... war egt anders geplant keinen Schimmer 
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Moriko

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Mo 19 Aug 2013, 21:14

Der Gedanke an ihre Mutter lies Nîn nicht mehr los. Er biss sich in ihren dahin wabernden Gedankenfetzen fest und sorgte für einen Stau. Viele andere Szenen und Empfindungen wollten zu ihr vordringen, doch dieses eine Gefühl hielt sie davon ab. Es kam Nîn vor, als würde ihr jemand an einem kalten Wintermorgen in Zeitlupe die Decke weg ziehen, ohne dass etwas dagegen unternehmen könnte. Das wogende Gefühl, dass ihren Körper umhüllt hatte, war zu irgendeinem Zeitpunkt in jüngster Vergangenheit verebbt und Nîn wurde grausam aus ihrer Welt gerissen. Weg von dem See, weg von dem lieblichen Gesang ihrer Mutter, weg von ihr... was blieb war die Dunkelheit um sie herum und der schwächer werdende Geruch der Wasserpflanzen und was sie in Empfang nahm, war der beißende Schmerz, der sich wie ein schweres Tuch über ihren ganzen Körper gelegt hatte.
Sie regte sich und stemmte sich vorsichtig nach oben, denn aus irgendeinem Grund waren nicht nur ihre Beine taub, sondern ihre gesamte Situation auf gewisse Weise unbequem. Die Stimmen aus weiter Ferne wurden klarer und deutlicher und die Zwergin erkannte die elbischen Wörter. Während sie früher darauf bestanden hatte, später ein großer Krieger wie ihr Vater zu werden, hatte ihre Mutter streng und bestimmend dafür gesorgt, dass sie sich in sämtlichen Sprachen ein anständiges Grundwissen aneignete. Diese nervige Lernprozedur war entgegen Nîns damaligen Behauptungen, schon in so manchen Situationen recht nützlich gewesen, besonders weil offenbar niemand dieses Können von jemanden wie ihr erwarten würde. Die Unterhaltung, die jetzt an ihre Ohren drang, brauchte jedoch einige Zeit, bis sie für Nîn einen Sinn ergab. Die beiden Männer, die sich unterhielten sprachen schnell und mit einem um Bree nicht allzu weit verbreiteten Akzent. Sie waren wohl auf der Suche nach irgendetwas oder -jemandem und lachten über die Vorstellung was passieren würde, wenn sie ihn oder es fanden.
Es fiel der Zwergin schwer, die Augen zu öffnen. Nicht wegen ihrer matten Müdigkeit, denn die hielt sich augenblicklich in Grenzen, es lag viel mehr an einer unangenehmen Substanz, die sich wie ein klebriger Film über ihre Lider gelegt hatte. Sie rieb sich stöhnend mit der rechten Hand durchs Gesicht und verharrte zu Stein erstarrt in dieser Position, gleich nachdem sie das erste Augenlid hatte öffnen können.
Jemand starrte sie an.
Gerade einmal eine halbe Armlänge von ihr entfernt befand sich der Kopf des Elben, dessen Schulter sie mit der einen Hand umklammert hielt und der sie wie ein Kind in den Armen hielt, wie Nîn augenblicklich wieder bewusst wurde.
Sein Blick war ebenso starr wie der ihre, nur weniger vor Verwunderung, als vor Angst und Hilflosigkeit. Sie befanden sich in einer sehr schmalen Nische, die Nîn an die Art von Nischen erinnerte, in der sonst kleine Podeste standen oder Ritterrüstungen inszeniert wurden. Nur war diese hier leer, mit Ausnahme von ihr und dem Elb, was sie wiederum zur Gänze ausfüllte. Licht fiel durch einen weinroten Vorhang auf das Gesicht des Elben, der sich ihr in ihrer jüngsten Erinnerung als Morwe vorgestellt hatte. Jetzt, da sie ihm so nahe war, erkannte sie viele feine Unterschiede zu der Gestalt, die sie so unbarmherzig behandelt hatte und das lag nicht nur an dem Dreck und an dem Staubfaden, der knapp über seinem linken Ohr hing. Seine Stirn war glatter und wirkte weniger so, als würde er den ganzen Tag über die Augenbrauen zusammen ziehen, die ein wenig schmaler und anders geformt waren als die seines Bruders, wenn auch ebenso buschig und schwarz. Seine Nase war ein wenig schmaler, kaschierte jedoch nicht die tiefen Ringe, die unter seinen Augen hingen. Nîn stutzte innerlich für einen Moment und überlegte, ob er womöglich irgendwelche schweren, gesundheitlichen Probleme hatte, jedoch kam sie zu keiner Antwort, da seine Augen sie mit einem Ausdruck anstarrten, der ihr vermittelte, dass er wohl in naher Zukunft gegen seinen Willen welche bekommen würde. Sie wandte den Kopf und versuchte durch den Vorhang hindurch etwas zu erkennen. Kurz nach ihrem Stöhnen hatte einer der beiden Elben den anderen angewiesen, ruhig zu sein und meinte, er hätte etwas gehört.
Der zweite Elb hatte daraufhin angefangen zu lachen doch dieses Lachen war nun abgeklungen. Er sprach langsamer und mehr einzelner Silbenbetonung als sein Freund, weshalb Nîn seine Sätze viel besser verstehen konnte.
„Lass gut sein. Wenn du ihm hier auflauern willst, dann sollten wir uns dafür zeitig an unser Plätzchen zurück ziehen, sonst verpassen wir ihn noch. Ratten jagen kannst du auch später noch.“ Der genervtere Elb schnaubte und grummelte der Tonlage nach zu urteilen eine Art Wortwitz vor sich her, den Nîn nicht so recht zu übersetzen wusste. Die Zwergin kniff die Augen zusammen um die Konturen ihrer Umgebung besser zu erkennen. Der Bereich hinter dem Vorhang wölbte sich wie ein Gang, der sich in drei Richtungen auftat. Aus der Abzweigung zu ihrer Rechten strahlte Sonnenlicht, während links die Silhouette von zwei hoch gewachsenen Männer zu erkennen war, von denen einer mit schräg liegendem Kopf wage in ihre Richtung schlenderte. Direkt geradeaus hob sich der Gang etwas an und verlor sich in einer für sie nicht weiter erkennbaren Dunkelheit. Morwe schluckte und sie sah eine Schweißperle seine ohnehin schon feuchte Stirn hinunter rinnen. Ein merkwürdiges Gefühl überkam die junge Zwergin, welches ihr schon vor langer Zeit fremd geworden war. Sie konnte es nicht so recht deuten, weshalb die Entscheidung zu ihrer nächsten Handlung auch nur rein intuitiv war. Eine kleine Schnecke hatte sich in Morwes Haaren verfangen und nur Aule persönlich vermochte wohl zu sagen, wie sie dich dorthin verirrt haben mochte. Doch Nîn packte das arme Tier behutsam an seinem Häuschen und befreite es aus dem Wirrwarr aus schwarzen Haaren. Sie zog sich zusammen, bis ihr weicher Körper vollkommen in dem Haus verschwunden war, dass zwar klein, aber dafür auch hart war wie das Erz aus den Eisenbergen. Für den Bruchteil einer Sekunde betrachtete Nîn diesen Vorgang interessiert. Sie mochte Tiere. Aber noch nie hatte sie sich für diese so unscheinbar wirkenden Tiere interessiert. Dabei konnten sie so faszinierende Geschöpfe sein. Die Zwergin hob die Hand mit der Schnecke über den Kopf und begann zu zielen. In einer sauberen Flugbahn sauste das kleine Tier über den Vorhang hinweg prallte mit einem kurzen Knall von der Decke des mittleren Ganges etwa fünf bis sechs Schritt von ihnen entfernt von der Decke ab und landete danach in etwas unbekannte, was ein sehr hölzernes und merkwürdiges Geräusch zur Folge hatte.
Nîn lauschte der Flugbahn ihres Wurfgeschosses bis zum Ende und klopfte sich daraufhin innerlich auf die Schulter. Es hatte durchaus auch Vorteile, der Decke etwa einen halben Meter näher als sonst zu sein.
Morwe starrte sie weiterhin an, nur wirkte sein Gesichtsausdruck noch etwas verkrampfter und ungesunder als zuvor. Als sie in seine panisch fragenden Augen sah, sackte sie innerlich wieder ein Stück zusammen. Erst jetzt kam ihr der Gedanke, dass sich ein Elb wie Morwe wohl noch nicht allzu oft aus ähnlich prekären Lagen hatte retten müssen, wie es Nîn in empfunden ferner Vergangenheit hatte tun müssen. Doch zu ihrer Überraschung entkrampfte sich seine Mimik schlagartig, als der genervte Elb inne hielt und sich fragend an seinen Freund wandte. Beide wechselten ein paar undeutliche Sätze und eilten dann in den Gang, aus dem das leise Scheppern zu hören war. Nîn sah, wie Morwe begriffen hatte, als er mit seiner Hand vorsichtig den Vorhang einen Spalt breit beiseite schob. Die Beiden Elben hatten ihnen den Rücken zugewandt und waren sich lautstark am unterhalten. Die Zwergin wusste, dass jetzt alles ziemlich schnell gehen musste und als hätte er ihre Gedanken gelesen, schob sich Morwe mit einer so fließenden und lautlosen Bewegung hinter dem Vorhand hervor, dass Nîn sich beherrschen musste, um nicht neidisch zu werden. Der schwere Stoff streifte ihr Gesicht und sie biss sich fest auf die Zunge um diesen Fluchtversuch nicht durch laut ausgestoßene Flüche zu vereiteln, doch der Schmerz sorgte dafür, dass es ihr endlich durch den Kopf schoss, was mit ihr im Augenblick nicht stimmte. Sie hatte Schmerzen. Nicht nur ihr Arm und ihr Gesicht, an dieses Pochen hatte sie sich augenblicklich irgendwie gewöhnt. Es war mehr ein Stechen wie von tausend kleinen Dornen, die durch ihre Adern und Nervenbahnen flogen. Sie drückte ihren Oberkörper an den von, um mit ihm ein weniger großes Ziel zu bieten, während er mit angehaltenem Atem an der Mauer entlang schlich, und beobachtete dabei interessiert aber mit schweren Augenlidern die beiden diskutierenden Elben in dem Gang von denen sie sich entfernten.
Wenn mir das nächste Mal eine Heilkundige Person sagt, dass ich noch einige Zeit liegen bleiben muss, sollte ich vielleicht darauf hören und mich nicht schon direkt im nächsten Augenblick mit einer Wache anlegen...
Aber eigentlich hatte er es ja darauf angelegt...
Also ist es im Grunde seine Schuld und nicht meine....
Dann muss ich mir auch nichts für die Zukunft vornehmen...
Vielleicht wäre es aber trotzdem nicht verkehrt Elronds Angebot für zumindest eine Nacht anzunehmen...
Er rechnet bestimmt damit, dass ich ablehne, also muss ich es ja annehmen um ihm eins auszuwischen...

Müdigkeit senkte sich über Nîns Geist, als langsam die wiegenden Bewegungen von Morwes Körper wieder einsetzten, und das laute Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass sie den ganzen Tag außer dem widerwärtigen Kräuterschnaps von Venyannen noch nichts zu sich genommen hatte.
Das Bild des Orks, der ihren gesamten Proviant aus dem entdeckten Rucksack im Schlamm verteilt hatte und wie er selbst das vom Bäcker geschenkte Rosinenbrot mit Füßen zermatscht hatte, kam ihr wieder in den Sinn und sie schwor abermals bitter böse Rache, sollte sie ihn jemals lebend erwischen.

Immer diese Erkenntnisse die einem während des Schreibens ereilen, jaja...Engel 
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Do 22 Aug 2013, 20:13

Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt und seine Sinne so geschärft, dass das Klackern des Schneckenhauses ihm in den Ohren brannte. Wie glühendes Eisen stach der zweite Aufprall in sein Trommelfell. In Morwes Schläfen hämmerte es. Eisige Hände griffen nach seiner Wirbelsäule und spickten seinen Rücken mit tausenden kleiner Nadeln. Sein schweißnasses Gesicht verkrampfte sich.
Ist sie denn wahnsinnig?! Morwe starrte die Zwergin panisch an, deren selbstzufriedene Miene daraufhin wieder etwas verebbte.
Nicht, dass er nicht schätzte, dass sie ihr Möglichstes tun wollte, um sie beide aus dieser misslichen Lage zu befreien. Immerhin war es ihr Stöhnen gewesen, was Lómion und Calatar beinahe ihr Versteck verraten hätte. Dennoch - wenn sie hoffte, die seine beiden Verfolger damit ablenken zu können, war sie ausgesprochen naiv. Oder bloß unerfahren. Solche Ablenkungsspielereien funktionierten vielleicht bei Orks oder Menschen, deren Sinne nicht so ausgeprägt waren, wie die der Elben, anscheinend auch unter Zwergen, aber doch nicht hier!
Vor Morwes geistigem Auge stiegen Bilder davon auf, was geschehen mochte, wenn sie ihn nun entdeckten. Von den Demütigungen, die ihm zuteil werden dürften, da sie ihn mit einer Zwergin auf dem Arm hinter einem Wandvorhang vorfanden, einmal abgesehen, würden sie ihn gewiss zunächst wie eine Trophäe durch halb Imladris schleifen. Nur um ihn anschließend seinem furiosen Großvater vor die Füße zu werfen. Dabei konnte Morwe sich nicht erinnern, was er getan haben könnte, um Elothlond so zu erzürnen... Sicher, er hatte die erste Chance vertan die Ehre der Linie seines Vaters wiederherzustellen. Er hatte den Anweisungen seines Großvaters nicht Folge geleistet, aber das hatte er auch schon früher hin und wieder. Gewiss war er wütend, bestimmt sogar sehr, aber es brauchte mehr, damit Elothlond seine eigenen Verwandten in aller Öffentlichkeit anherrschte.
Vielleicht war wirklich etwas passiert... Vielleicht hatte er zugeschlagen, um zu verhindern, dass Morwe noch einen weiteren Schritt tat... Vielleicht machte sein Großvater Morwe nun dafür verantwortlich, dass es soweit gekommen war. Dabei hatte er es schon an jenem Tag heraufbeschworen, als er -
Morwe schluckte. Doch er konnte den schalen stumpfen Geschmack in seinem Hals nicht hinunterwürgen. Als hätte die Zeit für einen Augenblick stillgestanden, richteten sich seine Sinne wieder auf die Wirklichkeit. Und was er sah, ließ seine Starre erweichen.
Tuschelnd Worte wechselnd wandten sich seine Verfolger dem Gang zu, aus dem das hölzern schallende Geräusch erklungen war. Sie kehrten ihnen tatsächlich den Rücken zu!
Blut pulsierte durch Morwes Glieder. Ohne zu Zögern griff er nach dem Vorhang zu seiner Rechten. In einer einzigen Bewegung schob er sich mit der Zwergin durch den schmalen Spalt. Die beiden anderen waren so darauf konzentriert die Ursache des Geräusches ausfindig zu machen, dass sie nicht bemerkten wie sich hinter ihnen zwei Gestalten an der Wand entlang davonschlichen.
Morwe wagte nicht zu atmen. Alles, was er wahrnahm, waren seine Beine und Füße, die sich lautlos einen Weg zum Portal am Ende des Korridors bahnten. Vage nahm er davon Notiz wie sich die Zwergin wieder an ihn drückte. Trotz ihres Gewichts spürte er sie gar nicht mehr. Auch nicht seine Arme oder Hände. Unvermittelt kitzelten Sonnenstrahlen seine Haut, unter der sich seine Kiefermuskeln verhärtet hatten. Er war fast da! Nur noch wenige Schritte trennten ihn vom rettenden Ausgang. Nur noch einen kleinen Augenblick und er hatte es geschafft. Nur noch knapp vier Fuß. Noch drei..., zwei...
Ein markerschütterndes Grollen zerriss jäh die angespannte Stille.
Sein Herz zuckte schmerzhaft zusammen. Beinahe hätten Morwes Beine unter ihm nachgegeben, so schoss ihm der Schreck durch die Glieder. Er erstarrte zu einer Salzsäule.
Doch die Sekunden verstrichen, ohne dass etwas sich regte. Morwes Lungen kribbelten bei jedem Atemzug, Anscheinend hatten seine zwei Jäger sich weit genug in den Gang entfernt oder waren in tiefer Konzentration versunken, denn sie stürmten nicht augenblicklich um die Ecke. Nach einem Moment vernahm Morwe gedämpftes Raunen aus den Tiefen des mittleren Flures. Es war ein ganzes Stück von ihnen entfernt.
Erleichterung brach wie ein Wasserfall über Morwe herein. Er tat den letzten Schritt hinaus aus der Halle, huschte hinter einen breiten Pfeiler und atmete erleichtert aus. Geschafft! Grimmig beäugte Morwe die Zwergin in seinen Armen. Um ein Haar hätte sie ihn schon das zweite Mal fast verraten. Sie selbst schien es jedoch nicht registriert zu haben, jedenfalls ließ nichts an ihr darauf schließen. Still, den Kopf an seine Schulter gelehnt, hing sie an eng an seine Brust gedrückt. Womöglich schlief sie sogar schon wieder.
Morwe wusste nicht, ob er verärgert oder belustigt sein sollte, entschied sich aber für letzteres.
Die Überdachung, unter der sie standen, beschrieb einen Halbkreis um den hell gefliesten Platz vor ihnen, in dessen Mitte ein Beet angelegt war. Eine kreisrunde fein verzierte Bank umgab es, es war voller fliederfarbener Blumen. In seinem Zentrum schlang sich Efeu um eine kleine Statue, die eine Allegorie des Frühlings darstellte. Hohe Bäume säumten ihrerseits den Platz. Hinter ihnen reckten sich Berghänge in die Höhe und hier und dort ergossen sich feine Wasserfälle aus ihnen ins Tal. Erstaunlicherweise waren sowohl der Säulenring, wie auch der Platz selbst wie ausgestorben.
Stirnrunzelnd musterte Morwe die Pfade, die zu den anderen Unterkünften, einer Bibliothek und einem Saal führten. Auch hier niemand zu sehen, gleichwohl er nicht allzu weit gucken konnte, verschwanden die geschlängelten Wege doch unweit zwischen den Buchen. Keine Stimmen in der Luft, kein Gesang, nicht einmal Musik in der Ferne. Vielleicht war in den Gärten weiter weg heute eine Lesung und es war deshalb niemand hier, überlegte er. Gedanklich die Schultern zuckend richtete er seine Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Seite des Platzes. Morwe machte einen kurzen Spurt bis zum linken Ende des Umgangs. Von einer Säule aus spähte er zu dem unscheinbaren Pfad hinüber. Er schlängelte sich zwischen Bäumen und Beeten eine kleine Anhöhe hinauf. Hinter dem Wall aus Buchen konnte man hier und da Teile der Dächer erkennen. Die Unterkunft lag mehr oder weniger zentral zwischen den Behausungen und Studienräumen, an einem Platz ganz ähnlich diesem hier.
Unversehens wurde Morwe sich bewusst, wie er mit zusammengekniffenen Brauen hinter der Säule verschanzt ausharrte, als ginge es darum in eine schwer bewachte Festung einzudringen. Schmunzelnd schüttelte er den Kopf. Er löste sich von seinem Versteck und setzte zum Sprint an. Dabei hielt er sich nah an Bäumen und Sträuchern, um rasch untertauchen zu können, sollte doch jemand unerwünschtes plötzlich des Weges kommen. Wo der Pfad eine Biegung machte, sprang er, anstatt ihm zu folgen, über  Blumenbeete hinweg oder jagte an den Hecken vorbei. Jede Abkürzung war ihm nur recht. Er wollte es nicht darauf anlegen auf dem letzten Stück doch noch erwischt zu werden.
Aber seine Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Denn als Morwe das Ende des Weges und die Anhöhe mit den Unterkünften erreichte, lag sie verlassen da. Das melodische Plätschern eines Springbrunnens war das einzig markante Geräusch in der näheren Umgebung. Niemand war auf den Straßen, niemand auf den Bänken, an den Treppenaufgängen oder guckte auch nur vom Balkon herunter. Nichts. Skeptisch fragte sich Morwe, womit er dieses unverschämte Glück wohl später noch bezahlen musste.
Trotzdem wachsam schritt er langsam an den dicht beieinander stehenden Hallen und Häusern vorbei. Zwischen manchen reckten sich Bäume in die Höhe, andere wiederum teilten sich Umgänge um ihre Dächer oder einen Balkon oder waren durch Brücken miteinander verbunden. Im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden in Imladris, waren diese hier mit Wappen oder Symbolen geschmückt und individuell verziert. Manche besaßen gewundene Stützpfeiler, andere hatten sehr eigenwillige ausladende Treppenkonstruktionen, wieder andere ungewöhnliche Fenster, die mal sehr breit und langgezogen oder auch schmal und hoch waren oder gar rautenförmig. Was alle Unterkünfte aber gemein hatten, waren ihre gewaltigen Satteldächer, die hohen Dachgeschosse und wie sie mit den Pflanzen und der Natur um sie herum zu verwachsen schienen.
Ohne einer Seele zu begegnen, gelangten sie zu dem kleinen Platz, der ringsherum mit Häusern umstanden war. Hinter ihnen thronte seinerseits ein Ring aus Bäumen. In der Mitte erstrahlte ein kreisrunder weiß getünchter Pavillon, der von fünf Pfeilern getragen wurde, an denen Efeu emporkletterte. In ihm hatten Bänke, Stühle und kleine Tische platz, wie auch Bänke an den Säumen des Platzes vor den Häusern aufgestellt waren. Normalerweise waren sie von singenden und musizierenden Leuten besetzt, die kleinen freien Wiesenstücke ebenso.
Unschlüssig betrat Morwe den Häuserring. Er kaute an seiner Unterlippe, musterte die Wohnstätten, fand jedoch nichts, was seinen Blick direkt anzog. Jetzt, wo er hier stand, wurde ihm auf einmal etwas bewusst: Er hatte keine Ahnung, wie die Unterkunft für die Zwergin aussah...
Als die Zwerge hier vor Jahrzehnten untergekommen waren, war Morwes Familie alles andere als erfreut darüber gewesen. Zwerge als gewöhnliche Gäste waren etwas, dass es hinzunehmen galt. Ein wenig Gastfreundschaft, ein Gastquartier und gutes Essen, das gebot die Ehre. Und bot zudem einen guten Anlass vor den anderen Völkern zu prahlen. Aber Zwerge als Ehrengäste, die noch dazu ein eigenes kleines Haus erhielten, war zu viel des Guten. Selbst wenn es Herrn Elronds Ehrengäste waren. Und so war schleunigst ein Rat einberufen worden, der zu dem Ergebnis gekommen war, diese Unverschämtheit nicht einfach hinzunehmen. Konnten sie die Zwerge auch nicht aus Imladris vertreiben, immerhin standen sie unter Elronds Schutz, so konnte man doch seinen Protest darin äußern, sich weder ihnen zu nähern, noch dem Ort, an dem sie wohnten. Solange sie dort waren, hatte Morwe den Platz nie betreten. Selbst nicht in seiner Rolle als Wächter. Entsprechend ratlos war er nun.
Etwas regte sich plötzlich an seiner Schulter.
„...Spannst du Elbinnen nach oder warum stehst du gaffend in der Gegend rum?“, brummte es aus dem roten Busch Haare grimmig hervor. Ihre Stimme vibrierte in seinen Nackenmuskeln und versetzte Morwe eine Gänsehaut.
Irritiert und entrüstet starrte er auf die Gestalt in seinen Armen hinab. Er wollte etwas erwidern, doch sein Mund öffnete und schloss sich wieder, ohne dass ein Laut aus ihm gedrungen wäre. Selbst seinen Gedanken hatte es die Sprache verschlagen.
Kopfschüttelnd setzte Morwe sich schließlich wieder in Bewegung. Vielleicht würde er das Haus ja erkennen, wenn er sich die Gebäude aus der Nähe ansah. Doch seine Aufmerksamkeit wurde beständig dadurch abgelenkt, dass ihm die Worte der Zwergin im Geist nachhallten.
Zwerge haben wirklich ein loses Mundwerk..., dachte er ärgerlich. Seine Augen huschten immer wieder zu ihr hinunter. Vielleicht hatte seine Familie doch recht...
Er war so in Gedanken, dass ihm erst auffiel, was er soeben gesehen hatte, als er schon einige Schritte weitergegangen war. Morwe stutze, kehrte um und besah sich den Boden noch einmal genauer. In einen Marmorstein war eine Rune eingemeißelt! Er kannte das zwergische Alphabet nicht und hatte keine Ahnung, was sie genau bedeutete, aber sie konnte nur eines meinen. Den Blick hebend nahm er das Haus in Augenschein, vor dem er stand.
Über das Dach strecken sich Äste wie eine Hand und verbargen, dass das Gebäude ein wenig kleiner war als die anderen. Das zweite Obergeschoss fehlte ihm. Dazu war es etwas breiter, was jedoch die Hecken und Ranken zu seinen Seiten zumindest von weitem kaschierten. Matt reflektierten die staubigen Fenster das Licht der Abendsonne.
Das muss es sein! Morwes Mundwinkel kräuselten sich. Einen Blick hinter sich werfend, stellte er sicher, dass niemand in der Nähe war und sie sah. Die Treppenstufen knarrten, als Morwe sie betrat. Selbst hier auf der Veranda lag dichter Staub. Wieso hatte noch niemand die Unterkunft hergerichtet? Herr Elrond wird doch nicht versäumt haben, jemanden damit zu beauftragen...?
Vor der verschnörkelten massiven Holztür hielt er inne. „Wir sind da.“

hoffe das Haus stimmt so. Mir brummt der Schädel, hat sich doch was gezogen mit dem Schreiben sieht Sternchen  wenn Nîn was anderes sagen soll, editier es ^^
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Fr 23 Aug 2013, 00:05

Ein kribbeln riss Nîn aus ihrer körperlichen Entspannung. Tausend kleine Nadeln stachen ihr von der Hüfte abwärts bis in die Spitze ihrer großen Zehen. Sie fand es schön, dass Morwe sie etwas anders gegriffen hatte, wodurch ihre Beine wieder mit Blut versorgt werden konnte, doch nun, da es so weit war, wünschte sie sich lieber wieder das Taubheitsgefühl zurück. Wenn sie ihre Beine wenigstens strecken oder bewegen könnte, würde es ihre Lage ja schon angenehmer gestalten, aber aus einem für Nîn nicht ersichtlichen Grund, hatte er schon wieder angehalten und starrte wohl Löcher in die Luft. Was für einem Elben war sie da nur ausgeliefert worden? Er hatte einen Bruder, der gerade so viel Anstand wie ein Abfalleimer besaß und musste sich hinter Vorhängen vor seiner eigenen Art verstecken! ...Wobei Nîn im Bezug auf Letzteres hatte feststellen müssen, dass sie besser überlebte, wenn sie gegenüber anderen Zwergen ebenso verweilte. So stolz ihre Eltern auf ihre Einstellung auch gewesen waren, Zwerge verstießen Gleichartige nur selten ins Exil und vergaßen die Gründe dafür noch umso seltener. Ihren Namen hatte sie also schon vor sehr langer Zeit ablegen müssen, wobei das ihr auffälliges Äußeres nicht gerade einfach gestaltet hatte. Aber nur weil sie so lebte, galt das nicht automatisch als positiver Charakterzug, bei allen anderen. Dieser Elb war wirklich merkwürdig und jetzt stand er auch noch da und starrte womöglich irgendwelchen Frauen hinterher. Nîn biss sich auf die Unterlippe, um von dem kribbelnden und juckenden Gefühl in ihren Beinen nicht in den Wahnsinn getrieben zu werden, konnte aber nicht umhin ihrem Ärger durch eine kleine Randbemerkung Luft zu machen.
Immerhin sorgte es dafür, dass Morwe sich wieder kommentarlos in Bewegung setzte.
Aha, Rückkrad hat er also auch nicht einmal... Hatte Elrond einen Plan dabei gehabt, als er sie seiner Obhut überlassen hatte?
Die Zwergin verspürte neue Kraft in sich aufkeimen, nach dieser kleinen Ruhepause und merkte sogleich eine Welle von Trotz bei diesem Gedanken über sich hinein brechen. Jedes von Elrond erdachte Unheil, würde sie mit einem Lächeln hin nehmen. Weder ihm noch diesem Eludin würde sie die Genugtuung verpassen, dass sie sich selbst noch einmal so gehen lies. Sie würde dafür sorgen, dass sie diejenigen waren, deren Sprache es verschlug, indem sie genau das Gegenteil von dem Tat, was sie von ihr erwarten würden, während sie wiederum krampfhaft an ihrer gespielten Etikette fest hielten!
Hunger kroch wie ein langsames Feuer durch ihren Körper, als sie zum zweiten Mal an diesem Tag das Gefühl hatte, in einem Gewürzschrank zu stehen. Zwischen den merkwürdig krummen Häusern, die in ihr Sichtfeld kamen, wucherten unterschiedlichste Pflanzen, von denen ein Großteil üblicherweise nur in Küchen wieder zu finden war.
Die Zwergin hatte sich bereits gefragt, ob Elben überhaupt Nahrung zu sich nahmen, aber wer so viel Wert auf einen überall zugänglichen Kräuterkarten legte, der verstand es auch, ein saftiges Spanferkel zuzubereiten, schloss Nîn glücklich. Morwes Schritte verlangsamten sich und Nîn sah aus ihrer Rückwärtigen Perspektive ein riesiges weißes Zelt auf einem steinernen Platz stehen.
Schemenhafte Empfindungen waberten in der Ferne durch ihr Bewusstsein und setzten die abstraktesten Gedankenketten in Bewegung.
Nîn mochte die Farbe weiß nicht. Sie wunderte sich, wie das Zelt überhaupt weiß sein konnte, wenn es hier draußen stand, schutzlos gelben Pollennebeln, Gewitterhagel und schlammigem Regen ausgesetzt. Die Erde holte sich ihre Welt immer wieder zurück. Doch wohl nicht hier. Vielleicht wurden täglich Leute dazu abkommandiert, diesen Platz zu putzen und das Zeltdach neu zu bemalen. Nîn beschloss sich von Orten wie diesem hier so fern wie möglich zu halten. Die Zwergin musste in ihrer Vergangenheit bemerken, dass sie eine magische Anziehungskraft auf Dreck und Schlamm auswirkte, und womöglich wäre das ein Vorwand für diese hinterlistigen Elben, sie hier als Putze arbeiten zu lassen.
Nicht mit mir! Ich werde ihnen einfach keine Gelegenheit dazu bieten.
Der Elb ging urplötzlich ein paar Schritte rückwärts und blieb dann stehen.
Holz knarrte furchterregend und ein beißender, staubiger Geruch kniff Nîn in die Nase.
„Wie sind da.“
Bei Alues Barte....bitte nicht...! Nicht hier!
Schweren Herzens richtete sich die junge Zwergin auf und rieb sich die verklebten Augen. Tausende Befürchtungen stoben von einer Sekunde auf die Nächste durch ihren Kopf, als träge ihren Oberkörper drehte und-
erstarben.
Sie sah die Tür.
Es war die Tür. Die Tür aus ihren Träumen. War sie in der Nacht jemals durch eine Tür gegangen, sah sie genau so aus. Das gleiche schwere Holz, die gleichen unförmigen Verzierungen. Wenn man sie öffnen würde, wäre sie erst schwer, ab einem bestimmten Punkt dann plötzlich leichter und genau ab einer kleinen Armlänge würde ein kurzes Quietschen ertönen.
In dem runden Fenster links neben dem Eingang war eine Glasscheibe ausgewechselt wurden, kurz nachdem Nîn sich von einigen Kindern abgeguckt hatte, wie man sich eine Schleuder baute. Es war später Herbst gewesen und Kastanien flogen so sauber und gerade, doch der Wind hatte in diesem Tal seinen eigenen Willen. Aus dem gleichen Grund hatte das Fenster auch schnell repariert werden müssen, denn Nîns Vater war sehr krank gewesen. Doch wegen der Eile passte diese Scheibe nicht ganz und ein winziger Spalt war am Rand übrig geblieben, durch den immer gruselige Pfeiftöne geklungen waren, kaum waren ihre Eltern wieder unterwegs gewesen. Als Nîn einige alte zwergische Schriften ihrer Eltern entdeckt hatte, hatte sie ihre Lieblingsrune rechts neben die Tür geritzt, damit ihre Eltern wieder zu ihr zurück fanden, denn der Winter damals war hart und dunkel gewesen. Sie hatte zwei Tage damit verbracht eine Treppe aus Eis und Schnee zu basteln um an eine Stelle zu kommen, die hoch genug war, nur um anschließend eine Woche lang schwer Krank im Bett liegen zu müssen. Das erste was sie gesehen hatte, war der bauschige Bart ihres Vaters, der sich über diese Geschichte köstlich amüsiert hatte. Sie hatte ihn gehauen, weil er sie ausgelacht hatte und daraufhin versprach er, ihr die Runen beizubringen, da in ihr wohl trotz des Lebens in Bruchtal, ein wahrer Zwerg schlummern würde. Offenbar hatte sie aus all den Runen genau die Abkürzung für „abad“ ausgewählt, was frei Übersetzt Gestein oder Berg bedeutete. Seit dem, hatte ihr Vater dieses Haus nicht mehr anders genannt. Er erklärte sie zur Wächterin des Berges, schwor wenn auch lachend aber auf Knien, ihr immer die Treue zu halten und versicherte ihr, dass sie immer zurück finden würden, solange sie hier die Stellung hielt, denn einen Berg könne man wahrlich nicht übersehen.
Nîn schluckte schwer, doch der erdrückende Kloß in ihrem Hals wurde nur noch größer.
Sie war nicht da gewesen...
und sie hatten nicht zurück gefunden.
Sie wusste auch, dass dieser Gedankengang absolut lächerlich und kindisch war.
Denn sie wusste, wer schließlich schuld am Tod ihrer Eltern hatte...
oder doch nicht? Elronds Wörter schwirrten schwindelerregend durch ihren Kopf und je länger sie diese Tür betrachtete, desto klammer wurde ihr.
Panik floss wie eiskaltes Wasser durch jede ihrer Poren. Was würde passieren, wenn sich die Tür öffnete? Sie hatte ein halbes Jahr lang auf diese Tür gestarrt und erwartet, dass sie sich öffnete und entgegen aller Behauptungen ihre Eltern in der Tür stehen würden. Was, wenn sie sich jetzt öffnete, nachdem sie begriffen hatte, dass sie tot waren, und sie würden doch plötzlich dahinter auf sie warten? Was würden sie sagen? Was würde ihr Vater tun, wenn er wissen würde, was sie getan hatte? Ihre Gedanken schaukelten sich in immer abstraktere Vorstellungen empor, bis es Nîn schwer fiel überhaupt noch Luft zu bekommen, obwohl, sie schnell und stoßartig atmete. Ihr Herz raste, während sich die Welt um sie herum in grausamer Zeitlupe weiter drehte. Unaufhaltsam, sah sie Morwes Hand, die sich auf dem Weg zum Türgriff befunden hatte, als sie ihren Oberkörper gedreht hatte. Die Finger hatten sich um den Griff geschlossen und mit sichtlicher Mühe zog er die kurz quietschende Tür auf, hinter der Nîn das Schlimmste erwartete,
doch es war nur leer und dunkel. Die Zwergin kannte Dunkelheit. Es war nichts besonderes für sie, denn sie hatte ihr halbes Leben in den Schatten der Nacht verbracht. Doch diese Dunkelheit war anders. Sie war traurig. Leblos und resignierend verharrte sie in diesem Haus. Selbst wenn ein Sonnenstrahl durch die Fenster gefallen wäre, hätte diese Dunkelheit sicher nicht mehr genug Kraft in sich gehabt um zu weichen. Dieses Haus war tot. Anders wusste Nîn es nicht zu beschreiben.
Ihre Panik war wie weggeblasen, denn dieses Haus vermittelte nicht den Eindruck, als würde irgendetwas in ihm noch genug Energie haben, um auch nur finstere Gedanken in fremden Besuchern zu wecken. Morwe lies zu, dass sie sich von seinem Arm gleiten lies. Behutsam, wie wenn man an das Bett eines todkranken heran tritt, setzte sie den ersten Fuß in die Staubschicht. Der Klang ihrer Schritte wurde vollkommen verschlungen, gleich so als ob das Haus sämtliche Form von Lebenszeichen gleich aufsaugen musste um sich von seinem eigenen Tod zu entfernen. Kaum ein Umriss war klar zu erkennen. Die Sonne war hinter den Häusern verschwunden und der Staub so hoch, dass Nîn nur wage Schemen erkennen konnte. Sie erinnerten sie an die Monster, die sie überall hier zu sehen glaubte, als sie frisch in dieses Haus gezogen waren. Ihre Mutter war so überglücklich gewesen für ihre kleine Tochter einen sicheren Schutz vor Orks und Bilwismenschen gefunden zu haben, doch plötzlich waren nachts anstatt der bekannten Bäume und Sträuchern nur diese komischen Gebilde um Nîn herum gewesen und sie war oft weg gelaufen, bevor sie verstanden hatte, dass es nur zugedeckte Sessel und Tische gewesen waren.
Warmes, flackerndes Licht breitete sich hinter ihr aus. Morwe hatte eine Lampe entzündet. Zögerlich breitete sich der Schein über den Teppich aus, über dessen Fleck ein kleiner Tisch gestellt worden war. Er streife die verhüllten Sessel und die Sitzkissen, die vor dem Kamin auf der anderen Seite des Raumes lagen und eine Spur von Leben sickerte langsam in diese verfallenen Wände zurück. Nîn trat wie in Trance vor die von ihr in frühester Kindheit gemalten Bilder heran, die sie damals mit viel zu großen Nägeln und an allen Ecken an die Wand gehämmert hatte. Oft waren riesige Bäume darauf zu sehen oder wage erkennbare Bilder ihrer Eltern mit ihren Ponys und Nîn, die bei dem alten Pony „Anton“ auf dem Kopf saß oder an irgendwelchen Ästen herab hing. Auch Bilder von winzigen, wütenden Orks hatte sie gemalt, worauf sie früher wahnsinnig stolz gewesen war, und jetzt erst nach einer Minute begriff, was sie eigentlich darstellen sollten.
Viel war nie in diesem Haus gewesen. Hauptsächlich Dinge, die Nîn versucht hatte selber zu basteln, doch die hatten nie lange gehalten. Wenn ihre Eltern bei ihr gewesen waren, hatten sie die meiste Zeit außerhalb verbracht und dieses Haus nur zum schlafen und essen benutzt. Bei diesem Gedanken schlenderte Nîn an einem bemitleidenswert aussehendem Holzschrank vorbei. Merkwürdigerweise war er nur an Stellen in Mitleidenschaft gezogen, die ein wütendes, kleines Zwergenmädchen mit wenigen Hilfsmitteln erreichen konnte, der Rest wirkte nur wenig lädiert.
Sie öffnete eine der verkeilten Türchen und strich mit dem Finger über die darin liegenden Teller und Tassen. Nîn hatte das Gefühl, als müssten ihr Tränen in die Augen steigen, doch das Gefühl saß zu tief als das wirklich Tränen dessen Ruf hätten folgen können. An einem der Lehnsessel angekommen, lies sie vorsichtig das vor Staub schmierige Tuch hinuntergleiten, das als Schutz gedient hatte. Ein kleines Kissen, auf das in groben Zügen ein Berg gestickt worden war, lag unberührt auf der Sitzfläche, so wie sie es damals dort zurück gelassen hatte. Sie hob es in die Arme und rutschte mit angewinkelten Beinen bis eng an die Lehne. Mit leerem Blick beobachtete sie, wie Morwe das Feuer vor ihr im Kamin entzündete und irgendetwas sagte, doch in Wirklichkeit sah und hörte sie ihn gar nicht. Sie stumpfte ihren Geist ab.Wie ein kleines Kind, das sich unter einem Tisch versteckt um die Grausamkeiten des Lebens nicht mehr an sich heran zu lassen. Nîn saß einfach nur da, den mittlerweile unangenehm tauben Arm an das kleine Kissen gepresst, und versuchte ihren Geist weit von all den Eindrücken fort zu führen, die an diesem Ort über sie hinein brachen.


So, damit währe bewiesen, dass sie ein verletzliches, kleines Ding ist, jetzt gib ihr was zum Aufregen, sonst rutscht mir die Arme hier voll in eine Depression hinein und das zu schreiben macht keinen Spaß. Aber ich hoffe, dass macht sie etwas "menschlicher"... guuuuuute Nacht schlafend 
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Lenz

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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   Sa 24 Aug 2013, 19:44

Behutsam ließ Morwe die Zwergin zu Boden gleiten und folgte aufmerksam jeder ihrer Bewegungen. Sollte sie doch zu viel Blut verloren haben oder wenn ihre Beine sie nicht zu tragen vermochten, musste er sie auffangen. Keine leichte Aufgabe, bedachte man den Größenunterschied. In der Zeit bis er unten bei ihr war, könnte sie wahrscheinlich glatt zwei mal umfallen...
Morwe stutze, als die Zwergin das Haus betrat. Ihr erster Schritt war zögerlich, behutsam, gleich wenn sie die Stille im Raum nicht aufschrecken wollte. Es passte ganz und gar nicht zu der forschen Art wie sie sprach, fand er. Eher hätte er erwartet, die Zwergin würde schnurstracks stampfend in das Dunkel marschieren und sich prompt bei ihm darüber beschweren, weshalb ihre Unterkunft so verwahrlost aussah.
Stattdessen schlich sie fast lautlos in die Finsternis. Jede Bewegung wirkte merkwürdig schwerfällig, beinahe... ängstlich. Zumindest sehr angespannt. Morwe zog die Stirn kraus und trat seinerseits durch den Türrahmen. Der dicke Staub unter seinen Füßen fühlte sich weich an, nahezu wie ein Pelz, auf dem er stand. Für einen Augenblick verwirrten ihn die Löcher dort, wo seine Begleiterin gerade noch gewesen war. Sie hatte eine Spur im grauen Untergrund hinterlassen und dunkle Holzbretter kamen zwischen den Flusen zum Vorschein. Schmunzelnd rief Morwe sich wieder in Erinnerung, dass sie ja eine Zwergin war und entsprechend in ihren Untergrund einsank. Obwohl er im Laufe seines Lebens dies schon öfters gesehen hatte,  hatte er doch selten Umgang mit Menschen und vor allem Zwergen. Es kam ihm jedes Mal aufs Neue seltsam und faszinierend zu gleich vor.
Seine Begleiterin hatte inzwischen innegehalten. Ob sie mit ihren Augen wohl etwas im Dunkeln erkennen konnte? Morwe kniff die Augen zusammen, sah jedoch kaum mehr als staubige Schwärze. Sich nach rechts wendend, wo ein kleiner Flur an der Wand entlang zu einem anderen Raum führte, fand er eine Öllampe an einem Nagel hängend. An einem Haken daneben dazu das passende Werkzeug. Er bedachte es mit skeptischem Blick. Wie archaisch... Der Feuerstahl war schon reichlich abgenutzt und der Horngriff eindeutig nicht für Elbenhände gemacht, ebenso das Feuereisen. Trotzdem gelang es Morwe die Lampe damit zu entzünden. Er folgte der Zwergin und hob die Laterne am Griff hoch über seinen Kopf, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Doch alles, was im Flackerschein zum Vorschein kam, waren ein paar verhüllte Möbel, ein winziges Tischchen, das auf einem verblassten Teppich stand, ein ausgesprochen lädierter Schrank und ein Kamin auf der anderen Seite.
Je weiter er ging, umso stärker kitzelte schwere Luft seinen Rachen. Wenn sie nicht bald ein Fenster öffneten, würden ihre Lungen womöglich genauso wie der Boden aussehen. Doch erst sollten sie mehr Licht hier herein lassen.
Während er zum Kamin hinüber schritt, folgte sein Blick dem der Zwergin. Sie schien vollkommen in die vergilbten Pergamente vertieft zu sein, die an der Wand hingen. Jetzt, wo Morwe sie betrachtete, viel ihm erst auf, dass sie überall den Raum bedeckten. Wer schlägt Pergament mit Nägeln in die Wände?!, schoss es ihm durch den Kopf. Verständnislos kniete Morwe vor der Feuerstelle nieder. Er fand eines der Blätter bei den Holzscheiten liegend und musterte es mit einer Mischung aus Neugierde und Verwirrung. Um ehrlich zu sein, wusste er nicht einmal wie herum er das Pergament halten musste. Egal wie er es drehte, es blieb ein hässliches Gekrakel aus wirren Farbschmierereien und Strichen. ...Selbst Orks konnten besser malen. ...Jedenfalls wenn es um Kriegsbemalungen und Obszönitäten ging.
Zerknirscht entfachte Morwe endlich ein Feuer im Kamin. Das Blatt legte er zurück, wo er es gefunden hatte. Am Ende war es noch hohe zwergische Kunst und er erlebte ein Donnerwetter, wenn er es aus Versehen vernichtete.
Etwas kitzelte plötzlich auf seiner Haut. Feine graue Flusen rieselten wie Schnee auf ihn hinab. Er schüttelte sich. „Ich hoffe Ihr bemesst unsere Gastfreundschaft nicht am vorläufigen Zustand Eurer Unterkunft.“, seufzte er und stocherte in den aufkeimenden Flammen. „Um ehrlich mit Euch zu sprechen, ich verstehe selbst nicht, warum mein Herr bisher nicht dafür sorgen ließ das Haus für Euch herzurichten. Es ist gewiss nicht unsere Art Gäste ungebührend zu empfangen.“
Von zartem Knistern zersetzte Stille war die einzige Antwort.
Morwe wandte sich um. Erst nach einem Moment gelang es ihm seine Begleiterin ausfindig zu machen. Mit angezogenen Knien und tief in den Lehnsessel gedrückt, war sie beinahe in den tanzenden Schatten mit diesem verschmolzen. Unwillkürlich meldete sich in Morwes Bauch ein Pochen. Er stand auf, klopfte sich die Flusen von der Hose und trat an den Sessel heran. Selbst im noch schwachen Feuerschein, glommen die Augen der Zwergin glasig. Als ob sie ihre Umgebung nicht mehr wahrnehmen würde. Sein erster Schreckgedanke war, es könnte vom Blutverlust stammen, doch sein Bauchgefühl vermittelte ihm etwas anderes. Fast konnte er die Mauer spüren, die um die kleine Person vor ihm aufstieg. Erst jetzt bemerkte Morwe das Kissen, das sie fest an sich gepresst hielt. Ein müdes Lächeln huschte über seine Lippen. Wie sie so dasaß, stieg das Bild einer lang vergessenen Erinnerung in seinem Geiste auf.
Rot waren Meluilîrs Augen und Wangen gewesen. Ihr kleiner Körper war steif geworden vom langen Ausharren, doch die Kraft, mit der sie ihre Puppe an sich drückte seit sie an jenem Morgen schreiend am Strand zusammengesunken war, war noch die gleiche. Seine Schwester starrte auf das weite Meer hinaus, aber ihr Blick war stumpf, trüb. Ihre sonst weichen Gesichtszüge waren in Anspannung verzerrt. Das weiße Nachthemd flatterte zaghaft im Wind. Es war feucht von der salzigen kühlen Luft. Der Stein, an dem sie lehnte, konnte unmöglich bequem sein. Kein gutes Zureden, keine tröstenden Worte, auch nicht das Schimpfen ihres Großvaters hatten sie aufstehen oder auch nur aufblicken lassen. Ihr Blick blieb regungslos auf den Horizont gerichtet, an dem ihre Mutter an diesem Morgen verschwunden war. Hin zu den unsterblichen Landen und für immer fort aus Mittelerde.
Morwes Eingeweide krümmten sich bei diesem Gedanken. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter.
Schließlich war es ihr Vater gewesen, der Meluilîr aus ihrer Starre gebracht hatte. Jedoch nicht durch Worte. Denn erst als sie auch in der nächsten Nacht nicht vom Strand zurückgekommen war, war er aufgebrochen sie zu holen. Statt das zu tun, was alle versucht hatten - sich zu ihr zu setzen und mit ihr zu sprechen oder sie in den Arm zu nehmen -, hatte er sich vor sie gehockt, gelächelt und war mit einer großen Hand voller Sand und kleiner Kiesel auf den Stein gestiegen. Die hatte er so lange auf sie herabrieseln lassen, bis aus dem regungslosen Häufchen Elend ein zeternder wilder kleiner Dämon geworden war. Tobend hatte sie mit Sand, Muscheln und Algen auf alles geworfen, was ihr in die Nähe kam, und war dann beleidigt davon gerauscht. Es hatte aber nicht lange gedauert bis sie zurückgekommen war und sich weinend in die Arme ihres Vaters gestürzt hatte.
Sich ein Grinsen verkneifend besah Morwe sich die Zwergin. Er wusste nicht wie alt sie war und ob sie nach Zwergenmaßstäben vielleicht sogar schon als erwachsen galt. Doch so wie sie dahockte, konnte er nicht umhin an ein trauerndes Kind zu denken.
Aber was sollte er nun mit ihr machen? Er überlegte sie vielleicht beim Namen zu rufen, wobei ihm bewusst wurde, dass er ihn vergessen hatte.... Oder ihn sich vielmehr gar nicht wirklich gemerkt hatte, zu überreizt waren seine Nerven gewesen.
Irgendetwas mit „i“... nicht sehr lang..... Grübelnd stand er hilflos da. ...aber das gilt für fast jeden verdammten Zergennamen! War es vielleicht etwas wie „Fin“, „Lin“ oder  „Din“ gewesen? Wenn er so anfing konnte er auch gleich das ganze Alphabet durchprobieren... Dumm nur, dass er das Zwergische nicht kannte.
Und keine Schrift über die Bräuche der Gastfreundschaft, an die er sich entsinnen konnte, hatte ein Kapitel darüber beinhaltet, was zu tun war, wenn der Gast vor einem plötzlich in unerklärlichem Schwermut versank.
Morwe kam sich albern vor in seiner Ratlosigkeit. Dennoch konnte er sich nicht einfach ungebührlich verhalten und sie etwa anstupsen. Fahrig massierte er sich den Nacken. Dabei fielen seine Augen auf das noch verdeckte Möbelstück direkt neben dem Sessel. Seine Mundwinkel zuckten. Einen Versuch ist es zumindest wert...
„Wenn Ihr nichts dagegen habt, lasse ich Euch mit Euren Gedanken allein, während ich hier ein wenig Ordnung schaffe.“, er verbeugte sich höflich vor ihr und ging zu den Fenstern hinüber. Sie waren von der Witterung ein wenig verzogen und erst ein kräftiger Ruck ließ sie sich öffnen. Frischer Wind wehte Staubflocken von der Fensterbank. Inzwischen hatte der Himmel ein mit roten Schlieren durchsetztes Violett angenommen. Morwe tat einen kräftigen Atemzug und trat an den verdeckten Gegenstand heran, der verdächtig nach einem Armstuhl aussah. Das Laken umfassend achtete er darauf, dass er direkt in Richtung der seitlich vor ihm sitzenden Zwergin stand. Mit gehörigem Schwung riss er das Tuch hoch und schlug es aus.
Als hätte er Schnee aufgewirbelt, stob ein Schwall aus Staubklumpen durch die Luft und hüllte die Zwergin in dichtes flockiges Grau.


Ich hoffe das lenkt sie genug ab Narr ...lass ihn bitte leben, ja? wimmer  Eventuell könntest du ihre möglichen Reaktionen eindämmen durch ein Klopfen an der Tür... Engel ...die Morwe natürlich zugemacht hat.... *hust*
Lenz geht jetzt ab ins Bettchen, wird ab 12 ne lernintensive Nacht schlafend  
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BeitragThema: Re: Marmorhallen - Teil 1 - Zwergenmanieren   So 25 Aug 2013, 14:21


Oh Gott, ich weiß nicht, was mich mehr umgehauen hat xDD Die süße Vorstellung von der zeternden Schwester oder die Angst davor, dass Morwe sich gleich wie eine Eule mit einer Hand voll Sand auf die Rückenlehne hocken würde xDD


Brennende Nadeln fluteten Nîns Lungen. Sie hustete und versuchte nach Luft zu schnappen, doch kaum etwas Sauerstoff drang dadurch in ihren Körper. In rückwärtiger Reihenfolge drangen zuerst unbeachtete Sinneseindrücke in ihre Erinnerung vor. Die Schwärze, in die sie gestarrt hatte, war in dem kurzen Moment, bevor Nîn ihre schmerzenden Augen schließen musste, zu einem wabernen, massiven Grau geworden. Den Bruchteil einer Sekunde zuvor war das Flattern eines Lackens zu hören gewesen, das aus der Richtung gekommen war, in die sich Morwe verzogen hatte. Wage setzte sie die Bausteine seiner Stimme wieder zusammen und begriff den Sinn seiner letzten Aussage.
"Oh, dieser verfluchte...!
Kein Wort in ihrer oder einer anderen Sprache reichte für das, was die Zwergin empfand, doch hatte sie auch keine Zeit um eines zu erfinden.
Hustend und Röchelnd war sie von dem Sessel auf den Boden gerollt, in der Hoffnung dort etwas Sauerstoff zu finden, doch ihre Bemühungen waren vergebens, da sie durch den Aufprall ihres Körpers nur noch mehr Staub aufwirbelte. Der Schmerz, der bei dieser Unternehmung durch ihren gebrochenen Arm schoss, kam unerwartet verzögert.
Immer noch nach Atem ringend, war Reden definitiv das Letzte, was ihr Geist ihrem Körper abverlangen wollte, doch die üblen Flüche aus ihrem Mund halfen kurzfristig den beißenden Schmerz hinunter zu würgen. Sie mochte Khuzdul nicht sonderlich, da die Sprache größtenteils auf Wörter ausgelegt war, für die es in anderen Sprachen nicht einmal grobe Ausdrücke gab, doch dank ihrer aktuellen Empfindungen, begann sie größte Sympathie für die geheime Zwergensprache in sich zu entdecken.
Ihr Hand stieß unter der Staubschicht an kalten, dünnen Stahl. So instinktgesteuert wie ein Tier griff die Zwergin nach dem Messer und gab sich mit einer Entschlossenheit, als ginge es um ihr Überleben, dem Wissen ihrer Vergangenheit hin. Sie musste nicht sehen können um jede Delle dieser Wände bis in ihr kleinstes Detail zu kennen. Es war schließlich alles noch dort. Sie drehte würgend vor Staub den Oberkörper in Richtung Hintertür, hob das Messer an der Klinge über ihren Kopf und warf so zielgenau, dass ihr Vater mit Sicherheit stolz auf sie gewesen wäre. Eine Abfolge unterschiedlichster Geräusche war zu hören, als das Messer die gespannte Schnur durchtrennte, die die verzogene Holztür in ihrem Rahmen gehalten hatte und sie sich daraufhin mit einem rostigen Quietschen öffneten. Ein angenehm kühler Luftzug wehte quer durch den Raum hindurch. Nîn blinzelte und versuchte durch ihre verklebte und verschwommene Sicht etwas zu erkennen. Ein hochgewachsener, dunkler Umriss stand regungslos mit einem Lacken in der Hand vor dem spärlichen Licht, das nun von dem überwucherten Garten aus herein drang.
Hätte ich doch nur etwas weiter nach links geworfen...
Morwe war anders, als andere Elben.
Er hatte vor allem Humor, auch wenn Nîn noch nicht herausgefunden hatte welchen,
aber zumindest lachte er gerne.
Er hatte sie gerettet, wenn sie Elrond richtig verstanden hatte,
also hatte sie ihm in gewisser Weise ihr Leben zu verdanken.
Und obwohl er definitiv schwerwiegende Probleme in seinem sozialen Umfeld hatte, hatte er sie immerhin bis zu ihrem Haus gebracht,
was anderen Orts sicher als Selbstverständlich galt, doch Nîn war bereits weit über den Punkt hinaus, an dem man noch an Selbstverständlichkeiten glaubte.
Nur.... das alles war augenblicklich zur Nebensächlichkeit geworden und wurde abgelöst durch den ihr erst gegenüber Orks bekanntem Gefühl, unerträgliche Schmerzen zufügen zu wollen.
Nîns gesunde Hand hatte mittlerweile den Weg zu ihrem Gesicht gefunden, um ihre Atemwege vor weiterem Schaden zu bewahren. Diesen Weg zu finden war nicht allzu schwer gewesen, denn dafür hatte ihre Hand einfach nur dem brennenden Inferno folgen müssen, dass sich quer über ihre Wange zog.
Sie würde ihn töten.
Als Kind hatte sie vor dem Keller immer furchtbare Angst gehabt, doch nun fand sie die losen Dielenbretter weit hinten in dunklen Ecken äußerst einladend für einen Elbenkörper. Dass sie noch immer am fluchen und beleidigen war, bemerkte sie erst, als sie bereits an Morwes halben Stammbaum angelangt war. Nur für Zwerge hin oder her. Bevor Morwe starb, würde sie ihm die Sprache noch beibringen, damit er wenigstens noch erfahren konnte, wie sehr sie gerade über ihn am herziehen war. Der Staub begann sich zu legen, ebenso wie ihre offene Feindseligkeit.
Nîns Wut war noch immer die selbe. Doch die Zwergin beschränkte sich darauf, vollkommen ruhig im Raum zu stehen. Die verlegenen Zuckungen in den Mundwinkeln des Elbes waren nicht zu übersehen, auch wenn er sich bemühte möglichst ernsthaft betroffen und unschuldig zu wirken.
Im Moment hatte sie keine Chance, doch irgendwann würde er schlafen...
Äußerst kreative Vorstellungen fluteten ihren vor Zorn bebenden Körper und beruhigten sie so wieder einiger Maßen. Nîn fühlte sich mit jedem bösartigen Plan sogar nicht nur ruhiger sondern irgendwann auf irgendeine Art und Weise beunruhigend entspannt.
Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen, während ihre Augen mit starrem und mordlüsterndem Blick Morwe weiterhin verfolgten, der mit seiner Scharade aufgehört hatte und sich mit einigem Abstand zu ihr zurück zur Tür bewegte. Er verschwand aus ihrem Sichtfeld und öffnete der Person, die so zaghaft und leise geklopft hatte, als hätte sie bereits vor der Tür den Entschluss gefasst, lieber nicht eintreten zu wollen.
Sollte Morwe ruhig verschwinden oder für Zeugen sorgen... Sie würde ihn finden...
Belustigt strich sie mit dem Finger über ihre Gesichtsverletzung. Ihre Wange war taub und überzogen mit einer staubig verklebten Flüssigkeit, aber das war vollkommen in Ordnung. Genaugenommen war die Tatsache, dass ihr Gesicht taub war, äußerst amüsierend. Bewegungen ihrer Mundwinkel hinterließen deswegen nämlich ein äußerst lustiges Gefühl. Das feuchte Gefühl, dass die Verbände um ihren Oberkörper auf ihrer Haut hinterließen, war eigentlich erfrischend und wohlig warm, doch bereitete es Nîn plötzlich vorher unbekannte Sorgen, dass nicht vielleicht jemand böse auf sie sein würde, wenn ihr edles Gewand noch dunklere Flecken bekommen würde, als es ohnehin gerade bekam. Das Rot passte zwar durchaus zu dem Stoff, doch aus Erfahrung wusste die Zwergin bereits, dass Blut, sobald es trocknete, zu einem hässlichen braun wurde mit dunklen Rändern, die nicht sonderlich hübsch wirkten. Ihr erfüllendes Gefühl von Belustigung schwang um in ehrliche Sorge. Die Schiene, die Venyannen ihr angelegt hatte, würde wenigstens Einheitlich aussehen, doch dieser feuchte Fleck, der auf ihrer rechten Bauchseite entstand, war doch wirklich unpassend.
Vollkommen nüchtern stellt ihr Geist fest, dass Morwe vielleicht lieber ein anderes Feuer hätte anzünden sollen. Dieses hier fing irgendwie an mehr Kälte als Wärme zu verstrahlen. Mit Sicherheit lag das einfach nur an Morwes Unfähigkeit. Sie würde dem Neuankömmling an der Tür bitten ein anders anzuzünden. In ihrem Berg musste schließlich ein ordentliches brennen. Aber zuerst sollte sie vielleicht ihre Füße nach vorne bewegen und das geworfene Messer aus der Wand ziehen... So konnte man doch schließlich keine Gäste empfangen. Und überhaupt dieses Chaos...


Ich befürchte, mittlerweile entwickelt nicht nur Nîn Spaß an ihrem entstehenden Delirium. Ich kenn mich zwar nicht mehr mit OP-Narben auf als der typische Volksglauben, der sagt "reg dich nicht so auf, nachher platzen deine Nähte" Aber ich denke egal worauf man nach einem 2 Wöchigem Koma aufpassen sollte und auch wenn man noch in einem Körper herum läuft, der mit orkischen Messerstichen malträtiert wurde..... spätestens jetzt hat Nîn diese lange Liste an Verboten vollständig abgehackt.
Ich hoffe aber du bedenkst, dass sich das in ihrem Kopf abspielt und dass die Wörter, die ihre Lippen verlassen vorher immer noch an ihrem Stolz vorbei müssen? Wink 
Und falls du es vergessen hast...... sie sollte etwa 50 Jahre später noch leben, weißt du?...Bzw, Weiß das Morwe? scratch (Um sie in Rage zu bringen hätte auch irgendein mieser Kommentar gereicht, der doch bis an ihre Ohren vordringt. ... Oder das Klopfen....
Btw, ich hoffe es war deutlich genug dass diese Vorhaben in Nîns Kpf nur von theoretischer Natur sind, da ihre Gedanken im Moment nicht bis zu ihren Füßen kommen... Aber in dieser Theorie fängt sie sicher gerade mit putzen an, damit Rinon nichts von dem Chaos mit kriegt ^^
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